19.07.1993

AtombombeHeiße Grapefruit

Uran aus Sachsen, gestohlene Konstruktionspläne aus Amerika - die erste sowjetische Atombombe war ein Produkt der Spionage.
Hochgehievt an einem 50 Meter hohen Gitterturm, hing "Joe 1" wie eine riesige Christbaumkugel über der Steppe von Semipalatinsk. Im Morgengrauen des 29. August 1949 zerbarst der Explosionskörper (von den Amerikanern nach Josef Stalin benannt) zu einem violett irisierenden Atompilz.
Als sich der Staub legte, stieg ein glatzköpfiger Mann aus dem Beobachtungsbunker: Lawrentij Berija, der gefürchtete Chef der Geheimpolizei NKWD. Rund 100 000 Gulag-Sträflinge hatten unter seinem Befehl den Bau der ersten kommunistischen Kernwaffe vorangetrieben.
Doch Berija hatte nicht nur die Arbeitskräfte für das sowjetischen Nuklearprogramm geliefert. Seine Agenten stahlen auch die Baupläne: Joe 1 war ein Plagiat, ein bis ins Detail kopierter Nachbau der amerikanischen Plutoniumbombe Fat Man, die vier Jahre zuvor Nagasaki verwüstet hatte.
Das Ausmaß des Abkupferns und Ausspionierens angloamerikanischer Forschungspläne wird durch einen Aktenkoffer belegt, den der KGB-Veteran Wladimir Barkowski Anfang des Jahres der Zeitung Iswestija zuspielte. Eine Veröffentlichung der Atomspionage-Akten wurde zwar in letzter Minute vom Moskauer Innenministerium verhindert. Doch die Dokumente aus dem KGB-Archiv fanden ihren Weg zum US-Fachblatt The Bulletin of the Atomic Scientists - Ende der Geheimhaltung.
Allein zwischen 1942 und 1949 waren demnach in Berijas Zentrale 300 nachrichtendienstliche Atomberichte eingetroffen. Stalins Feindaufklärer saßen in Berlin und London, und sie drangen bis ins nukleare Heiligtum der USA vor, in die von Robert Oppenheimer geleitete Bombenbauzentrale in Los Alamos.
Das erste Spionagedossier erreichte den Kreml im Oktober 1941. Es enthielt die Kopie eines Memorandums britischer Atomphysiker an Winston Churchill, das zum Bau von Kernwaffen aufrief.
Im Stalinreich lösten die ersten Geheimdienstberichte zunächst ungläubiges Staunen aus. Stalin sprach von gezielter Desinformation. Erst 1942, als auch aus Amerika Spitzelmeldungen eintrafen und Hitlers Armeen am Schwarzen Meer standen, schenkten die Kremlherren der Wunderwaffe mehr Aufmerksamkeit.
Noch im selben Jahr gründete Berija eine Sonderabteilung für "militär-technische Aufklärung". 1943 gelang es, die Topagenten Leonid Kwasnikow und Semjon Semjonow (Deckname "Twen") in New York zu plazieren. Gleichzeitig entstand in Kanada die Undercover-Organisation "Back".
Allein in Großbritannien, erinnert sich der Ex-Leiter für technische Spionage in London, Barkowski, hätten etwa zehn britische Wissenschaftler den Kreml mit Infos bedient. Die Namen dieser Personen werden bis heute vom KGB verschwiegen.
Als sich die alarmierenden Berichte der Westagenten häuften, ließ Stalin das "Uranproblem", wie es hieß, auch wissenschaftlich angehen. Anfang 1943 ernannte er den Kernphysiker und glühenden Patrioten Igor Kurtschatow zum Leiter des sowjetischen Atomforschungsprogramms.
Anders als die Amerikaner konnte Kurtschatow von einer sicheren Basis aus agieren. Ihm lag die Quintessenz der Westforschung in Form von numerierten NKWD-Akten vor. Berijas Truppe beschaffte *___die technischen Daten der amerikanischen Atombomben Fat ____Man und Little Boy; _(* Im Obersten Sowjet, 1958. ) *___detaillierte Informationen zum Bau und Betrieb sowie ____zur Steuerung von Atomreaktoren; *___metallurgische Anleitungen zur Gewinnung von Uran und ____Plutonium; *___einen Konstruktionsplan der Gasdiffusionsfabrik in Oak ____Ridge zur Reingewinnung von Uran 235.
Die geheimen Pretiosen, von Kurieren nach Moskau geschleust, wanderten umgehend weiter ins Laboratorium 2 der sowjetischen Kernwaffenschmiede in Sarow, 400 Kilometer östlich von Moskau. Streng abgeschirmt, brüteten dort überwiegend junge sowjetische Wissenschaftler über "Gudronen" und "Nullpunkten" - Codewörter für die Atomteilchen.
Julij Chariton, 89, der ehemalige wissenschaftliche Direktor in Sarow, erinnert sich an die "außergewöhliche Geheimhaltung", die das Institut umgab. Mit immer neuen Tarnnamen sei die Zentrale verdunkelt worden. Mal hieß sie "Wolga-Büro", mal "Arzamas 75", dann wieder "KB-11", "Lipan" oder "Installation Nummer 558".
