05.07.1993

Bomben gegen Touristen

Im östlichen Mittelmeerraum drohen politische und religiöse Eiferer den Fremdenverkehr mit Terroranschlägen lahmzulegen. Der Krieg, den radikale Moslems in Ägypten gegen Touristen führen, schafft in anderen Staaten Nachahmungstäter. Die Urlaubsländer fürchten eine Wirtschaftskatastrophe. Ganz vorn im Visier: die Türkei.
Antalya, 27. Juni, 21.30 Uhr Ortszeit. Vor dem Gartenrestaurant Leta stoppt ein blauer Ford-Bus. Ein kleiner Mann springt hinaus, rennt auf das Lokal zu und wirft einen Gegenstand über den Zaun. Die Zecher schauen interessiert bis amüsiert. Dann die Detonation. Verkäuferin Doris Lachner aus München, die unmittelbar daneben stand, sagt: "Ich sah einen Blitz, dann war alles dunkel."
Kurz darauf gingen zwei weitere Sprengladungen hoch, eine davon knapp hundert Meter weiter in der Fußgängerzone, die andere vor dem Sheraton-Hotel.
Heißer Sommer an der Levante. Und das könnte erst der Anfang gewesen sein. Nach Ägypten ist die Türkei nun das zweite Urlaubsland der Region, in dem Touristen zur Zielscheibe von Terroristen geworden sind.
Die Polizei erklärte später, es habe sich bei der Bombe im Restaurant Leta um eine äußerst primitive Höllenmaschine gehandelt, um eine Blechdose, die mit Sprengstoff und Nägeln gefüllt war. Es sei "das Werk von Amateuren" gewesen. Doch die Wirkung war verheerend: 26 Gäste wurden zum Teil schwer verletzt, darunter 9 deutsche Neckermann-Touristen. Doris Lachner mußte an der Lunge operiert werden, Nikolaus Kraus aus Ludwigshafen wurde die Milz entfernt.
Um die wegen Mölln und Solingen ohnehin strapazierten deutsch-türkischen Beziehungen zu schonen, hielt sich das Bonner Auswärtige Amt mit Empfehlungen zur Lage zurück. Deutsche Touristen, so hieß es, müßten selbst entscheiden, was gefährlich sei und was nicht.
Wie gefährlich es sein kann, zeigte sich am Freitag vergangener Woche: In der mittelanatolischen Stadt Siva kamen nach schweren Unruhen 40 Menschen ums Leben. Islamische Fundamentalisten drangen in ein Hotel ein und steckten es in Brand.
Diesmal waren zwar Touristen nicht das Ziel des brutalen Angriffs. Er galt dem türkischen Schriftsteller Aziz Nesin, der in diesem Hotel lebt. Die von ihm mitherausgegebene Tageszeitung Aydinlik hatte die "Satanischen Verse" Salman Rushdies veröffentlicht.
Urlaubsreisende aber kann kaum beruhigen, daß diesem Anschlag Touristen nur zum Opfer fielen, wenn sie zufällig in der Nähe waren. Sie wissen, daß andere es ganz gezielt auf sie abgesehen haben. Die radikalmarxistische "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) hatte vor Monaten bereits angekündigt, sie werde in ihrem Kampf um die Befreiung der kurdischen Heimat vom Türkenjoch auch touristische Einrichtungen der Unterdrücker als Ziele auswählen.
Die Anschläge von Antalya hatten nur begrenzten Schockeffekt. Von den 16 000 deutschen Feriengästen packten lediglich 11 spontan die Koffer. Bei Öger Tours, dem größten deutschen Türkei-Reisebüro, das letztes Jahr 162 000 deutsche Kunden in die Türkei schaffte, wurden bis zum letzten Wochenende nur zwei Prozent der Buchungen storniert.
Es gebe keinen Grund zur Panik, sagt Reiseunternehmer Hermann-Jochen Diedrich aus Köln nicht ganz unzweideutig: Die Deutschen seien in der Türkei ebenso sicher wie die Türken in Deutschland.
