19.07.1993

LAMETTA STATT SILBER

Auf dem Schreibtisch stand als Zierde die Kühlerfigur eines verblichenen Rolls-Royce. Das Schmuckstück war die einzige kapitalistische Extravaganz, die sich die Mannschaft der kleinen Druckerei im Istanbuler Viertel Kadirga leistete. Ansonsten war die Arbeit harte Plackerei.
Oft liefen die Maschinen sogar nachts - bis Anfang Dezember vorigen Jahres. An jenem Wintertag erschienen Fahnder in der Werkstatt und entdeckten, was sie nie zuvor gesehen hatten: Akkurat gebündelt stauten sich Abertausende deutscher 500-Mark-Noten, hergestellt im traditionellen Offsetdruckverfahren.
Es waren so viele falsche deutsche Banknoten, daß die Fahnder sie gar nicht zählen mochten. Die Polizisten beschränkten sich darauf, die Geldpakete zu wiegen, und errechneten dann, daß sie Imitate im Nennwert von 25 Millionen Mark aufgestöbert hatten.
Das falsche Geld aus Istanbul war für einen Absatzmarkt bestimmt, der von Falsifikaten zur Zeit schier überschwemmt wird: Aus dem Nahen Osten, vor allem aber aus Italien, Polen und Rußland schwappen massenhaft nachgemachte Scheine über die deutsche Grenze. Doch auch in den Hinterstuben inländischer Bordelle, auf abgelegenen Bauernhöfen und in großstädtischen Schlafzimmern werden Blüten am laufenden Band produziert, immer häufiger mit Hilfe von Farbkopierern.
Von einer "explosionsartigen Entwicklung" spricht Winfried Preuss, der Blütenspezialist des Bundeskriminalamtes (BKA). Allein in der vorigen Woche stellte die Polizei in Köln auf einen Schlag Falschgeld im Nennwert von 1,7 Millionen Mark sicher, hergestellt von einem Kosovo-Albaner. In der Fälscherwerkstatt fanden die Fahnder einen Laserkopierer, im Wagen des Albaners stapelweise falsche Pässe und Fahrzeugbriefe sowie Pistolenmunition.
Für die Urlaubszeit prophezeit das BKA einen weiteren "starken Anstieg" der Falschgeldwelle, vor allem aus den einstmals kommunistischen Ländern. Preuss: "Der Druck aus dem Osten wird immer doller, immer stärker."
Bislang schon wurde in großem Stil hingelangt. 1990 hatte die Polizei lediglich 590 Kopierfälschungen registriert. 1991 waren es bereits 18 226, ein Jahr darauf mehr als doppelt so viele (37 285). Wenn der Trend der ersten Monate Bestand hat, wird sich die Zahl bis Ende dieses Jahres abermals verdoppelt haben - auf mehr als 70 000 Fälle.
Große internationale Syndikate, bodenständige deutsche Ganoven und freischaffende kleine Fälscher versuchen, koste es, was es wolle, die schnelle Marie zu machen. "Geldfälschen", kommentiert die Financial Times den Boom, sei in Deutschland eine "Wachstumsbranche" - wenigstens eine.
Einzelne Polizeierfolge, die allerdings den Trend kaum zu brechen vermögen, erhellen die gewaltigen Dimensionen des Geschäfts. Während Fälscher früher zum Teil in Handarbeit Noten kopierten (siehe Kasten Seite 74), wird jetzt jeweils Geld im Schein-Wert von -zig Millionen hergestellt.
Irgendwo in Polen, vermutlich bei Lodz, erreicht eine illegale Produktion von 100- und 200-Mark-Scheinen nach BKA-Schätzungen den Umsatz eines mittelständischen Betriebs. 20 Millionen Mark schaffen die schnellen Geschäftemacher leicht. Denn zu den bemerkenswertesten Hinterlassenschaften des Sozialismus gehört eine hohe Zahl von Experten, die Scheine zum Wechseln ähnlich nachmachen und Siegel bestens imitieren können.
Das Big Business der Geldfälscher erfordert völkerübergreifende Zusammenarbeit. Am 17. Mai dieses Jahres wurde in Berlin-Friedrichsfelde die mutmaßliche Deutschland-Residentin der Polen festgenommen - die Statthalterin ist 70 Jahre alt und stammt aus Rumänien. Die Blüten-Oma dirigierte 18 fleißige Helfer aus aller Welt.
