16.11.1992

DrogenKrieg statt Hilfe

Nach positiven Erfahrungen in Bremen und Amsterdam drängen Experten auf großzügige Ausgabe der Ersatzdroge Methadon, Unionspolitiker bremsen.
Manchmal kommt der Berliner Arzt Jörg Gölz, 49, ins Träumen. Dann sieht er sich Drogenabhängige behandeln, die energisch und zielstrebig gegen ihre Sucht ankämpfen und es in Kauf nehmen, sich einer quälend langen Entzugstherapie zu unterziehen. Doch solche Junkies mit festem Willen und guten Vorsätzen, weiß Gölz, "das ist die creme de la creme der Drogenszene" - die gibt es kaum.
In seiner Charlottenburger Praxis hingegen sieht Gölz Tag für Tag "schwerst verwahrloste, hochgradig kranke Menschen", denen mit gutem Zureden und hehren Wünschen nicht geholfen ist. Statt dessen bekommen diese Patienten vom Doktor ihre tägliche Dosis Methadon, eine morphiumähnliche Ersatzdroge.
Wenn die Süchtigen mit Hilfe der neuen Droge ihren Tagesablauf regeln lernen und nicht mehr ständig auf der Szene rumhängen, sind Ärzte wie Gölz schon zufrieden - praktische Lebenshilfe für den "Bodensatz" (Gölz) zu leisten ist ihnen wichtiger als das meist vergebliche Warten auf Entzugserfolge.
Mediziner wie der Berliner Gölz sind noch immer selten - obwohl die Erfolge der Methadon-Vergabe mittlerweile unübersehbar sind. Vergangene Woche erst machte die Bremer Gesundheitssenatorin Irmgard Gaertner (SPD), 62, die positiven Resultate eines seit drei Jahren laufenden Versuches in der Hansestadt publik (siehe Interview Seite 103).
Die Bremer Erfahrungen mit der "medikamentengestützten ambulanten Therapie", so der offizielle Ausdruck für die Methadon-Behandlung, fügt sich in eine Reihe ermutigender Ergebnisse anderer Modellprojekte: *___Eine Therapie mit Ersatzdrogen ("Substitution") bricht ____im Durchschnitt nur einer von zehn Patienten ab, ____während in der Abstinenz-Behandlung die Abbrecherquote ____bisweilen 70 Prozent erreicht. *___Die Beschaffungskriminalität nimmt bei ____Methadon-Konsumenten deutlich ab; so ergab eine ____Untersuchung des Hamburger Politologen Peter Raschke, ____daß vor Beginn der Behandlung jeder zweite dealte oder ____klaute, um seine Sucht zu finanzieren, bei kostenloser ____Methadon-Vergabe aber nur noch jeder dreißigste. *___Die soziale Integration wird erleichtert: Eine ____Prognos-Untersuchung der knapp 200 Methadon-Patienten ____in Nordrhein-Westfalen ergab, daß zwei Drittel von ____ihnen wieder arbeiten können, ausgebildet oder ____umgeschult werden. Vier Fünftel gelten als "sozial gut ____integriert". *___Auch der allgemeine Gesundheitszustand der Süchtigen ____verbessert sich ____bei regelmäßiger Gabe von Ersatzdrogen, wie jetzt die ____Bremer Studie bestätigt.
In den Großstädten, wo inzwischen jeder dritte Drogenabhängige HIV-infiziert ist, geht zudem die Ansteckungsrate deutlich zurück, wenn die Süchtigen Methadon einnehmen, statt sich Heroin-Tinktur zu spritzen. So haben sich einer unveröffentlichten Berliner Studie zufolge nur noch 3 von 558 untersuchten Männern und Frauen nach Beginn der Methadon-Behandlung infiziert; in einer Vergleichsgruppe aus der Drogenszene wären es im selben Zeitraum "etwa 50" gewesen, schätzt Suchtmediziner Gölz.
Für die allermeisten der rund 120 000 Heroin-Süchtigen in Deutschland allerdings ist der Ersatzstoff noch in weiter Ferne, ein Rückgang der Beschaffungskriminalität wie auch der Zahl der Drogentoten mithin kaum absehbar.
Den noch immer geltenden Richtlinien zufolge darf die Substitution nämlich nur bei Abhängigen angewandt werden, die schwanger sind, manifest an Aids oder einer schweren chronischen Krankheit leiden - "eine Sargdeckel-Indikation", sagen Kritiker wie der Stuttgarter Polizeipräsident Volker Haas.
