20.07.1992

„Alle werden gnadenlos ausgeleuchtet“

Bei den Olympischen Spielen gehen nicht nur 10 000 Athleten an den Start. In Barcelona kämpfen auch die Sportwissenschaftler mit Computern, Trainingsmaschinen und Medikamenten um die Goldmedaillen mit. Nur wer bei der High-Tech-Materialschlacht viel Geld ausgibt, hat noch Siegchancen.
Mit ihren Wollappen wischen die Männer im Akkord, reiben zart über einen pinkfarbenen Bootsrumpf. Nur so läßt sich die hauchdünne Wachsschicht aufpolieren. Die aufwendige Feinarbeit in der Fabrikhalle nennt Chef-Bundestrainer Josef Capousek eine "geheime Kommandosache".
In der Berliner Grünauer Straße 167 entstand nach monatelangen Berechnungen am Computer und Gleitanalysen im Meßkanal, so Chef-Konstrukteur Horst-Dieter Lehmann stolz, "ein völlig neues Rennkanu". Weil Deutschlands Kanuten bei Olympia mindestens zehn Medaillen gewinnen wollen, durfte die Konkurrenz nichts von der Flotte aus dem Labor erfahren.
Als Ben Tabachnik im Winter 1989 die UdSSR verließ, um sich in Kalifornien niederzulassen, steckte in seinem Koffer ein säuberlich gefalteter Lappen mit Bindfäden daran. So schmuggelte der russische Wissenschaftler eine Geheimwaffe zum Gegner, die er am Moskauer Zentralinstitut für Körperkultur in jahrelangen Studien entwickelt hatte: einen Bremsfallschirm, der Sprinter schneller macht.
Tatsächlich profitierten die USA vom Know-how des Überläufers: Nach intensivem Training mit dem sozialistischen Wunderding steigerte Mike Powell 1991 bei den Weltmeisterschaften in Tokio den 23 Jahre alten Weltrekord von Bob Beamon auf 8,95 Meter.
Im Pekinger Sportzentrum, versteckt hinter Stacheldraht und hohen Mauern, arbeitet die Kugelstoßerin Huang Zhihong täglich an zwei Geräten, die eigens für sie entwickelt wurden: eine Kraftmaschine für den Oberarm sowie eine Apparatur aus Lichtschranken und Kameras, die kleinste Fehler in Beschleunigungs- und Abstoßphase sichtbar macht. Beide Geräte unterliegen strengster Geheimhaltung, Fotos verbietet die Weltmeisterin: "Davon soll keiner wissen."
Wie Zhihong, Powell und die deutschen Kanuten bekommen derzeit weltweit über 10 000 Athleten den finalen Feinschliff. Dafür messen, tüfteln und testen unzählige Wissenschaftler und Trainer in Labors und verschlossenen Sporthallen, auf einsamen Seen und abgelegenen Tartanbahnen. Die Zeit drängt. In fünf Tagen öffnet in Barcelona die größte Weltmesse für Gladiatoren, auf der die Nationen alle vier Jahre ihre Topmodelle vergleichen: die Olympischen Spiele.
Wenn ein spanischer Bogenschütze am 25. Juli das Olympische Feuer entzündet, beginnt eine 16tägige High-Tech-Schlacht, die mit einem internationalen Wettrüsten vorbereitet worden ist. Während die Wettkämpfer früher mit einer kleinen Sporttasche anreisten, eilt den Spitzenathleten heute eine Schar hochqualifizierter Forscher voraus, die schon Wochen zuvor Container voller Laborgeräte, Computer und Kabel, Schläuche und Elektroden nach Spanien geschafft hat. Bis zur letzten Sekunde vor dem Start werden die Stars wie feinmechanisches Gerät justiert - keine Chance dem Zufall.
Die Athleten fungieren heute als Repräsentanten eines feinmaschigen Geflechts von Psychologen, Medizinern, Ernährungsberatern, Biomechanikern, Ballistikern und Materialprüfern, die gemeinsam das große Ziel verfolgen: den menschlichen Körper einer vom Computer entworfenen Idealform soweit anzugleichen, daß er noch weiter wirft, noch höher springt und noch schneller läuft.
