05.07.1993

IsraelWirres Gestammel

Touristen verfallen einem religiösen Wahn: Jedes Jahr erliegen Dutzende dem „Jerusalem-Syndrom“.
Die Italienerin offenbarte sich ihren Mitreisenden unvermittelt als Jungfrau Maria, der Rucksacktourist aus den USA hielt sich plötzlich für König David. Ein Gast aus Dänemark erblickte Jesus auf dem Dach der Aksa-Moschee, ein junger Mann aus Kanada versicherte, er sei der biblische Samson.
Immer wieder werden Besucher Jerusalems von der sakralen Aura der heiligen Stadt überwältigt. Im schummrigen Dämmerlicht der Grabeskirche oder auf dem römischen Pflaster der Altstadtgassen rasten sie überraschend aus: Sie behaupten, die Wiedergeburt eines biblischen Helden zu sein oder gar Gottes Sohn und - seltener - der Leibhaftige.
"Jerusalem-Syndrom" nennen die Ärzte der psychiatrischen Klinik Kfar Schaul die religiösen Wahnvorstellungen. Dabei behandeln sie nur jene Bewegten, die zum öffentlichen Ärgernis werden, und das sind immerhin jährlich Dutzende von Touristen.
Auch ein Italiener, der vergangenen Mittwoch von der Besuchertribüne des Parlaments auf die israelischen Knesset-Abgeordneten herabsprang, ist Opfer des Syndroms geworden, vermuten die Behörden. "Kein Zweifel", so Krankenhausdirektor Jair Bar-El, "Jerusalem macht die Leute verrückt."
Rund 80 Prozent der Patienten hätten eine Vorgeschichte an psychischen Störungen, erklärt der Mediziner. "Diese Menschen kommen mit Visionen, die sich aus dem Alten und dem Neuen Testament nähren, und in der mystischen Atmosphäre Jerusalems drehen sie dann durch."
Auch Urlaubsreisende, die zu Hause nicht durch frommen Eifer auffallen, werden mitunter von der Suggestivkraft der heiligen Stadt überwältigt. In weiße Togen gehüllt, "meist Hotelbettwäsche" (Bar-El), verkünden sie den nahenden Weltuntergang, die Rückkehr des Gottessohnes oder den baldigen Ausbruch des ewigen Friedens.
Jerusalem, seit Jahrhunderten Kultstätte für Juden, Christen und Moslems zugleich, zog von jeher eine Vielzahl einschlägig vorbelasteter Besucher an: fromme Pilger, fanatische Prediger und falsche Propheten. Ein Reiseführer aus dem Jahr 1904 stellte fest: "Es ist eine anerkannte Tatsache, daß ein Großteil der Geisteskrankheiten die Gestalt eines religiösen Wahns annimmt."
"Ärzte sprachen von einer Form der Hysterie, die nur Pilger ergriff", schreibt Amos Elan in seinem Buch "Jerusalem: Innenansichten einer Spiegelstadt". Es war das sogenannte Jerusalem-Fieber.
Selten endete es tödlich: Zur Jahrhundertwende kam ein Pilger ums Leben, als er von einem Kirchturm sprang. Angeblich hatte ihm der Prophet Hesekiel versichert, er werde von dort direkt zum Himmel fahren. Als nur mäßig schrullig galt eine Britin, die sich in den dreißiger Jahren auf dem Scopus-Berg angesiedelt hatte und dort jeden Nachmittag bei Tee und Gebäck die Wiederkehr des Herrn erwartete.
Dabei orientierten sich die gottesfürchtigen Narren meist an der eigenen Religion. Juden sehen sich als Abraham, König David oder Messias und bevorzugen für ihre Erscheinungen den Ölberg oder die Klagemauer.
Christen hingegen haben ihre Eingebungen an den Stationen der Via Dolorosa oder im Garten Gethsemane. Von Zeit zu Zeit greift die israelische Armee rund um Jericho verwahrloste, mit Tierfellen bekleidete Männer auf, die vorgeben, Johannes der Täufer zu sein.
"Bisweilen holt der heilige Wahn die Besucher auch in Betlehem, Nazaret oder an den christlichen Wallfahrtsstätten rund um den See Genezareth ein", berichtet Mark Chano vom Jerusalemer Reisebüro Guiding Star, das christliche Pilgergruppen aus der ganzen Welt durchs Heilige Land schleust.
Erst im April, sagt Chano, sei eine Schar von fast 40 evangelikalen Christen beim Besuch der Jerusalemer Altstadt in wirres Gestammel und unverständliche Gebete verfallen: "Der Heilige Geist ist über uns gekommen", erklärten die Verzückten später, "wir sprachen in vielerlei Zungen."
Nur ausnahmsweise steigert sich der religiöse Eifer zu aggressiven Wahnsinnstaten: Im August 1969 legte ein Australier in der Aksa-Moschee Feuer; 1982 schoß sich ein "wiedergeborener Jude" mit einem Gewehr den Weg in den Felsendom frei. Er wollte "König der Juden" werden.
In der Regel jedoch sind die Ausbrüche göttlichen Sendungsbewußtseins mit Beruhigungsmitteln und Gesprächstherapie schnell wieder kuriert. Wenn es für die Stabilität der Patienten bekömmlich ist, läßt der Psychiater den Exaltierten mitunter ihre religiösen Identifikationen: "Wir müssen vor allem an das Wohl und Befinden des Erkrankten denken."
Im Fall jenes kanadischen Touristen, der sich für den bärenstarken Samson hielt, sollte sich diese Strategie bewähren. Als der junge Mann - ganz nach Art seines alttestamentarischen Vorbildes - eine Wand zertrümmerte, um aus der Klinik zu fliehen, konnte ihn eine Krankenschwester an der nächsten Bushaltestelle zur Umkehr überreden. "Samson, du mußt zurückkommen", meinte sie listig, "das ist Gottes Befehl."

DER SPIEGEL 27/1993
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