05.07.1993

MedizinDampf im Gelenk

Mit Laserstrahlen behandeln Chirurgen nun auch Meniskusschäden, abgenutzte Bandscheiben und steife Schultern.
Knorpel im Knie sind der wunde Punkt fast aller Profi- und Freizeitsportler: Der gerissene oder beschädigte Meniskus kann zwar mit einer endoskopischen Operation wieder geflickt werden. Doch Narben, die im Gelenk zurückbleiben, machen oftmals den Meniskus erneut zum schmerzhaften Problem.
Dauerhaft und dazu schonender lassen sich Beschwerden durch Knorpelschäden offenbar mit Hilfe der Laserchirurgie beheben: Mit den scharf gebündelten, energiereichen Lichtblitzen, die sich in der Gynäkologie und der Augenheilkunde längst bewährt haben, werden an der Medizinischen Hochschule Hannover nun auch orthopädische Defekte erfolgreich behandelt, nicht nur Meniskusverletzungen, sondern auch Schäden der Schultern wie der Bandscheiben.
Anders als bei den bislang üblichen endoskopischen Eingriffen mit einem sehr feinen, aber starren Instrumentarium kommt es bei der Operation mit dem flexiblen "Holmium YAG-Laser", der einen Duchmesser von nur 0,4 Millimeter hat, weder zu Blutungen noch zur späteren Bildung von Narben. Um eine Überhitzung des Gewebes im Operationsgebiet zu vermeiden, werde die vom Laser abgegebene Energie "in extrem kurzen Impulsen, nämlich 0,36 Millisekunden, freigesetzt", erläutert Orthopäde Werner Siebert, der das Laserzentrum der Hochschule eingerichtet hat. In Zusammenarbeit mit der Firma Dornier entwickelte Siebert den speziellen Feststoff-Laser, der in Hannover inzwischen 150mal jährlich bei Knieoperationen eingesetzt wird.
Auch verschlissene Bandscheiben und schmerzende, weil steifgewordene Schultergelenke operieren die Orthopäden mit Laserstrahlen: Unter ständiger Röntgenkontrolle wird der Laser direkt in die Mitte der geschädigten oder schon hervorgerutschten Bandscheibe geschoben, er bringt den Kern des elastischen Puffers zum Verdampfen. Der Patient, so Siebert, "spürt dabei nur einen leichten Druck", der Eingriff dauert höchstens 20 bis 30 Minuten.
Nach drei Tagen kann der Patient die Klinik wieder verlassen, fast 80 Prozent der Patienten sind auf Dauer von ihrem Übel befreit. Noch lassen sich jedoch nicht alle Bandscheibenvorfälle mit der Lasertechnik behandeln: Mit dem herkömmlichen Operationsverfahren müssen die Chirurgen beispielsweise das vollständig herausgerutschte Bandscheibenstück behandeln.
Auch bei der weitverbreiteten schmerzhaften Schultersteife, die durch die Entzündung von Oberarmsehnen und Schleimbeuteln ausgelöst wird, beginnt sich das Laserverfahren durchzusetzen: An der Klinik in Hannover, aber ebenso in Gießen, Bremen, Hamburg sowie am Oskar-Helene-Heim in Berlin tragen die Operateure das erkrankte Gewebe mit dem Lichtstrahl ab - nach der einstündigen Prozedur ist der Patient, so Siebert, "umgehend schmerzfrei".

DER SPIEGEL 27/1993
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DER SPIEGEL 27/1993
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