Dabei werden die Grenzen immer weiter hinausgeschoben. Die Belastungen der Athleten seien "so wahnsinnig hoch", sagt der Kölner Sportwissenschaftler Gerd-Peter Brüggemann, weil in der Sucht nach Erfolg meist nicht mehr gefragt werde, "was kann der Mensch noch schadensfrei überstehen?".
Im Medaillenfieber unterscheiden sich Demokratien kaum noch von totalitären Sportsystemen. Siege gehören längst denen, die das "größere ingenieurwissenschaftliche Untersuchungsprogramm" auflegen, sagt Professor Helmut Digel, Präsidiumsmitglied im Deutschen Sportbund (DSB). Spitzensportler seien heute auf einen komplexen Beraterstab angewiesen, der "bereit ist, übliche ärztliche Befugnisse zu überschreiten". Die olympischen Ideale, prophezeit der Ruder-Olympiasieger und Philosophie-Professor Hans Lenk, "gehen so langsam zugrunde" (siehe Seite 196).
Schon immer haben Tüftler und Techniker versucht, sich Vorteile zu verschaffen; jeder hatte sein kleines Geheimnis. Akribisch feilte der Ruder-Trainer Karl Adam am Riemen, rasierte der Schwimmer Michael Groß sich für Hundertstelsekunden den ganzen Körper. Heute jedoch werden Innovationen zum weltweiten Wettkampf von Firmen und Forschern, der bereits Züge eines Sport-Imperialismus angenommen hat. Weil die Forschung immer teurer wird, verteilen wenige reiche Länder die Medaillen unter sich. Athleten aus Entwicklungsländern füllen als Exoten die Felder - nur noch im Laufen sind sie medaillenreif.
Für die Leichtahletik-Weltmeisterschaften 1991 in Tokio entwickelte die japanische Schuhfirma Asics für Weltrekordler Leroy Burrell einen Rennschuh, in dessen Sohle elf Spikes aus Titan eingelassen waren. Gesamtgewicht des Wunderschuhs: 155 Gramm.
Konkurrent Mizuno konstruierte für Olympiasieger Carl Lewis einen Sprintschuh, der sogar noch 40 Gramm leichter war. Die Entwicklungskosten betrugen 1,3 Millionen Mark. Nach 100 Metern Sprint waren die Ultraleichtrenner verschlissen. Für Barcelona haben beide Sportschuhhersteller neue Einweg-Spikes angekündigt.
Das Regelwerk vieler Disziplinen ist dem Tempo der Technoschlacht oft nicht mehr gewachsen. Als 1984 der Berliner Uwe Hohn den Speer auf die Weltrekordweite von 104,80 Meter schleuderte, beschlossen die Funktionäre eine umgehende Modifikation des Wurfgerätes aus Angst, die Speere könnten bald Zuschauer auf der Tribüne durchbohren.
Doch die Weiten schrumpften nur für kurze Zeit. Sieben konkurrierende Spezialfirmen experimentierten etwa mit kieshaltigem Anstrich, zickzackförmigen Aufklebern und kugelförmiger Spitze. Anfang Juli warf der Tschechoslowake Jan Zelezny 94,74 Meter weit - ein neuartiges Mittelteil aus Graphit hatte seinen Speer in der Flugphase stabilisiert. Gegen die Anerkennung des neuen Weltrekords läuft ein Protest.
Sogar die Athleten selbst werden mitunter vom Genius der Ingenieure überrascht. Als die dreimalige Kanu-Olympiasiegerin Birgit Schmidt im Herbst 1991 nach drei Jahren Pause ein Comeback versuchte, mußte die Potsdamerin "eine ganz andere Technik lernen". Neuartige Paddel, in sich verwunden wie Schiffsschrauben, erforderten einen völlig ungewohnten Bewegungsablauf.
Auch im Lager der deutschen Bahnradfahrer sieht es aus, als solle hier eine Folge der TV-Serie "Raumschiff Enterprise" gedreht werden: Helme wie Skulpturen, glänzende, einteilige Rennanzüge aus windschlüpfiger Kunstfaser, ultraleichte, aber hochstabile Rahmen, kaum noch als Fahrradteile zu erkennen, liegen in den Regalen.
