16.11.1992

Prozeß nach Schalck-Bericht

Erstmals müssen sich führende Mitarbeiter und der Autor einer öffentlichrechtlichen Fernsehanstalt wegen ihrer Berichterstattung vor dem Strafrichter verantworten. Der Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), Klaus Bresser, sein Innenpolitik-Redakteur Dieter Zimmer und der freie Journalist Egmont R. Koch sind angeklagt, durch die Ausstrahlung einer Fernsehsendung "andere verächtlich" und "in der öffentlichen Meinung herabgewürdigt" zu haben - aus Sicht von Staatsanwalt Roland Steinhart der klassische Fall von übler Nachrede.
Im Juli vergangenen Jahres hatte das ZDF unter der Verantwortung Bressers und Zimmers den Koch-Film "Die Schalck-Connection" ausgestrahlt. Der Beitrag enthüllte den engen Kontakt der bayerischen Fleischunternehmen Marox und Moksel zum Devisenimperium "Kommerzielle Koordinierung" des früheren DDR-Staatssekretärs Alexander Schalck-Golodkowski.
Koch behauptete, die Marktgewaltigen Marox und Moksel hätten "wie ein Kartell" bei "dubiosen Transaktionen" 17 Millionen Mark an Steuern hinterzogen, das fällige Strafverfahren aber sei "auf Weisung des Bundesfinanzministeriums totgemacht" worden.
Die Marox-Chefs Willi und Andreas März erstatteten daraufhin Strafanzeige. Während der Fernsehsender "für sich in Anspruch nimmt, objektiv belegbare Tatsachen dokumentiert und in sprachlich korrekter Weise benannt zu haben", hält Staatsanwalt Roland Steinhart die aufgestellten Behauptungen "für nicht erweislich wahr".
Auf Steinharts Antrag hin erließ das Amtsgericht Mainz gegen die drei Journalisten Strafbefehle. Alle legten Einspruch ein, der in Kürze vor dem Amtsgericht Mainz verhandelt wird. Der Autor des inkriminierten Berichts, Egmont R. Koch, soll 22 500 Mark (90 Tagessätze a 250 Mark) Geldstrafe zahlen, ZDF-Chefredakteur Bresser 27 500 Mark.

DER SPIEGEL 47/1992
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