05.07.1993

Schatten des „Condor“

Das mysteriöse Verschwinden eines Handlangers der chilenischen Militärdiktatur hat Spekulationen über ein Fortbestehen der berüchtigten "Operation Condor" genährt: Unter diesem Namen arbeiteten die Geheimdienste der südamerikanischen Militärdiktaturen in den siebziger Jahren bei der Verfolgung von Regimegegnern zusammen.
Der chilenische Biochemiker Eugenio BerrIos hatte im November vorigen Jahres in einem Polizeirevier nahe der uruguayischen Hauptstadt Montevideo um Hilfe gebeten: Er sei von uruguayischen Sicherheitsbeamten entführt und an der Rückkehr nach Chile gehindert worden. Statt ihm zu helfen, lieferten die Polizisten BerrIos dem uruguayischen Militärgeheimdienst aus. Seither fehlt von dem Chilenen jede Spur.
Uruguayische Kongreßabgeordnete erfuhren vor wenigen Wochen durch einen anonymen Brief von BerrIos' Verschwinden. Der Vorfall löste einen Regierungsskandal aus und zwang Präsident Alberto Lacalle, Mitte Juni einen Staatsbesuch in Großbritannien abzubrechen.
BerrIos hatte dem Regime des chilenischen Diktators Augusto Pinochet bei der Entwicklung eines Nervengases geholfen, mit dem eine Stadt wie Buenos Aires angeblich "in wenigen Minuten restlos entvölkert" werden könnte. Vor einem chilenischen Gericht sollte BerrIos über seine Verwicklung in den Mord am chilenischen Exilpolitiker Orlando Letelier aussagen, der 1976 in Washington von einer Bombe zerrissen worden war. Der Wissenschaftler ist eine Schlüsselfigur in dem Prozeß gegen Pinochets ehemaligen Geheimdienstchef Manuel Contreras, der sich zur Zeit wegen des Letelier-Attentats in Santiago vor Gericht verantworten muß.
Die Ermittlungsbehörden vermuten, daß BerrIos von einem internationalen Netz von Geheimdienstlern nach Uruguay geschleust wurde, wo er eine neue Identität erhalten sollte. BerrIos habe jedoch befürchtet, daß seine Beschützer ihn irgendwann ermorden würden, um zu verhindern, daß er gegen chilenische Agenten aus der Ära Pinochets aussage. Die Angst habe ihn bewogen, sich in dem Dorf bei Montevideo der Polizei zu stellen.
Womöglich hat BerrIos die Rolle von Uruguays Militärs falsch eingeschätzt. Obwohl das Land 1985 nach zwölfjähriger Militärherrschaft zur Demokratie zurückkehrte, wurden Menschenrechtsverletzungen nie verfolgt. Uniformierte Schergen der Geheimdienste haben dank einer Generalamnestie von der Justiz nichts zu befürchten.

DER SPIEGEL 27/1993
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