16.11.1992

SchwarzseherDose versiegelt

Immer mehr Kunden der Telekom klemmen sich illegal ans Kabelnetz.
Mit dem Schraubenzieher, weiß der Hamburger Heimwerker, "sparst du glatt 'ne Mark". Und eine "völlig neue Perspektive" erschließe der Dreh auch.
Der Dreh ist denkbar einfach: Eine Deckelschraube gelöst, das handelsübliche Koaxialkabel in die Normbuchse gesteckt, und schon öffnet sich die Wunderwelt des Kabelfernsehens.
Die findigen Bastler bereiten der Telekom zunehmend Sorge. Nachdem Posttrupps die Erde aufgerissen und Stadt und Land mit TV- und Hörfunkleitern verkabelt haben, klagt die Firma, grassiere nun der Kabelklau am "Übergabepunkt", der Kabeldose.
Bis in den Keller verlegt die Post auch in jenen Anwesen die TV-Kabel, deren Mieter oder Besitzer sich zunächst nur teilweise oder gar nicht ans Kabelfernsehen anschließen lassen. Immer mehr Bewohner, die angeblich an der Technik kein Interesse haben, greifen später zum Schraubenzieher, um sich die bunte Kabelvielfalt schwarz zu gönnen.
Auf den neuen Volkssport stießen die Telekom-Techniker im Frühjahr, als sie in Köln und Berlin Stichproben in verkabelten Gebäuden machten. Im Raum Köln wurden rund 4000 Ein- und Zweifamilienhäuser, in Berlin 500 Mehrfamilienhäuser mit etwa 10 000 Wohnungen überprüft. Bis zu zehn Prozent der vorgeblich nicht genutzten Übergabepunkte waren angezapft worden.
Die Dosenöffner wollten doppelt sparen: zum einen die einmalige Anschlußgebühr (65 Mark für Einzelnutzerverträge), zum anderen den monatlichen Telekom-Obolus von 22,50 Mark.
In den alten Bundesländern, sagt Telekom-Sprecher Klaus Czerwinski, "entgehen dem Unternehmen so jährlich etwa 80 Millionen Mark an Gebühren". Schätzungen für die neuen Länder gibt es bislang nicht, derzeit sind dort erst rund 500 000 Anschlüsse verlegt.
Die Kabelklemmer schädigen nicht nur die Telekom; auch der verkabelte ehrliche Nachbar kann unter den Piraten leiden. Wo sich in Mehrfamilienhäusern ohne Gemeinschaftsantennenanlage Mieter einen Einzelanschluß legen lassen, beeinträchtigen Kabelzapfer häufig die TV-Qualität: Klemmt sich der Schwarzkunde dazu, kann es nach Angaben von TV-Technikern zu einer "deutlichen Abschwächung der Kabelsignale" kommen. Dem ahnungslosen Telekom-Kunden flimmert der Bildschirm.
Juristisch ist dem TV-Diebstahl nur schwer beizukommen. Formal begehen Schwarzmitseher zwar "Siegelbruch", wenn sie die mit Plomben gesicherten Übergabepunkte öffnen; zudem machen sie sich des "Erschleichens von Leistungen" schuldig.
In der Praxis aber ist der mit Haftstrafe bedrohte Siegelbruch kaum zu beweisen. Kabeldosen sind häufig nicht verplombt, eine Schlamperei privater Subunternehmer bei der Installation der Kabeltechnik. "Vor Gericht", so ein Telekom-Jurist, "sehen wir bei dieser Sachlage schlecht aus."
Ebenso schwierig ist der Nachweis, daß sich der Kunde die Kabelleistung "erschlichen" hat, weil im Einzelfall kaum festzustellen ist, ob ein Kabelklemmer eine Leitung eigenhändig angezapft hat.
Die Telekom verzichtet deshalb in der Regel auf juristische Schritte. Werden Kabelzapfer erwischt, so werden sie ermahnt, die Anschlußgebühr zu entrichten und künftig die Kabelgebühren zu berappen. Wer sich sträubt, dem läßt die Telekom die Dose versiegeln.
Manchen schreckt auch das nicht. In Kiel, so stellten die Telekom-Fahnder bei Nachkontrollen fest, hatten sich ertappte Schwarzseher erneut illegal ans Kabel angeschlossen. In diesen Fällen ist der Siegelbruch offenkundig.
"Schon wegen Dreistigkeit", sagt Sprecher Czerwinski, "gehören die verknackt."

DER SPIEGEL 47/1992
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