19.07.1993

IndienSchmutz der Nacht

Die Fäkalienschlepper sollen von ihrem erniedrigenden Joch befreit werden.
Während eines Konvents der indischen Kongreß-Partei in Kalkutta ließ sich der große Mahatma Gandhi zur Latrinengrube hinab und förderte den stinkenden Inhalt zutage.
Mit dem symbolischen Akt wollte der spirituelle Vater der indischen Nation auf das Schicksal der Straßenkehrer aufmerksam machen, der Mehtar und der Bhangi. Diesen Untergruppen der Unberührbaren (Harijan) hatte die Kasten-Gesellschaft der Hindus seit Generationen die Aufgabe zugedacht, die Exkremente der Höhergeborenen zu entfernen.
"Jeder sollte seinen Schmutz selbst beseitigen müssen", sagte der Mahatma damals. Jetzt, 45 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod, könnte es endlich soweit sein: Das Parlament in Neu-Delhi verabschiedete ein Gesetz, das die Fäkalienschlepper von ihrem Los befreien soll. Theoretisch jedenfalls.
Zwar ist die Neuerung für die Landbevölkerung praktisch ohne Bedeutung - nur zwei Prozent der dörflichen Haushalte verfügen über einen Abort. Auf Indiens urbane Zentren aber, in denen die Harijan mit ihren auf den Köpfen balancierten Dreckeimern zum Alltag gehören, könnte eine gigantische sanitäre Umrüstung zukommen.
Nur 300 von den fast 4000 indischen Städten verfügen über eine Art Kanalisation. Selbst in weiten Teilen der Hauptstadt fließen die Exkremente in den Fluß Jamuna oder in übelriechenden Rinnsalen am Weg entlang.
Von dem neuen Gesetz betroffen sind 7,4 Millionen urbane Haushalte im ganzen Land, deren Mitglieder ihren "night soil" - Schmutz der Nacht - bislang Eimern und Trockenlatrinen anvertrauen. Sie sollen künftig auf die Entsorgungsdienste der 600 000 Kotbeseitiger verzichten. Umgerechnet 1,2 Mark pro Monat kostet der einmal täglich geleistete Service; wer seinen Abtritt in der Morgen- und der Abenddämmerung geleert haben will, zahlt zwei Mark.
Das Zauberding, das die Jaucheschlepper überflüssig machen soll, heißt "Sulabh Shauchalaya" und bedeutet leichtes Toilettensystem. Entworfen hat es der reformbewegte Soziologe und Gandhi-Anhänger Bindeshwar Pathak, 50.
Das mit einer sparsamen Wasserspülung ausgerüstete Einfach-Klo, das an keine Kanalisation angeschlossen werden muß, hat zwei Kammern, die abwechselnd benutzt werden. Seitliche Öffnungen lassen Feuchtigkeit und Gase in den Boden entweichen, während der Rest rottet und zwei Jahre später als Dünger entnommen werden kann - und zwar vom Betreiber.
Nur: Daß beispielsweise ein Brahmane sich zu solch einer niederen Tätigkeit herablassen könnte, wäre freilich eine Revolution. Und Revolutionen kennt der im Korsett der Kasten eingezwängte Subkontinent bislang nicht.
Schon 1973 hatte Pathak eine Bewegung für sein Abortsystem gegründet, der heute 35 000 bezahlte Helfer angehören. 600 000 Latrinen sind seither durch seine Wasserklosetts ersetzt worden. Außerdem betreiben die Reformer in vielen Städten 2000 Anlagen, wo täglich Millionen Inder für ein paar Pfennige Gebühr ihre Notdurft verrichten können.
Vier Jahre Zeit räumt die Regierung dem sanitären Wandel in den Städten ein. Die Latrinenbesitzer bekommen 45 Prozent der maximal 140 Mark teuren Umrüstungskosten vom Staat ersetzt, für den Rest der Summe können sie günstige Darlehen beanspruchen.
Der sozialen Herausforderung, die Jaucheschlepper von ihrer "inhumanen und hassenswerten Tätigkeit" (Gandhi) zu erlösen, will die Regierung mit Umschulungsprogrammen begegnen. Aus Bhangis und Mehtars, so Indrani Sen, leitende Beamtin in Delhis Stadtentwicklungsbehörde, "sollen Stenotypistinnen oder Tischler werden". Y

DER SPIEGEL 29/1993
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