02.11.1992

KriegsgefangeneAlles erfunden

Eine Moskauer Behörde überprüft die Urteile sowjetischer Militärtribunale gegen deutsche Gefangene und Ostzonenbewohner.
Mit Fleiß und Kraft man vieles schafft", der Sinnspruch schmückt den Gesellenbrief des Schlossers Ernst Fritz Schubert aus dem Jahre 1936. Vorsichtig faltet Wladimir Gussew, Oberst der russischen Militärstaatsanwaltschaft, das angegilbte Zeugnis zusammen und schiebt es in den Umschlag mit den restlichen Dokumenten der "Sache Schubert" zurück.
Da ist noch ein Ausweis Nr. 26350, er bestätigt Schuberts Beschäftigung seit 1949 bei der "Sowjetischen Aktiengesellschaft Wismut", die in der Ostzone Uran abbaute. Daneben ein paar matte Familienfotos und nun die achtzeilige lakonische Bescheinigung Nr. SD-655-53, die Gussew selbst eben geschrieben und per Rundsiegel amtlich mit Hammer und Sichel versehen hat.
"Der Bürger Schubert, Ernst Fritz, geboren 1917 in Markersbach", hebt Gussew in offiziellem Ton an, "inhaftiert am 27. September 1952, verurteilt am 24. Dezember desselben Jahres durch das Militärtribunal des Truppenteils 48240 nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation, wird gemäß Gesetz über die Rehabilitierung der Opfer politischer Repressalien vom 18. Oktober 1991 rehabilitiert."
Gussew klopft zufrieden auf den Umschlag: "Das sind wertvolle Dokumente für die, die es betrifft." Den Adressaten Schubert erreicht die Botschaft nicht mehr. Er ist seit Heiligabend 1952 tot.
Ein sowjetisches Erschießungskommando hatte auf dem Boden der DDR dem 35jährigen Schlosserleben ein Ende gesetzt und gleich auch noch zwei Arbeitskollegen hingerichtet, wegen Spionage in den Wismut-Schächten.
"Es war alles erfunden", widerruft Gussew vier Jahrzehnte später das Urteil seiner Kollegen, die einst im deutschen Beutestaat Jagd auf "West-Spione" und "Antisowjetschiki" machten.
Der gnädige Oberst arbeitet in einer Moskauer Villa die Vergangenheit auf, mit Chef Nikolai Anissimow, 48, und knapp zwei Dutzend Mitarbeitern. Das Rehabilitierungsamt bei der russischen Generalstaatsanwaltschaft soll Millionen Sowjetbürgern die bürgerlichen Rechte zurückgeben, die seit 1917 der Geheimpolizei, Sondertribunalen, Dreier-Gerichten zum Opfer gefallen waren. Die Wiedergutmachung erfolgt per Stempeldruck, materielle Entschädigung ist nicht in Sicht.
Seit zwei Jahren wühlt sich Anissimows Truppe durch endlose Kilometer verstaubter Gerichtsakten in Sonderarchiven von Innen-, Sicherheits- und Verteidigungsministerium, mit deren Hilfe Stalin seine Widersacher ebenso wie gänzlich Unschuldige, ob Putzfrau oder Armee-General, zu Feinden der Sowjetunion erklären ließ.
16 500 Antragsteller bekamen 1990 Antwort, 10 120 im vorigen Jahr. Doch allein Militärtribunale schickten zwischen 1930 und 1953, dem Todesjahr Stalins, 1,3 Millionen Menschen in die Lager oder direkt in den Tod, so zumindest die Zahl aktenkundiger Fälle.
Zu den Sowjetbürgern, die per Artikel 58 (Solschenizyn: "der üppige, alles sauberfegende Paragraph") zu Arbeitsverweigerern, Vaterlandsverrätern, Terroristen oder Gehilfen der Weltbourgeoisie gestempelt wurden und nun per Bescheinigung ihre Biographie geraderücken können, kommen neuerdings Tausende ausländischer Opfer hinzu: Japaner, Ungarn, Polen, Österreicher, Rumänen und vor allem Deutsche - ob Komintern-Funktionär, Wehrmachtssoldat oder schlichter Ostzonenbürger nach dem Krieg wie Schubert.
