19.07.1993

GeldanlageSchub aus China

Barren und Münzen sind gefragt: Spekulanten sehen neue Chancen im Gold.
Rolf Neumayer hat nie Schwierigkeiten, für seine Ehefrau ein Geschenk zu finden. Ob Geburtstag oder Weihnachten - schon seit Jahren beglückt der Aktienanalyst der Commerzbank seine Frau mit einem Barren puren Goldes.
Das ist die Art von Kunden, die den Marketingstrategen des World Gold Council lieb ist. In ganzseitigen Zeitungsanzeigen läßt das Produzentenkartell Goldmünzen regnen und dazu philosophieren: "Es scheint, als sei das einzige, was uns sicher ist, die Unsicherheit. Und Gold."
Durch die Jahrhunderte hat Gold die Menschen nicht nur durch seinen Glanz fasziniert. Es galt auch immer als ein Stück Sicherheit. Doch darauf ist keineswegs immer Verlaß. Der Dollarpreis für eine Feinunze Gold sank von 850 Dollar am 21. Januar 1980 bis Mitte 1982 auf knapp über 300 Dollar. Seitdem schnellte der Kurs zweimal um mehr als 60 Prozent nach oben - und sackte bald darauf wieder nach unten.
Nun geht es seit Monaten wieder rauf. Spekulanten trieben den Goldpreis seit Anfang April innerhalb weniger Wochen um knapp 20 Prozent nach oben. Ende vergangener Woche lag er knapp unter 400 Dollar.
Seit Jahresanfang - als die Mehrwertsteuer entfiel - hat sich in Deutschland der Absatz von Kilobarren, die am Bankschalter rund 22 000 Mark kosten, verfünffacht. Die Nachfrage nach Goldmünzen stieg um 200 Prozent.
Das Goldfieber brach aus, als im April bekannt wurde, daß die Nachfrage im ersten Quartal um 24 Prozent über dem Vorjahr lag. Im vergangenen Jahr war die Goldproduktion um einige hundert Tonnen zu niedrig ausgefallen. Insbesondere Chinesen hatten das Edelmetall als Schutz gegen die Inflation entdeckt, die wegen des Wirtschaftsbooms in den Städten nahe 20 Prozent liegt.
"Die Sparer mißtrauen dem Papiergeld", meint Roland Leuschel, Chefanalyst der Banque Bruxelles Lambert. Seit Jahren schreckt Pessimist Leuschel Investoren mit dem Szenario einer neuen Weltwirtschaftskrise. Den Anlegern rät der Belgier, zehn Prozent ihres Kapitals in Gold zu investieren.
So richtig nach oben rauschte der Goldpreis aber erst, als die professionellen Spekulanten "merkten, daß es etwas zu erben gibt", hat Fritz Plass, Chef des Edelmetallhandels der Deutschen Bank, beobachtet. Einen weiteren Schub brachten amerikanische Investoren wie der Great Lake Fund, die im Warentermingeschäft stark sind.
Wie stets, wenn an den Märkten viel Bewegung ist, fallen auch diesmal den Experten die schönsten Erklärungen ein. Es sind die sintflutartigen Regenfälle am Mississippi, die das gelbe Edelmetall derzeit so begehrenswert machen.
Wenn's am Ol' Man River gießt, so die Beweisführung, verderben Sojabohnen und Mais. Steigende Preise für Nahrungsgüter treiben die Inflation, und dagegen sichern sich die Rohstoffspekulanten mit Gold ab - der Preis klettert.
Mag sein, daß es wieder abwärts geht, wenn im Mittleren Westen der USA die Sonne scheint. Sicher ist, daß die Chinesen schon bei 360 Dollar pro Feinunze deutlich weniger Gold kauften.
Zudem haben einige Produzenten, ermuntert durch den steigenden Preis, bereits wieder die Förderung verstärkt. Und manche Zentralbank fragt sich, ob nicht die Gelegenheit günstig ist, einen Teil der Goldreserven zu liquidieren.
Die Preise seien zu hoch, die Zukunft ist ungewiß, stellt Ted Arnold, Analyst bei Merrill Lynch, trocken fest: "Jetzt kauft nur noch das dumme, reiche Geld." Y
[Grafiktext]
__87b Preis für eine Feinunze Gold 1978 bis 1993
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 29/1993
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