19.07.1993

WeineEdle Schnäppchen

Die Hochpreispolitik europäischer Winzer rächt sich - gute Tropfen aus exotischen Anbaugebieten erobern den Markt.
Schon lange verfolgen deutsche Weinfreunde, so sie hochwertigen Marken zugeneigt sind, die Preisentwicklung mit säuerlicher Miene.
Wer einen klassifizierten Bordeaux anständiger Provenienz oder einen guten italienischen Barolo entkorken möchte, muß zwischen 60 und 80 Mark investieren, und eine Flasche der Luxuskategorie kostet schon mal soviel wie ein Farbfernseher: rund 1000 Mark ein Montrachet der Burgunder Domaine de la Romanee-Conti, 1450 Mark gar ein Jahrgang 1990, der den Namen dieses Weingutes trägt.
Bald könnte die verbraucherfeindliche Hochpreispolitik an Grenzen stoßen: Während europäische Weingiganten weiterhin einfach einen Bonus für ihre guten Namen aufschlagen, erobern Winzer aus exotischen Anbaugebieten mit preiswerten Qualitätstropfen, den "New World Wines", den Markt.
Sie kommen aus Chile, Argentinien, Südafrika, Australien, Neuseeland und den USA, aber auch aus Ländern des ehemaligen Ostblocks, vor allem aus Ungarn, wo fachkundige Önologen die Produktion auf westlichen Standard trimmen.
Weine aus dem Napa Valley an der amerikanischen Westküste haben längst eine exzellente Qualität und werden mittlerweile selbst vom dünkelhaften Bordelaiser Rotweinadel respektiert. "Unsere Roten benötigen eben keine Reifezeit von 20 Jahren, um höchstes Niveau zu erreichen", sagt Robert Mondavi, Mentor der kalifornischen Winzer, süffisant.
In ähnlich vorteilhaftem ozeanischen Klima gedeihen auch chilenische Weine, denen schon Whisky-Trinker Ernest Hemingway zugetan war und die nun von europäischer Entwicklungshilfe profitieren. Der spanische Weinbau-Guru Miguel Torres und eine vom Bordelaiser Baron Eric de Rothschild ("Chateau Lafite") entsandte Expertenschar verbesserten die Anbaumethoden - das Bewässerungssystem für die Weinberge des Andenstaates stammte zum Teil noch aus der präkolumbianischen Zeit.
Nun werden allein vom 180 Hektar großen Musterbetrieb "Vina los Vascos", 250 Kilometer südwestlich von Santiago de Chile, pro Jahr "mehrere hunderttausend Flaschen in Deutschland verkauft", wie Alexander Margaritoff vom Hanseatischen Wein- und Sektkontor in Hamburg meldet. Ein "Los Vascos" kostet etwa 16 Mark, ein gleichwertiger Bordeaux oder Burgunder mindestens das Doppelte.
In der gleichen Preiskategorie wie die Chilenen liegen argentinische Rotweine. Sie wurden früher überwiegend in Steakhäusern serviert, inzwischen geht die Hälfte an private Abnehmer. Mit 14 Millionen gekelterten Hektolitern nimmt Argentinien schon Rang vier der Rebbau-Nationen ein (hinter Italien, Frankreich und Spanien).
Das Hamburger Importhaus Onda Höfferle steigerte seinen Umsatz argentinischer Weine 1992 um ein Drittel und im ersten Halbjahr 1993 nochmals um rund 50 Prozent. Ähnlich verhalte es sich mit südafrikanischen Kap-Weinen, sagt Heinz Cordes, Geschäftsführer der Bremer Firma Ludwig von Kapff.
Seit der Lockerung der Apartheid-Politik habe Südafrika "die US-Einfuhren längst überflügelt", frohlockt der Händler. Wie im vergangenen Jahr erwartet Cordes auch für 1993 "Zuwachsraten von rund 40 Prozent".
Um das boomende Geschäft mit den Exoten nicht gänzlich Außenseitern zu überlassen, kaufen sich immer mehr Europäer in der Ferne ein. Chateau Lafite ist zur Hälfte an der chilenischen Latifundie Vina los Vascos beteiligt, der französische Luxuskonzern Louis Vuitton-Moet-Hennessy ("Veuve Clicquot") erwarb Cloudy Bay, eines der bekanntesten neuseeländischen Weißwein-Anbaugebiete.
Für angeblich 20 Millionen Dollar verscherbelte der clevere australische Newcomer Andrew Garrett, 31, seine Weinberge an den japanischen Getränke-Multi Suntory. Einst hatte er die Produktion mit ersparten 3000 Dollar begonnen, vor fünf Jahren belegte sein 86er Chardonnay (damaliger Preis: 28 Mark) bei einer "Welt-Chardonnay-Probe" in Hamburg den dritten Platz. Es siegte ein Burgunder, der seinerzeit 850 Mark kostete.
Bei Wolf Blass, einem 1960 aus Thüringen auf den fünften Kontinent ausgewanderten Winzer, stieg Mildara, die Nummer vier unter Australiens Weinproduzenten, zu 50 Prozent ein; Blass kassierte zwölf Millionen australische Dollar. Weitere Konzerne, die sich Weinberge im Barossa Valley nahe Adelaide zugelegt haben, sind die Australian Brewing Company und Pernod-Ricard mit einer 87-Prozent-Beteiligung an Orlando-Wyndham.
In den letzten acht Jahren stieg der Preis pro Hektar einer guten australischen Lage von 18 000 auf 70 000 Mark. In Deutschland liegt er bei 100 000, im Napa Valley bei einer Viertelmillion Mark.
Hält der Trend zu den New World Wines an, so dürfte ein Preissturz bei der etablierten Konkurrenz nicht ausbleiben, vor allem, wenn die billig produzierenden Winzer in Georgien und der Ukraine das notwendige Startkapital und Know-how erhalten.
Wie schnell so etwas gehen kann, zeigt das Beispiel Ungarn, wo seit 1991 unter Federführung der französischen Bank Credit Lyonnais eine Reihe staatlicher Weinbaubetriebe privatisiert wurde. Italiens Weinfürst Piero Antinori beteiligte sich mit 20 Prozent an dem 220 Hektar großen Gut Bataapati, ebenso das Bremer Weinhandelshaus Reidemeister & Ulrichs. Henkell & Söhnlein machten 1992 ein edles Schnäppchen, als sie die Mehrheit an der größten Sektkellerei Hungarovin (Marktanteil: 60 Prozent) erwarben.
Der beste Deal gelang dem Kaiserstuhler Winzer Fritz Keller, der gemeinsam mit seinem französischen Freund Jean-Louis Laborde vom Pomerol-Weingut Clinet das bekannteste Tokajer-Weingut Chateau Pajzos aufkaufte. Sein in Eichenfässern gereifter weißer Furmint kostet 15 Mark, ein hervorragender 83er Tokajer "Aszu" 44 Mark.
Experten schätzen, daß die Donau-Republik schon in diesem Jahr nach den klassischen Anbauländern Frankreich, Italien und Spanien die viertgrößte Menge Wein nach Deutschland ausführen wird.
Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Eine Hochrechnung besagt, daß bereits 1996 in der Bundesrepublik mehr ungarische Weine getrunken werden als aus den Renommierregionen Bordeaux oder Burgund. Y

DER SPIEGEL 29/1993
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