Experimentell nachprüfen konnten die Sowjets die komplizierten Kalkulationen aus Amerika fürs erste nicht. Noch Ende 1944 verfügten die Sowjetforscher über kaum drei Kilo metallisches Uran.
So blieb die Arbeit im kommunistischen Los Alamos darauf beschränkt, die von Oppenheimers "Eggheads" aufgetürmten Formeln nachzurechnen. Kurtschatow agierte dabei wie ein Oberlehrer. Erst stellte er seinen Experten spezielle Aufgaben. Sodann öffnete er den Panzerschrank und verglich die Resultate mit den ergaunerten Geheimpapieren. Nicht selten lautete sein Urteil: "Leider nicht richtig, probieren Sie es noch mal."
Dynamik bekam das rote Nuklearprojekt mit dem Atomblitz über Hiroschima im August 1945. Beeindruckt durch die amerikanische Machtdemonstration, befahl Stalin seinem Munitionsminister: "Bauen Sie die Kernbombe" - das ausgepowerte Land wurde in eine neuerliche Kraftanstrengung gestürzt.
Mit den NKWD-Papieren in der Hinterhand konnte Kurtschatow den Aufwand entscheidend verringern. Mindestens "zwei Jahre Forschung" und "250 Millionen Rubel" soll der konspirative Wissenstransfer nach Expertenschätzung den Sowjetmilitärs eingespart haben.
Während die Amerikaner ihre Hauptkräfte auf die wesentlich aufwendigere Trenntechnik von Uran 235 konzentriert hatten, schritt Kurtschatow ohne Umwege zur Realisierung der Plutoniumbombe. Den Bauplan für Fat Man hatte der deutsche US-Emigrant Klaus Fuchs im Januar und Juni 1945 aus Oppenheimers Bombenwerkstatt herausgeschmuggelt. Ein eigenes Designkonzept zog Kurtschatow daraufhin zurück.
Auch bei der Gewinnung des nuklearen Sprengstoffs folgten die Sowjets, Stufe für Stufe, dem amerikanischen Vorbild. Wie in den USA wurde zuerst ein graphitmoderierter Versuchsreaktor errichtet. Als Brennstoff dienten 36 Tonnen Uran aus dem Bergwerk Wismuth AG in Sachsen. Am ersten Weihnachtstag 1946 gelang die kontrollierte Kettenreaktion.
Gleichzeitig stampften 70 000 Gulag-Zwangsarbeiter in Tscheljabinsk hinter dem Ural einen Großmeiler aus dem Boden. Die Herstellung der Brennstäbe übernahm der aus Brandenburg abgefischte Metallurge Nikolaus Riehl. Das komplizierte Know-how hatte Riehl 1941 für das Berliner Heereswaffenamt entwickelt.
Trotz empfindlicher Rückschläge bei der Aufklärung (1946 zerschlugen die Briten die Organisation Back und verhafteten 13 Spione) blieben die Hauptinformanten unbehelligt. Als wichtigste US-Quelle nennen die KGB-Veteranen neben Klaus Fuchs einen hochrangigen "Manhattan"-Wissenschaftler mit dem Decknamen "Perseus". Die Identität dieses Mannes ist nach wie vor im dunkeln.
Als der sowjetische Ur-Meiler ("Objekt Null") am 10. Juni 1948 endlich in Betrieb ging, begann der heikelste Teil der Mission. Etwa vier Monate später mußte das Uranfaß geöffnet und das silberweiße Plutonium von dem hochverstrahlten Abbrand separiert werden.
Die Amerikaner hatten zu diesem Zweck spezielle Schutzanzüge und ferngesteuerte Greifarme entwickelt. Diese Robotpläne lagen den Sowjets zwar vor, doch ein Nachbau war angesichts der rückständigen sowjetischen Elektronikindustrie unmöglich. So geriet die Plutoniumextraktion im radiochemischen Werk in Tscheljabinsk zum Todeskommando.
Wahrscheinlich waren es Gulag-Sträflinge, die ungeschützt im hochradioaktiven Uranmüll kramen mußten. Zeitaufschub duldete Berija nicht. Mitarbeiter erinnern sich, daß der NKWD-Chef wie ein mißtrauischer Wolf durch die Forscherräume lief. Bei jeder kleinsten Panne witterte er Verrat und Sabotage.
Im Frühjahr 1949 betrat Kurtschatow mit einer Pappschachtel Stalins Büro und präsentierte das Ergebnis der nuklearen Aufholjagd: einen grapefruitgroßen, mit strahlenabsorbierendem Nickel überzogenen Plutoniumball. Der Diktator nahm die glänzende Kugel in die Hand und staunte über ihre Wärme - eine Folge der hohen Kernzerfälle in dem künstlichen Element.
Der Sprengsatz, in den Bauch der Fat-Man-Kopie implantiert, explodierte am 29. August in der kasachischen Steppe. Das atomare Patt der beiden Supermächte war erreicht.
Noch am selben Tag war Kurtschatow voll des Lobes - aber nicht für seine Physiker. Sein Dank galt dem Gulag-Herrscher Berija: "Die Aufklärung", schrieb er, "hat beim Bau der sowjetischen Atomwaffe einen unschätzbaren Dienst erwiesen." Y
* Im Obersten Sowjet, 1958.

DER SPIEGEL 29/1993
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