14.06.1993

BrasilienMichelangelo des Skalpells

In Rio, der Stadt der Strandschönheiten, blüht das Geschäft mit der plastischen Chirurgie. Kurpfuscher verdienen mit.
Die Hausfrau Nelci Cortas, 37, kann ihren rechten Arm kaum bewegen. Ihre Gesichtsmuskeln sind teilweise gelähmt, hinter dem rechten Ohr hat sie eine wulstige, zentimeterlange Narbe. Seit drei Jahren läßt sie sich von einer Bewegungstherapeutin behandeln, dennoch kann sie vor Schmerzen oft nicht einschlafen.
Nelci Cortas ist das Opfer einer mißlungenen Schönheitsoperation. Ihre Leidensgeschichte begann vor drei Jahren, als sie sich in einer Privatklinik von Rio de Janeiro die Gesichtshaut straffen ließ. Freunde hatten ihr den Chirurgen empfohlen; fast 3000 Dollar zahlte sie für den Eingriff, der zu einem Alptraum wurde.
Zunächst versicherte der behandelnde Arzt, die Beschwerden würden bald abklingen. Als der Schmerz nicht nachließ, meinte er, Nelci Cortas leide wohl unter psychischen Problemen.
Der Chirurg habe bei der Operation mehrere Nervenstränge beschädigt, sagt dagegen die Patientin: "Das haben mir Spezialisten bestätigt." Doch keiner der Mediziner wollte ein schriftliches Gutachten anfertigen.
"Die Ärzte stecken unter einer Decke", sagt Celia Destri, Vorsitzende der Vereinigung der Opfer ärztlicher Kunstfehler in Rio. "Wer bei einer Operation zu Schaden kommt, hat kaum eine Chance, daß ein anderer Doktor ihm das schriftlich gibt."
Die Anwältin, die bei einer mißlungenen Unterleibsoperation selbst eine Niere verlor, vertritt über 200 Patienten, die sich als Opfer von Kunstfehlern betrachten. Die Vereinigung stellt die Seriosität eines der lukrativsten Gewerbe Brasiliens in Frage - der plastischen Chirurgie.
Trotz der schweren Wirtschaftskrise blüht das Geschäft mit der Schönheit wie nie zuvor. Nicht nur Brasilianerinnen der Oberschicht träumen davon, sich die Wangen glätten, den Busen modellieren oder Fett absaugen zu lassen. In Rio sind Schönheitsoperationen fast so selbstverständlich wie der Gang zum Zahnarzt.
Aus aller Welt kommen Patienten an die Copacabana, um sich operieren zu lassen. Amerikanische Reisebüros bieten Pauschaltrips zur Gesichtsstraffung mit anschließendem Badeurlaub an; auch europäische Patienten lassen in Rio Speckfalten beseitigen oder den Busen heben.
Keine andere Stadt treibt einen vergleichbaren Kult um den Körper. Das Strandleben bestimmt den Alltag der Cariocas, wie die Einwohner Rios genannt werden. Modedesigner wetteifern alljährlich um den raffiniertesten "Fio dental", die "Zahnseide", wie das knappe Bikini-Unterteil genannt wird. Um die Minis möglichst attraktiv auszustellen, trimmen sich Zehntausende in Bodybuilding-Studios. Am Strand, dem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, werden die sportgestählten Muskeln, Busen und Hinterteile zur gefälligen Betrachtung präsentiert.
Vor allem auf Frauen übt die Körperschau ungeheuren Konkurrenzdruck aus. Schon 20jährige träumen davon, sich den Busen verkleinern zu lassen: Eine kleine Brust ist brasilianisches Schönheitsideal. Ab Mitte 30 ist dann Facelifting angesagt.
Mehr als 400 Schönheitschirurgen befriedigen die Nachfrage. Fernsehen und Presse vergöttern sie wie Filmstars. Der berühmteste wurde vor drei Jahren gar in die Brasilianische Akademie aufgenommen: Ivo Pitanguy, 66, der "Michelangelo des Skalpells", wie ihn die Zeitungen nennen. Ob Jacqueline Bisset oder Ursula Andress, Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Melina Mercouri oder König Hassan von Marokko - Pitanguy hat sie angeblich alle unter dem Messer gehabt.
