19.07.1993

Europäische ZentralbankAls Chef ein Mann aus Amsterdam

Ein Holländer soll Chef der Europäischen Zentralbank werden, die am 1. Januar 1994 wahrscheinlich in Frankfurt als Europäisches Währungsinstitut (EWI) ihre Arbeit aufnimmt. Darin sei sich, so ein hoher Bonner Regierungsbeamter letzte Woche, die Mehrheit der EG-Partner einig.
Die französischen Ambitionen auf den Präsidentenstuhl der EWI-Währungshüter sind dagegen geschwunden. Der bis dahin aussichtsreichste Bewerber, der Pariser Notenbankchef Jacques de Larosière, der von 1978 bis 1986 dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vorstand, wird wahrscheinlich die Osteuropabank in London übernehmen. Larosière soll dort das Ansehen französischer Spitzenbanker aufbessern, das sein geschaßter Vorgänger, der einstige Mitterrand-Günstling Jacques Attali, mit verschwenderischen Geldausgaben geschädigt hat.
Die Deutschen können sich ebenfalls kaum mehr Hoffnungen auf den Frankfurter Spitzenjob machen. Schuld daran, so heißt es in der Spitze des Bonner Finanzministeriums, seien die ruchbar gewordenen lukrativen Privatgeschäfte des Osteuropa-Bankers Manfred Abelein (CDU): "Der hat unseren Ruf ramponiert." Deshalb könnten die Deutschen derzeit keine personellen Ansprüche erheben.
Die erste Wahl aus Holland für den Frankfurter Präsidentenstuhl gilt bereits als gescheitert. Willem F. Duisenberg, Chef der Zentralbank Amsterdam, wäre zwar zum Umzug nach Frankfurt bereit. Da das EWI aber auf Jahre hinaus wenig Kompetenzen haben wird, wollte Duisenberg seinen nationalen Job zunächst nicht aufgeben, sondern nur zusätzlich in Frankfurt amtieren. Einen aktiven National-Banker akzeptiert jedoch die Mehrheit der EG-Staaten nicht.
So gilt jetzt ein Duisenberg-Zögling, der Nationalbank-Direktor A.H.E.M. Wellink, als aussichtsreichster Kandidat für den Job in der Main-Metropole. Wellink hat sich mit Veröffentlichungen über geldpolitische Theorien einen Namen gemacht, aber auch mit Kritik am deutschen Nachbarn: "Das Ankerland", so Wellink, betreibe "eine unausgewogene Politik".

DER SPIEGEL 29/1993
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