19.07.1993

RumänienErst im Himmel sicher

Die Lage der Roma ist ausweglos. Daheim angefeindet, von Bonn abgeschoben, befehden sie sich auch untereinander: Die erfolgreiche Oberschicht will mit der armen Masse nichts mehr zu tun haben.
Dan Constantin, 38, ist ein zufriedener und stolzer Rumäne. Mit seiner Familie lebt er in einer Vierzimmerwohnung im Bukarester Stadtteil Militaru. Der Mann mit dem pechschwarzen Haar hat einen guten Job: Als Kältetechniker wartet er die Kühlanlagen von 18-Tonnen-Lastzügen, die rumänisches Frischgemüse nach Deutschland transportieren. Im Wohnzimmer stehen ein japanisches Farb-TV-Gerät und ein Videorecorder.
Ungewöhnlich im Jahre 4 nach dem Sturz des Despoten Ceausescu: Constantin jammert nicht über die wirtschaftlichen Verhältnisse. "Wir müssen geduldig sein und fleißig arbeiten", lautet sein Credo, "dann werden wir bald eine günstige Perspektive haben." Nur ganz wenige Rumänen sehen so optimistisch in die Zukunft wie dieser Facharbeiter.
Mit den meisten seiner Landsleute teilt er hingegen die brüske Abneigung gegen "diese Zigeuner", die in seinem Stadtteil wie im ganzen Land bettelnd die Straßen bevölkern, nach Volkes Meinung die lukrative Schattenwirtschaft beherrschen und ansonsten "stehlen und betrügen. Vor solchen Leuten empfinde ich richtigen Ekel". Für den praktizierenden Christen sind "Zigeuner wie Wölfe. Man kann ihnen nie trauen, sie werden dir immer die Kehle durchbeißen wollen".
Dan Constantin müßte wissen, wovon er redet. Er ist selbst Zigeuner.
In der Pauschalverunglimpfung seines Volkes sieht Constantin keinen Widerspruch zu seiner eigenen ethnischen Herkunft. Es gebe eben "gute" Roma, die auf anständige Weise - also wie er - ihren Lebensunterhalt verdienten; und dann die "schlechten" Roma, die sich "zum Arbeiten zu schade sind. Wer sie diskriminiert, hat einfach recht".
Vor Leuten wie Constantin fürchtet sich Nicolae Gheorge, 47, Chef der rumänischen Roma-Union, nicht weniger als vor "den dumpfen Rassisten, die uns Roma am liebsten alle auslöschen würden". Das Bewußtsein, einer eigenständigen ethnischen Minderheit anzugehören, war in seinem durch Unterdrückung und Verfolgung gedemütigten Volk noch nie stark ausgeprägt.
Nun aber registriert der Bukarester Soziologe vor allem bei den Hunderttausenden Zigeunern, die in den städtischen Ballungsräumen leben, mit Wohnung, festem Einkommen sowie der Entschlossenheit, sich in der rumänischen Gesellschaft zu assimilieren, "wachsenden Selbsthaß und eine gebrochene Identität als Zigeuner".
Dadurch führen die oft krassen sozialen Gegensätze innerhalb der Roma-Gemeinschaft zu Rivalitäten zwischen einzelnen Sippen und Stämmen. Das tiefe Zerwürfnis zwischen den "guten" und den "schlechten" Zigeunern sei "eine Tragödie", klagt der Wissenschaftler, der im Juni mit dem Bruno-Kreisky-Friedenspreis geehrt wurde.
Der Riß im Lager der Zigeuner vertieft sich zu einer Zeit, in der Diskriminierung und Verfolgung der rumänischen Roma ohnehin schon zugenommen haben. Gheorge mit bitterem Sarkasmus: "Vor der Revolution hatte die Polizei das Gewaltmonopol gegen uns. Jetzt geht es demokratischer zu, jetzt können auch die Menschen auf der Straße Gewalt gegen uns anwenden."
Etwa zwei Millionen Zigeuner leben in Rumänien. Sie stellen fast ein Zehntel der Bevölkerung und sind vor den Ungarn und Deutschen die größte Minderheit. Doch bei der Volkszählung im vergangenen Jahr bekannten sich nur 410 000 Roma zu ihrer Abstammung. Die Geschichte der rumänischen Zigeuner und ihr ständiger Kampf ums Überleben bieten viele Gründe für die öffentliche Selbstverleugnung.
