26.10.1992

„Verlogen und ängstlich“

Die ehrenamtlich geführten Verbände genügen den Anforderungen des modernen Profitums nicht mehr. Deshalb widersetzen sich die Aktiven in zahlreichen Sportarten ihren Feierabend-Funktionären. Die emanzipierten Athleten wollen angemessen an den Einnahmen beteiligt werden. Andernfalls drohen sie mit Boykott.
In seiner Sportart zählte Jens Steinigen, 26, bislang eher zu den Außenseitern. Als ihm ostdeutsche Dopingärzte vor Jahren Anabolika verabreichen wollten, verzichtete er lieber auf eine Karriere. Nach dem Mauerfall sorgte der Biathlet mit seinen Bekenntnissen aus alten DDR-Tagen für die Entlassung des Bundestrainers Kurt Hinze.
Vorige Woche scherte Steinigen wieder aus. In einer von ihm veranlaßten Anti-Doping-Resolution werden "unerlaubte Mittel jeder Art" geächtet, unangemeldete Kontrollen befürwortet und Bluttests gefordert. Die Maßnahmen sollen, so Steinigen, den Biathlonsport "von innen säubern" und die Dopingverdächtigungen "ausräumen".
Der schlechte Ruf behindert die Geschäfte. 500 deutsche Unternehmen schrieb der gebürtige Sachse nach seinem Staffel-Gold in Albertville an - die Resonanz war "gleich Null".
Der Verband, glaubt Steinigen, versäume es, das Image aufzubessern; er selbst sei im letzten halben Jahr nur einmal zur Dopingkontrolle gebeten worden: "Deshalb müssen wir Sportler die Sache selbst in die Hand nehmen."
Doch diesmal weiß der Olympiasieger die Kollegenschar hinter sich: Seine Resolution unterstützen 55 Biathleten, darunter die komplette Nationalmannschaft.
Die Athleten emanzipieren sich. Weil die ehrenamtlich geführten Verbände den Anforderungen modernen Spitzensports nicht mehr nachkommen, werden sie übergangen, ausgeschaltet, ignoriert. Ob Volleyball- oder Basketballspieler, ob Ringer oder Skifahrer, ob Tischtennisprofis oder Leichtathleten - überall im bisher so kommoden Reich der deutschen Feierabend-Funktionäre regt sich der Widerstand der Sportler. Ganze Aktivengruppen haben sich inzwischen losgesagt. Mal stört sie die zaghafte Dopingbekämpfung, mal die fehlende Vermarktungsstrategie, mal die mangelnde Betreuung.
Der Befreiungsschlag der Biathleten gegen die tatenlosen Pöstchenjäger aus den Verbandsgremien hat ein Vorbild: Vor zwei Jahren schlossen sich die Zehnkämpfer mit ihren Trainern und Betreuern in einem eigens gegründeten Verein zusammen, um "unabhängig vom Verband Weltklasseleistungen ohne Doping zu ermöglichen".
Die Zehnkämpfer führten Dopingkontrollen im 14-Tage-Rhythmus ein und verpflichteten sich vertraglich, bei Vergehen gegen die strikten Kontrollen 25 000 Mark Strafe zu zahlen. Die sauberen Gladiatoren fanden vier großzügige Sponsoren. Und Bundestrainer Claus Marek registriert einen "Riesen-Zulauf" für den Mehrkampf in Deutschland. Bei Olympia wurden die Zehnkämpfer Paul Meier, Frank Müller und Thorsten Dauth als "Vorbilder" (Süddeutsche Zeitung) gefeiert.
Seit auch Dreispringer und Hürdensprinter eigene Initiativen entwickelten, betrachtet der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) argwöhnisch die kollektiven Absetzbewegungen, die eine neue Qualität der Funktionärsverdrossenheit signalisieren. Als in der Vergangenheit Stars wie die Siebenkampf-Weltmeisterin Sabine Braun oder Hochsprung-Olympiasiegerin Heike Henkel auf Distanz gegangen waren, hatten die Funktionäre noch stillgehalten - auch weil die Eigeninitiative handfeste Vorteile einbrachte.
Braun sorgte selbst für die Bezahlung ihres Betreuerteams von drei Trainern, einer Physiotherapeutin und einem Arzt. Und Heike Henkel verzichtete auf die Sporthilfe, weil Ehemann Rainer als persönlicher Manager weitaus bessere Verträge anschaffte.
Der DLV versuchte vergebens, das "Zehnkampf-Team" mit immer neuen Intrigen "auszuhebeln", wie Team-Manager Holger Schmidt klagt. Zuletzt wurde Bundestrainer Marek für das nächste Jahr ein neuer Vertrag mit nur noch "40 Prozent des bisherigen Jahresgehaltes" angeboten. Gegen die "indirekte Kündigung" protestierten die Zehnkämpfer bei Bundesinnenminister Rudolf Seiters, dem obersten Zahlmeister des deutschen Sports.
