14.06.1993

„Party bis zum Einsargen“

Nach dem mörderischen Brandanschlag von Solingen häufen sich die Attacken gegen Ausländer. Die jugendlichen Schläger sind kaum kontrollierbar, die Cliquen der Skinheads diffus. Das immer gleiche Schema rechter Gewalt: Alkohol bringt eine Mischung aus Brutalität, Frust, Haß und Langeweile zur Explosion.
Die drei Randalierer gaben sich kleinlaut: "Es war wie in einem Film", versuchte einer von ihnen sich Ende April vor dem Landgericht Darmstadt zu entschuldigen, sie hätten einfach einen "Riesenspaß" gehabt.
Das Trio hatte mit Molotowcocktails eine Asylbewerberunterkunft im hessischen Erzhausen bombardiert, mehrere Autos zerdeppert und einen Bus angezündet. Ihr "Rauschgefühl" dabei, so einer der Angeklagten, kam nicht von ungefähr: Solide zwei Promille Alkohol hatten sie nach einer Party im Blut.
"Im nüchternen Zustand", sagte ebenfalls Ende April ein Brandstifter dem Landgericht Bautzen, "wäre ich nie dabeigewesen." Zusammen mit drei Freunden hatte er nach einem Saufgelage eine Ausländerunterkunft in Brand gesetzt: "Das Ziel war, irgend etwas zu erleben", sagten die Suff-Randalierer dem Richter, sie wollten "Ausländer erschrecken".
Mehrmals pro Tag wiederholt sich in deutschen Städten ein immer gleiches Ritual rechtsextremer Cliquen: "Langeweile, Frust, Haß und Spaß" seien die wichtigsten Motive der Randalierer, ergab kürzlich eine Untersuchung _(* Angriff auf die Zentrale Anlaufstelle ) _(für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt im ) _(Herbst 1992; die Libanesin Seinab Saado, ) _(8, verletzt beim Brandanschlag in Hünxe ) _(am 3. Oktober 1991; rechte Seite: die ) _(Türkin Güldane Ince, 3, verletzt beim ) _(Brandanschlag in Solingen am ) _(Pfingstsamstag. ) der juristischen Fakultät der Universität Jena.
Diese dumpfe Mixtur wird zur Munition. Der abendliche Suff entsichert das Gewehr. Dann reicht oft ein Zufall, ein Zündfunken, und schon brennen Ausländerheime, schon sterben Menschen. Die Randalierer funktionieren wie Automaten, auf Terror programmiert.
Kein großes Wagnis sind da düstere Prophezeiungen: Die fünf Türkinnen, die am Pfingstwochenende in Solingen beim Brandanschlag auf das Haus der Familie Genc starben, werden nicht die "letzten Toten sein", glaubt Hessens Ministerpräsident Hans Eichel (SPD). "Ich befürchte, daß eine Lawine zu Tal saust, die wir gar nicht mehr aufhalten können", warnt Hans-Dieter Schwind, Vorsitzender der Gewaltkommission der Bundesregierung: "Wahrscheinlich ist es schon zu spät."
Ohne "gesellige Alkoholvernichtung" und "Party bis zum Einsargen" (Skinhead-Jargon) wären die meisten Anschläge nicht passiert, wären zahlreiche Opfer noch am Leben. Die mutmaßlichen Attentäter von Mölln hatten vorher getrunken, ebenso die von Hünxe. Auch der 16 Jahre alte Christian, der, so sein Geständnis, mit drei Komplizen am Pfingstwochenende das Haus in Solingen niederbrannte, war angetrunken.
Wie schon die anderen aufsehenerregenden Attacken Rechtsextremer gegen Ausländer heizte seine Tat bundesweit die Nachahmer an. "Das historisch Neue an der jetzigen Gewaltwelle ist einerseits ihr exzessiver Charakter", sagt Roland Merten, Jugendforscher der Universität Bielefeld, "andererseits ihr serieller Verlauf."
In wenigen Tagen nach dem Brand in Solingen zählte die Polizei allein in Nordrhein-Westfalen schon mehr als 70 fremdenfeindliche Straftaten. Es sei "reines Glück, daß wir in Deutschland nicht erneut Todesopfer beklagen mußten", sagte der Düsseldorfer Innenminister Herbert Schnoor (SPD). Im nordrhein-westfälischen Wülfrath beispielsweise mußten vergangene Woche 14 Türken nach einem Brandanschlag ins Krankenhaus eingeliefert werden. In der Nacht zum Mittwoch brannte nach einem Attentat ein Asylheim in Freiburg, am Freitag traf es ein Heim im Odenwald.