In Frankfurt verhaftete die Polizei zwei Schlepper, die einem verdeckten Ermittler mehr als zwei Millionen Mark Falschgeld angeboten hatten. Die Falsifikate kamen aus dem israelischen Cholon. Dort sind, einem geheimen Polizeibericht zufolge, bereits Tausender im Wert von "ca. 90 Millionen Mark hergestellt" worden.
Dem Kanzleramt liegen Geheimdienstberichte vor, die erstmals eine Zusammenarbeit zwischen italienischer und russischer Mafia belegen. Die Italiener liefern die Druckmaschinen, die Russen sorgen für Herstellung und Verteilung der Blüten. Für den Transport nach Deutschland nutzen die Mafiosi, so die Geheimdienstler, Militärflugzeuge _(* An einer Kinokasse. ) der abrückenden GUS-Streitkräfte.
Selbst aus dem zerschossenen Libanon gelangt Falschgeld in die Bundesrepublik. In der Trümmerwüste von Beirut werden neben falschen 100-Mark-Scheinen vorzugsweise 500-Mark-Falsifikate hergestellt. "Durch sein optisches Erscheinungsbild und die Papierbeschaffenheit", so das BKA, sei dieses Geld "zur Täuschung im Zahlungsverkehr besonders geeignet".
In Deutschland wiederum haben immer mehr Leute die sprichwörtliche Gelddruckmaschine im Keller, vorzugsweise ein Gerät vom Typ Canon CLC 500, gleichsam der Mercedes unter den Farbkopierern. Mit dem 80 000-Mark-Produkt lassen sich jede Menge Blüten herstellen.
Ein Rentner aus Hamburg-Wandsbek, der "einmal das Gefühl haben wollte, reich zu sein", produzierte sogar mit Hilfe eines Schwarzweißkopierers rund 550 000 Mark; anschließend kolorierte er die Scheine. Die Kopiertechnik nutzte auch ein Freier aus Bayern, dem es Befriedigung verschaffte, Dirnen großzügig, aber mit falschem Geld zu bezahlen.
Ab und zu erwischt die Polizei mal einen der Täter - so wie kürzlich im bayerischen Dießen. Dort ließ sich der schwarzgelockte Grieche Vasilios, 25, die Haare strohblond färben. Anschließend schob er der Friseurin Anita noch einen 200-Mark-Schein über den Tresen und nahm 143 Mark Wechselgeld entgegen.
Erst als die Chefin die Tageseinnahmen zur Raiffeisenkasse brachte, wurde offenbar: Der große Schein war falsch. Pech für den Mann vom Peloponnes: Friseurin Anita erkannte ihn auf dem Volksfest im nahen Weilheim wieder.
"Ich saß im Festzelt, weil mein Vater in der Kapelle mitspielt, da sah ich ihn durch den Seiteneingang reinkommen." Als die herbeigerufene Polizei erschien, berichtet Hauptkommissar Eduard Liedgens, "saß er noch seelenruhig da". Anita gab zu Protokoll: "Er hatte noch die Hose an, mit der er bei uns war."
Der Zweihunderter vom "Salon Petra" ist der neueste Schlager im internationalen Falschgeldgeschäft. In derselben Woche, als Vasilios die Friseurin düpierte, fielen allein in der Marktgemeinde Dießen sechs weitere Geschäftsleute auf die rotbraunen Blüten herein.
Fahnder Liedgens vom bayerischen Landeskriminalamt warnt bereits vor dem Zeitpunkt, "an dem die Leute das Papiergeld nicht mehr annehmen" - eine Stunde, die in vielen Großstädten schon geschlagen hat.
Wer etwa ins Gloria-Kino im Hamburger Stadtteil Harburg will, muß Kleingeld parat haben. "Aus gegebenem Anlaß" weist die Firmenleitung in einem Anschlag darauf hin, "daß wir derzeit keine neuen DM-200-, DM-500- und DM-1000-Banknoten akzeptieren".
