12.10.1992

RechtsextremismusNull in der Masse

Immer mehr Jugendliche sympathisieren mit neonazistischen Gruppen. Experten warnen vor einer rechten Revolte an den Universitäten.
Wenn es um die Geographie im Osten der neu geeinten Republik geht, hat der Elektrotechnikstudent Christian Paulwitz, 23, eine eigenwillige Erklärung parat: "Weimar, Goethes Heimat", sagt der Sprecher der Münchner Burschenschaft ,Danubia', "liegt für mich noch immer in Mitteldeutschland."
Wie der Jungnationale denken auch die übrigen 150 Mitglieder des ultrarechten Studentenkorps. Erst kürzlich luden sie den Osnabrücker Soziologieprofessor Robert Hepp zum öffentlichen Gespräch, der in seinen Vorträgen gern die Reinhaltung der "europäischen Rasse" anmahnt. Paulwitz: "Wir wollen nationales Denken an der Uni wieder zur Geltung bringen."
Da sind die Münchner Danuben nicht allein. Trauten sich die deutschgesinnten Säbelschwinger noch vor wenigen Jahren kaum, an der Universität offen ihre Farben zu tragen, kommt nun unter den Burschenschaftern plötzlich neues Selbstbewußtsein auf.
In Ostdeutschland verbreiten neugegründete Korps wie etwa die Jenaer Verbindung "Jenensia" bereits wieder bierselig nationales Pathos. Mit Vorträgen und Gesprächskreisen hoffen auch die Anhänger der Kölner "Germania", unter west- und "mitteldeutschen" Studenten endlich wieder Bewußtsein für das Vaterland zu wecken - in seinen "volkstumsbezogenen" Grenzen.
Die Stimmung dafür ist günstig. Seit dem Ende des Nationalsozialismus schwärmten noch nie so viele Jugendliche für großdeutsches Gedankengut. 43 Prozent der männlichen Lehrlinge, die von der Leipziger Forschungsstelle Sozialanalysen befragt wurden, wollen den "Anschluß" der ehemaligen deutschen Ostgebiete. Elf Prozent der ostdeutschen Lehrlinge befürworten gar die Machtergreifung durch eine nationalsozialistische Partei.
Ebenso werden rassistische Gedanken immer populärer: Jeder dritte Auszubildende und jeder vierte Schüler in der Ex-DDR ist der Meinung, "daß wir das Deutsche reinhalten und Völkervermischung verhindern sollten". In Ost-Berlin gaben 20 Prozent der befragten Schüler gar der Losung "Juden raus" ihre volle Zustimmung.
Eine ähnliche Entwicklung bahnt sich im Westen an. Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann, 48, ermittelte noch vor einem Jahr bei Meinungsumfragen unter 13bis 17jährigen einen Anteil von 40 Prozent, die sich politisch nicht festlegen wollten. Dieses Vakuum, vermutet der Jugendforscher, werde heute mehr und mehr durch rechte Ideen ausgefüllt: "Die Jugendlichen wollen ein Signal setzen, auf sich aufmerksam machen." Am besten schockieren lasse es sich derzeit mit rechtsradikalen Parolen.
In großer Eile entwickeln deshalb die Schulminister der neuen Länder Programme, mit deren Hilfe bei Jugendlichen das Bewußtsein für Grundwerte des demokratischen Zusammenlebens wieder gestärkt werden soll. Der sachsen-anhaltinische Bildungsminister Werner Sobetzko (CDU) etwa will mit 1,6 Millionen Mark "sinnstiftendes Lernen" fördern. Jugendliche sollen Schach spielen, ihre Schule umweltfreundlicher gestalten oder Bäche säubern.
Auch West-Politiker tüfteln an Vorsorgeprogrammen gegen Radikales in den Köpfen des Nachwuchses. Jürgen Schreier, bildungspolitischer Sprecher der saarländischen CDU-Fraktion, fordert ein Unterrichtsfach "Toleranz und Solidarität". Schüler sollten Spenden für den Aufbau von Kindergärten in Entwicklungsländern sammeln und multikulturelle Schulfeste feiern.
Jugendforscher indes warnen davor, die Möglichkeiten der Pädagogik zu überschätzen. Viel zu tief sitzen die Ursachen für den plötzlichen Rechtsdrall.
