19.07.1993

ÖsterreichBärensache, Ehrensache

Braunbären wandern in die Alpenrepublik ein - Kriegsflüchtlinge vom Balkan.
Der illegale Zuwanderer jagte den Einheimischen einen heillosen Schrecken ein. "Wie vom Blitz getroffen" seien seine Schafe beim Anblick des zottigen Räubers auseinandergestoben, schildert Josef Wirnsperger aus dem salzburgischen Lungau seine Begegnung mit einem ausgewachsenen Bären.
Der Braunbär, lateinisch Ursus arctos, war, aus Slowenien kommend, über Kärnten und die Steiermark nach Salzburg gezogen. Solche Grenzgänger werden in Österreich in den letzten Jahren sehr häufig registriert.
Durch die fortdauernden Kämpfe in Bosnien und Teilen Kroatiens ist die starke Bärenpopulation auf dem Balkan in Unruhe geraten, meint der Wiener Wildtierexperte Kurt Onderscheka. Kriegsgestreßte Bären weichen ins nördliche Slowenien aus. Dort stoßen sie allerdings inzwischen auf eine Übervölkerung. Auch dies ist eine Folge des Balkan-Konflikts: Die devisenstarken westlichen Jäger bleiben seit Kriegsbeginn aus.
Einzelne Wanderbären wurden in den österreichischen Alpen schon früher gesichtet. Bereits im Jahre 1972 siedelte sich ein slowenischer Braunbär im Gebiet um den Ötscher an. Hier hatte 1842 der Holzknecht Maximilian Reiter den letzten Bären der niederösterreichischen Waldberge geschossen.
Der World Wide Fund for Nature (WWF) verschrieb sich der Aufgabe, die Braunbären in den Alpen wieder heimisch zu machen. Unter dem Motto "Bärensache, Ehrensache" wurden drei mit Halsbandsendern ausgerüstete Jungbären ausgesetzt, zwei Weibchen und im vergangenen Mai schließlich ein vierjähriges Männchen. Es soll, so der Wunsch der Naturschützer, den in die Jahre gekommenen Ötscherbären bei der Zeugung von Nachwuchs entlasten.
Die Einwanderer fühlen sich in der neuen Heimat offenbar wohl. Sie haben Junge geboren und weiteren Zuwachs vom Balkan bekommen. Auf zehn Stück schätzt der WWF-Experte Norbert Gerstl nun die Bärenbevölkerung in den niederösterreichisch-steirischen Kalkalpen.
Es könnten noch mehr werden. Die Region biete 40 bis 50 Bären Raum, ohne daß die Landwirtschaft oder gar Menschen gefährdet würden, sagt Gerstl. Allerdings habe es eine Zeit gedauert, die heimische Bevölkerung, vor allem Viehzüchter und Imker, von der Harmlosigkeit des plump gebauten Sohlengängers zu überzeugen.
Ohne Hilfe des WWF siedelten sich die Braunbären in Kärnten im Grenzgebiet zu Slowenien an. Zehn Exemplare sollen inzwischen dorthin zurückgekehrt sein, wo sie früher heimisch waren. Davon zeugen Flurnamen wie das Bärental, das die slowenischen Eindringlinge heute wieder auf ihrer Wanderung ins Innere Österreichs durchqueren.
Das Tal ist Privatbesitz von Jörg Haider, dem umstrittenen Führer der rechtsliberalen FPÖ. Gegen die Immigranten, die nun auf leisen Sohlen über Österreichs Grenze gelangen, hat er ausnahmsweise nichts einzuwenden: "Diese Einwanderer sind mir durchaus willkommen, die machen sich ja auch bei uns nützlich." Y

DER SPIEGEL 29/1993
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