Am Wittenbergplatz in Berlin, ganz in der Nähe vom Kaufhaus des Westens, bittet der Besitzer eines Kiosks um Verständnis: "Bitte keine 100 DM - Falschgeld im Umlauf." Die Berliner Blumenfrau Brunhilde Kienesberger hat "zufällig kein Wechselgeld" zur Hand, wann immer ein Kunde ihre Blüten mit einem großen Schein bezahlen will.
Supermärkte bitten ihre Kundschaft, mit Euroscheck statt mit Barem zu zahlen. Und auch viele Taxifahrer lehnen Hunderter und erst recht Zweihunderter strikt ab.
Solche Vorsicht ist verständlich. "Wer sich Falschgeld andrehen läßt, ist immer der Dumme", sagt Winfried Roll, Leiter der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle in Berlin: "Niemand erstattet den entstandenen Verlust."
Wer mit faulen Scheinen auffliegt oder "falsches Geld als echt in Verkehr bringt", muß nach Paragraph 146 des Strafgesetzbuches sogar "mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren" rechnen. Folge: Auch ein Laie, der eine Blüte nicht zu erkennen vermochte, macht sich bei Weitergabe womöglich strafbar. Ärgerliches widerfuhr einer Frankfurterin auf einem Postamt im Nordend. Sie hatte dort einen Hunderter bekommen, der eine Stunde später bei einer Bank als Falsifikat konfisziert wurde. Otmar Erberz von der Post findet das normal: "Wir nehmen Blüten nur zurück, wenn der Kunde gleich am Schalter protestiert."
Mit anderen Worten: Der Post- und Bankkunde soll gewiefter sein als der Fachmann. "Die Kreditinstitute", kritisiert der Berliner Ermittler Lothar Lax, "sind leider die größten Verbreiter von gefälschten Geldscheinen." Immer wieder würden Automaten mit Partien bestückt, die nicht vorher nach Falsifikaten gefilzt worden seien.
"Kassierer werden angelernt", sagt Lax, "aber oft wird nicht gelehrt, echtes von falschem Geld zu unterscheiden." Die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Sorgfaltspflicht sei vielfach "vernachlässigt" worden, bestätigt sein Wiesbadener Kollege Leo Unbescheiden. Bei einer Auswertung der Falschgeldfunde stellte das BKA fest, daß in jedem dritten Fall die Falsifikate "bei den Banken zunächst unerkannt" geblieben waren. _(* Mit Sicherungsschlüssel. )
Das Bankpersonal fällt zum Teil sogar auf Fälschungen aus dem Farbkopierer herein - Imitate, die jeder Feierabendganove herstellen kann. Die modernen Vervielfältiger sind mit ein paar Handgriffen zu bedienen. Freizeitfälscher können sich bei Leasingfirmen bedienen, auch Büroläden bieten die Möglichkeit, Farbkopien in früher nie gekannter Qualität zu fertigen. Die ersten Scheine aus dem Kopierer kamen 1988 in Umlauf. In den folgenden Jahren beobachteten Experten wie der Mainzer Kriminaloberrat Karl-Heinz Weber "eine Renaissance der Druckfälschungen". Neuester Schlager sind sogenannte Kombinationsfälschungen (siehe Kasten).
Vor zwei Jahren tauchten die Kombi-Scheine, für deren Herstellung eine Druckmaschine und ein Kopierer benötigt werden, erstmals auf. Die High-Tech-Hunderter haben gewöhnlich erstklassige Farben und scharfe Konturen.
"Das Wasserzeichen", so steht es in einem vertraulichen BKA-Bericht, werde dabei "zunächst aufgedruckt, danach erfolgt der Farbkopiervorgang und das Aufprägen des Sicherheitsfadens". Das neue Herstellungsverfahren verdeutliche, so das BKA, "daß Fälscher innovativ vorgehen und die moderne Technik schnell für ihre Zwecke einzusetzen wissen".
Für Währungshüter, Kriminalisten und Geschäftsleute ist es schwierig geworden, im Wirrwarr der Blüten den Durchblick zu wahren. Klar ist, daß die größte Masse deutschen Falschgeldes außerhalb der Landesgrenzen entsteht. In den Republiken des zerborstenen Sowjetimperiums oder in Polen, Rumänien und Ungarn, wo die Mark mehr Vertrauen als das heimische Geld genießt, sind die Falsifikate vielerorts zur Parallelwährung geworden.