Statt moderne Konzepte und Strukturen für den professionellen Sport zu entwickeln, sind die Verbandsherren wie einst die greisen SED-Apparatschiks vor allem mit der Erhaltung ihrer Macht beschäftigt. "Verlogen und ängstlich" seien die Funktionäre, klagt Professor Helmut Digel, der selbst im DLV-Präsidium sitzt: Alle würden "wider besseres Wissen" reden, keiner habe den Mut, "reale Probleme der Athleten zu lösen".
Dabei wurde die Unzufriedenheit der Sportler noch nie so deutlich artikuliert wie nach den Olympischen Spielen in Barcelona. Selbst die Erfolgreichsten wie Ringer-Olympiasieger Maik Bullmann schimpften: Wenn es um finanzielle Dinge gehe, könne man den "Verband echt vergessen".
Bullmann war einer der ersten, die auf das Angebot der Essener Werbeagentur WAS eingingen. Nach Olympia hatte das Unternehmen 172 deutsche Medaillengewinner von Barcelona angeschrieben, eine "professionelle Vermarktung" und die Erschließung "zusätzlicher Einnahmequellen" offeriert. Der Rücklauf, sagt Initiator Andreas Sutter, sei "erstaunlich" gewesen. Mit 24 Athleten, darunter Olympiasieger wie Springreiter Ludger Beerbaum, wurden Verträge unterzeichnet; 34 weitere sind unterschriftsreif.
Manche Gespräche mit den Athleten hat Sutter wie "Hilferufe" empfunden. Einige Medaillengewinner seien schon froh gewesen, wenn ihnen Sponsoren für Autogrammkarten vermittelt worden seien. Besonders viele Kanuten und Ruderer fühlten sich verschaukelt, weil die Verbände nichts getan hätten, damit auch bei den einzelnen Sportlern "ein paar Mark ankommen".
Skiprofi Armin Bittner, der gemeinsam mit seinem Vater Waldemar eine eigene Vermarktungsgesellschaft betreibt, mißfiel im vorigen Jahr, daß er auf der Skipiste für seine Ausrüster Reklame fuhr, ohne an den Werbegeldern direkt zu partizipieren. Vom Münchner Landgericht wollte der Vize-Weltmeister schließlich klären lassen, ob die obligatorische Abtretung seiner Persönlichkeitsrechte an den Deutschen Skiverband (DSV) Rechtens sei.
Es dauerte Wochen, bis die selbstgefälligen Funktionäre einsahen, daß sich Bittner durchaus als "unmündige Litfaßsäule" mißbraucht fühlen durfte. Erst unmittelbar vor dem Gerichtstermin lenkten sie ein.
Für die deutschen Skirennläufer hat sich Bittners Hartnäckigkeit gelohnt: Erstmals saßen die Aktiven jetzt mit am Verhandlungstisch, als die Gelder des DSV-Hauptsponsors Audi und der Skipool-Ausstatter neu verteilt wurden - die Siegprämien stiegen um mehr als 300 Prozent. Ein Weltcup-Erfolg in Wengen, Gröden oder Kitzbühel wird nun mit 65 500 Mark vergütet; ein Weltmeisterschaftstitel bringt 93 000 Mark ein.
Vor allem in den werbeintensiven Disziplinen nimmt der Druck auf die Verbände zu. Wer auf eine berufliche Ausbildung verzichtet und Verletzungen in Kauf nimmt, kann Sport nicht mehr als Hobby begreifen. Durch die "Verberuflichung des Athleten", so Sportwissenschaftler Digel, gehe der Aktive "ein ungleich höheres Risiko" ein als andere Personen, die in der "professionalisierten Sportwelt leben". Die Konsequenz: Jeder müsse deshalb an einem "gewerkschaftsähnlichen Zusammenschluß" interessiert sein.
Und wenn es nicht die Sportler selbst sind, die ihren Verband herausfordern, dann tun es ihre Vereine, die mitunter wie Unternehmen geführt werden.
So plagt sich der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) mit der im August gegründeten Vereinigung der Bundesligaklubs (VTTB). Die Interessengemeinschaft fordert eine Verdopplung ihres Anteils an den TV-Geldern, verlangt für jeden Einsatz ihrer Profis im Nationalteam 3000 Mark und lehnt die beabsichtigte Verkleinerung der Bundesliga ab.
Das Dreiecksverhältnis Verband-Verein-Spieler ist gestört, seit im Tischtennis auf Turnieren viel Preisgeld zu verdienen ist. Die Topstars, weiß DTTB-Präsident Hans Wilhelm Gäb, wollen sich deshalb "naturgemäß auf ihre Einzelkarriere konzentrieren". Doch das widerspricht den Interessen des Verbandes und der Vereine.
Im Tischtennis spiegelt sich das Dilemma, in dem viele Sportarten stecken, die den Kommerz entdeckt, aber überkommene Strukturen noch nicht abgestreift haben. Die Vereins-Forderungen würden den Verband über eine halbe Million Mark kosten. Geld, das Gäb in der Nachwuchsförderung besser angelegt sieht: "Der DTTB vertritt 11 000 Vereine, er kann sich nicht zum Service-Unternehmen einer Minderheit machen."
