19.07.1993

StudentenSchlägt voll durch

Die Suche nach Ferienjobs, auf die viele Studenten angewiesen sind, ist so schwer wie nie.
Zwei Polen putzen sich auf der Toilette die Nacht aus den Zähnen, drei bayerisch sprechende Mädchen packen Vollkornbrot zum Frühstück aus, eine Gruppe zerknautschter Iren stellt die Tramperrucksäcke in die Ecke. Jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe um sieben Uhr drängen sich bis zu 200 Studenten verschiedener Nationalitäten - eine Art multikulturelle Wartegemeinschaft - in zwei kargen Räumen in der Kühbachstraße 9-11 der Münchner Innenstadt.
Sie sind alle, so sagen sie reihum, "mehr oder weniger blank", brauchen "dringend Kohle" und hoffen, "in kürzester Zeit viel Geld zu machen". Helfen soll ihnen der Studenten-Service des Arbeitsamtes. Gesucht: ein Ferienjob.
Allein über eine Million deutscher Studenten, rund 60 Prozent aller angehenden Akademiker, haben in den letzten Jahren jeweils in den Sommersemesterferien gearbeitet. Sie haben sich als Bürobote, Fahrer, Kellner oder Handlanger verdingt, als Spüler, Parkplatzeinweiser oder Auktionshelfer.
In diesem Jahr ist es jedoch schwierig, an Bargeld zu kommen: Die miserable Wirtschaftslage hemmt den studentischen Arbeitsdrang.
"So schlecht war es noch nie", berichtet Martin Salinger, Maschinenbaustudent in München und erfahrener Ferienjobber. "Vor allem bei Hilfsarbeiterjobs haben wir kaum etwas zu bieten", klagt Rosemarie Euringer, Leiterin der Außenstelle des Münchner Arbeitsamtes.
Der Verdrängungskampf eskaliert, ohne Zusatzqualifikationen wie Computerkenntnisse, Fremdsprachen oder eine Lehre als Bankkaufmann sind die Chancen für junge Jobber gering. Dieter Bürger vom Studenten-Service in Frankfurt am Main schätzt: "Nur noch 40 bis 50 Prozent unserer Bewerber können wir einen Job vermitteln."
Besonders schwer haben es Studiosi aus dem Ausland. Seit dem Fall der Mauer ziehen jeden Sommer Tausende junger Polen, Tschechen und Ungarn gen Westen, um sich eine Handvoll D-Mark zu verdienen - oft ohne ein Wort Deutsch zu sprechen.
Einer dieser studentischen Glücksritter ist Zbigniew Zdebski. Er studiert in Krakau Sport und hat sich vom angeblichen Job-Dorado Deutschland das dringend nötige Geld für sein letztes Studienjahr versprochen. Doch jetzt hockt er niedergeschlagen beim Münchner Studenten-Service: "Wenn ich nicht bald etwas finde, muß ich wieder zurück", erzählt er in gebrochenem Englisch.
Auch viele Iren lockt der Weg nach Süden, Richtung "german jobs". Damian Murray und Karl Condron, sie studieren Elektrotechnik und Mechanik in Dublin, sind nicht gut auf ihre Konkurrenten aus Osteuropa zu sprechen. Die seien bereit, für weniger als 10 Mark in der Stunde zu arbeiten, was die Preise verderbe. Die zwei Iren träumen von 18 Mark.
Die Aussichten für die beiden sind jedoch dürftig. Durch die Rezession ist das Lohnniveau auch in der Bundesrepublik gesunken. 14 bis 16 Mark pro Stunde sind bei großen Firmen maximal drin, mittelständische Betriebe zahlen im Schnitt allenfalls 12 bis 14 Mark. Die Traumfirma der Jobsucher heißt BMW. Begeistert erzählen die Iren von 22 Mark Stundenlohn und mehreren hundert Landsleuten, die dort in den letzten Jahren malochten. Doch das war einmal: Der Münchner Karossenbauer stellt in diesem Sommer nicht mal 100 Ferienjobber ein; in den Jahren davor waren es jeweils zwischen 500 und 800.
Radikal spart auch Mercedes. Tausende Studenten der Universitäten Stuttgart und Tübingen machten sich früher in den Semesterferien "beim Daimler" in Untertürkheim die Hände schmutzig. Mit Überstunden, Schmutz- und Schichtzulage ließen sich 5000 Mark brutto in vier Wochen verdienen. In diesem Jahr ist der Stern gesunken: Es gibt so gut wie keine Stellen.
Noch düsterer sieht es in den neuen Bundesländern aus. "Die Arbeitslosigkeit der Erwachsenen schlägt voll auf den studentischen Arbeitsmarkt durch", sagt Melanie Nassauer vom Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg. Je nach Region findet nur jeder zweite bis zehnte Arbeitswillige einen Job.
Einen "echt coolen Job" angelte sich Andreas Simon nach drei Stunden Warten beim Münchner Studenten-Service, sehr zum Neid seiner Kommilitonen. Der Jurastudent muß ein Auto nach Spanien überführen, darf bei freier Kost und Logis einige Tage ausruhen und soll sich dann wieder hinter ein Lenkrad setzen in Richtung München. Da stört auch die karge Bezahlung von 500 Mark für die Woche nicht. Simon: "Arbeiten und Urlaub in einem, das isses." Y

DER SPIEGEL 29/1993
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