19.07.1993

BlauhelmeHASS VERDRÄNGT HUNGER

Der internationale Hilfseinsatz in Somalia ist zu einer militärischen Strafexpedition mit ungewissem Ausgang mißraten. Beim Kampf gegen den Clanchef Aidid droht dem Weltgendarmen Vereinte Nationen ein Desaster. Auch die Friedenssoldaten der Bundeswehr, die erstmals unter Feuer gerieten, sind längst verstrickt.
Kurz nach 22 Uhr peitschen Schüsse, fauchen Raketen durch die Tropennacht. Anhänger des von der Uno steckbrieflich gesuchten Milizen-Führers Mohammed Farah Aidid nehmen den Flughafen von Mogadischu unter Beschuß. Die Somalier wollen Rache für den Kampfhubschrauber-Angriff auf einen Stützpunkt Aidids, bei dem über 50 Menschen umkamen.
Im Feuer der Aufständischen liegt auch das Camp des Bundeswehr-Verbindungskommandos. Neun Soldaten schrecken in ihrem Zelt hoch. Sie hasten in einen durch Sandsäcke gesicherten Bunker. Splitter treffen einen in der Nähe geparkten Uno-Hubschrauber.
Eine halbe Stunde lang erhellen Leuchtspurgeschosse die Gegend um den Flughafen. Die Uno-Einheiten schießen willkürlich in die Dunkelheit zurück; der unheimliche Gegner ist nur am Mündungsfeuer auszumachen.
Die deutschen Friedenssoldaten sind mit leichten Waffen ausgerüstet. Sie beteiligten sich nicht an der wilden Ballerei der Blauhelme. Doch spätestens seit dieser Nacht vom Mittwoch voriger Woche mußte jedermann klar sein, daß auch der humanitäre Einsatz der Bundeswehr Opfer fordern kann - Menetekel für das Hauptkontingent jener 1600 deutschen Friedenssoldaten, von denen die ersten in dieser Woche ans Horn von Afrika verlegt werden sollen?
Zwar wiegelte der auf Mogadischus Flughafen verantwortliche Hauptmann Hans-Ulrich Täuber militärisch gestelzt ab: "Aufgrund unserer Bauart mit Sandsäcken bestand nur eine ganz geringe Gefährdung für den Personalbestand." Aber ein Offizier der benachbarten malaysischen Uno-Einheit beurteilte die Lage dramatischer: Das Zelt der Deutschen hätte in der Todeszone gelegen, wäre ein nur 50 Meter entfernt als Blindgänger niedergegangenes Geschoß explodiert.
Somalia ist ein gefährliches Land. Überall in der Hauptstadt Mogadischu lauert der Tod. Nicht einmal in ihrem zur Festung ausgebauten Hauptquartier fühlen sich die Uno-Soldaten sicher: Viele urinieren nachts in Bierflaschen, denn beim Gang zur Außentoilette könnten sie das Opfer somalischer Heckenschützen werden. Tagsüber wagen sich die Blauhelme nur in schwerbewaffneten Konvois von Stützpunkt zu Stützpunkt; etliche Einheiten haben ihre Quartiere wochenlang nicht verlassen.
Ihr oberster Befehlshaber lebt gefährlicher als der von der Uno gejagte Clanchef Mohammed Farah Aidid, 57. Der spukt wie ein Geist durch Mogadischu und gewährt ausgesuchten Journalisten Interviews, während sich der Uno-Sonderbeauftragte Jonathan Howe innerhalb der Stadt nur per Kampfhubschrauber bewegen kann.
Der Weltgendarm beherrscht den Luftraum, immerhin. Aber auf dem Boden müssen die mehr als 20 000 Blauhelme und mehrere hundert Mitarbeiter von Dutzenden Hilfsorganisationen ständig um ihr Leben bangen.
Die Somalier, die sie einst als Retter vor tausendfachem Hungertod begrüßt hatten, hassen inzwischen die Fremden. "New white warlords" (neue weiße Kriegsherren) nennen die Einheimischen die Friedenssoldaten. Statt Hungernde zu laben und Kranke zu versorgen, finden die Samariter sich plötzlich als Okkupanten in einem blutigen Guerillakrieg wieder. Die Intervention droht das Elend in Somalia zu verschlimmern.
Noch vor einem halben Jahr war die "Operation neue Hoffnung" als "eine der größten Rettungsaktionen in der Menschheitsgeschichte" gepriesen worden.
Doch jetzt droht die humanitäre Invasion am Horn von Afrika in ein Desaster zu münden. Der ehrgeizige Hilfseinsatz ist zu einer militärischen Strafexpedition mit ungewissem Ende geworden, seit die Weltorganisation nicht mehr den humanitären Beistand, sondern den Kampf gegen den flüchtigen Aidid und dessen Gefolgschaft zur Priorität erklärte.
Ihre Autorität als Friedenshüter haben die Soldaten aus 29 Ländern längst verspielt. Hubschrauber-Kanonaden machten sie zur Kriegspartei - noch dazu einer schlecht geführten -, die jederzeit in einen Hinterhalt geraten kann.