Noch im vorigen Jahrhundert galten die Roma in Rumänien als schutz- und rechtlose Sklaven. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa sahen sich die Zigeuner einer immer gewalttätigeren Welle von Nationalismus und Rassismus ausgesetzt. Am schlimmsten trifft es sie im Land von Ceausescus Nachfolgern. Unter der Herrschaft von Präsident Ion Iliescu müssen sie als Sündenböcke herhalten für die schmerzhaften Einschnitte, die der Übergang von der Diktatur zur Demokratie mit sich gebracht hat. Gheorge: "Früher waren die Juden an allem Übel schuld, jetzt sind wir es."
Bis heute sind die Roma die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Analphabetenquote, der kürzesten Lebenserwartung und der höchsten Kindersterblichkeit. Hunderttausende Roma, deren Mentalität und Lebensweise den meisten Nicht-Zigeunern mysteriös oder sogar bedrohlich erscheint, leben immer noch außerhalb der Gesellschaft im Elend: verfolgt, gedemütigt, vogelfrei.
In den vergangenen drei Jahren kam es in Rumänien nach Angaben der Göttinger "Gesellschaft für bedrohte Völker" zu 20 Pogromen gegen Roma. Häufig endeten die Übergriffe noch brutaler als im Fall von Ion Mercan, 60.
Der Arbeiter, Vater von vier Kindern, ist eines der Opfer des letzten Pogroms rumänischer Nationalisten an Zigeunern. In einer Nacht Mitte März waren etwa 60 Einheimische in sein Haus im Städtchen Carpinis, 30 Kilometer westlich von Temesvar, eingedrungen. Die Mercans konnten gerade noch ins Freie flüchten, bevor der Mob das Haus stürmte und die Einrichtung demolierte.
Hilfe erhofft sich Mercan längst nicht mehr vom rumänischen Staat, sondern von seinen Verwandten, die in Deutschland als Asylbewerber ihr Glück versuchen. Lieber heute als morgen möchte der Alte samt Familie ins Traumland ziehen, ohne Paß und ohne Visum. Ahnt er nicht, auf welche Vorurteile sein Volk bei den Deutschen stößt, wie unerwünscht er und seine Sippe sind? Davon habe er gehört, doch das könne ihn nicht abschrecken, sagt Mercan: "Das sind wir gewöhnt. Hier will uns doch auch keiner."
"Wir Zigeuner sind zwar alle nur Dreck für die Rumänen. Aber die Armen von uns sind hier ganz übel dran", sagt Gheorge Raducanu, 41. Seine Stimme zählt innerhalb der rumänischen Zigeunergemeinschaft: Seit vorigem Jahr sitzt der studierte Ökonom im rumänischen Parlament - als einziger Roma unter 341 Abgeordneten. Über zehn untereinander heftigst rivalisierende Parteien buhlten um die Gunst der Zigeuner. Mit dem Votum von 55 000 Wählern schaffte Raducanu, verheiratet mit einer Nicht-Roma aus Bulgarien, als einziger den Einzug ins Abgeordnetenhaus.
Verständnis für den Treck der bettelarmen Roma in den goldenen Westen, vor allem nach Deutschland, kennt Raducanu nicht. Im Gegenteil: "Es gibt nur ganz wenige Roma in diesem Land, die wirklich aus politischen Gründen fliehen müssen. Der Großteil will nur schnelles Geld machen und hat kein Recht auf Asyl."
Der Volksvertreter, ein Verwandter des ehemaligen Dortmunder Bundesliga-Kickers Marcel Raducanu, ist ein typischer Vertreter der städtischen Roma-Elite. Er bekennt sich zu seinen Wurzeln, empfindet aber Tradition und Geschichte seines Volkes nicht als schicksalhafte Fessel: "Ich bin stolz, Zigeuner zu sein. Aber ich bin noch stolzer, mit meiner Hände Arbeit etwas geschaffen zu haben."
