05.07.1993

TourismusWehmütige Pointen

Neue Attraktion für Alt-68er: der lange Marsch der Berliner Apo als nostalgische Sightseeing-Tour.
Auf dem Kurfürstendamm, zwischen Rudi-Dutschke-Gedenkstein und Cafe Kranzler, läßt der Studienrat aus Göttingen die Revolutionärsseele baumeln. Hingerissen erinnert sich der Mittvierziger an die subversive "Kunst der Spaßguerilla" und erzählt von Debatten mit dem legendären Studentenführer: "Rudis Argumentation war unter aller Sau."
Sein junger Begleiter kommentiert den verklärenden Redefluß mit höflichem Schweigen. Steffen de Rudder, von Hause aus Architekt, verdingt sich manchmal als Stadtführer durch das Berlin der Studentenbewegung. "Alt68er oder solche, die sich dafür halten", sagt er, "sind eigentlich immer dabei." Er selbst gehört zum Jahrgang ''61, war damals Zweitkläßler.
Einmal im Monat lädt das Berliner Kulturbüro zum "langen Marsch durch die Geschichte der Apo", einem dreistündigen Spaziergang zu den wichtigsten Schauplätzen der Studentenrevolte: dort der Garagenhof Krumme Straße 67, in dem Benno Ohnesorg erschossen wurde, hier die Puddingbomben-Werkstatt der Kommune 1 am Stuttgarter Platz, da jene Bushaltestelle der Linie 119, wo die Schüsse des Attentäters Josef Bachmann auf die Symbolfigur Dutschke fielen. An diesen Orten, so verspricht de Rudder, verberge sich "unheimlich viel lebendige Geschichte".
Anti-Schah-Demonstrationen, Vietnam-Kongreß und Springer-Blockade kennt der Apo-Pfadfinder nur durch Dokumentarfilme. Aus Bibliotheken, Tonarchiven und Gesprächen mit Zeitzeugen hat er sich ein Mosaik der Revolte zusammengeklaubt. Von Jimi Hendrix und Uschi Obermeier bis Ho Tschiminh, vom Prager Frühling bis zu den geballten Fäusten der schwarzen US-Sprinter bei den Olympischen Spielen in Mexiko spannt er sein Panorama. Wer solche Assoziationen im Kopf zu bewegten Bildern formen kann, sieht mehr bei der Sightseeing-Tour ins Revolutionsjahr ''68.
Als Anschauungshilfe zückt der Spätgeborene eine abgewetzte Kladde mit zwei Dutzend großformatigen Fotografien. Das erste Motiv zeigt, hingestreckt _(* Am Garagenhof Krumme Straße 67, wo ) _(Benno Ohnesorg erschossen wurde. ) zwischen parkenden Autos, einen blutenden jungen Mann, über den sich mit schreiendem Blick eine Frau beugt.
Dazu erzählt de Rudder die Moritat vom braven Germanistikstudenten Benno Ohnesorg aus Hannover, der nicht glauben mochte, daß am Morgen des 2. Juni 1967 friedliche Anti-Schah-Demonstranten halb tot geprügelt worden waren, und der deshalb am selben Abend vor der Deutschen Oper als neugieriger Mitläufer die Protestierenden beobachtete.
Der Polizeihauptmann Karl-Heinz Kurras schoß ihn von hinten in den Kopf, während Reza Pahlevi mit Bundespräsident Heinrich Lübke und Bürgermeister Heinrich Albertz Mozarts "Zauberflöte" lauschte.
Die Sängerin am Operetten-"Theater des Westens" hat lange gezögert, 25 Jahre danach an der historischen Apo-Tour teilzunehmen - "aus Angst, die Vergangenheit würde zu sehr weh tun". Für die Revolte war sie damals zu jung gewesen. Später, beim Versuch, das Vermächtnis der 68er einzulösen, hat sie sieben Jahre ihres Lebens "in diversen K-Gruppen vergeudet".
Jetzt sucht sie nach den Wurzeln ihrer "politischen Verirrung", ebenso wie eine Berliner Sozialpädagogin, 35. Ständige Konflikte mit 68er-Vätern bewegen sie auf dem Pfad der Revolte. Nicht genug, daß diese Elterngeneration mit antiautoritären Methoden an ihren Kindern herumexperimentiert habe: "Heute mischen sich diese selbsternannten Experten ständig in meine Arbeit ein."
Vor dem "Golden Gate Club" am Stuttgarter Platz kommt de Rudders 20köpfige Prozession zum Stehen. Über der Rotlicht-Bar hauste einst in sechseinhalb Zimmern die Bürgerschreck-Zentrale "K 1" - erste Kommune und Brutstätte aller Vorurteile gegen Generationen von Wohngemeinschaften.