Bei Attacken auf echte oder vermutete Aidid-Stellungen sowie bei Gefechten töteten Uno-Truppen Hunderte von Somaliern. Auf der anderen Seite starben in den vergangenen vier Wochen 35 Blauhelm-Soldaten. Aufgebrachte Somalier lynchten vier ausländische Journalisten, darunter den Berliner Fotoreporter Hansjörg Krauss, nachdem US-Kampfhubschrauber im dichtbesiedelten Wohngebiet ein Haus zusammengeschossen hatten und es Dutzende ziviler Opfer gab.
Zwar erscheint es kaum möglich, in Somalia wirksame Hungerhilfe zu leisten, ohne den bewaffneten Banden zu trotzen. Um den Frieden zu erreichen, müsse die humanitäre Streitmacht auch bereit sein, "militärische Gewalt anzuwenden", verteidigt Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali den Konfrontationskurs der Friedenssoldaten (siehe Interview Seite 18).
Aber inzwischen hat der militärische Aspekt der Uno-Intervention den humanitären so gut wie völlig verdrängt: Solange in Mogadischu eine Art Stadtguerillakrieg tobt, ist es für die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen zu gefährlich, ihre Lebensmittel- und Medikamentenverteilung fortzusetzen.
Im Wirrwarr der somalischen Hauptstadt sind die zwei wichtigsten Grundsätze der Vereinten Nationen verlorengegangen: daß es am Horn von Afrika darum geht, von Anarchie und Hunger bedrohten Zivilisten zu helfen, und daß die Uno unter allen Umständen ihren Charakter als Friedensorganisation erhalten muß. Will sie aber ihre moralische Integrität bewahren, darf sie nicht zulassen, daß Somalier einfach abgeknallt werden, nur weil sie für den zum Nationalhelden aufsteigenden Aidid demonstrieren.
Uno-Generalsekretär Ghali, 70, ist in eine Falle getappt, die er sich selbst gestellt hat: Mit ihrem immer noch mächtigen Widersacher Aidid können die Uno-Truppen nicht über einen Waffenstillstand verhandeln, da sie den Bandenführer zum Kriegsverbrecher erklärt haben, auf den ein Kopfgeld von 25 000 Dollar ausgesetzt ist. Den General in Gewahrsam zu nehmen vermögen die Weltpolizisten offenbar ebenfalls nicht, weil ihnen dafür die militärischen Mittel fehlen.
Jeder weitere Tag, der vergeht, ohne daß Aidid klein beigibt, schwächt das Ansehen der Uno und macht ihre Rolle als Weltpolizist unglaubwürdig. Damit reicht der entstandene Schaden schon jetzt weit über Somalia hinaus. Er unterhöhlt alle militärischen Interventionen und Drohungen der Vereinten Nationen - zum Beispiel auch auf dem Balkan, in Bosnien.
Dort geraten Friedenspläne endgültig zur Makulatur, weil die Uno zuläßt, daß Serben und Kroaten praktisch das eroberte Gebiet untereinander aufteilen. Bosniens moslemische Bevölkerung fühlt sich schmählich verraten:
Die Uno stand ihr nicht gegen die bewaffneten Angreifer bei; sie ahndete die Vertreibung der Menschen nicht; das Recht der Moslems auf Selbstverteidigung behinderte die Weltorganisation durch ihr Waffenembargo. Bosniens Moslems brauchten keine Waffen, wurde der Anschein erweckt, denn die Uno beschütze sie. Dabei sind die Blauhelme des französischen Uno-Kommandeurs in Bosnien General Philippe Morillon, der vergangene Woche nach Paris zurückkehrte (siehe Interview Seite 100), nicht einmal in der Lage, die Sicherheit der Moslem"Schutzzonen" gegen den serbischen Kriegsfuror zu garantieren.
"Somalische Zivilisten müssen den Preis für die Impotenz des Westens in Bosnien bezahlen", argwöhnt die somalische Ko-Direktorin der Menschenrechtsorganisation "African Rights", Rakiya Omaar. In Mogadischu wolle US-Präsident Clinton seinen "politischen Mannesmut unter Beweis stellen".
Viele Somalier hassen die Amerikaner, weil die auch nach der Übergabe des Oberkommandos an die Uno die Militäraktionen de facto leiten. Der Einsatz in Mogadischu erschien freilich auch Somalias ehemaliger Kolonialmacht Italien zu rambohaft.
Das italienische Blauhelm-Kontingent weigerte sich, Anordnungen des Uno-Oberkommandierenden zu befolgen. Als daraufhin der zuständige Untergeneralsekretär Kofi Annan den General Bruno Loi feuerte, drohte Rom vorige Woche beleidigt, seine 2600 Soldaten aus Somalia abzuziehen.
