05.07.1993

FreizeitHeirat für drei Minuten

In London begeistern Jitterbug, Jive und Lindy-Hop. Musik und Tänze der vierziger Jahre kehren zurück.
Nomax hat vor, sich mit Methode aus dem Leben zu trinken. Sein T-Shirt schlunzt aus der Hose, deren Farbe so schrill ist wie die Musik, mit der er sich vorzugsweise bedröhnt. Dauerhaft trunken, telefoniert und vögelt er draht- und wahllos in der Gegend herum - nur so verkehrt er mit Menschen, beides rechnet er in Einheiten ab.
Unaufhaltsam schlittert er auf dem Wege der charakterlichen Verwahrlosung voran - doch es gibt zum Glück die "Five Guys", seine fünf Freunde. In gut geschnittenen Anzügen mit scharf gebügelten Hosen tanzen sie Nomax einen Lindy-Hop vor. Fortan geht er in den Tanzklub mit Big Band, nimmt ordentliche Manieren an und ist nett zu seiner Freundin: "Ich liebe dich und bin dir treu", haucht er - Ende der Vorstellung.
Die Geschichte von Nomax und seiner Wandlung vom Ekel zum Edelmütigen ist derzeit der große Musical-Hit in London. Der Erfolg des Swing-Spiels "Five Guys named Moe" gehört zu einem Trend, der von London aus nun auch Großstädte auf dem Kontinent erfaßt hat: Mode, Musik und Lebensstil der American Forties begeistern europäische Twens. Und schon haben Benny Goodman, Duke Ellington, Count Basie und die Schnulzen von Bing Crosby die britischen Hitparaden erobert.
In den Nachtvorstellungen vieler Londoner Kinos laufen die großen Musikfilme der Vierziger, in denen Ginger Rogers steppt und die Andrews Sisters singen: "Bei mir bist du scheen."
Im Imperial War Museum drängen Besucher zur Schau über die "Forces Sweethearts". Da wird unter anderem an jene Romanzen erinnert, die sich während des Zweiten Weltkrieges in den Dancing Clubs zwischen amerikanischen GIs und britischen Girls entspannen. Und bei BBC 2 lief eine ganze Serie über die Geschichte des Lindy-Hop, der neben dem Jive und dem Jitterbug einer der populärsten Tänze der Vierziger war.
Kein Abend vergeht im Zentrum von London, an dem nicht in einem der vielen Ballrooms bis zu hundert Vierziger-Fans die komplizierten Tanzschritte erlernen, die in den legendären Klubs von Harlem entstanden: den "Cake Walk", den "Suzie-Q-Set", den "Snatch" und den "Shim Sham". Könner treffen sich in neuen Dancing Halls wie dem "Fortissimo", dem "Hollywood Glamour" oder dem "Heavy Club", wo die Musik mal live von der Band, mal stilecht von der Schellackplatte kommt.
Immer größer wird die Zahl der Enthusiasten, die ihre Freizeit im Lifestyle des Amerika der vierziger Jahre verbringen: Sie treffen sich in speziellen Klubs, kleiden sich wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall, tanzen zum Big-Band-Swing von Glenn Miller oder träumen sich hinein in den Kino-Glamour der großen Zeit von Hollywood - wie etwa der kleinwüchsige Schlosserlehrling Peter Norman, der sich zweimal in der Woche in Edward G. Robinson verwandelt, das schiefe Grinsen inklusive.
Vor dem "The 100 Club" in der Oxford Street, wo fast jeden Abend eine große Forties-Party stattfindet, wird er herzlich begrüßt von Frauen in Hosen a la Dietrich und knöchelknackenden Plateauschuhen. Andere tragen kurze, schwarze Taftkleider oder jene raffiniert geschnittenen Abendroben, in denen Jane Russel die Phantasien mehrerer Männer-Generationen entzündete.
Die Herren sind in weitgeschnittenen Zweireihern erschienen, ihre pomadisierten Haare glänzen mit ihren Schuhen um die Wette. Bei manchen lugt sogar eine weiße Gamasche unter dem Hosenbein hervor, andere tragen Strumpfhalter. "Als ich das erste Mal hierherkam, war ich allein", sagt Norman. Jetzt habe ich eine Menge Freunde, und wir werden jeden Tag mehr."
Die meisten der Forties-Fans kommen aus den trostlosen Vororten von London. Viele sind arbeitslos, andere jobben herum oder arbeiten als Sekretärinnen oder kleine Bankangestellte. Zwischen sieben und acht Pfund Eintritt _(* Tanzszene aus dem US-Film "Best Foot ) _(Forward", 1943. ) bezahlen sie für einen solchen Abend - viel Geld für die junge Generation der Rezessionsgesellschaft.
Diskjockey Simon Selmon, der im "The 100 Club" Titel von Artie Shaw und andere Evergreens auflegt, sagt: "Diese Leute haben die Disco-Musik satt. Hier tanzen sie Arm in Arm, und die Männer finden es wundervoll, daß die Tanzpartnerinnen zum Spiegel ihrer eigenen Bewegungen werden." "So ein Tanz", sagt Louise Thwaite, die den Lindy-Hop unterrichtet, "ist wie eine Heirat für drei Minuten."
Dabei sind die Forties-Epigonen geschlechtlich eher zurückhaltend: Die Männer benehmen sich wie Gentlemen, oder was sie sich darunter vorstellen.
Erotisch sind die Tänze, sagt Sally Phillips, 27, "wenn der Mann beispielsweise seine Beine spreizt und er dich am Boden da hindurch schwingt". Aber die meisten suchen keinen Sex, sondern das, was sie wirklich missen: Flirts und Romanzen. Phillips: "Lindy ist sauberer Spaß und zugleich ein Kick - du brauchst keine Drogen."
Wenn Diskjockey Selmon Pause macht, swingen "The Grahamophones" los, eine elfköpfige Band, deren Mitglieder im Hauptberuf Konzertmusiker sind. Wild wirbeln die Paare in halsbrecherischen Formationen über den Holzfußboden, Frauen fliegen über Männerschultern, werden an den Hüften in die Luft gestemmt und herumgeschleudert - nicht zufällig wurde der Lindy-Hop nach dem Atlantikpiloten Charles Lindbergh benannt.
Am Ende des Abends schließlich wird der Gast in der originellsten Verkleidung mit einer Flasche Champagner prämiert. Diesmal gewinnt Andrew Mall, 28, der die Uniform eines Technical Sergeant der US-Air Force trägt - stilecht bis auf die Knöpfe, die er wegen seiner Leibesfülle etwas nach außen versetzen mußte.
"Ich liebe die Forties!" schwärmt der Industriearbeiter, "mit den Tänzen verschaffe ich mir eine Lebenshaltung - so wie damals verwundete Soldaten zur moralischen Stabilisierung in Swing Dance unterrichtet wurden.
So beliebt die vierziger Jahre bei den Jungen sind, so skeptisch stehen viele Ältere dem Revival gegenüber. Sie erinnern sich an eine Zeit, in der in England nicht Glamour, sondern Bombenalarm den Alltag prägte. "Mein Vater meint, die vierziger Jahre seien nicht gerade eine großartige Zeit gewesen", sagt der Vierziger-Fan Maurice. Doch inzwischen hat sich Daddy das Musical über Nomax und die Five Guys angesehen - und jetzt geht er manchmal mit zum Tanzen.
* Tanzszene aus dem US-Film "Best Foot Forward", 1943.

DER SPIEGEL 27/1993
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