Der PKK-Oberkommandierende, Abdullah Öcalan, hatte erst vor wenigen Wochen in Interviews bekräftigt: "Wir erklären der Türkei in ihren Touristenzentren den Wirtschaftskrieg." Und: "Mit Sabotageaktionen werden wir Feriendörfer und Hotels in Istanbul, an der Ägäis- und an der Mittelmeerküste zerstören . . . Ich glaube nicht, daß die Leute künftig noch einen ruhigen Urlaub haben werden."
Daß sich die PKK hinterher nicht zu den Anschlägen von Antalya bekannte, läßt nur den Schluß zu, daß sie von dem feindseligen Echo überrascht war.
Soviel ist sicher: Die Kurden haben sich mit den Attentaten politisch keinen Gefallen getan. Drei Tage danach verlängerte die Regierung in Ankara den Ausnahmezustand in Südostanatolien um weitere vier Monate. Und erstmals ist ein Verbot der PKK auch in Deutschland kein Tabu mehr.
Solange hinten, weit, in der Türkei die Kurden und Türken aufeinanderschlugen, hatte die PKK wenig Mühe, sich der Außenwelt als Opfer des türkischen Brachialnationalismus zu präsentieren. Daß sie oft wahllos Unschuldige tötete, hat ihrer Reputation in Europa selten geschadet. Doch nun sind unschuldige Touristen die Opfer. Das hat die Sympathielage verändert.
Wenn die militanten Kurden den Terror gegen die Fremden wirklich fortsetzen, muß Ankara mit einer wirtschaftlichen Katastrophe rechnen. In den letzten zehn Jahren hatte der türkische Tourismus permanent die höchsten Zuwachsraten unter allen Mittelmeerländern.
Der Erfolg des türkischen Fremdenverkehrs vor allem in Deutschland ist leicht zu erklären: Die Türkei ist das gastfreundlichste, unproblematischste und mit das billigste Sonnenland, das man von Mitteleuropa aus in drei, vier Jet-Stunden erreichen kann.
Die Türkei hat alles, was die erste Generation der deutschen Südlandfahrer noch von Spanien und Italien in Erinnerung hat: reelle Preise, nette Menschen, wenig Nepp und Kriminalität, vorwiegend saubere, noch nicht zubetonierte Strände. Daß die Türken zu ihren eigenen Landsleuten, vor allem den Kurden, weit weniger freundlich sind als zu den Fremden, daß die Armee in den letzten zwölf Monaten 20 000 Menschen verschleppt und 300 Dörfer zerstört hat, war für den Fremdenverkehr lange unerheblich. Das ist seit Anfang letzter Woche nun nicht mehr so.
Der fremdenfeindliche Bombenterror der Kurden orientiert sich an ägyptischen Vorbildern. Im Niltal haben radikale Moslems, meist von der "Gamaat el-islamija" (islamische Vereinigung) und dem "Dschihad el-islami" (islamischer heiliger Krieg), den Fremdenverkehr fast auf das Niveau seiner Anfänge vor 20 Jahren zurückgebombt.
Die Steinzeitislamisten, die vom Iran und vom Sudan unterstützt werden, wollen alles Unislamische abschaffen - unter anderem die Sphinx, die "heidnischen Bauten" von Luxor und Abu Simbel und vor allem den Tourismus, der nach ihren Vorstellungen die Werte des Islam untergräbt.
Im Sommer 1992 zündeten Gamaat-Aktivisten am Karnak-Tempel bei Luxor zwei Sprengsätze. In Südägypten wurde bei einem Feuerüberfall auf einen Kleinbus eine britische Touristin getötet, bei Assjut geriet ein Nil-Boot mit 30 deutschen Bildungsreisenden unter Beschuß, in Port Said wurde ein russisches Ehepaar von einem Moslem-Fanatiker mit einem Messer niedergestochen. Am 26. Februar starben drei Menschen, darunter ein Schwede und ein Türke, bei einem Bombenanschlag auf das "Cafe Wadi el Nil" in Kairo.
Die ägyptische Regierung wiegelt ab, so gut es geht. In desperater Verkennung der Sachlage und gegen allen Augenschein versicherte Tourismus-Minister Fuad Sultan im Herbst, Ägypten sei nach wie vor "eines der sichersten Reiseländer der Welt". Die Polizei habe die Lage "voll unter Kontrolle". Selbst wenn das so wäre, würde es nichts am Ergebnis ändern: Die ägyptische Fremdenverkehrsindustrie, die sich nach dem Tod des Diktators Gamal Abd el-Nasser im Jahr 1970 von 60 000 auf 3 Millionen Besucher jährlich hochgearbeitet hat, erlebt derzeit die schlimmste Krise seit dem Ende der nasseristischen Finsternis. Der Tourismus, so die Tageszeitung Al Ahram, "sackte zusammen wie ein angestochener Ballon".
Jetzt zittern Fremdenverkehrsfunktionäre in Tunesien, Algerien und Marokko vor Nachahmungstätern. Sie fürchten nicht ohne Grund, daß die frommen Betonköpfe, die auch in ihren Ländern islamische Gottesstaaten herbeibomben wollen, versuchen werden, dem Tourismus das Leben auszupusten.
Anschläge gegen die Industrie ohne Schornsteine, wie sie im Branchenjargon heißt, sind wenig aufwendig und wenig riskant. Dabei erzielen sie enorme Wirkung. Gleichwohl vergriffen sich bisher selbst die radikalsten Palästinenser-Fraktionen nur ungern an Touristen, weil sie die schlechte Presse scheuten.
Der Suff an der Costa del Sol, so witzelten Branchenbosse, fordere zehnmal so viele Opfer wie der politische Terrorismus im ganzen Nahen Osten. Und das war nur mäßig übertrieben.
Nun ist die Trendwende in Sicht. Im November jagten korsische Separatisten bei Ghisonaccia eine Feriensiedlung mit 28 Apartments in die Luft. Am 27. Mai tötete eine Bombe neben den Uffizien in Florenz fünf Menschen. Am 21. Juni forderte die Explosion einer Autobombe in Madrid sieben Opfer. Am 28. Juni gingen in Marseille und Toulon kurz nacheinander sieben Bomben hoch.
Daß Fremdenverkehr und Krise auch ganz leidlich koexistieren können, zeigt sich im Dauerkonfliktstaat Israel. Nach einem Einbruch während des Golfkriegs, als irakische Scud-Raketen über dem Heiligen Land niedergingen, boomt der Fremdenverkehr wieder wie nie.
Das dankt er vor allem dem Geschick der Regierung, die Touristenströme um die gefährlichsten Stellen herumzulenken. Trotzdem: Letztes Jahr wurden in Betlehem und Jerusalem eine französische und eine deutsche Touristin von palästinensischen Attentätern erstochen.
Am erstaunlichsten ist die Symbiose von Tourismus und Terrorismus in Sri Lanka. Während im Norden und Osten der Insel ein mörderischer Bürgerkrieg tobt, steht im Süden und Westen der Fremdenverkehr in voller Blüte. In den Kämpfen sind seit 1983 mindestens 25 000 Menschen ums Leben gekommen. Doch darunter war kein einziger Urlauber. Sri Lanka hat deshalb in den letzten vier Jahren seine Übernachtungszahlen annähernd verdoppeln können.
Die separatistischen Tamil-Tiger könnten den Fremdenverkehr mit wenigen harten Schlägen auf Null bringen, wenn sie wirklich wollten. Aber sie wollen offenbar nicht.
Weil ihnen - anders als den islamischen Eiferern - die Weltmeinung nicht gleichgültig ist und weil sie von den Schutzgeldern, die Hotels und Reiseunternehmen ihnen zahlen, den Kampf gegen die Regierung finanzieren.
[Grafiktext]
_101_ Zunehmend geraten Touristen in den typischen Urlaubsländern in
_____ Gefahr
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 27/1993
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