"Die sitzen zusammen und beschließen, heute Nacht machen wir was", beschreibt Klaus Jürgen Timm, Chef des Landeskriminalamtes in Wiesbaden, die spontanen Ausländerhasser, "meistens am Wochenende, fast immer nachts, oft alkoholisiert."
Fast jeden Abend trifft sich etwa eine Clique von rechten Jugendlichen auf einem Spielplatz im Stuttgarter Stadtteil Neugereut. Meist leeren die jungen Kampftrinker ein paar Kästen Bier, brüllen "Sieg Heil" und spielen mit der Reichskriegsflagge.
"Der Aufbau des Abends geht so: Birne zudröhnen, anpöbeln, keilen und als Höhepunkt eine Schlägerei oder härtere Sachen", sagt Ralf Rieck, Leiter eines Jugendhauses in der Nähe. "Die trinken sich quer durch die Apotheke", beschreibt Gerhard Mertes vom Jugendhaus Bad Cannstatt das "Koma-Saufen" (Szene-Jargon), "aber der Normalgebrauch ist Bier, das ist deutsch."
Vor allem die rechtsextremen Skinheads haben den Rausch zum Kult erhoben. So textete die Glatzen-Band "Böhse Onkelz": _____" Total betrunken stehen wir vor unserem Dreck, mit dem " _____" letzten Kasten Bier durchzechen wir die Nacht, dann " _____" kommen grüne Männer und lesen uns auf, doch in unserer " _____" engen Zelle machen wir einen drauf! "
Der Suff enthemmt, Haß auf Ausländer und andere Minderheiten kann sich Bahn brechen. Typisch für das Schema ausländerfeindlicher Gewalt ist der Tod des albanischen Gastarbeiters Sadri Berisha, 55, in Ostfildern-Kemnat bei Stuttgart. Berisha starb, so der Stuttgarter Richter Hans-Alfred Blumenstein bei der Aburteilung der Täter im vergangenen Monat, durch den "Ausbruch eines dumpfen Stammtischchauvinismus, wie er nach Einbruch der Dunkelheit" in vielen deutschen Kneipen rumore.
In der Kemnater "Keglerklause" hatten sich die sechs Schläger getroffen. Nach reichlich Bier und Likör zogen sie zu einem Kumpan, hörten Hitler-Reden, Skinhead-Musik und soffen weiter. Dann kam einer auf die Idee, "Polacken klatschen" zu gehen.
Mitten in der Nacht marschierten sie los, wollten Asylbewerber in einem Heim aufmischen. Unterwegs kamen sie an einer Arbeiterunterkunft vorbei, die Tür stand offen, das Haus war ruhig. Vier aus der Truppe tasteten sich durch den Flur hinein, "ein Spontanentschluß", sagten sie später. Der Anführer, Thomas Wede, 25, trat eine Tür ein. Im Zimmer dahinter schliefen Sadri Berisha und ein Kollege.
Brutal droschen die angetrunkenen Rowdies auf die beiden ein. Mit seinem Baseballschläger Marke "Black Beauty" zertrümmerte Wede dem Albaner Berisha den Schädel. Dessen Kollege, zusammengekrümmt im Nachbarbett, überlebte schwer verletzt.
Experten schätzen, daß rund 90 Prozent aller jugendlichen Straftäter vorher getrunken haben. Das Leben der Delinquenten sei meist verkorkst "durch den Suff der frühen Jahre", sagt Karl Royen, Jugendrichter in Wuppertal.
In Nordrhein-Westfalen sind nach einer Umfrage des Gesundheitsministeriums 46 000 junge Menschen im Alter von 12 bis 17 Jahren akut alkoholgefährdet. 19 000 Alkoholiker im Alter von 12 bis 24 Jahren gibt es in Schleswig-Holstein. Auf "bis zu 500 000" schätzt Bernd Wünschmann von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren die Zahl der alkoholkranken oder stark gefährdeten Kinder und Jugendlichen in ganz Deutschland.
Zum Suff kommt der Frust, das Scheitern in Beruf oder Schule, das Gefühl vieler Jugendlicher, Rundum-Versager zu sein. Die Skinheads in Nordrhein-Westfalen sind, so ein Bericht des Verfassungsschutzes, zu 95 Prozent Haupt- und Sonderschüler. Der Kemnater Totschläger Wede hatte mehrere Vorstrafen im Register, eine Schlachterlehre brach er ab, weil sie ihm "ein bißle zu blutig" war.
