20.06.1994

BrasilienMesser am Kinn

Ein Volk zwischen Hysterie und Depression: Von Romarios Spielkunst hängt das Seelenheil der Nation ab.
Juarez Moreira verehrt viele Heilige, aber nur einen Gott. Wie immer klebt er auch vor dem Testspiel gegen El Salvador Abziehbilder der Jungfrau Maria auf sein Kommentatorenpult - aber retten, so glaubt der Mann vom Fernsehsender TV Bandeirantes, kann das Land nur ein Erlöser in Fußballstiefeln: "Romario".
Noch keine Viertelstunde ist vorüber, da schießt der Heilsbringer prompt das 1:0. Doch dann bleibt er plötzlich stehen, hält sich mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht den Oberschenkel: Romario de Souza Faria muß ausgewechselt werden. 300 aufgeregte Journalisten interviewen sich gegenseitig. "Katastrophe", schreit Moreira, 50, dem Nebenmann ins Funktelefon und damit live in die Nacht von Sao Paulo, "ohne Romario wird Brasilien untergehen."
"Ja, vermutlich", lächelt Cheftrainer Carlos Alberto Parreira, 51, obwohl er weiß, daß Ironie in diesem Augenblick nationaler Düsternis nicht gefragt ist. Schnell teilt er deshalb mit, daß sein Mittelstürmer "nicht ernsthaft verletzt" sei. Doch glauben will es niemand: Die Vorstellung, ohne Romario, 28, um den Titel spielen zu müssen, ist zu traurig, um nicht wahr zu sein. Mit Romario Weltmeister, ohne ihn chancenlos - dazwischen ist nichts.
Keine andere der 24 in den USA teilnehmenden Mannschaften hat mit ähnlichen Schwankungen zwischen Hysterie und Depression zu kämpfen wie die Brasilianer. Der Erwartungsdruck, dem die Turnierfavoriten aus Südamerika ausgesetzt sind, ist "nicht mehr zu steigern", urteilt Italiens Trainer Arrigo Sacchi. Welche übermäßige Bedeutung der Fußball erhalten kann, dafür sind die Brasilianer ein treffliches Beispiel.
Die Funktion eines Ventils für soziale Not hat der klassische Sport der armen Leute seit jeher. Doch um so größer im Land die Probleme durch Armut oder Kriminalität werden, je näher die Lichtgestalten durch mediale Dauerpräsenz rücken, desto absurder wird die Verantwortung, die sie übernehmen müssen. Seine Fußballer und er, meint Parreira, dienen als "Hebel und Tribüne für die Frustration eines ganzen Volkes". Sollte Brasilien Zweiter werden, haben Anhänger dem Verband schriftlich angekündigt, springen sie aus dem Fenster. Kann aber die wohl beste Mannschaft der Welt noch unbeschwert aufspielen, wenn es, so Verteidiger Ricardo Rocha, "um Leben und Tod" geht?
Von Wirtschaft und Politik enttäuscht, projizieren 150 Millionen Menschen Freude und Trauer allein noch auf die Nationalelf, die sie Selecao nennen. Der Tod des Formel-1-Helden Ayrton Senna, sagt Parreira, habe "von zwei Chancen, die wir Brasilianer hatten, eine übriggelassen"; für die WM-Spieler sei der täglich erneuerte nationale Auftrag eine "traumatische Erfahrung".
Da reicht ein 1:1 in einem belanglosen Vorbereitungsspiel gegen Kanada aus, um die Zeitung O Globo ("Eine Ohrfeige für unser WM-Team") in Panik und die Spieler, wie der beim VfB Stuttgart tätige Dunga berichtet, in "Versagensängste" zu stürzen.
Jeder angebliche Fehler im Detail bringt gleich das große Ganze zum Wackeln. Zählt Parreira bei der Gymnastik nur laut bis acht, statt wie seine Vorgänger die Oberschenkel im Rhythmus von Sambatrommeln dehnen zu lassen, wird in Dutzenden von Live-Reportagen schon seine Entlassung angekündigt.
Da der Verband erstmals Gitter und Wächter um das Trainingsfeld gestellt hat, um Interviews während der Übungen zu verhindern, beklagen nun ehemalige Profis als Kommentatoren den nationalen Hochverrat. "Wir dürfen unsere Kultur nicht verleugnen", warnt Ex-Nationalspieler Gerson. Und daß Profis, die ihre Tricks am Strand lernen, heute Fitneßtests in Luftfahrtzentren durchstehen müssen, hält Altstar Carlos Alberto für einen Fluch der Moderne: "Wir waren damals selbständiger."
So präsentieren sich die "Kanarienvögel", wie die Spieler wegen ihrer blaugelb-grünen Montur genannt werden, im Trainingscamp im kalifornischen Los Gatos nervös und störanfällig, als wären sie überzüchtet. Jeden zweiten Morgen, moniert Jorginho vom FC Bayern München, werde beim Frühstück ein neuer Krach diskutiert.
Daß die Spieler, durch Kurzvorträge des Trainerstabes auf Rhetorik getrimmt, nur Nichtigkeiten in die Telefone sprechen, die ihnen von Journalisten wie Messer ans Kinn gesetzt werden, hilft ihnen nicht. Denn die Wortfetzen, von den Sendern direkt unters Volk gebracht, von O Globo zu Schlagzeilen verdichtet und vom Verband ins Mannschaftsquartier zurückgefaxt, reichen aus, unter den sensiblen Kickern Verunsicherung und Mißtrauen zu stiften.