Die Leistungsunterschiede zwischen den Spitzenathleten werden immer geringer. Es geht, weiß Klaus-Michael Braumann, Leitender Arzt am Hamburger Olympiastützpunkt, "nur noch um Mikroeffekte". Doch um die wird ein immer größerer Aufwand betrieben. So erwächst der Zwang, "sich rechtzeitig mit jedem Neuen auseinanderzusetzen", sagt Ruder-Bundestrainer Ralf Holtmeyer.
Als vor sechs Wochen das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) sein neues Ruderblatt präsentierte, mit dem der Achter "eine Länge schneller" sein sollte, kamen die Berliner zu spät. Um den Olympiasieg im Achter von 1988 zu wiederholen, hatte Holtmeyer bereits die kurz zuvor auf den Markt gekommenen Blätter der amerikanischen Spezialfirma Dreissigacker geordert, die wie riesige, schwarz-rot-gold lackierte Hackebeile aussehen.
Während eines Rennens in Ratzeburg hatte ein spezielles Kraftmeßgerät die Vorteile des US-Produkts exakt ermittelt. Ganz nebenbei bekam der Trainer für jeden Mann im Boot noch eine Kraftkurve mitgeliefert. Diese "persönliche Handschrift" verriet dem Coach noch unentdeckte körperliche Defizite seiner Achtercrew, die er nach langen Tests im Labor und auf dem Wasser im Frühsommer aus 24 Kandidaten ausgesiebt hatte.
Unbestechlich dokumentieren seitdem Computer die Form der Verbliebenen. Bei sechsminütigen Trockenübungen an elektronisch vernetzten Meßgeräten wird dreimal Blut abgenommen, um den Erschöpfungszustand zu messen. Im Trainingslager in St. Moritz spürten kurz vor Barcelona ein Arzt, eine Medizinisch-Technische Assistentin und ein Trainingswissenschaftler jeder Über- oder Unterbelastung nach. Das Elektronengehirn verglich zudem ständig die Daten der Sportler untereinander und im zeitlichen Ablauf.
Holtmeyer glaubt sich mit diesem Programm "weltweit vorne", besonders gegenüber den Amerikanern, die nach Altvätersitte nur "möglichst hart knüppeln". Bisweilen beschleichen den Bundestrainer jedoch Zweifel, ob er nicht "mit Raketen auf Spatzen schießt". Denn "zuviel Klimbim" könne sogar zu einem unerwünschten Überlegenheitsgefühl führen: "Ein bißchen Schiß vor dem Gegner muß sein."
Doch genau diese Angst vor dem Gegner und seinen technischen Neuerungen treibt die Düsentriebs des Sports zu ständig neuen Erfindungen, die zwar ausgeklügelt sind, aber dem Rest der Menschheit keinerlei Nutzen bringen. Dreispringer Ralf Jaros trainiert an einer beweglichen Kraftmaschine, für die Vize-Weltmeisterin im Diskuswurf, Ilke Wyludda, wurde ein Metallring konstruiert. In der Mitte dieser Eisenschiene auf Stelzen steht die Hallenserin und simuliert stundenlang den Abwurf, indem sie einen Schlitten um ihre Körperachse zieht - alles nur für die Wurfversuche in Barcelona.
Bei der Hatz nach noch so kleinen Steigerungsmöglichkeiten entgeht den Forschern keine Sportart mehr: *___Bewegungsabläufe von Kampfsportlern werden mit einem ____Lichtspurverfahren aufgezeichnet - die Athleten tragen ____im Training Leuchtdioden. *___Für Tennisspieler entwickelten Tüftler der Universität ____Mainz das Expertensystem "Tessy". Der Computer ____errechnet Strategien, analysiert Fehlverhalten im Match ____und ermittelt Schwächen des Gegners. *___Das Programm ISU (Iterativ Strategische ____Unternehmensführung), das bereits in Großkonzernen für ____mehr Effizienz sorgt, richtet bei den Diskuswerfern den ____Trainingsplan exakt auf den Saisonhöhepunkt aus.