Gewalt hingegen verschaffe "den Tätern eine orgasmusähnliche Befriedigung", meint Rüdiger Bredthauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landespolizeidirektion Hamburg. In einer Leistungsgesellschaft müsse alles zäh erarbeitet werden, so Bredthauer, allein Gewalt könne ohne Mühe das Gefühl von Anerkennung und Macht in der Clique geben und das Versagen kaschieren - meistens zumindest.
"So ist mein ganzes Leben", klagte Andy Hellbach, 23, bei seiner Vernehmung, "auf neun Leute habe ich geschossen und nur einen geringen Teil richtig getroffen."
Eine Lehre hatte der Koblenzer Skinhead abgebrochen, die Bundeswehr entließ ihn nach einem Selbstmordversuch. Mit der großkalibrigen Pistole seines Vaters hatte "Deutschen-Andy", so sein Spitzname, dann in einem irrsinnigen Blutrausch eine Gruppe von Obdachlosen und jungen Arbeitslosen im Zentrum der Stadt angegriffen.
Ohne Anlaß erschoß er einen Stadtstreicher und verletzte sechs andere. Vergangene Woche verurteilte das Landgericht Koblenz den Skinhead zu 15 Jahren Haft und ließ ihn in eine psychiatrische Klinik einweisen.
Die rechtsextreme Gewalt ist kaum mehr als ein besonders auffälliger und meist gegen Ausländer gerichteter Exzeß der alltäglichen, beiläufig gewordenen Gewalt an Schulen und auf der Straße. "Heute handeln Jugendliche nach dem Motto: Es ist eigentlich egal, was ich mache, und es ist deshalb auch egal, was ich jemandem antue", sagt der Erziehungswissenschaftler Franz-Josef Krafeld, der seit vier Jahren rechte Jugendliche in Bremen betreut.
Vor dem Frankfurter Jugendgericht läuft derzeit ein Prozeß gegen zwei junge Männer, die laut Anklage im benachbarten Bad Vilbel einen 80 Jahre alten Küster auf der Straße erschlugen. Die beiden, zur Tatzeit 18 und 20, hatten den Gottesdiener frühmorgens getroffen, als er auf dem Weg zur Kirche "Verklärung Christi" war, um die Frühmesse vorzubereiten.
Die Täter hatten die Nacht über schwer getrunken, erst in einer Kneipe die Zeche geprellt, dann in einer Tankstelle weiteres Bier geklaut. Vom alten Küster erhofften sie sich Geld. "Ich kam nie auf die Idee, daß er sterben würde", erklärte einer der Angeklagten. Dabei hatten die Brutalos ihr schwächliches Opfer so lange geschlagen und getreten, bis fast alle Rippen gebrochen waren.
Die alltägliche Jugendgewalt macht vor niemandem Halt: Am Pfingstsonntag wurde in den Bautzener Stadtwallanlagen ein 7 Jahre altes Mädchen sexuell mißbraucht. Der Täter, fünf Tage später ermittelt, ist gerade mal 13.
Der Gymnasiast Tobias, 16, aus Langenselbold bei Frankfurt mußte sterben, als vor wenigen Wochen die Dippemess zu Ende ging, das größte Volksfest der Mainmetropole. Vier Frankfurter Jugendliche, alle etwa in seinem Alter, umzingelten Tobias und zwei Freunde, als sie auf dem Heimweg waren.
Erst forderten sie: "He, gebt mir fünf Mark." Dann ging einer direkt auf Tobias zu: "20 Mark her, sonst gibt''s was auf die Fresse." Der verängstigte Junge vom Land gab das Geld raus, seine Freunde atmeten auf. Doch der Angreifer, ein 18 Jahre alter Arbeitsloser, zückte trotzdem sein Messer und stach es Tobias in die Halsschlagader - der Junge verblutete. Eine halbe Stunde später wurde der Messerstecher aus der Straßenbahn geholt. Seine Aussage: "Ich weiß auch nicht, warum ich zugestochen habe."
"Wenn früher einer blutete, war Schluß", sagt die Stuttgarter Lehrerin Sylvia Summ, "jetzt ist es oft ein Signal, noch zweimal nachzutreten". Viele Lehrer fühlen sich dieser neuen Schüler-Generation nicht mehr gewachsen und resignieren (siehe Seite 34).
