19.07.1993

GrabräuberScherben und Splitter

Arbeitslose Palästinenser plündern historisch kostbare Gräber und leben vom Erlös.
Ahmed schiebt den Arm durch die Schlaufe des Metallspürgeräts und beginnt zwischen Olivenbäumen und Zypressen die Tellersonde über den Boden zu bewegen. Binnen Sekunden fängt das Gerät an zu pfeifen. Die Nadel auf der Armatur hält zitternd zwischen den Markierungen "Silber/ Nickel".
"Jalla, laßt uns anfangen", sagt Ahmed zu seiner Crew, und trotz der Mittagshitze hacken die Männer blitzschnell den staubigen Boden auf.
Eile ist angebracht: Die Männer sind Grabräuber auf der Suche nach Schätzen der Vergangenheit - Vasen, Kultgegenständen, Tonkrügen, Statuen, Münzen, Gläsern. Der baumbestandene Hügel im Westjordanland, der jahrhundertelang besiedelt war, ist durch Löcher und Schächte zerfurcht; zwischen Geröll und Felsen liegen Knochensplitter und Tonscherben.
"Das ist eine Katastrophe", klagt Hamid Salim, 34, Archäologe an der palästinensischen Universität Bir Seit, "früher war Grabraub ein heimliches Gewerbe, ausgeübt im Schutz der Dunkelheit, jetzt ist daraus ein richtiger Beruf geworden."
Das verheerende Wühlen läßt sich nicht mehr stoppen. In allen 270 Dörfern des Westjordanlands gibt es nach Angaben seiner Fakultät _(* Römische und byzantinische ) _(Töpferwaren. ) organisierte Schatzräuber. Ähnlich sieht es im Gazastreifen aus. Ausgräberbanden reisen durch die von Israel besetzten Gebiete und fahnden nach vielversprechenden Fundstellen. Die Landbesitzer, zuweilen auch die Dorfvorsteher, verdienen mit.
In den arabischen Zeitungen Ost-Jerusalems wird offen für Metalldetektoren Reklame gemacht. Clevere Unternehmer vermieten die Geräte stundenweise an jene, die sich die 1500 bis 3000 Dollar teuren Sonden nicht leisten können. "Es ist eine richtige Industrie", klagt der Archäologe Salim.
Gefördert wird die Invasion der Grabräuber durch Israels Entscheidung, Palästinensern aus dem besetzten Westjordanland und dem Gazastreifen den Zugang in den jüdischen Kernstaat zu verbieten. Obwohl die Sperre gelockert worden ist, bedeutet der vor über drei Monaten verhängte Bann, daß etwa 60 000 Palästinenser ihren Broterwerb verloren.
"Früher arbeitete ich in einem Restaurant in Tel Aviv und verdiente 150 Schekel (rund 90 Mark) täglich", erzählt ein arbeitsloser junger Mann, gestützt auf seine Spitzhacke, "hier komme ich auf 40 oder 50 Schekel, das langt für das Nötigste."
Das Plündern von Gräbern hat im Nahen Osten Tradition, und das seit Jahrtausenden. Spuren dafür finden sich nicht nur in den prächtigen Bestattungskammern von Ägyptens Pharaonen, sondern auch in den Grabhöhlen und Sarkophagen Palästinas.
Das "zweitälteste Gewerbe" (Salim) blühte bis in die jüngste Vergangenheit. Palästinenser, die bei archäologischen Projekten in Jordanien und Israel als Handlanger dabei waren, machten sich bald selbst auf die Suche. Und die Entdeckung der Rollen von Qumran 1947 brachte einige Beduinen auf die Idee, als Amateurarchäologen Geld zu verdienen.
Offiziell sind Ausgrabungen ohne staatliche Genehmigung streng verboten, die israelische Besatzungsmacht droht Grabräubern mit empfindlichen Strafen. Nur selten jedoch gelingt es, Missetäter auf frischer Tat zu ertappen, gesteht Militärsprecherin Elise Schasar.
Die Suche ist lohnend, das Land ist übersät mit den Hinterlassenschaften einer mehrtausendjährigen Geschichte. Viele Kulturen und Eroberer hinterließen hier Spuren: Kanaaniter, Philister, Griechen und Römer, Umajjaden, Kreuzfahrer und Mamelucken.
Doch richtig reich werden nicht die schwitzenden Grabräuber, sondern die palästinensischen Zwischenhändler und die israelischen Dealer, welche die Pretiosen ins Ausland verscherbeln: Vorige Woche wurden eine Deutsche und ein Mittelsmann aus Ost-Jerusalem auf dem Flughafen von Tel Aviv beim Antikenschmuggel erwischt. Die Gewinnspannen sind beträchtlich. Schon in Jerusalem kostet ein schlichtes römisches Öllämpchen 20 Dollar - die illegalen Schürftrupps erhalten bestenfalls ein Zehntel davon.
Höhere Gewinne erzielen nur "jüdische Funde": An seltenen Münzen, Vasen und anderen Gebrauchsgegenständen mit hebräischen Buchstaben gibt es Hunderte von Dollar zu verdienen; für guterhaltene Silberschekel aus vorchristlicher Zeit bieten israelische Händler angeblich mehrere tausend Dollar.
Von solchen Schätzen träumen auch Ahmed und die Männer, die sich keuchend durch den Hügel graben. Ein gerade entdecktes byzantinisches Mosaik schaufeln sie verärgert wieder zu: Für sie zählt nur, was sich fortschaffen läßt - etwa die Münze, die der Metalldetektor gerade geortet hat. "Römisch, 180 Dollar", meint Ahmed fachmännisch, "die Arbeit hat sich gelohnt." Y
* Römische und byzantinische Töpferwaren.

DER SPIEGEL 29/1993
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