19.07.1993

JungfrauenVerlorene Rarität

Das Amtsgericht Münster raubte einer verlassenen Verlobten die Entschädigung: Das Kranzgeld, Trostprämie für verlorene weibliche Unschuld, ist verfassungswidrig.
Silvester war's, das Jahr 1991 grüßte frisch, als die jung Verliebte mit dem Burschen ihrer Wahl das formlose Rechtsgeschäft eines Verlöbnisses feierte. Zu Ostern dann, die Frühjahrsgöttin Ostara weckte Natur und Trieb, wohnte der Jungmann der Jungfrau bei.
Im Juni, o heilige Ostara, zerbrach, was so zart verbandelt war. Per Brief kündigte der Verlobte die Liebe auf.
Was der Bursche zum Portogeld von einer Mark ad acta legen wollte, geht nun unter dem Aktenzeichen 50 C 628/92 des Amtsgerichts Münster in die deutsche Rechtsgeschichte ein. Einer Rarität verlustig, hatte die verlassene Verlobte aus Süddeutschland ihren Ex vor dem Amtsgericht verklagt, "ein Kranzgeld in Höhe von 1000,00 DM zu zahlen". Sie kenne einige Männer, "die großen Wert auf geschlechtliche Unbescholtenheit legten", begründete die Deflorierte ihre Furcht, nie wieder als Beringte grüßen zu dürfen.
Im Dezember letzten Jahres taxierte Richterin Sigrid Schöne beim Amtsgericht Münster, was die verlorene Jungfernschaft der Klägerin wert sei, und fällte ihr Urteil: keinen Pfennig.
Der Spruch der Richterin und eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts dazu verstopfen nun eine Einnahmequelle, die das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) tugendhaften Mädchen als "Kranzgeld", für den geopferten Jungfernkranz, gewährt: "Hat eine unbescholtene Verlobte ihrem Verlobten die Beiwohnung gestattet", so verheißt Paragraph 1300 BGB, so kann sie "eine billige Entschädigung in Geld verlangen".
Vor dem Krieg bewilligten Richter verlassenen Bräuten oft noch mehrere tausend Mark. Mit der Moral sanken die Preise, zuletzt war Unschuld nach dem Uralt-Paragraphen, der seit 1900 das Bürgerliche Gesetzbuch ziert, nur noch ein paar Hunderter wert.
Die Prämie für unersetzlichen Verlust, urteilte Richterin Schöne, verstoße gegen das Grundgesetz. Da die "soziale Wertschätzung einer Verlobten" durch Geschlechtsverkehr "keine weitere Einbuße" erleide, so befand die Richterin, verletze Paragraph 1300 BGB den Artikel 3 des Grundgesetzes, nach welchem "niemand wegen seines Geschlechtes bevorzugt oder benachteiligt werden" dürfe.
Der niedrige Streitwert von 1000 Mark verschloß der Süddeutschen eine Berufung. Folglich legte die Klägerin Beschwerde beim Verfassungsgericht ein.
Doch auch die Richter in den roten Roben mochten der totalen Abwertung der Jungfernschaft nicht wehren. Das Urteil aus Münster, entschieden sie, sei "verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden". Y

DER SPIEGEL 29/1993
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