In den Devisenabteilungen einiger Geldhäuser im Osten liege der Falschgeldanteil "teilweise schon bei 15 Prozent", sagt BKA-Experte Preuss. "Das organisierte Verbrechen versucht, auch unsere Wirtschaft zu untergraben", klagt der Moskauer Staatsanwalt Wladimir Sawin, der neulich am Comer See deutschem Falschgeld nachspürte.
"Falschgeldherstellung ist ein Todesurteil für die Wirtschaft", fürchtet der russische Notenbank-Vize Alexander Chandrujew (siehe Kasten Seite 78). Am häufigsten werde gefälschtes deutsches Geld "auf dem wilden Markt" unters Volk gebracht: "Eine Babuschka, eine Oma, nimmt lieber Mark als Rubel, wenn sie ein Schwein auf dem Markt verkauft."
Auch im Ausland will die Bundesbank demnächst versuchen, "bei den Leuten rüberzubringen, was bei den jetzt geltenden Scheinen zu beachten ist", kündigt ein Sprecher an. Faltblätter und Plakate für den Aushang in Amtsstuben, Banken und Wartezimmern sollen in polnischen, tschechischen und ungarischen Versionen gedruckt und in den Ostländern in hoher Auflage verbreitet werden.
Die Polizei steht weithin machtlos einem ganzen Netzwerk krimineller Unternehmungen gegenüber. Das Falschgeldgeschäft betreiben nicht etwa einige wenige hierarchisch gesteuerte Kriminellen-Konzerne, sondern - wie auf der legalen Seite der Wirtschaft auch - eine Vielzahl großer und kleiner Konkurrenzunternehmen. Die Unterweltfirmen arbeiten konspirativ und schotten sich strikt gegeneinander ab. Auch der Kontakt zwischen Tätern desselben Rings wird auf ein Minimum begrenzt.
Die Bosse vergeben die Aufträge. Angeheuerte Fachkräfte erfahren meistens gar nicht, für wen sie arbeiten. Oft kennen sie, weil sie mit verbundenen Augen herbeigebracht werden, nicht einmal die Lage des Tatorts.
Ähnliche Sicherheitsregeln gelten unter Großhändlern, Mittelsmännern und Einzelhändlern der Fälscherringe. Jeder Verteiler kennt nur einen Verbindungsmann sowie den Vertriebspartner, mit dem er später Kontakt aufnimmt.
In Oppenheim am Rhein fiel ein polnisches Pärchen auf, das 163 falsche Hunderter im Gepäck hatte. Nach Lieferanten befragt, verweigerten beide strikt die Aussage. In ihrem Auto fanden die Fahnder weder Tankbelege noch Hotelrechnungen. Und auch keine Eintragung im Notizbuch verriet, woher die Täter gekommen und auf welcher Route sie an den Rhein gelangt waren.
Die Hintermänner des Duos sind noch immer im Hintergrund. Carlo Mori, Chef der Anti-Falschgeld-Brigade in Rom, vermutet die Werkstätten in der Lombardei, "wo das Fälschen Tradition hat".
Bisweilen werden Druckereien nur für ein Wochenende in eine Fälscherzentrale verwandelt oder aber mobile Maschinen vorübergehend in einem sicheren Gebäude installiert. "Vier Platten und vier Farbfilme reichen", sagt Mori, um Geld zu drucken.
"Das ganze Zubehör", meldete er in einem Rapport ans BKA, bestehe aus "winzigen Teilen, die man in den Geldbeutel stecken und mitnehmen kann". Gelegentlich würden Filme und Klischees gegen teures (echtes) Geld auch an andere Banden weitergegeben.
Nach Moris Einschätzung operieren im Falschgeldgeschäft "eher Randgruppen" von Mafia und Camorra. Den ganz Großen seien die Profitmargen nicht hoch genug, überdies sei das Geschäft zu risikoreich. Die Fälscher bekämen gerade mal fünf Prozent, den Rest kassiere der Handel.