Die Uno war einmal geschaffen worden, um Kriege zwischen Staaten zu verhindern. Für ihre Einsätze in aller Welt erhielten die Blauhelme 1988 noch den Friedensnobelpreis. Im neuen Zeitalter ethno-nationaler Konflikte aber sieht sich die Weltorganisation immer mehr in Kriege innerhalb von Staaten verwickelt.
Die Tatsache, daß sich "die Nationen heute mehr mit sich selbst im Kriegszustand befinden als mit anderen Regionen", ist zwar nach Meinung von Uno-Chef Ghali "keine Entschuldigung für _(* In Sarajevo. ) Nichthandeln". Aber 80 000 Blauhelm-Soldaten auf 13 Missionen rund um die Welt (siehe Grafik) fühlen sich zunehmend auf verlorenem Posten. Kritiker werfen ihnen vor, ineffektiv zu handeln, gar mehr zu schaden als zu nutzen.
In Kambodscha etwa organisierte und beaufsichtigte die Uno Wahlen, die überraschend fair verliefen. Bald aber drohte sich dort zu wiederholen, was in Angola passiert war: Nachdem die Verliererpartei das Ergebnis nicht anerkannte und der Bürgerkrieg wiederaufflammte, zog sich die Uno weitgehend zurück - sie hatte der Demokratie einen Bärendienst erwiesen.
"Kurzfristig geplante Nothilfeaktionen ohne Berücksichtigung der Besonderheiten des Landes und ohne ein präzise formuliertes Ziel", urteilt der ehemalige Staatssekretär Klaus Otto Nass, "laufen Gefahr, entweder zu einer Daueraktion zu werden oder ein Chaos zu hinterlassen."
Im ostafrikanischen Somalia, wo kein Staat mehr existierte und schon 350 000 Menschen durch Bürgerkrieg und Hunger ums Leben gekommen waren, erschien 1992 eine Uno-Aktion erfolgversprechend. Der als Mann Afrikas zum höchsten Uno-Repräsentanten berufene Ägypter Ghali akzeptierte dankbar das Hilfsangebot des bereits abgewählten US-Präsidenten George Bush: Ermächtigt durch die Weltorganisation, landeten in der Adventszeit 20 000 amerikanische Soldaten in Mogadischu.
Die humanitäre Intervention unter amerikanischer Führung unterstrich Washingtons neue Einstellung zur Uno. Hatte Präsident Reagan die Weltorganisation so gehaßt, daß er sie am liebsten aus New York verbannt hätte, so sah sein Nachfolger George Bush nach dem Ende des Kalten Krieges eine Neue Weltordnung mit vielversprechenden Perspektiven.
"Seit dem Verschwinden des Sowjet-Vetos", schreibt der ehemalige Uno-Spitzendiplomat Conor Cruise O''Brien, wurden die Vereinten Nationen das "erwählte Instrument einer globalen Pax Americana". Die vom Uno-Sicherheitsrat gebilligte "Operation Wüstensturm" zur Befreiung Kuweits von Saddam Husseins Truppen erschien Bush als Auftakt zu dieser neuen Ära. Die Landung in Somalia bedeutete die Fortsetzung.
Heute gelobt Präsident Clinton, Amerikas "einzigartige Führungsrolle durch multilaterale Werkzeuge, wie die Uno", fortzuführen. Seine Flugzeuge und Kampfhubschrauber sollen die "Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit der Uno-Blauhelme" stärken, wenn Männer wie Aidid die Weltorganisation herausfordern.
Daß sich die Uno-Friedenshüter nunmehr auf Militäraktionen gegen Aidid konzentrieren, rügt der im vergangenen November abgelöste Sonderbeauftragte des Generalsekretärs in Somalia, Mohammed Sahnoun, als fatalen Fehler (SPIEGEL 26/1993).
Die "Operation neue Hoffnung" hätte von Anfang an die Entwaffnung aller Freischärler einschließen müssen, kritisiert der algerische Diplomat. Statt nur mit den Milizen-Chefs zu verhandeln, hätte die Uno zivile Bevölkerungsgruppen wie Händler, Frauen, Intellektuelle und Ältestenräte in Gespräche einbeziehen und damit aufwerten sollen. "Man wollte mit militärischer Macht Lösungen durchsetzen", so Sahnoun, "die nur durch Diplomatie zu erreichen sind."
Schon einmal war die Weltorganisation schlimm gescheitert, als sie versuchte, in Afrika mit Waffen Frieden zu schaffen.
Während der Mission im Kongo 1960 bis 1964 kamen Uno-Generalsekretär Dag Hammarskjöld und der Ministerpräsident des Landes, Patrice Lumumba, ums Leben. 234 Blauhelm-Soldaten fielen. In der Folge blieb Zaire unter seinem korrupten Präsidenten Mobutu ein von Krisen geschütteltes Land - das nach einer humanitären Intervention geradezu schreit.
[Grafiktext]
__19_ Friedensmissionen der UNO weltweit
[GrafiktextEnde]
* In Sarajevo.

DER SPIEGEL 29/1993
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