Technologisch ganz vorn liegen die deutschen Turner. Wenn Wilfried Alt, 32, in seinem Büro im Frankfurter Olympiastützpunkt am Hewlett-Packard-Rechner sitzt, verwandeln sich die Bewegungen des Reck-Europameisters Andreas Wecker auf Tastendruck in ein farbiges Computerbild. Weckers Kopf ist zu einem blauen Punkt, der Körper zum roten, die Beine zum blauen Strich stilisiert. Mit "Peak Performance", einer Spezialsoftware aus den USA, kann Alt auch "kleinste Fehler aufdecken".
In der Nach-Wende-Zeit gelang dem ehemaligen DDR-Star Wecker plötzlich seine Reck-Spezialität nicht mehr, ein Salto rückwärts über der Stange. Weckers Versuche wurden immer und immer wieder vom Computer analysiert, bis die Lösung gefunden war: Der zweite Hang kam um Millisekunden zu spät. Durch "graphische Animationen" (Alt) wurde Wecker wieder auf den richtigen Dreh gebracht.
Für Alt rechtfertigen solche Resultate die aufwendigen Computerspiele, die auch bei den Leichtathleten üblich sind. Hürdensprinter Florian Schwarthoff, bislang froh, wenn er in internationalen Rennen den Endlauf erreichte, lief im Mai mit 13,13 Sekunden plötzlich in Europarekord-Nähe. Das Geheimnis: Ein Frankfurter Biomechaniker hatte mit Videomessungen ermittelt, daß Schwarthoff nach der Hürde den Fuß falsch aufsetzte. Die Umstellung brachte zwei Zehntelsekunden.
Viele Resultate frustrieren allerdings auch: So kann Trainingswissenschaftler Alt jedem Turner schon im voraus berechnen, daß er etwa einen Sprung nie schaffen wird, weil das nötige Anlauftempo nicht erreicht wird. Durch das Digitalisieren von Gelenkpunkten wurde dem Hannoveraner Ralf Büchner demonstriert, daß er dem russischen Olympiasieger Sergej Charkow am Reck "technisch weit unterlegen" ist - dennoch wurde Büchner Weltmeister, weil die Kampfrichter die technischen Feinheiten nicht registrieren.
Deshalb geht an seinem Spielplatz dem Computerfachmann Alt schon mal die Phantasie durch. Um die Leistungen der Turner objektiv zu beurteilen, hält er es für sinnvoll, wenn anstelle der Punktrichter gleich der Rechner "die Wertungen im Wettkampf vornimmt".
Die fixe Idee vom total computerisierten Sport hat den Forschern längst jedes Gefühl für den tatsächlichen Preis einer Medaille genommen - das FES kostet 7,5 Millionen Mark im Olympiajahr.
Die wahren Kosten sind gar nicht mehr zu ermitteln: Viele Wissenschaftler werden vom Staat bezahlt, Institute stehen jederzeit offen. So werden kaum Gebühren fällig, wenn Sportwissenschaftler in den Labors der US-Raumfahrtbehörde Nasa, im Aerodynamischen Institut von Saint-Cyr bei Paris oder im Windkanal von Mercedes testen. Staat und Firmen halten es für ihre Pflicht, beim nationalen Unternehmen Olympia mitzuwirken.
Investitionen in Medaillen sind vor allem in Deutschland längst selbstverständlich. Der Strömungskanal im Olympiastützpunkt Hamburg, seit Februar in Betrieb, hat 2,4 Millionen Mark gekostet. Die Tuningwerkstatt der Schwimmer wird nur für ein gutes Dutzend Spitzenkräfte eingeschaltet.
Die neun Meter lange Maßanfertigung, die jährlich für über 100 000 Mark Strom braucht, gehört zum "Modernsten, was es zur Zeit gibt", sagt Biomechaniker Ronald Berndt, 33, mit bescheidenem Lächeln. Zwei solcher Kanäle stehen in den USA, je einer in Schweden und Italien. Das Know-how für die Hamburger Anlage stammt aus der DDR - dort gab es allein elf. Ohne den Kanal, so Berndt, "haben wir in Zukunft kaum mehr Medaillenchancen".