Auch falsch verstandene Erziehungsideale der Eltern tragen zum Gewalttrip der Jugend bei. So ist etwa das Phänomen "Monsterkinder" zur Zeit der Hit in der Erziehungsliteratur. Ratgeberbücher warnen davor, welche Nattern Eltern heranzüchten, die ihre Kinder schrankenlos gewähren lassen.
Das Verhalten manch gewalttätiger Kinder spiegelt wider, was der Bochumer Kriminologe Hans-Dieter Schwind einen "resignativen Erziehungsstil" nennt. In der Gummizelle liberaler Übermutterung verlängert sich die Phase pubertären Trotzes bis ins Erwachsenenalter hinein. Nicht wenige Kinder ertasten ihre Grenzen dann erst außerhalb des Elternhauses - mit dem Molotowcocktail in der Hand.
Während die Jugendlichen auf der einen Seite mehr dürfen als je eine Generation zuvor, scheint ihnen immer weniger möglich. Aus dem Aufsatz einer Ost-Berliner Schülerin: "Die Jugendklubs werden geschlossen, und wir wissen nicht, was wir machen sollen. Also geht man auf die Straße und haut irgendwelche Menschen zusammen." Ein Brandenburger Schüler schrieb: "Bevor ich gar nichts bin, bin ich lieber Skin."
"Indem sie die Wehrlosen verprügeln, bekämpfen sie die Angst vor ihrer eigenen Zukunft", sagt die Frankfurter Psychologin Marianne Leuzinger-Bohleber, die in einer Studie die Seelenlage in Ost und West erforschte.
55 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren fürchten, daß es mit der Welt in Zukunft schlechter bestellt sein werde als jetzt, ermittelte das Münchner Institut für Jugendforschung.
"In ihrer desolaten persönlichen Situation reagieren sie auf ungelöste Fragen wie Asyl und Einwanderung, die als bedrohlich empfunden werden, besonders empfindlich", meint Psychologin Leuzinger-Bohleber.
Die Fremden im Land müssen als Sündenböcke herhalten. Warum auch nicht, schließlich gelten sie Eltern und Politikern ebenfalls als Problem, Ärgernis oder Gefahr. "Die Täter unterscheiden sich von den Stammtischen häufig nur durch die Tat", sagt der Hamburger Polizei-Wissenschaftler Bredthauer.
Nach einer Untersuchung, die Bundesjugendministerin Angela Merkel (CDU) vergangene Woche vorstellte, haben 18 Prozent der jungen Ostdeutschen und auch noch beängstigend hohe 8 Prozent der Westdeutschen Verständnis für Gewalt gegen Asylbewerber.
Immer deutlicher wird jedoch, daß braune Ideen zwar eine notwendige, meist aber nur untergeordnete Rolle in dem Gedankencocktail spielen, der sich in den Köpfen der Jugendlichen zusammenbraut. "Linke Gewalt entsteht im Kopf", sagte der frühere Berliner Polizeipräsident Klaus Hübner, "rechte Gewalt kommt aus dem Bauch."
Deshalb sind organisierte Neonazis unter den rechten Brandstiftern eher selten zu finden. Nur etwa 10 bis 15 Prozent der fremdenfeindlichen Straftäter, so berichtete der Trierer Sozialwissenschaftler Helmut Willems, 38, dem Jugendausschuß des Bundestages über das Ergebnis einer Studie, seien "politisch motivierte, rechtsextremistische oder rechtsradikale Täter". Einer der mutmaßlichen Solinger Attentäter gehört zu dieser Spezies. Bei ihm fanden Ermittler einen Parteiausweis der rechtsextremen Deutschen Volksunion (siehe Kasten Seite 22).
Das Gros der fremdenfeindlichen Straftäter verteile sich jedoch, so die Trierer Auswertung von rund 1400 polizeilichen Ermittlungsakten, ungefähr gleichmäßig auf drei Gruppen: erstens notorische Ausländerhasser wie vor allem die Skinheads, zweitens gewöhnliche Kriminelle und drittens Mitläufer.
Die Szene der rechten Krawallos ist nicht nur diffus, sondern durch den Alkohol so unberechenbar, daß Polizisten und Verfassungsschützer sie kaum durchschauen können.