Die meisten zählten zu den mehr als drei Millionen Kriegsgefangenen der Ostfront, waren nicht verhungert, aber auch nicht repatriiert worden, sie standen als "Kriegsverbrecher" vor sowjetischen Militärgerichten.
Von den Deutschen, die jetzt Gerechtigkeit suchen, kennt niemand die Zuständigkeit des Obristen Gussew. Horst Hennig, 66, Generalarzt a. D. der deutschen Bundeswehr, begab sich im August in die zum "Sicherheitsministerium" umgewandelte KGB-Zentrale am Moskauer Lubjanka-Platz.
"Die Herren waren höflich und boten mir sogar einen Kaffee an", berichtet der Antragsteller, der sein Gesuch auf einem DIN-A4-Blatt mitgebracht hatte: "1950 als Medizinstudent von der sowjetischen Geheimpolizei in Halle verhaftet, zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt und dann ins Lager Nr. 10 ins russische Workuta verbracht, bitte ich um Aufhebung des Urteils."
Hennig, damals 23, hatte öffentlich bezweifelt, daß die Einheitsliste bei den Studentenratswahlen der Uni etwas mit Demokratie zu tun hätte. Ein sowjetisches Tribunal befand Hennig und sechs Kommilitonen der Spionage, Bildung einer kriminellen Organisation und antisowjetischer Propaganda für schuldig.
Es gab keine Anklageschrift, keine Zeugen, keinen Rechtsanwalt, die Verhandlung wurde auf russisch geführt. Stud. med. Hennig landete in den Kohleschächten. 37 Jahre nach geglückter Heimkehr sagten die russischen Geheimdienstler nun ihrem Überraschungsgast die Weiterleitung des Falls an Gussew zu.
Horst-Rüdiger Münchau, 68, aus dem holsteinischen Boostedt wiederum steckte sein Begehren in ein Paket mit 480 Anträgen ehemaliger Stalingrad-Kämpfer und gab das Bündel im Februar in Rußlands Bonner Botschaft ab.
Der Bauingenieur, damals 21, war zwei Tage nach Kriegsende als Leutnant in tschechische Gefangenschaft geraten. Er wurde nach Rußland überstellt, kurz vor Ablauf der allgemeinen Repatriierungsfrist angeklagt - wegen Teilnahme an Strafaktionen gegen Partisanen - und per Blitzprozeß (25 Jahre Zwangsarbeit) in die Kategorie der Kriegsverbrecher eingestuft.
Nachdem Konrad Adenauer bei seinem Moskau-Besuch 1955 die Freilassung der letzten 10 000 Kriegsgefangenen gegen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen eingehandelt hatte, kam Münchau als "Spätheimkehrer" zurück. Er ersuchte sofort um Rehabilitierung, die der Oberste Sowjet verweigerte.
Das Thema Kriegsgefangene stieß im Moskauer Außenministerium stets auf völliges Unverständnis, doch seit Gesprächen Kanzler Kohls mit Sowjetchef Gorbatschow 1990 heißt es dort: "Niemand bleibt ohne Rehabilitierung", so ein Beamter der Verwaltung für internationale humanitäre Zusammenarbeit, über die inzwischen auch die deutsche Botschaft 890 Anträge weitergereicht hat.
Die russische Öffentlichkeit hat die Kriegsgeschichte für sich längst umgeschrieben, das Komitee der 280 000 Moskauer Kriegsveteranen hat andere Sorgen als der Feind von damals: die Armut. "Es gibt weder Haß noch Forderungen gegenüber den Deutschen", winkt Generaloberst a. D. Iwan Katyschkin ab, "und von den NKWD-Lagern wußten wir einfach nichts."
Umstritten ist der Drang nach Rehabilitierung bei den Deutschen selbst. "Kein Jude ließe sich durch die Nazis rehabilitieren, nur weil er im KZ saß", zitiert Hennig Kameraden aus der Lagerzeit. Die meisten geben "zeitgeschichtliches Interesse" an den russischen Akten vor, manche wurmt einfach die Willkür nach 40 Jahren immer noch.