Während der Kraul-Schwimmer Nils Rudolph sich in dem Becken wie ein Hamster im Laufrad bewegt, wacht Berndt an Monitoren. Wo früher feuchtwarmer Chlordunst stand, sorgt heute eine Klimaanlage für die exakte Temperierung der hochsensiblen Apparate; statt Sportposter hängt das Plakat einer Technologieausstellung an der Wand.
Beim Langstrecken-Krauler Stefan Pfeiffer stellten die Forscher fest, daß er pro Wende zwei Zehntelsekunden verliert, auf 1500 Meter immerhin 5,8 Sekunden. Jetzt wird seine Wasserlage mit Hilfe einer Spezialbadehose analysiert: In die Hose ist ein noch in der DDR entwickeltes Fadenbündel eingehängt. Beim Schwimmen zieht der Athlet wie eine Marionette an den kleinen Kabeln. Ein Computer errechnet daraus allerkleinste Richtungsabweichungen.
War der Trainer am Beckenrand früher wenigstens hin und wieder mal zufrieden, verlangt die heutige Technik eine nie zu erreichende Perfektion. Die Sportler, weiß Berndt, fühlen sich überfordert, "weil sie hier gnadenlos ausgeleuchtet werden".
Mit ihrem Hochtechnologietrakt wollen sich die Hamburger aber nicht zufriedengeben. In Peking steht bereits ein Start- und Wende-Meßplatz, wie er 1993 auch im Dulsbergbad installiert werden soll. Das internationale Wettrennen, prophezeit Berndt, "ist eine Schraube ohne Ende".
Auch in der kleinen Schweiz forscht eine nationale Allianz für olympische Ehren. Ärzte und Ingenieure entwickelten eine Stahlkammer mit Bullaugen, bedrohlich wie aus einem Roman von Jules Verne. Monitore zeigen, wie etwa Beat Meister, 26, im Bauch des grünlackierten Ungetüms radelt.
Der Weltrekordler über 100 Kilometer gehört zum Schweizer Straßenvierer, der in Barcelona eine Medaille einfahren will. Weil sich die Amateure nicht so viele Trainingslager leisten können, findet das Höhentraining in der Unterdruckkammer im Physiologischen Institut der Universität Zürich statt - dort kann eine Höhe bis zu 3500 Meter simuliert werden.
Die ständige Furcht vor solchen Geheimwaffen im Ausland treibt vor allem die Deutschen, die ohnehin die routiniertesten High-Tech-Krieger stellen. Deshalb erforscht in Leipzig das ehemalige geheime Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport unter dem neuen Namen Institut für Angewandte Trainingswissenschaft wie früher die "Grenzbereiche des Spitzensports" (Direktor Dietrich Martin).
In Berlin, beim FES, tüfteln parallel die Praktiker. Die "eingeschworene Truppe von 120 Mann", so FES-Direktor Kurt Debus, versorgt sechs Verbände mit feinstem Material. In Zusammenarbeit mit der Berliner Humboldt-Universität wurden die Ruderer bedient, die Kanuten bekamen Boote und Paddel, die Segler Masten und Tuch. Für die Radstars aus dem Vierer, so Konstrukteur Lehmann, habe man mit Know-how aus dem Flugzeugbau in Sandwichbauweise "ganz neue Räder gebacken".
Sein Kollege Freddy Haarke fährt vorsichtig mit den Fingern über einen schwarzen Rahmen aus Karbon und Kevlar. "Wenn alles klappt", sagt der Monteur, "holt Jens Fiedler mit diesem Ding die Goldmedaille." Der Berliner Sprinter muß bei seiner Goldfahrt nicht einmal in der spanischen Sonne übermäßig schwitzen: ein Mini-Spoiler am Helm verwirbelt den Fahrtwind am Hinterkopf und sorgt für Frischluft.
