16.11.1992

Hausmitteilung Betr.: Breschnew

"Breschnew ist zumindest zeitweilig nur noch eine Repräsentationsfigur. Wichtige Entscheidungen werden aufgeschoben: Entspannung oder Imperialismus, Mißwirtschaft oder Reform." So der SPIEGEL 1982, als sich die Ära des Generalsekretärs Leonid Breschnew ihrem Ende zuneigte. Walentin Falin, unter Breschnew Botschafter in Bonn und Vizechef der ZK-Abteilung für Auslandsinformation, hat jetzt als Zeuge im Moskauer Verbotsprozeß gegen die KPdSU die SPIEGEL-Analyse noch verschärft: Breschnew war schon seit 1974 "ein physischer Leichnam" (Seite 232).
1975 erlebte SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meyer, wie der Kreml-Chef mit schleppender Stimme und stierem Blick sein Tabaketui erklärte, das nur alle 40 Minuten eine Zigarette freigab. 1981, nach dem Besuch einer SPIEGEL-Delegation beim Generalsekretär, hielt Rudolf Augstein den Eindruck fest: "Auch bei bester Gesundheit hätte Breschnew kein SPIEGEL-Gespräch geben können, das diesen Namen verdient." Ein alter Verdacht bestätigt sich: Mitunter sind die Führer (noch) maroder als ihr Land.

DER SPIEGEL 47/1992
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