Der Erziehungswissenschaftler Kurt Möller aus Bielefeld etwa ermittelte für eine Studie unter 13- bis 15jährigen, daß sich die Heranwachsenden oft verlassen fühlen. Möller: "Da kommen jetzt einige Erzieher her und meinen, sie könnten mit pädagogischem Ringelpiez die jahrelangen Versäumnisse einer falsch verstandenen antiautoritären Erziehung reparieren."
Die Kinder, von zu Hause ohne Weltbild in die Welt entlassen, erreichen demnächst das Studentenalter: Schon fürchten Kenner der Jugendszene, daß sich die rechte Revolte an den Unis fortsetzt. Der Hamburger Verfassungsschützer Ernst Uhrlau etwa sieht in Deutschland den Anfang einer "68er Bewegung von rechts" (SPIEGEL 38/1992).
Und die Frankfurter Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber mahnt: Wenn Asylantenheime verlegt würden und Politiker immer aufgeregter über eine Asylrechtsänderung diskutierten, hätten rechtsgesinnte Jugendliche reichlich Erfolgserlebnisse. "Kommen die erst einmal an die Unis, könnte der Funke rasch überspringen."
Die Stimmung an den Hochschulen ist ohnehin schon gespannt, mit überfüllten Seminaren und Wohnungsnot ist für viele die Grenze des Zumutbaren längst erreicht. "Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst, gekoppelt mit der Erfahrung, eine Null in der Masse zu sein", analysiert Leuzinger-Bohleber, erhöhten die Gewaltbereitschaft erheblich.
Zwar hat der Generationswechsel an den Unis noch nicht stattgefunden. Bei einer jüngst von dem Marburger Soziologen Rainer Brämer durchgeführten Umfrage unter 1700 westdeutschen Studenten lehnten sogar 94 Prozent nationalkonservative Gedanken ab.
Auch die Wiedervereinigung macht sich bei den Hochschülern eher als nationales Trauma, denn als Anlaß für großdeutsches Gehabe bemerkbar. Knapp dreimal so häufig wie mit hoffnungsvollen Perspektiven wird die Einheit von den Studenten mit Problemen in Verbindung gebracht.
Doch unter vielen Jung-Akademikern herrscht der typische Unmut über Staat und Politik, der Nährboden für rechte Ideologien ist. Gerade einmal 19 Prozent können sich mit der neuen Republik identifizieren. "Die Idee eines einheitlichen Deutschlands", so Brämer, "ist von den Studenten auch nicht ansatzweise akzeptiert."
Schon beginnt die Widerstandskraft der Hochschulen gegenüber deutschnationalem Gedankengut zu bröckeln. Unter den herkömmlich alternativ oder sozialliberal gesinnten Studenten macht sich - ganz anders als bei den Schülern - eine fatale politische Gleichgültigkeit breit. Die Bereitschaft, sich noch zu engagieren, ist so gering wie seit 25 Jahren nicht mehr.
Fast 70 Prozent der Studenten lehnen es ab, sich jemals in einer Bürgerinitiative zu betätigen, ermittelte Sozialwissenschaftler Brämer. Vor zwei Jahren verweigerten ein solches Engagement lediglich 56 Prozent der Hochschüler.
Bei Wahlen zu Studentenparlamenten verlieren einstmals mächtige Linksgruppen immer mehr Anhänger an kuriose Phantasieklüngel, wie etwa in Berlin an die "Cleveren Radler" oder "Graue Panther Langzeitstudenten".
Statt dessen stehen bei den Kindern der 68er-Generation Geselligkeit, Freizeit und Familie an erster Stelle der Prioritätenliste. "Statt sich mit der Fremdenfeindlichkeit auseinanderzusetzen, ziehen sich die Studenten zurück und verdrängen", konstatiert der Bielefelder Klaus Hurrelmann.
Die neuen Rechten hoffen nun darauf, daß die nationalgesinnten Schüler, sollten sie erst einmal an die Unis kommen, dem Privatisieren ihrer Vorgänger ein Ende bereiten.
Um die rechte Revolte an den Hochschulen anführen zu können, müssen sich die konservativen Burschenschaften allerdings noch etwas mehr Programm einfallen lassen. "Auf Singen, Saufen und Säbeln", bewertet der Soziologe Brämer die Aktivitäten der kostümierten Hobbynationalisten, "kann man heute keine Studentenbewegung mehr gründen."

DER SPIEGEL 42/1992
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