Lange Zeit jagte allein der Schriftzug "FES" auf den Sportgeräten der Deutschen der Konkurrenz einen gehörigen Schrecken ein. Aber die anderen rüsten nach. So sorgten die englischen Bahnradfahrer unlängst für Aufregung im deutschen Lager. Sie hatten ihre Räder vom Formel-1-Rennstall Lotus designen lassen. Seitdem sind die Deutschen angehalten, bei jedem Wettbewerb auffällige Neuerungen zu fotografieren.
Derweil kümmern sich die Forscher bereits um eine noch goldigere Zukunft. Der Magdeburger Professor Wolfram Neumann studiert den "Einfluß von Wasser- und Raumtemperatur auf leistungsdiagnostische Parameter von Sportschwimmern". Der Mainzer Doktor Ivo Michiels prüft die "Belastung der Schulterpfanne bei der Abduktion in der Scapulaebene". Der Deutsche Schützenbund läßt ein "opto-taktiles Schnellinformationssystem für die Disziplin Laufende Scheibe" entwickeln - und jeder fordert Geld vom Bundesinnenministerium.
Bei solcher Forschungswut, bemängelt der Osnabrücker Sportpsychologe Meinhart Volkamer, kämen zentrale Fragen des Sports zu kurz. Statt ökologischer Sünden oder Kommerzgefahren werde lieber der "Einfluß der peripheren Wahrnehmung auf das Gleichgewicht" untersucht.
Eine leistungsversessene Elite von Sportmedizinern, kritisiert der Paderborner Trainingswissenschaftler Günter Hagedorn, reduziere zudem "das Humanum auf wenige meßbare somatische Faktoren". Gerade Mediziner preisen immer neue Präparate. Ein rumänisches Team untersuchte die Wirkung des Halbmetalls Selen bei 33 Spitzenschwimmern - und schlug eine Kur mit täglicher Einnahme vor.
Im deutschen Fachmagazin Leistungssport lenkte ein Wissenschaftler das Sportlerinteresse auf "anabole Spurenelemente" wie Chrom, Zink, Kupfer und Mangan. Dabei seien die Frischmacher "Modeströmungen unterworfen", erklärte der Göttinger Professor Arnd Krüger lakonisch, "und das neueste Modemineral ist Chrom". Empfohlen werden 50 bis 200 Mikrogramm am Tag. Wenn der Doping-Analytiker Manfred Donike in seinem Büro im achten Stockwerk der Kölner Sporthochschule den Panzerschrank öffnet, offenbart sich eine beispiellose Giftküche: Russische Wachstumshormone liegen neben amerikanischen Anabolika und asiatischen Aufputschmitteln. Dabei sei "sehr viel von diesem Zeug einfach sinnlos", behauptet Donike, "weil es gar nicht erst da ankommt, wo es wirken kann." Als Beispiel präsentiert er Tachynerg C, eine vor allem in Radfahrerkreisen beliebte Herzsalbe, die die Blutpumpe zu Hochleistungen treiben soll.
Der mephistophelische Trieb der Sportwissenschaft ist längst nicht gestillt. "Molekularbiologische Aspekte werden eine immer größere Rolle spielen", verkündet ein Serienbeitrag in Leistungssport. Schon heute leistet die Molekularbiologie zweifelhafte Dienste: Wachstumshormone und körpereigene Peptide, die durch die Gentechnologie preiswert hergestellt werden können, sind die Renner auf dem Schwarzmarkt.
In ihrer grenzenlosen Sorge um die Medaillen führen sich die Wissenschaftler aber mitunter selbst ad absurdum. In seinem Aufsatz mit dem Titel "Sportmedizinisch relevante Aspekte für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Barcelona" weist der Verbandsarzt des Deutschen Schützenbundes, Heinz Lösel, auf die Sonneneinstrahlung in Spanien hin. Deshalb müsse "der Hemdkragen weit geöffnet werden können, und die Luftzirkulation zwischen Hose und Hemd darf nicht durch enge Gürtel behindert werden".
[Grafiktext]
_198_ Sport: Computergrafik zur Berechnung maximaler
Leistungsfähigkeit
_____ / Beispiel: Heike Henkel: Simulationskurve
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 30/1992
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