Doch wie im politischen Leben gilt auch im Sport: Werden Minderheiten nicht hinreichend vertreten, gründen sie ihre eigene Partei. So entstand Ende August die "Vobag Volleyball AG". Das Stammkapital von 200 000 Mark haben die 68 Vereine der Herren- und Damen-Bundesligen aufgebracht.
Die Reform war dringend nötig. Wegen der ständig steigenden Kosten hatten Fortuna Bonn und der VBC Paderborn vor dem Beginn dieser Saison ihren Bundesligabetrieb eingestellt, kein Verein der Zweiten Liga wollte nachrücken - so gingen nur noch zehn Klubs in die neue Meisterschaftsrunde.
Die AG dient den Klubs vor allem als Dienstleistungsbetrieb für Vermarktung und Organisation. Vom Deutschen Volleyball-Verband hat sich die Bundesliga damit praktisch abgetrennt.
Auch im deutschen Basketball wird schon im kommenden Jahr nichts mehr wie früher sein, wenn sich die Wünsche von Günther Bullinger, dem Vorsitzenden des Bundesligaklubs BG Stuttgart/ Ludwigsburg, erfüllen. Dann wollen der Deutsche Basketball-Verband (DBB) und seine Spitzenvereine die neue "Superliga" gründen.
In einer GmbH sollen sich, so der gemeinsam erarbeitete Plan, zwölf Profiteams und als 13. Gesellschafter der DBB zusammenfinden. Die Mannschaften der Superliga handeln dann wie Abteilungen eines großen Unternehmens: Die gemeinsame Vermarktung funktioniert nach dem Solidarprinzip, es gibt keinen Absteiger. "Unser Vorbild", frohlockt Bullinger, "ist die amerikanische Basketball-Liga." Die NBA zählt mit einem Gesamtumsatz von über 700 Millionen Dollar zu den größten Unterhaltungsbranchen der USA.
Schon jetzt ist sich die Basketball-Bundesliga verblüffend einig. Mit der Veltins-Brauerei wurde ein Liga-Sponsor gefunden, der 800 000 Mark in bar und viele PR-Aktionen einbringt. Der TV-Sender Sportkanal überträgt 25 Spiele live - noch steuern die Klubs einen Teil der Produktionskosten aus einem gemeinsamen Topf selbst bei.
Die vielen Fernsehprogramme - von Januar an können die deutschen Kabelkunden unter insgesamt neun Sportanbietern wählen - verstärken das Sezessionsstreben von Sportlern und Vereinen. Und der florierende Handel mit TV-Rechten weckt immer neue Begehrlichkeiten. Denn wo die Medien sind, ist die Werbung. Und wo Reklame gemacht wird, wollen die Hauptdarsteller mitverdienen.
So haben die jüngsten Meldungen über den Handel mit Übertragungslizenzen für den Ski-Weltcup die Rennläufer in erwartungsvolle Aufregung versetzt. Bis zu einer Million Dollar will die in Liechtenstein ansässige "Halva Finanzanstalt" pro Weltcup-Ort für die Rechte ausgeben. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Aktiven jene 50 000 Mark Preisgeld vom Veranstalter, die im Januar für den Abfahrtslauf in Garmisch-Partenkirchen ausgelobt sind, als läppischen Betrag verschmähen.
Die Sportlandschaft wird sich weiter radikal verändern, da ist sich Zehnkampf-Manager Schmidt sicher. Womöglich schon bald würden analog den Markenteams in der Formel 1 auch in der Leichtathletik reine Firmenmannschaften auftreten. Und ähnlich wie bereits heute im Springreiten, wo Stallbesitzer über die Aufstellung von National-Equipes entscheiden, brauchen die Sportler den Verband dann allenfalls noch zur internationalen Repräsentation. Der "gesamte Wasserkopf" (Schmidt), der jetzt einen Großteil der Einnahmen verschlingt, werde überflüssig.
Als Vorreiter ziehen wieder mal die Leichtathleten in die entscheidende Schlacht um Mark und Dollar. Mit dem Abschluß eines neuen Fernsehvertrages, der dem Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) in den nächsten vier Jahren allein in Europa 91 Millionen Dollar garantiert, hat IAAF-Präsident Primo Nebiolo große Erwartungen geweckt.
Die Manager der Topstars fordern prompt immense Weltmeisterschafts-Prämien. Schließlich seien Athleten wie Carl Lewis "das Zentrum des leichtathletischen Spektakels". Die Sieger der WM im nächsten Jahr in Stuttgart sollen 100 000 Dollar bekommen, Weltrekorde zusätzlich mit einer 100 000-Dollar-Prämie belohnt werden. Werden ihre Forderungen nicht erfüllt, drohen die Athletenvertreter, würden ihre Stars die Titelkämpfe boykottieren.

DER SPIEGEL 44/1992
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