Allen positiven Erfahrungen mit den derzeit rund 2000 Substituierten zum Trotz tobt weiterhin eine Art parteipolitischer Glaubenskrieg. Eine Ausweitung der Programme auf weitere Zielgruppen wäre ein "verhängnisvoller Irrweg", behauptet etwa Bayerns Innen-Staatssekretär Günther Beckstein (CSU). Von Methadon wegzukommen sei "wesentlich schwerer und risikoreicher als ein Heroin-Entzug", glaubt Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) zu wissen.
Auch etliche Ärzte träumen noch immer den Traum von der drogenfreien Gesellschaft. Voraussetzung zur Methadon-Vergabe müsse weiterhin der "Wille zur Suchtfreiheit" des Patienten sein, forderte vorige Woche etwa der Frankfurter Professor Hans Joachim Bochnik.
Dabei ist, wie Kenner wissen, die Bereitschaft zum "kalten" - also nicht von Ersatzdrogen oder anderen Medikamenten unterstützten - Heroin-Entzug unter den kränkelnden, ausgemergelten Junkies gering. Ohnehin stellt die traditionelle, auf Entwöhnung fixierte Drogenpolitik bundesweit gerade mal rund 4000 stationäre Entzugs- und Entgiftungsplätze zur Verfügung.
In den norddeutschen Stadtstaaten allerdings sind, unter dem Druck steigender Kriminalitätsraten und zunehmender Anliegerproteste gegen die örtlichen Drogenszenen, immer mehr Politiker zu Methadon-Experimenten bereit. In Bremen bekommen immerhin 475 der mindestens 2000 Junkies die Ersatzdroge, in Hamburg ist geplant, statt bisher rund 400 Patienten vom kommenden Jahr an mehrere tausend Süchtige mit Methadon zu versorgen.
Die Befürworter einer großzügigen Vergabe von Ersatzdrogen orientieren sich an Erfahrungen aus Holland. In Amsterdam erfaßt das Methadon-Programm etwa 4600 der rund 6500 Süchtigen. Die Junkies können wählen - zwischen der unbürokratischen Ausgabe der Ersatzdroge am Methadon-Bus, der Hilfe durch niedergelassene Ärzte und einer Ausstiegstherapie.
Erheblich fortschrittlicher als in Deutschland geht es auch in vielen Schweizer Großstädten zu. Im grenznahen Basel erhalten 650 Patienten, mehr als ein Drittel aller Junkies, kostenlos ihre Ersatzdroge. "Wer abhängig ist und nach Methadon fragt", erläutert Professor Dieter Ladewig von der Basler Uniklinik, "der wird es normalerweise auch bekommen."
Um solch praktische Hilfe auch in der Bundesrepublik zu gewähren, müßten die äußerst rigiden deutschen Vorschriften geändert werden. Doch auch eine Novellierung der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung, die vergangene Woche im Gesundheitsausschuß des Bundesrats erörtert wurde, läßt nur kleine Schritte in die richtige Richtung zu. So sollen Ärzte in Zukunft ihren Drogenpatienten nach einjähriger Behandlung die Methadon-Ration fürs Wochenende mitgeben dürfen - bisher mußten die Junkies jeden Tag aufs neue erscheinen.
Wenigstens minimal verändert wird auch die groteske Vorschrift, daß Schwangere nur bis zur Niederkunft substituiert werden dürfen. Künftig sollen sie noch bis zu sechs Wochen nach der Entbindung Methadon bekommen können.
Vor allem ist geplant, daß Suchtmediziner demnächst eine erheblich größere Dosis Methadon auf einmal verschreiben dürfen; damit würde das bisher oft täglich notwendige, langwierige Ausfüllen der Betäubungsmittel-Rezepte nur noch durchschnittlich zweimal im Monat fällig.
Solche Entbürokratisierung, hofft der Streetworker Heinz Ausobsky von der Nürnberger "Mudra"-Drogenhilfe, würde mehr niedergelassene Ärzte als bisher ermutigen, süchtige Patienten mit Ersatzstoffen zu behandeln.
Bisher nämlich, das ergab eine Mudra-Umfrage unter Ärzten im Großraum Nürnberg, sind 80 Prozent der Mediziner von den bürokratischen Hindernissen so sehr eingeschüchtert, daß sie jede Behandlung von Süchtigen mit Methadon verweigern.
"Die haben", weiß Ausobsky, "einfach Schiß vor strafrechtlicher Verfolgung."

DER SPIEGEL 47/1992
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