19.07.1993

AlkoholBesonderes Risiko

Jugendliche Autofahrer verursachen besonders viele Unfälle im Suff. In Bonn wird deshalb über ein absolutes Alkoholverbot für junge Führerscheinbesitzer diskutiert.
Das Verhängnis traf die katholischen Pilger, auf einem Fußmarsch ins bayerische Kloster Andechs, kurz nach 22 Uhr. Am 11. Juni raste im Landkreis Augsburg ein Auto in die Gruppe - vier Gläubige starben, 20 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Todesfahrer, 21 Jahre alt, war betrunken - Blutalkoholgehalt: 1,8 Promille.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes starben voriges Jahr auf Deutschlands Straßen 2102 Menschen, weil Betrunkene die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren und schwere Unfälle verursacht hatten. Bei jedem fünften Crash mit Todesfolge waren Bier, Wein oder Schnaps im Spiel.
Besonders oft sind junge Fahrer an solchen Unfällen beteiligt. Schon 1991 waren 34 Prozent der alkoholisierten Crash-Piloten, die einen Unfall mit Personenschaden verursachten, zwischen 18 und 25 Jahre alt. Und bis zu einer halben Million Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik sind nach einer Schätzung der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren alkoholkrank oder stark alkoholgefährdet. Die meisten Suff-Dramen passieren in der Nacht von Samstag auf Sonntag, sogenannte Disco-Unfälle. An den Bars der Lokale wird jede Menge Sprit getankt, anschließend donnern die jungen Männer oder Frauen im Geschwindigkeits- und Alkoholrausch über den Asphalt. Endstation ist häufig der nächste Baum oder der Kühlergrill eines entgegenkommenden Fahrzeugs. Zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens ist bei jedem zweiten Unfall Alkohol die Ursache.
Die christdemokratische Bundesjugendministerin Angela Merkel, 39, forderte deshalb vorige Woche ein generelles Alkoholverbot für junge Kraftfahrer. Weder der Führerschein auf Probe noch Aufklärungsaktionen hätten an der großen Zahl der Unfälle etwas geändert. Auch bei einer Anhörung des Bonner Rechtsausschusses Ende Juni wurde darüber diskutiert, ob die Promillegrenze für junge Fahrer herabgesetzt werden soll.
Verkehrsexperten sind jedoch nicht sicher, daß ein Verbot hilfreich und überhaupt durchsetzbar ist. Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) etwa hält eine 0,3-Promille-Grenze bei Fahrern unter 25 Jahren für "diskutierbar", sagt Pressesprecher Andreas Kippe, ein Totalverbot aber müsse abgelehnt werden. Wer abends mehrere Gläser Bier trinke, dürfe nicht durch eine geringe Menge Restalkohol am nächsten Morgen kriminalisiert werden. Grundsätzlich favorisiert der Automobil-Club die bestehende 0,8-Promille-Vorschrift, befürwortet jedoch mehr Kontrollen.
Für ein allgemeines Limit bei 0,5 Promille ist der deutsche Verkehrssicherheitsrat. Zwar könne für junge Verkehrsteilnehmer darüber hinaus ein besonderes Signal gesetzt werden, die Wirksamkeit sei jedoch fraglich.
Ein Alkoholverbot für alle Auto- und Motorradfahrer empfiehlt dagegen die Kölner Gesellschaft für Ursachenforschung bei Verkehrsunfällen. Geschäftsführer Klaus Engels: "Wer trinkt, egal wie alt er ist, soll überhaupt nicht fahren." Alle anderen Regelungen stünden nur unter dem Motto "Rettet unsere Sucht".
Der Kölner Rechtsmediziner Günter Berghaus wiederum kann sich einen speziellen Grenzwert für junge Männer und Frauen durchaus vorstellen: "Jeder Neuling braucht zwischen fünf und sieben Jahren, bis er sicher mit dem Auto fährt." Erst dann seien alle Bewegungen und Handlungen genügend automatisiert.
Unklar ist auch, ob eine festgelegte Altersgrenze bei den Alkoholvorschriften möglicherweise gegen den Verfassungsgrundsatz der Gleichbehandlung verstoßen würde. Der Göttinger Rechtsprofessor Heinz Schöch sieht da allerdings keine Probleme: "Eine 0,3-Promille-Grenze wäre im Bereich der Ordnungswidrigkeiten möglich und auch sinnvoll." Der Rechtsexperte argumentiert: "Junge Autofahrer sind wie Kurzsichtige oder Behinderte eine besondere Risikogruppe."
Erste Erfahrungen mit abgestuften Vorschriften haben die Österreicher. Dort müssen sich seit Anfang 1992 Fahranfänger in den ersten zwei Jahren einem beinahe vollständigen Alkoholverbot beugen, nur 0,1 Promille sind erlaubt.
"Ich bin von der Effizienz überzeugt", sagt Alexander Kaba, Chefpsychologe des Kuratoriums für Verkehrssicherheit in Wien, die Bestimmung werde von der Bevölkerung akzeptiert. Eine Statistik aber gibt es noch nicht, erst Ende des Jahres läßt sich sagen, ob sich die neuen Regeln bewährt haben.
Gelegenheit, die Alkoholgrenzwerte für Jugendliche in Deutschland zu ändern, bietet sich im Herbst. Dann soll der Bundestag entscheiden, ob die Promillegrenze generell neu festgesetzt wird. Die Meinungen der Parteien gehen stark auseinander.
Die FDP will unter allen Umständen die bestehende 0,8-Promille-Obergrenze erhalten. Die Sozialdemokraten fordern eine Senkung auf 0,5 Promille, sind jedoch gegen einen Sonderweg für junge Fahrer. "Wieviel ein Verkehrsteilnehmer trinken darf, kann doch nicht vom Alter abhängen", sagt ein Verkehrsexperte der SPD-Fraktion.
Dionys Jobst (CSU), Vorsitzender des Verkehrsausschusses, sprach sich für die 0,5-Promille-Grenze aus. Auch der neue Verkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) lehnt offenbar eine Senkung nicht mehr grundsätzlich ab.
Ob sich junge PS-Narren durch Gesetze beeinflussen lassen, bezweifeln allerdings Praktiker wie der Kölner Amtsrichter Eugen Menken: Risikofreudige junge Leute seien leider "mehr oder weniger abschreckungsresistent". Y
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__80_ Meinungsforschung:
_____ / Einführung der 0,5 Promille-Grenze im Straßenverkehr?
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DER SPIEGEL 29/1993
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