19.07.1993

MedizinKranke Kämpfer

Amerikanische Golfkrieg-Veteranen klagen über gesundheitliche Spätschäden.
Im Golfkrieg haben möglicherweise doch mehr amerikanische Soldaten Schaden genommen als zunächst vermutet. Mindestens 4000 der insgesamt 73 000 gefeierten Frontkämpfer im "Wüstensturm" klagen mehr als zwei Jahre nach Ende des Feldzuges noch über Symptome, die ihnen seit der Rückkehr aus dem Nahen Osten zu schaffen machen: Muskel- und Gelenkschmerzen, Gedächtnisverlust, Müdigkeit und Energielosigkeit sowie Darm- und Herzprobleme.
Reservemajor Steve Buyer, inzwischen zum Abgeordneten im Bundesstaat Indiana gewählt, schilderte seine Leiden einer Senatskommission, die alle Kriegsschäden untersucht: "Der Golfkrieg hat mein Leben und meinen Körper verändert."
Nicht nur, daß ihm seither die Kraft zum Joggen fehle, daß er in den vergangenen zwei Jahren zweimal an Lungenentzündung und viermal an Grippe erkrankt sei und daß er unter Dauerhusten leide. Vor kurzem haben seine Ärzte ihm eine Allergie gegen alles pflanzlich Grüne bescheinigt.
Ebenso wie die Senatsmitglieder haben Veteranen wie Steve Buyer großes Interesse, die Ursachen der Gesundheitsschäden zu erfahren. Einige der Ex-Kombattanten vermuten, sie seien wegen irakischer Chemiewaffen-Angriffe krank.
Das Pentagon bestreitet jedoch, daß es während des nur 43 Tage dauernden Krieges je solche Attacken seitens der Saddam-Truppen gegeben habe. Womöglich hat Giftgas dennoch indirekt zu den Beschwerden beigetragen: Aus Angst vor Angriffen mit biologischen oder chemischen Kampfmitteln ließen die Verantwortlichen den Soldaten vorsorglich Gegenmittel verabreichen.
Neben unterschiedlichen Impfstoffen wurden den GIs - ohne ihr ausdrückliches Einverständnis - Arzneimittel wie zum Beispiel "Pyridostigmin" verabreicht, das normalerweise bei Nerv-Muskel-Erkrankungen zum Einsatz kommt und bei Gesunden schwere Nebenwirkungen bis hin zu Asthmaanfällen hervorrufen kann.
Kritiker der Medikation beanstanden, daß die Soldaten nicht ausreichend über Inhalt und mögliche Nebenwirkungen informiert worden seien. "Niemand in der FDA" - der Zulassungsbehörde für Medikamente in den USA - "hielt das für eine gute Idee", klagt Sidney Wolfe von der Initiative "Public Citizen", aber das Verteidigungsministerium habe die Behandlung durchgesetzt.
Gegen Pharma-Versuche an Soldaten ohne deren Wissen hatten US-Bürgerrechtler sich schon vor dem Krieg gewandt. Ihre Klage war jedoch, im allgemeinen patriotischen Eifer, unmittelbar vor Kriegsbeginn abgelehnt worden. Nun werden sich vielleicht doch wieder Gerichte mit der Angelegenheit befassen müssen - diesmal mit direkt betroffenen Klägern.
Was man ihm und seinen Kameraden angetan habe, erregte sich Reservemajor Steve Buyer vor den Senatoren, "das würde ich nicht einmal einem Kaninchen in einem wissenschaftlichen Experiment zumuten".

DER SPIEGEL 29/1993
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