Die Pennäler im Schlepptau des Göttinger Studienrats horchen auf: Hier wurde also die sexuelle Revolution proklamiert und probiert. Sie scheiterte am Frauenmangel, bedauert de Rudder.
Jede Menge Spaß hatten die rebellischen Bürgersöhne trotzdem, sagt er und kramt zum Beweis das groteske Attentat auf US-Vizepräsident Hubert Humphrey aus dem Anekdotenkästlein: wie Fritz Teufel, Rainer Langhans und Konsorten aus zehn Kilogramm Puddingpulver eine ganze Nacht lang Ulk-Bomben köchelten, wie der Staatsschutz am nächsten Morgen die Terror-Werkstatt aushob und die Polizeichemiker drei Tage brauchten, um den unbekannten Gelatine-Sprengstoff der "Mao-Cocktails" (Bild) als Lieblingsnachspeise des Amerikaners zu identifizieren.
Noch einmal rollt de Rudder den Prozeß gegen die Kommunarden der ersten Generation auf. Genüßlich zitiert er aus den Gerichtsprotokollen, als wär''s das Skript zu einem Marx-Brothers-Film.
"Man kommt aus dem Gackern nicht raus", begeistert sich der Wanderführer und serviert wehmütig die Pointe der _(* Mit Studentenführer Rudi Dutschke ) _((M.). ) "Moabiter Seifenoper" (Dutschke). Die Angeklagten wurden aufgefordert, wenigstens zur Urteilsverkündung aufzustehen, und Teufel setzte zum legendären Bonmot an: "Wenn''s denn der Wahrheitsfindung dient."
Ein Rentner im Sightseeing-Troß fand das schon damals nicht komisch. Er erinnert sich an die Stimmung, die in der eingeschlossenen Stadt herrschte: Die Mauer war sechs Jahre alt, die USA verteidigten vor Ort und in Vietnam die Freiheit West-Berlins. Demonstriert hat auch er damals - "wie alle richtigen Berliner für Amerika und gegen Dutschke, den Volksfeind Nr. eins".
Auf Spuren des roten Rudi stößt die Nostalgie-Karawane ein paar Steinwürfe entfernt am Kurfürstendamm. Wo einst der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) residierte, hat sich inzwischen ein Eduscho-Frischedepot eingemietet. Wenige Schritte entfernt, zwischen Bushaltestellenschild, Fahrkartenautomat und einer Platane ist ein Gedenkstein ins Trottoir eingelassen: "Attentat auf Rudi Dutschke. 11. April 68. An den Spätfolgen der Schußverletzung starb Dutschke 1979. Die Studentenbewegung verlor eine ihrer herausragenden Persönlichkeiten."
In chronologischem Stolperschritt geht es weiter zum Cafe Kranzler, wo weiland die Kommunarden die Kuchenvitrinen plünderten und erschrockene Damen zum Gratisverzehr einluden.
Die Sängerin mit dem K-Gruppen-Trauma gibt erregt zum besten, wie sie in den Siebzigern von Polizeitrupps über das Mobiliar auf der Cafehaus-Terrasse gejagt wurde. Der Studienrat erklärt seinen Eleven die 68er-Taktik, mit Spaziergängerdemos Kundgebungsverbote zu unterlaufen. Und de Rudder erläutert vor dem Amerikahaus die Vorzüge elastischer Acrylverglasung beim Aufprall von Wurfgeschossen: "Meistens waren das keine Steine, sondern Eier aus dem Discount-Markt nebenan."
Die Tour endet im Audimax der Technischen Universität, wo Dutschke auf dem Höhepunkt der Revolte die 5000 Teilnehmer des Vietnam-Kongresses zur Weltrevolution aufrief, während engagierte Mütter in einem abgelegenen Seminarraum das Prinzip Kinderladen entdeckten. "Wenigstens ein Ergebnis von praktischem Nutzen", resümiert de Rudder trocken.
Daß das nicht alles gewesen sein kann, daß in der Hauptstadt der Bewegung die Wunden noch immer nicht ganz verheilt sind, zeigt ein Bericht des Springer-Boulevardblatts BZ über die romantisch-revolutionäre Zeitreise mit dem Kulturbüro: Der Springer-Verlag, vermutet de Rudder, hat 25 Jahre danach immer noch Angst vor Revoluzzern: "Der BZ-Reporter ist inkognito mitmarschiert."
[Grafiktext]
_157_ Berlin: Ausschnitt Stadtplan
[GrafiktextEnde]
* Am Garagenhof Krumme Straße 67, wo Benno Ohnesorg erschossen wurde. * Mit Studentenführer Rudi Dutschke (M.).

DER SPIEGEL 27/1993
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