Im Zentrum des Unmuts steht Spitzenverdiener Romario, der mit dem FC Barcelona kürzlich den spanischen Meistertitel errang: Sein Sturmkollege Bebeto kickt beim Vizemeister La Coruna und ist sauer, weil Romario ihn einen "Verlierer" nannte und den Ball "nie abspielt". Zeitungen berichteten, Romario habe sich geweigert, im Flugzeug zwischen Bebeto und einem anderen Spieler Platz zu nehmen.
Wie ein Schüler, der mit immer neuen Streichen um Aufmerksamkeit wirbt, taucht Romario um Tage verspätet im Trainingslager auf und hofft, "daß der Trainer nicht böse ist". Und im Flugzeug habe er nur in der Mitte nicht sitzen mögen, weil er da "Platzangst bekomme".
Auf dem Trainingsplatz verhält sich Romario, wie es sein Image verlangt. Laufen 21 Spieler in gelben T-Shirts ums Feld, steht er im blauen Trikot im Mittelkreis und kratzt sich lässig zwischen den Beinen. Anschließend im Gespräch mit der Presse sitzt Romario dagegen mit gekrümmtem Rücken in der Ecke einer Holzhütte, schaut zu Boden und spricht leise wie zu sich selbst - als wäre er noch immer der Junge aus dem Slum Jacarezinho, der die berühmten Nationalspieler auf den Asphalt malte und betteln ging.
Er redet von der "Nation, die betet" und "tanzen wird, wenn ich ihr den Titel schenke", oder "weinen, wenn meine Mission scheitert". Zuweilen stottert Romario, und versucht er einen Witz, vergewissert er sich mit schüchternen Blicken, ob jemand lacht.
Es ist ein Phänomen des Profisports, daß immer wieder Athleten zu Idolen gemacht werden, die selbst am meisten über ihre neue Wichtigkeit staunen. Ähnlich wie etwa der amerikanische Boxer Mike Tyson oder der argentinische Fußballer Diego Maradona scheint Romario, der nur mäßig lesen kann, ein Gefangener des Kultes um die eigene Person zu sein.
Seit er seine Frau Monica vor Fernsehkameras im Strafraum eines Fußballplatzes heiratete, müht er sich, seinem Ruf als Exzentriker gerecht zu werden, zugleich aber auch jener Messias zu sein, der "immer ehrlich ist, Kinder liebt und vom Erfolg nicht weggetragen wird".
In der Sehnsucht Brasiliens nach einem neuen Heiland wurde Romario zum Nachfolger Garrinchas erkoren, jener Heldenfigur, die mit ihren krummen Beinen 1958 und 1962 die Europäer schwindlig gedribbelt hatte. Garrincha zeugte 13 Kinder und sagte einmal auf die Bitte, etwas ins Mikrofon zu sprechen: "Grüß dich, Mikrofon, wie geht's?" Daß er 1983 als Analphabet und Alkoholiker starb, trug zur Legende bei; 100 000 Menschen kamen zur Beerdigung.
"Romario ist besser", sagt Parreira, und nicht einmal er mag die Gefahren sehen. Denn auch der Coach hängt von seinem Angreifer ab, den er als spielende Lebensversicherung betrachtet.
Als Studenten gegen Parreira demonstrierten und die ersten Drohanrufe eingingen, heuerte der Fußball-Lehrer, der sich wie ein Salman Rushdie des Sports fühlt, Personenschutz an. Daß sein deutscher Kollege Berti Vogts fürchtet, je nach Abschneiden als Held oder Vaterlandsverräter zu gelten, sei läppisch: "Wenn ich nicht Weltmeister werde, zünden sie mir das Haus an."
Fußball wird in Brasilien sogar im Präsidentschaftswahlkampf eingesetzt: Wie alle Kandidaten läßt der Arbeiterführer Lula Großbildleinwände in den Armenvierteln aufstellen und Lautsprecherwagen durch die Straßen fahren, die Wahljingles mit Nachrichten aus Kalifornien mischen. Der Titel, so rechnet Lula, wird Stimmen bringen - doch auch Wut läßt sich ausschlachten, und die hat sich aufgestaut.
Seit Pele die Selecao 1970 zum letzten Titel führte, haben Niederlagen für ein kollektives Trauma gesorgt - wie 1982, als der Italiener Paolo Rossi, den sie heute noch "Engel Luzifer" nennen, mit drei Toren die Weltstars Zico und Socrates bezwang. So wurde Fußball zu einer Art brasilianischem Tango, zum Synonym für Leidensgeschichten um eine enttäuschte Liebe. Theoretisch, sagt Jorginho, spiele Brasilien diesmal wieder perfekt: "Wenn wir den Ball nicht haben, agieren wir taktisch wie die Europäer. Haben wir ihn, greift unsere Kreativität."
Wird Brasilien aber dennoch wieder nicht Weltmeister, ist immerhin schon ein Nachfolger für Romario gefunden. Ronaldo Luis Nazario de Lima, der "neue Pele", meldet Reporter Moreira, hat in 57 Juniorenspielen 59 Tore geschossen. Er ist 17 Jahre alt und trägt eine Zahnspange. Y

DER SPIEGEL 25/1994
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