Leistung, Einsatz, Eigeninitiative: so lauten seine Lieblingsvokabeln, wenn er vor Versammlungen spricht. Der Apologet der freien Marktwirtschaft hat scheinbar mühelos die Grundsätze der kommunistischen Planwirtschaft über Bord geworfen. Nur mit den Methoden des Kapitalismus könne sein Volk den Kreislauf von Armut, Kriminalisierung und Diskriminierung durchbrechen.
"Da uns keiner hilft, müssen wir unser Schicksal selbst in die Hände nehmen", sagt Raducanu. "Erst wenn Zigeuner gleiche Bildungschancen haben wie die Rumänen, werden wir aus unseren Ghettos herauskommen."
Dazu benötigt er die Bereitschaft und Hilfe des Staates. Die rumänische Regierung bekam 30 Millionen Mark aus Bonn zugesprochen - Kernstück des umstrittenen Abschiebungsvertrages, der die Rückführung von rumänischen Staatsbürgern, darunter Zehntausender Roma, regelt. Wenigstens ein Teil dieser Summe, wünscht sich der Parlamentarier, solle seinem Volk in Form von Lehr- und Sozialeinrichtungen zugute kommen.
Den Vertrag, von in Deutschland ansässigen Roma- und Sinti-Organisationen als "Menschenhandel" heftig attackiert, findet der Zigeuner-Politiker Raducanu "formal in Ordnung". Was ihn an der Massenabschiebung stört, ist das schlechte Ansehen seines Volkes gerade in der Bundesrepublik: "Die Deutschen sollten wissen, daß die Mehrzahl der rumänischen Zigeuner fleißig arbeitet."
Fast jeden Abend treffen auf dem Bukarester Flughafen Otopeni abgeschobene Rumänen und Roma aus Deutschland ein. Norica Costache, 26, Studentin und Mitarbeiterin von Gheorges Roma-Union, soll die unfreiwilligen Rückkehrer nach ihrer Ankunft betreuen.
Doch sie verteilt lediglich Stadtpläne, auf denen der Weg vom Flughafen zum Hauptbahnhof markiert ist: "Die meisten bitten mich um Geld für die Weiterfahrt", sagt sie. Finanzielle Hilfe aber, und sei es nur einen Fahrtkostenzuschuß, hat der rumänische Staat nicht vorgesehen, denn "erstens ist der Regierung das Schicksal der Roma ohnehin gleichgültig, und zweitens glauben die meisten Rumänen, daß die Abgeschobenen mit Taschen voller Geld zurückkommen", sagt die Studentin.
Sicher: Hin und wieder sieht sie von ihrem Standort in der zugigen Ankunftshalle, wie eben eingetroffene Zigeuner zum Wechselschalter eilen, mehrere blaue 100-Mark-Scheine umtauschen und dicke Lei-Bündel in ihren neuen adidas-Trainingsanzügen verstauen. Noricas Monatsgehalt beträgt umgerechnet gerade 40 Mark.
Doch die meisten kämen "genauso arm zurück, wie sie von hier losgezogen sind". Penibel notiert sie die Namen der Heimkehrer und läßt sich die Schicksale der gestrandeten Zigeuner erzählen - es sind stets die gleichen Geschichten, beginnend mit dem meist illegalen Grenzübertritt über Flüchtlingslager-Stationen bis zur letzten Fahrt in Deutschland zum Flughafen.
Bei jedem lautet ihre Schlußfrage: "Wo hast du dich sicherer gefühlt - in Deutschland oder Rumänien?"
Ein junger Roma, der wenige Tage vor seiner Abschiebung von Cottbusser Skinheads krankenhausreif geprügelt worden war, antwortete ihr: "Wirklich sicher ist ein Roma erst im Himmel. Auch in Deutschland sind wir Köter, aber an den Knochen, die man uns vorwirft, ist wenigstens Fleisch." Y

DER SPIEGEL 29/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Rumänien:
Erst im Himmel sicher

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Video aus Großbritannien: Panne bei Kühlturmsprengung" Video 01:13
    Video aus Großbritannien: Panne bei Kühlturmsprengung
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Herren-Weltrekord: 280 km/h auf einem Fahrrad" Video 00:58
    Herren-Weltrekord: 280 km/h auf einem Fahrrad
  • Video "Video vonOpen Arms-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord" Video 02:55
    Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht