05.07.1993

ÖsterreichVerlorene Seelen

Die Alpenrepublik hat mehr Bosnien-Flüchtlinge aufgenommen als die meisten anderen Staaten. Doch die Behörden erschweren eine gezielte Integration.
Helmut Schüller will endlich Taten sehen. "Seit Monaten wird diskutiert, aber geschehen ist bisher nichts", rügt der Präsident der österreichischen Caritas die Trägheit der Wiener Behörden.
Als vor einem Jahr die ersten Bosnier aus ihrer geschundenen Heimat nach Österreich flohen, glaubten alle noch an ein kurzfristiges Provisorium. Davon kann inzwischen keine Rede mehr sein.
Ein Abflauen der Kämpfe ist nicht in Sicht, und viele Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, in der Mehrzahl bosnische Moslems, haben längst keine Heimat mehr, in die sie zurückkehren könnten. Ihre Städte und Dörfer wurden von den serbischen und kroatischen Eroberern zerstört und ethnisch gesäubert.
"Wir müssen uns damit abfinden, daß viele Vertriebene auf Dauer hierbleiben", sagt Schüller, einer der Initiatoren der Hilfsaktion "Nachbar in Not".
Die Caritas will nun eine neue Hilfsaktion für die Bosnier starten, Kennwort: "Wohnen nach der Flucht". Alle österreichischen Gemeinden werden aufgerufen, Standorte für Wohnbaracken und Arbeitsplätze zu beschaffen. Firmen und Bürger sollen mit Spenden die Finanzierung sichern.
Anders als bisher üblich möchte Schüller die Flüchtlinge nicht in Lagern und anderen Sammelunterkünften konzentrieren. "Barackensiedlungen wären eine Katastrophe, wir wollen die Menschen nicht ausgrenzen, sondern eingliedern", sagt der Caritas-Präsident.
In jeder Gemeinde soll daher nur eine Baracke errichtet werden, in der drei bis vier Familien Platz finden könnten. So ließen sich auch ausländerfeindliche Ausbrüche vermeiden, damit gar nicht erst deutsche Zustände aufkommen.
Mit seiner Forderung, den Kriegsopfern Jobs zu geben, hatte Schüller bei den Kommunen bisher wenig Erfolg. Derzeit leben offiziell rund 70 000 Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in Österreich - im Vergleich zur Bevölkerung mehr als in Deutschland. Gerade 1000 Vertriebene haben eine ordentliche Stelle gefunden. Die übrigen müssen froh sein, wenn sie hin und wieder für karitative Organisationen oder Gemeinden arbeiten dürfen - nicht viel mehr als eine Therapie, um die Entwurzelten vor dem Lagerkoller zu bewahren.
Die Flüchtlinge, die wie kleine Kinder gratis gekleidet, gefüttert und beherbergt werden, würden gern so schnell wie möglich aus der Fürsorge des Staates oder karitativer Organisationen entlassen werden. Doch das Sozialministerium in Wien verweigert die Arbeitsbewilligungen. "Wir wollen sie nicht integrieren", rechtfertigt sich ein Behördensprecher.
Der erste Schock der Vertreibung ist längst vorbei, und nun "empfinden die meisten die Situation zunehmend als demütigend", so Josef Kneisl, Leiter eines Lagers im elften Wiener Gemeindebezirk.
"Wir sind Österreich unendlich dankbar, daß es uns aufgenommen hat, aber manchmal glaube ich, an dieser Dankbarkeit zu ersticken", sagt Ahmed Petonjic, 43. Der Dreher aus der bosnischen Kleinstadt Bijeljina, nahe der serbischen Grenze, lebt seit dem vergangenen Herbst mit seiner Familie in Kneisls Lager.
In einem ehemaligen Depot des Autofahrerklubs ÖAMTC hausen in einer riesigen Halle über 40 Familien, jede in einem mit mannshohen Wänden abgeteilten Koben, der gerade Platz für Stockbetten, ein paar Spinde, einen schmalen Tisch und Sessel bietet.
Dabei hat Petonjic noch Glück. Sein Sohn Faruk, 15, hat schon den ersten Schritt zur Integration in der neuen Heimat geschafft: Er wurde in ein Wiener Gymnasium aufgenommen und spricht, nach etwas mehr als einem halben Jahr, bereits gut Deutsch. Die übrigen Kinder im Lager besuchten bislang eine kroatisch geführte Schule und sollen erst ab Herbst in österreichische Klassen übernommen werden.
Faruks Schwester Amra, 19, möchte als Kindermädchen unterkommen. Sie hat in Bosnien noch Abitur gemacht. Für Jugendliche, die nicht mehr schulpflichtig sind, laufen erst jetzt langsam Hilfsprogramme an. Bis Jahresende sollen in Wien, wo allein über 14 000 Vertriebene leben, 250 Jugendliche eine Berufsausbildung beginnen.
"Zuwenig und viel zu spät", klagt der Leiter des Wiener Integrationsfonds, Max Koch, der befürchtet, daß die verordnete Arbeitslosigkeit der Flüchtlinge das bislang eher freundliche Klima in Österreich zum Kippen bringen könnte.
"Wenn die Leute sehen, daß kräftige junge Männer müßig herumlungern, sagen sie gleich, die wollen nicht hackeln und lassen sich von uns durchfüttern", sagt Koch. Dabei könnten viele problemlos Jobs übernehmen, für die sich ohnehin kaum Österreicher finden.
Es sei absurd, so Koch, daß Österreich für viel Geld Krankenpfleger aus fernen Ländern einfliege, "während hier Schwestern und auch Ärzte in Lagern herumsitzen, die nicht einmal die eigenen Leute versorgen dürfen".
Die Kinderfachärztin Dzenana Sorlija, 40, würde sofort als Krankenschwester arbeiten oder auch als einfache Hilfskraft in einem Spital, nur um wieder das Gefühl zu haben, daß sie gebraucht wird. "Ein Mensch ohne Heim und Arbeit ist ein Mensch ohne Seele", sagt die Ärztin, die mit ihrem Mann, einem Vermessungsingenieur, und den beiden Kindern, sieben und fünf Jahre alt, von den Serben vertrieben wurde.
Am schlimmsten empfindet sie die Ungewißheit. Dzenana Sorlija zog deshalb auf eigene Faust los. Sie klapperte Altersheime ab und bot sich, in holprigem Deutsch, als Küchenhilfe an. Tatsächlich bekam sie ein Angebot - doch das zuständige Arbeitsamt verweigerte die Genehmigung.
"So sitzen wir weiter da und warten und sterben jeden Tag", sagt Dzenana Sorlija ganz ohne Pathos.

DER SPIEGEL 27/1993
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