09.05.1994

JemenNeues Somalia

Erdölfunde und persönliche Rivalitäten treiben das Land in den Bürgerkrieg. Nun droht die erneute Spaltung.
Auf dem staubigen Marktplatz des nordjemenitischen Provinznestes Dschahana packte Scheich Mohammed Bin Nadschi el-Ghadir seine Zuhörer bei ihrer Ehre.
Unter Berufung auf "unsere lange Tradition" rief der Führer des mächtigen Chaulan-Clans 800 bewaffnete Männer zum Kampf auf. Ghadir: "Streitet für Staatspräsident Ali Abdallah Salih, unseren Stammesbruder, den die Ungläubigen bedrängen."
Und weil selbst im abgelegenen Hochland der arabischen Halbinsel Stammesbande allein nicht immer motivieren, wedelte Scheich Ghadir mit braunen Geldumschlägen; Inhalt: 2,4 Millionen Rial, knapp 82 000 Mark.
Nach einem Großeinkauf auf dem Waffenmarkt von Dschahana, wo von Handgranaten bis zum Panzerspähwagen nahezu jegliches Rüstzeug zu erstehen ist, zogen die Stammeskrieger aus dem Norden dann in den Kampf - gegen Soldaten des eigenen Landes im Süden.
Der Feldzug war Auftakt zu einer sich rapide verschärfenden Konfrontation zwischen dem mehr islamisch ausgerichteten Norden und dem sozialistisch geprägten Süden: Vergangene Woche brach der offene Bürgerkrieg aus.
Kampfflugzeuge griffen die Zentren der jeweiligen Gegenseite an: Sanaa im Norden und Aden im Süden. Flughäfen und Fernsehstationen wurden bombardiert; in Aden soll der Hafen getroffen worden sein, in Sanaa der Präsidentenpalast. Frankreich versetzte seine im nahen Dschibuti stationierten Soldaten in Alarmbereitschaft, um die Ausländer zu evakuieren, darunter auch etwa 300 Deutsche.
Der Konflikt rückt eine Region ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit, die einst wegen ihres Wohlstands als "Arabia felix", "das glückliche Arabien", gerühmt wurde, in ihrer jüngeren Geschichte jedoch zum armseligen Hinterhof Arabiens verkam.
Im gebirgigen Norden regierten blutrünstige Imamkönige bis zur Revolution von 1962. Seit Ende der siebziger Jahre versucht General und Präsident Salih, 51, mit Hilfe seiner Partei Allgemeiner Volkskongreß die auf ihre Unabhängigkeit erpichten Stämme in die "Arabische Republik Jemen" (zwölf Millionen Einwohner) einzubinden.
Im Süden entstand 1968 nach dem Abzug der Kolonialmacht Großbritannien mit der "Demokratischen Volksrepublik Südjemen" das einzige marxistische Staatswesen in der arabischen Welt. Das Regime ruinierte die Wirtschaft durch rigorose Verstaatlichungen. Nur dank Moskauer Finanzhilfe konnte das rote Aden überleben.
Die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks auch von den zwei Millionen Südstaatlern angestrebte und 1990 offiziell vollzogene Vereinigung hätte der Jemen womöglich noch wirtschaftlich bewältigen können. Da das Regime im Golfkrieg aber für den Kuweit-Aggressor Irak Partei ergriffen hatte, strafte der Nachbar Saudi-Arabien die Übergangsregierung in Sanaa: Rund 850 000 jemenitische Gastarbeiter schickten die Saudis wieder heim, 800 Millionen Mark Wirtschaftshilfe wurden gestrichen.
"Gemeinsame Sprache, Religion und Geschichte zwangen uns zur Wiedervereinigung", beteuert Salih. Westlichen Diplomaten aber gestand der Staatschef den wahren Grund für die Verschmelzung - die jüngst angebohrten Erdölvorkommen im Süden.
Sein Gegenpart, Ali Salim el-Bid, 47, seit 1986 Vorsitzender der den Süden bestimmenden Sozialistischen Partei und nach der Vereinigung Vizepräsident der Republik, sieht seine Region nicht nur um Millionengewinne betrogen. Weil das von Nord-Abgeordneten dominierte Parlament seinem Amt durch eine Verfassungsänderung die Bedeutung nahm, fühlt sich Bid gedemütigt.
Zur Eskalation trug nicht nur die Kampfbereitschaft der Stämme bei. Vor allem die ausgebliebene Vereinigung der beiden Armeen leistete dem Bürgerkrieg Vorschub. Obgleich ein Verteidigungsministerium der Republik Jemen in der gemeinsamen Hauptstadt Sanaa geschaffen worden war, behielten Norden und Süden jeweils das Oberkommando über ihre Truppen.
Bewaffnete Auseinandersetzungen benachbarter Militärlager bei Amran Mitte April blieben unbeachtet. Doch als Mitglieder der Präsidialgarde im Nordjemen stationierte südjemenitische Armee-Einheiten attackierten, war der Bürgerkrieg nicht mehr abzuwenden.
Die militärische Überlegenheit des Nordens schien bis vergangenen Freitag offenkundig, Bodenkämpfe konzentrierten sich entlang der alten Grenzlinie, beide Seiten kündigten ihren Sieg an. "Es wäre schlimm, wenn wir morgen wieder die alten Landkarten hervorholen müßten", kommentierte das Nord-Fernsehen. Es könnte schlimmer kommen.
Diplomaten in Sanaa fürchten nicht nur, daß fremde Staaten den Konflikt schüren: Iran und Sudan finanzieren angeblich radikale Fundamentalisten im Norden; Oman und Saudi-Arabien sollen den gemäßigten Süden unterstützen.
Mit der Region vertraute Politiker wie der Generalsekretär der Arabischen Liga, Ismat Abd el-Magid, warnen mit Blick auf die Machtansprüche der Stämme im Norden vor einem "neuen Somalia" - womöglich zu Recht. Scheichs des Chaulan-Clans forderten schon als Preis für den Kampfeinsatz "mindestens einen Autonomiestatus". Y
[Grafiktext]
_145a Jemen: Ehemalige Staatsgrenze zwischen Nord- u. Südjemen
_____ Jemen: Kampfgebiete im Bürgerkrieg
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 19/1994
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