Bonns Diplomaten reagieren ratlos auf die Antragsflut. Während daheim der Vorwurf schwelt, alle Bundesregierungen hätten das Thema tabuisiert und einschlägige Akten weggeschlossen, fürchten sie noch immer um die deutsch-russischen Beziehungen.
Werner Kießling, 78, aus der Gefangenschaft 1949 entlassen und seit 28 Jahren an der Spitze des Verbandes der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermißtenangehörigen, schickte am 16. März einen Brief an Rußlands Präsidenten Boris Jelzin. Die deutsche Botschaft in Moskau ließ die Bittschrift liegen und wies Vermittlungsdienste zurück: "Das war praktisch die Forderung nach einer Generalamnestie, der Ton stimmte nicht, und keinerlei Höflichkeitsübersetzung war dabei", so ein Beamter.
"Die haben Angst vor den Marschällen", urteilt Präsidialratsmitglied Günther Wagenlehner, 68, der 1951 zu 25 Jahren verurteilt worden war und auch 1955 freikam. Er gewann für seine Sache den Marschall Wiktor Kulikow, 71, ehemals Warschauer-Pakt-Chef, der (mit einem Bundeswehr-Jet) nach Bonn kam. Kulikow kündigte die Öffnung der russischen Archive für Nachforschungen nach den 1,3 Millionen vermißten deutschen Soldaten an.
Wagenlehner will keine Generalabsolution: "Die spräche ja selbst KZ-Wächter frei", entrüstet sich der Ostexperte und Buchautor ("Kommunismus ohne Zukunft", 1962). Er wünscht "eine politische Erklärung, die pauschal die Stalin-Urteile gegen unschuldig verurteilte deutsche Kriegsgefangene annulliert".
Daß die rechtswidrigen Beschlüsse sowjetischer Militärgerichte auch Schuldige trafen, steht für den Staatsanwalt Anissimow fest. Einzelprüfung ist angesagt, ein Puzzlespiel. Stalins Untersuchungsrichter, Staatsanwälte und Urteilsverkünder hatten mit Akribie Aktenblatt an Aktenblatt geheftet, selbst wenn die "Verhandlung" nicht mal fünf Minuten in Anspruch nahm. Doch wirkte wie bei den Verhaftungen meist der Zufall mit, die Zeugenaussagen waren in der Regel gefälscht.
Elisabeth Böhnke aus Bochum etwa hatte laut Befund eines Militärtribunals 1951 einem in der DDR stationierten russischen Panzerkommandeur zur "Westflucht" verholfen. In Wahrheit, so fand Anissimows Behörde jetzt heraus, hatte die arglose Frau einem Auskunft heischenden Sowjetoffizier den Weg zu einer Straße gewiesen. Elisabeth Böhnke wurde im Juli rehabilitiert.
"Wir versuchen, objektiv zu sein, man muß die Akten im Zusammenhang lesen, die sind nach ein und derselben Schablone fabriziert", sagt der Militärjurist, der sich als Untersuchungsrichter am Baikal, in Turkestan und bei der Sowjetgarnison in der CSSR betätigte und 1986 in die Generalstaatsanwaltschaft aufstieg.
Sogar einem Soldaten der Wehrmachtsdivision "Brandenburg", Diversionstruppe der Canaris-Abwehr, stellten die Amtsnachfolger der Stalin-Häscher die Unbedenklichkeitsbescheinigung aus: Seine Teilnahme an Strafaktionen sei nicht nachweisbar.
Während etwa jedem fünften russischen Antragsteller Entlastung verweigert wird - weil er als Hilfspolizist mit Deutschen kollaboriert oder Landsleute erschossen hat -, ist diese Quote bei den Deutschen (gängiges Verdikt: Teilnahme an Repressalien gegen Zivilisten) äußerst gering. Bei Ablehnungen gehen die Papiere ans Gericht, das befindet in letzter Instanz. Anissimow: "Wer sich wirklich schuldig fühlt, reicht erst gar keinen Antrag ein." Dabei werden mitunter Leute rehabilitiert, die um diese Gefälligkeit gar nicht nachgekommen sind.
