12.10.1992

Immer schon da

Die ARD will gemeinsam mit dem ZDF ein neues Programm starten: DIKA, den Deutschen Informationskanal.
Peter Staisch, 49, einst staats- und schaltragender Fernsehkorrespondent in Washington, war ausgezogen, seine früheren Kollegen von der ARD das Fürchten zu lehren. Als Chefredakteur des geplanten Nachrichtenkanals n-tv in Berlin wollte er den Öffentlich-Rechtlichen vormachen, wie News-Fernsehen geht.
Jetzt bekommt er wahrscheinlich selber etwas vorgemacht. "Ein Hammer", entfuhr es dem Fernsehmann Staisch letzte Woche, sei der Plan, den ARD und ZDF zusammen hegen: Eine gemischte Arbeitsgruppe, je sechs Köpfe, sitzt an den Vorbereitungen für ein eigenständiges Informationsprogramm.
Ende September in Mainz und Ende letzter Woche in München unterbreiteten die ARD-Planer das Vorhaben einer ZDF-Kommission unter Führung von Chefredakteur Klaus Bresser. Arbeitstitel des Projekts: Deutscher Informationskanal (DIKA).
Der Plan ist einleuchtend. Schneller und billiger als jedes Privatunternehmen könnten die öffentlich-rechtlichen Anstalten ein Nachrichtenprogramm organisieren. "Mit ihren Funkhäusern und Korrespondenten in Dortmund, Oldenburg, Ravensburg und wo die überall rumstehen", fürchtet Staisch, hätten es die Kollegen recht einfach: Immer sei schon einer da. Das Schweizer und Österreichische Fernsehen wollen sie auch noch einladen.
ARD-Verhandlungsführer Jobst Plog, Intendant des Norddeutschen Rundfunks, drängt zum Gemeinschaftswerk der beiden öffentlich-rechtlichen TV-Systeme, weil Informationsprogramme zum "Kernbereich der öffentlich-rechtlichen Stärken" zählten. Der Kölner ARD-Vorsitzende Friedrich Nowottny trimmte die Arbeitsgruppe zugleich auf strenges Kostenbewußtsein.
Die ZDF-Kollegen waren zunächst skeptisch, denn sie haben noch eine weitere Option. Intendant Dieter Stolte läßt Bresser gleichzeitig ein konkurrierendes Angebot des amerikanischen Nachrichtensenders CNN verhandeln. CNN will einen eigenen deutschen Nachrichtenkanal (Arbeitstitel: CNN-D) mit ZDF-Zulieferungen bestücken, von der "heute"-Sendung bis zu Magazinen wie "Bonn direkt" oder "Kennzeichen D".
Stoltes Vorteil wäre, daß CNN alle Kosten der Zusammenarbeit übernehmen würde. Die Amerikaner, die über Beteiligungen auch mit Unternehmen wie Burda, der Frankfurter Allgemeinen oder der CLT, der Holding von Radio Luxemburg, sprechen, wollen dem ZDF nach fünf Jahren einen 25,1-Prozent-Anteil an CNN-D gratis überlassen. Wenn aber die Länder den genehmigungspflichtigen Einstieg untersagen, würde CNN-Boß Ted Turner dem ZDF den "Geschäftswert der Programmleistungen" (Stolte) angemessen vergüten.
Gratis wie bei CNN-D wäre der Eintritt bei DIKA nicht zu haben, aber über eine einstellige Millionensumme pro Jahr würde Stolte mit sich reden lassen. Als Abspielbasis für den News-Sender bietet die ARD ihren wenig erfolgreichen Kulturkanal Eins Plus an, den sie zum Info-Kanal "umwidmen" will.
Schon bisher verschlingt Eins Plus fast 40 Millionen Mark, davon 16 Millionen für die Programmaufbereitung. Der Rest geht für Satelliten drauf: 10 Millionen Mark kostet die Ausstrahlung vom Luxemburger Astra. Weitere 13,5 Millionen für den Kopernikus der Post, der nur zur Kabeleinspeisung geeignet und eigentlich längst überflüssig ist, möchte die ARD einsparen.
Für das neue Informationsprogramm wollen die Tüftler um die 30 Millionen Mark im Jahr ausgeben. Das würde sich mit der Astra-Miete auf 40 Millionen summieren, nicht mehr als bisher.
Die Ziffern werden beim ZDF, das ein Drittel der errechneten Programmkosten übernehmen würde, noch mißtrauisch betrachtet. Die Mainzer verwiesen darauf, daß die Berliner n-tv-Planer ihren Programmetat bei aller Sparsamkeit auf 120 Millionen Mark veranschlagen.
Die ARD-Truppe hält dagegen, daß die DIKA-Zentrale kostensparend bei der Hamburger ARD-aktuell-Redaktion, zuständig für "Tagesschau" und "Tagesthemen", angesiedelt werden soll. Bisher hohe Lizenzkosten für die Eins-Plus-Kultur würden entfallen.
Nachrichten sollen bei DIKA im Halbstundentakt laufen, ausführlich zur vollen, knapp zur halben Stunde. Als "Grundgerüst", so ein Beteiligter, dient das Nachrichtenmaterial bei ARD aktuell und aus der "heute"-Redaktion. Dazwischen gibt es Kultur, Sport, Wirtschaft.
Keins der übrigen Konkurrenzprojekte hätte wohl bessere Aussichten. Euronews, als mehrsprachiges Programm der Europäischen Rundfunk-Union (UER) geplant, stößt auch bei den UER-Mitgliedern ARD und ZDF wegen der Sprachbarrieren auf Skepsis. Und Vox, ein von Bertelsmann angeschobenes Informationsprogramm, muß erst noch flottgemacht werden, nachdem das Hamburger Landgericht letzte Woche in einem Medienprozeß (SPIEGEL 37/1992) den Bertelsmännern die Vox-Teilhabe untersagt hat.
Zwar stimmten die ZDF-Unterhändler beim Treffen am vergangenen Freitag einer fortan gemeinsamen DIKA-Planung zu. Skeptisch sehen die Mainzer jedoch noch die Rechtslage: Müßten die Länder einen neuen Staatsvertrag schließen, könnte sich das Projekt im Parteienstreit unabsehbar verzögern.
Vielleicht hat es der Privatfunker Staisch ja doch leichter.

DER SPIEGEL 42/1992
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