Neulinge brauchen eine Weile, um die Spielregeln zu verstehen. Ihnen fehlt oft der Sinn für die Andeutung, das Ohr für jene Worte, die unausgesprochen bleiben. _(* An einer Hamburger Kaufhauskasse. )
Wochenlang wurde im Allgäu der sizilianische Gastwirt Vito di Stefano, 37, abgehört. Von "Mustern" war die Rede und davon, daß die Ware "erst mal trocknen" müsse. "Polizei und Justiz inszenieren hier eine Mafia-Komödie", entrüstet sich di Stefanos Anwalt Thomas Pfister.
Klar ist: Es ging um Kokain und ein Millionen-Blüten-Geschäft. Als Mittäter einem verdeckten Ermittler falsche Noten eines Typs zusteckten, der vorher schon in Frankenthal und Worms aufgetaucht war, platzte der Deal.
Oft geht das Falschgeldgeschäft mit kriminellem Tauschhandel (siehe Kasten Seite 77) oder mit Drogendealerei einher. Derzeit stehen in Köln die Italiener Pietro Raspa, 40, und Sebastino Bongarra, 25, vor Gericht. Sie sollen mit Dollar-Falschgeld sowie Waffen und Rauschgift gehandelt haben. Ihr Kölner Hauptquartier, ein Lokal an der Venloer Straße, war ein Jahr lang abgehört worden.
Die Lauscher wollen auch von einem Mordkomplott erfahren haben - kein Einzelfall in der Branche, in der Messer und Pistolen locker sitzen.
Als im September 1991 der Kaufmann Efim Laskin, 51, in München bestialisch hingerichtet wurde, ging es vermutlich um Falschgeld. Und als im Oktober vorigen Jahres in Weimar ein Ostfriese starb, der schon 1985 mit falschen 100-Mark-Scheinen aufgefallen war, ermittelte die Polizei, daß das Opfer wegen einer unbezahlten Falschgeldlieferung erstochen worden war.
Fachleute haben den Falschgeldboom samt seiner Begleitdelikte vorhergesehen. Das Unglück begann aus ihrer Sicht 1990 mit der Einführung neuer Scheine, die von der nicht eben bescheidenen Feststellung der Bundesbank begleitet wurde, das neue Geld gehöre "zu den fälschungssichersten Noten der Welt", es weise "den bestmöglichen Schutz vor Fälschungen" auf.
Stolz zeigten Experten der Bundesbank den Kollegen vom BKA vor der Einführung die neuen Noten. Die Kriminalisten verschwanden im Nebenraum und kamen kurz darauf mit hervorragenden Kopien zurück - Geld läßt sich vervielfältigen.
Der absehbare Vormarsch der Farbkopierer war von den Währungsexperten schlicht ignoriert worden. Helmut Schieber, Direktoriumsmitglied der Bundesbank, räumt heute ein, daß sein Haus "die Gefahr von Gelegenheitstätern an den Kopierern unterschätzt" habe.
Unterschätzt wurde auch, was Nachahmungskünstler am Offsetdrucker zuwege bringen. So lobte die Bundesbank bei der Einführung der neuen Banknoten den neuen Sicherheitsfaden aus aluminiumbeschichteter Silberfolie als neues Fälschungshindernis. Doch der Faden wird von den Geldbastlern einfach mit einem Silberstift oder mit Lametta und Pinzette nachgeahmt.
Manche Sicherheitshürde, die den Bundesbankern als unüberwindlich galt, meistern italienische oder polnische Drucker ohne Problem. Mikrobuchstaben und -ziffern ("DM", "100"), die auf dem Silberstreifen oft nur mit einer Lupe zu erkennen sind, werden auf Falsifikaten mit Handwerkszeug aus der Goldschmiedewerkstatt imitiert. Wasserzeichen, die im Original aus Verdickungen und Verdünnungen des Papiers entstehen, werden auf die Fälschung weiß aufgedruckt.
Daß in den Kopien und auch in den Druckfälschungen die fluoreszierenden bunten Fasern fehlen, die in den echten Noten enthalten sind, fällt nur unter ultraviolettem Licht, in der Disco, im Labor oder unter einer Kontrollampe auf. Und die bizarren Zeichen auf der Vorder- und Rückseite der Banknote, die sich, gegen das Licht gehalten, zu einem "D" ergänzen, geraten beim Kopieren mit Hilfe eines Passepartouts auf Millimeterbruchteile paßgerecht.