Die 480 Sammelantragsteller, zu denen Ingenieur Münchau gehörte, hatten akkurat dazugeschrieben, wessen sie beschuldigt worden waren: "Aufständische Umtriebe", "Stabszugehörigkeit", "Evakuierung volksdeutscher Personen". Bei der Prüfung eines der Fälle stießen die Ermittler auf vier weitere Deutsche, die in derselben Sache verurteilt waren, und entlasteten sie gleich mit.
Von eigener Akteneinsicht, obwohl problemlos, raten sie den Betroffenen ab: "Da wimmelt es von Schmutz, Verrat und Denunziation", warnt Anissimow. Antragsteller Hennig fand im Hallenser Uni-Archiv einen Protest des damaligen Prorektors Rudolf Agricola gegen die vom Dekan empfohlene Begnadigung der verurteilten Studenten.
Die guten Taten der Anissimow-Prüfer werden von deutscher Seite bisher kaum anerkannt. Während Antragsteller Karlhans Mayer, nebst Ehefrau 1950 in Halle wegen Spionage fürs Ostbüro der SPD inhaftiert, noch in der Frankfurter Allgemeinen das Schweigen der Russen beklagte, hatten die ihn und 56 seiner Konfidenten längst rehabilitiert.
Die überlasteten Begnadiger in Moskau schafften es nicht, ihre Freisprüche samt Personalpapieren oder gar Aktenkopien an die Deutschen zu schicken, in vielen Fällen sind Adressen unbekannt. Die deutsche Botschaft springt nicht ein, sie "sucht nicht den Kontakt mit uns - ganz anders als Japaner, Österreicher oder Polen", wundert sich Anissimow, der die Persilscheine möglichst rasch und offiziell übergeben möchte.
Die deutschen Diplomaten wiederum sitzen auf wachsenden Eingabebergen russischer Bittsteller, die ihrerseits Wiedergutmachung fordern: von Deutschen verschleppte Zwangsarbeiter, KZ-Insassen, Kriegsgefangene. Anders als die Petenten aus dem Umfeld der Täter begehren sie auch finanzielle Buße wie zum Beispiel Walerija Kwizinija, 61, die 1943, zwölf Jahre alt, ins KZ Salaspils gesteckt wurde und hernach in der Nähe von Kassel beim Bauern Malmus 12 bis 14 Stunden am Tag arbeiten mußte. Das Volksgericht Riga hat das am 2. April festgestellt.
Oder auch wie der russische Bauer, der als Ausgleich für sein im Krieg von den Deutschen requiriertes Pferd um einen Mercedes bittet. Beide werden vermutlich leer ausgehen, doch möchten Deutsche wie Russen bis zu Kohls Moskau-Besuch im Dezember das Thema vom Tisch haben und die rund drei Millionen Opfer pauschal abfinden: Eine Milliarde Mark soll in Rußlands Staatskasse fließen, etwa 300 Mark je Opfer oder, in Rubel, ein Jahreslohn.
Anissimows uniformierte Staatsanwälte setzen auf Versöhnung. Auf dem Rehabilitierungsantrag des Generalarztes Hennig fand der mit allen Abgründen Stalinscher Willkürjustiz vertraute Oberst einen überraschenden Nachsatz: Gleichzeitig mit dem Ersuchen um Aufhebung des Urteils bat Hennig darum, seinen ehemaligen Peiniger, "Untersuchungsrichter Nikolai Detow", nach Deutschland einladen zu dürfen - zum Privatgespräch, zu gemeinsamer Bewältigung der Vergangenheit. _(* In Eschwege. )
Gefangenen-Papiere aus Sowjet-Gerichtsakten Ein Puzzlespiel
Deutsche in sowjetischer Gefangenschaft: "Niemand bleibt ohne Rehabilitierung"
Öffentliche Hinrichtung deutscher Soldaten in Smolensk 1945: Die Leichen blieben hängen
Rußland-Heimkehrer 1955* Per Blitzprozeß in die Kategorie Kriegsverbrecher
* In Eschwege.

DER SPIEGEL 45/1992
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