In Nordrhein-Westfalen beobachtet der Verfassungsschutz die Skinheads seit Oktober 1991. Mit der Zeit schälten sich, so ein Bericht der Behörde, drei Gruppierungen heraus: *___die Nazi-Skins als Sympathisanten neonazistischer ____Organisationen - sie sehen sich im Kampf etwa gegen ____"Untermenschen aus Judäa und Negerland"; *___die rechtsextremistisch beeinflußten Skins - sie sehen ____sich nicht als Nazis, lassen sich aber leiten vom Haß ____auf alles "Undeutsche"; *___die unpolitischen Skins - ihnen geht es vor allem um ____ihre Art von Spaß: Saufen, Fußball, Musik, Randale.
Viel mehr an Strukturen ergab die Beobachtung durch die Verfassungsschützer nicht. Skins tun, was ihnen Spaß macht, in "meist strukturarm ausgestatteten Personenzusammenschlüssen", so der Bericht.
Zufälle verhalfen in Solingen zum schnellen Erfolg: Schon einen Tag nach dem Brandanschlag konnten die Fahnder einen mutmaßlichen Täter präsentieren, wenig später drei weitere. Der 16 Jahre alte Christian hatte vor der Tat in geselliger Runde getönt, das Haus der Türken-Familie Genc werde bald "abgefackelt".
Nach dem Brand meldeten sich zwei seiner damaligen Zuhörer bei der Polizei. Sie führten die Beamten auf die Fährte eines Kameraden namens Patrick, der Christians Drohung auch gehört hatte.
In Patricks Wohnung entdeckten die Fahnder Fotos von diversen Kameraden der Haß-Front und zeigten sie in Solingen herum. Dabei wurden vier junge Männer identifiziert. Christian gestand sofort, die anderen drei verwickelten sich bei der Zeugenvernehmung schnell in auffällige Widersprüche.
Um der diffus rechten Jugendgewalt nicht länger unvorbereitet begegnen zu müssen, haben die Sachsen im vergangenen Monat ihre "Bummi-Polizei" aus DDR-Zeiten reaktiviert. Die speziellen Jugend-Ermittlungsgruppen, die ihren Spitznamen einem sozialistischen Comic-Heft verdankten, waren nach der Wende aufgelöst worden. Nun hat der Freistaat bei allen Polizeidirektionen spezielle Dezernate für Jugendkriminalität eingerichtet. 1992 waren 38,7 Prozent der gut 3100 Gewalttäter, die in Sachsen festgenommen wurden, Jugendliche und Heranwachsende.
Vorbeugende Sozialarbeit mit rechten, gewaltbereiten Jugendlichen steckt bundesweit hingegen noch in bescheidenen Anfängen. Versuche mit Skinheads scheitern oft, weil es an Geld oder Räumen fehlt. Wo ein Projekt funktioniert, braucht es viel Zeit, um zaghafte Erfolge vorweisen zu können.
In Bremen arbeitet seit rund fünf Monaten ein Verein, der Skinheads mit "akzeptierender Jugendarbeit" wieder eingliedern möchte. "Wir lassen sie erst mal so, wie sie sind", sagt der Vorsitzende Wolfgang Welp. Mit vier Kollegen hält der Streetworker ständigen Kontakt zu rund 100 Skinheads.
Die Sozialarbeiter beraten ihre Klientel bei "Streß mit den Eltern, bei der Wohnungssuche oder Gerichtsterminen" (Welp) und fahren auch schon mal übers Wochenende mit ihnen weg.
Doch trotz vieler Sozialarbeiter ohne Job plagt Welp das Problem, gegen Honorar "Leute zu rekrutieren". Seine meist linken Kollegen möchten ungern mit den braunen Schmuddelkindern spielen, das bringe "fürs Selbstverständnis einige Probleme".
Der Verein werde gar noch angefeindet wegen seiner, so Welp, angeblich "rechten Jugendarbeit". Dabei sei es in Deutschland inzwischen "einfach ein Luxus, darüber zu schwatzen, ob man so was darf oder nicht".
[Grafiktext]
__21_ Fremdenfeindliche Straftaten in Deutschland
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* Angriff auf die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt im Herbst 1992; die Libanesin Seinab Saado, 8, verletzt beim Brandanschlag in Hünxe am 3. Oktober 1991; rechte Seite: die Türkin Güldane Ince, 3, verletzt beim Brandanschlag in Solingen am Pfingstsamstag.

DER SPIEGEL 24/1993
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