Im Farbbalken am rechten Rand einer Originalnote die changierenden Buchstaben ("DM") zu erkennen, gelingt oft nur bei gutem Tageslicht. Mancher kommt dabei noch nicht einmal mit dem Trick zurecht, den Schein in Augenhöhe gekippt zu halten und ihn in Längsrichtung zu drehen. BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert ließ sich Falsifikate zeigen, bei denen auch dieses Hindernis überwunden worden ist. Zachert: "Die waren ungeheuer gut."
Nur beim Fünfhunderter und beim Tausender der neuen Geldserie hat die Bundesbank den Druck- und Kopierfälschern wirkliche Probleme bereitet - mit Hilfe des sogenannten Ovi-Effekts (von Optical variable ink, einer Spezialtinktur): Die Farbe des Geldes in der unteren Hälfte der Wertzahl auf der Vorderseite changiert von Gold nach Grün, wenn der Schein schräg in der Hand gehalten wird.
Diesen Effekt auf den Hunderter und den Zweihunderter zu übertragen, wäre nach Ansicht mancher Falschgeldexperten schon eine nennenswerte Prävention gegen künftige Fälschungswellen. Daß das bisher nicht geschehen ist, entschuldigt Bundesbank-Direktoriumsmitglied Helmut Schieber mit dem Hinweis, die Ovi-Masche sei bei der Einführung der Ein- und Zweihunderter vor drei Jahren noch nicht serienreif gewesen.
Bald allerdings, so Schieber, solle das Druckverfahren, "wenn es sich in der Praxis bewährt" habe, auch bei kleineren Scheinen angewandt werden. Schieber: "Wir geben jährlich mehr als eine Million Mark für Verbesserungen aus."
Blütenexperten in den Landeskriminalämtern und im BKA werfen der Bundesbank gleichwohl noch immer "Blauäugigkeit und Arroganz" vor. Die Behörde habe sich zu selbstsicher gegeben. Sämtliche neuen Sicherheitsmerkmale auf den Banknoten, meint der bayerische Kriminalist Liedgens, hätten "für die Augen des Laien beim täglichen Wechselvorgang keine Bedeutung". Ein Fälscher, der Geld nicht originalgetreu kopieren, sondern nur den Eindruck von Echtem erzeugen wolle, habe nach wie vor leichtes Spiel.
Wolfgang Steinke, Chef der Abteilung Kriminaltechnik in Wiesbaden, beharrt auf einem anderen Vorwurf: "Die Farbkopierhersteller arbeiten den Geldfälschern in die Hände und in die Geldbörsen."
Rund 8000 hochwertige Farbkopierer, so schätzen Branchenkenner, sind derzeit in deutschen Büros im Einsatz. Gelegenheit macht Falsifikate. Längst sind die ersten Blüten auf dem Markt, die mit tragbaren Geräten hergestellt wurden.
Zwar rät die Firma Canon ihren Kunden, "den Sicherungsschlüssel unter strenger Aufsicht" zu verwalten, um "strafrechtlich relevante Aktionen" zu vermeiden. Doch das hilft nicht viel.
Nach Ansicht von Leo Unbescheiden, des hessischen Falschgeldexperten, gibt es ganz simple Möglichkeiten, mehr Fälschungssicherheit zu erreichen. Auch der beste Farbkopierer bewältige die Farben Silber und Gold nicht; Gold erscheint in einem schmutzigen Braun, Silber in Grau auf der Nachahmung. Unbescheiden: "Der seitliche Farbbalken bräuchte nur eine metallhaltige Beimischung, dann gäbe es schwarze Kopien."
Sein Münchner Kollege Liedgens schlägt vor, den silbernen Sicherheitsfaden bei künftigen Auflagen "auf einen halben Zentimeter zu verbreitern". Damit allerdings wäre der Staat zwar gegen Kopierfälschungen, aber noch lange nicht gegen Druckfälschungen gefeit.