Der eitle Starchirurg stilisiert sich gern zum Schöngeist. Er spricht vier Sprachen, im Wartezimmer seiner Luxusklinik im Stadtteil Botafogo liegen Sonette von Shakespeare und Balladen von Brecht zur Lektüre aus. "Schönheitschirurgie ist die Wiederherstellung der Normalität", philosophiert Pitanguy. Niemand dürfe mangels Geld zur Häßlichkeit verdammt sein.
Jeden Mittwoch operiert ein Ärzteteam unter Anleitung Pitanguys in Rios städtischem Krankenhaus Santa Casa de Misericordia jene Patienten, die sich teure Privatkliniken nicht leisten können. Die Warteliste ist lang: 5000 Interessenten, zumeist Frauen, bewerben sich jährlich um einen Termin.
Ungewollt hat Pitanguy der Branche zu einem Ruhm verholfen, von dem auch zahlreiche Kurpfuscher profitieren. Schönheitschirurgie ist ein einträgliches Geschäft: 4000 Dollar kostet eine Brustoperation normalerweise, zwischen 3000 und 7000 Dollar berechnen seriöse Ärzte für ein Bauchlifting. Weniger renommierte Mediziner gehen auch schon für einige hundert Dollar zu Werk.
In Dutzenden von Privatkliniken operieren selbsternannte Schönheitschirurgen, die "kaum einer Kontrolle unterliegen", so die Gesundheitsexpertin Lynn Dee Silver. Die Forscherin an Rios renommierter Oswaldo-Cruz-Stiftung hat für die Weltbank eine Untersuchung über Brasiliens Gesundheitssystem verfaßt. Das Ergebnis ist niederschmetternd:
Die Inspektoren der staatlichen Ärzte-Aufsichtsbehörden kommen mit den Kontrollen nicht nach, die Chirurgen operieren zumeist unter großem Zeitdruck, Infektionen nach Eingriffen sind häufig.
Vor allem hapert es bei der medizinischen Ausbildung: In den vergangenen Jahren hat sich die Anzahl privater Ausbildungsstätten für Ärzte verdoppelt. Die oft mangelhaft ausgestatteten Institute werden kaum überwacht.
Jeder Absolvent kann als plastischer Chirurg arbeiten - auch wenn er sich nicht auf das Fach spezialisiert hat. Weniger als die Hälfte aller Schönheitschirurgen sind Mitglied in der angesehenen Gesellschaft für Plastische Chirurgie, die vor der Aufnahme strenge Prüfungen vorsieht. "Patienten sollten sich bei uns über ihren Arzt informieren", empfiehlt Präsident Nemer Chidid.
Aus gutem Grund: In einigen Kliniken der vornehmen Südzone von Rio bitten Schönheitschirurgen schon mal die Sekretärin um Hilfe am Skalpell. Ausgebildete Fachschwestern sind rar und teuer. Viele Schönheitschirurgen arbeiten hauptberuflich in staatlichen Krankenhäusern und bessern mit dem Nebenjob ihr Einkommen auf.
Die große Nachfrage lockt auch viele schlecht ausgebildete Ärzte aus dem Ausland an, die oft nur für wenige Monate eine Klinik eröffnen. "Es ist nahezu unmöglich, die illegale Einwanderung von Ärzten aus den Nachbarländern zu kontrollieren", sagt Laerte Vaz de Mello, Präsident der staatlichen Aufsichtsbehörde.
Marilena Mascarinha Ribeiro, 46, ließ sich 1986 von einem bolivianischen Chirurgen in Rio das Gesicht liften und die Brüste verkleinern. Zwei Tage nach der Operation schwoll ihr Gesicht an, die Kopfhaut entzündete sich. Sie leide unter einer "vorübergehenden Allergie", beschwichtigte der Arzt. Vier Monate mußte sie das Bett hüten, bevor der Schmerz nachließ. Im Gesicht und unter den Brüsten blieben große Narben zurück.
Andere Ärzte weigerten sich, sie zu behandeln, weil ihre Beschwerden "Folgen eines ärztlichen Kunstfehlers" seien, so Marilena Ribeiro. In ihrer Not hat sie sich jetzt an Ivo Pitanguy gewandt. Unter seiner Aufsicht möchte sie erneut operiert werden - an einem Mittwoch, im Armenkrankenhaus Santa Casa de Misericordia.

DER SPIEGEL 24/1993
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