Damit Banken an ihren Automaten kein Falschgeld mehr ausgeben, hat die Bundesbank sie dringend ermahnt, die Magazine nur noch mit staatlich überprüften Bündeln zu bestücken. Der Einzelhandel, darunter die Edeka-Kette, empfiehlt den Firmen, Ultraviolettprüflampen an den Kassen einzubauen. Die Firmen Philips in Hamburg und "COM 2" in Putzbrunn offerieren Dokumentenprüfgeräte zum Preis von 298 oder 394 Mark.
Die kleine Lüneburger Firma Caroline wiederum bietet seit Mai einen Falschgeldstift an, der einem Filzschreiber ähnlich sieht. Ein Strich, und schon sei der kleine Unterschied zu sehen, wirbt die Firma: Eine chemische Lösung reagiert mit der im echten Schein verwobenen Baumwolle.
Nur: Ist ein Schein mehrfach auf diese Weise geprüft worden und tauchen auf ihm vermehrt Striche auf, verliert er seine Umlauffähigkeit und wird aus dem Verkehr gezogen.
Zwar hat Canon mittlerweile ein Nachfolgemodell des CLC 500, den CLC 550, auf den Markt gebracht, der beim Geldkopieren nur eine schwarze Seite liefert - ein Mikrochip hat alle gängigen Noten gespeichert und vergleicht die eingelegten Scheine mit dem einprogrammierten Material. Doch den früheren Modellen, die einen solchen Kopierschutz noch nicht haben, ist eine Lebensdauer bis über die Jahrtausendwende beschieden.
Mit einem vermeintlichen Patentrezept gegen die Falschgeldwelle wollen neuerdings CDU- und CSU-Politiker von sich reden machen: Her mit dem silbernen 100-Mark-Stück, fordern sie - schlichte Begründung: Eine Münze lasse sich schließlich nicht per Farbkopierer vervielfältigen.
Ein 100-Mark-Stück, erklärte der Bonner CSU-Abgeordnete Bernd Protzner in der Bild-Zeitung, werde bei "attraktiver Größe und Silbergehalt" sicherlich "vom Bürger akzeptiert" werden. Protzners CDU-Kollege Wolfgang von Geldern äußerte die Gewißheit, der klingende Hunderter werde sich, anders als die Banknoten, "fälschungssicher" gestalten lassen.
Experten äußern sich zurückhaltend zu dem Unionsvorschlag. Bundesbank-Sprecher Manfred Körber hält ihn schon deshalb für "kaum praktikabel", weil voriges Jahr 50 Prozent mehr falsche Münzen als falsche Scheine angehalten wurden. Körber: "Gäbe es Hundertermünzen, dann wäre der Anreiz für die Münzfälscher ja noch viel größer." Generell seien, bestätigt Peter Walter, Leiter der Hauptkasse bei der Bundesbank, "Sicherheitsmerkmale auf einem Schein besser und klarer anzubringen als auf einer Münze". Käme die 100-Mark-Münze, müßte jeder Einzelhandelskassierer ein kleines Labor samt Bunsenbrenner und Reagenzien zur Hand haben, um Münzfälschungen an der Zusammensetzung der Legierung erkennen zu können.
"Eine Münze von 100 Mark, das brächte gar nichts", urteilt auch BKA-Fachmann Preuss: "Die Druckfälscher würden sich einfach auf die höheren Werte - 200, 500 und 1000 Mark - konzentrieren oder eben auf die niederen."
Nach CDU-Logik "müßten dann auch 20-Mark- und 50-Mark-Münzen eingeführt werden". "Nur die Lederindustrie würde davon etwas haben", kombiniert der Kriminalist, "weil die Portemonnaies dann größer werden müßten." Y
*VITA-KASTEN-1 *
Falschgeld aus Italien, Polen und Nahost, aber auch aus heimischen Farbkopiergeräten überschwemmt Deutschland. Allein letzte Woche beschlagnahmte die Polizei Blüten im Wert von 1,7 Millionen Mark. Selbst Bankautomaten spucken Falschgeld aus. Unionspolitiker wollen nun 100-Mark-Münzen einführen - angeblich fälschungssicher.
[Grafiktext]
__79_ Sieben Sicherheitsmerkmale d. Hundertmarkscheins
[GrafiktextEnde]
* An einer Kinokasse. * Mit Sicherungsschlüssel. * An einer Hamburger Kaufhauskasse.

DER SPIEGEL 29/1993
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