16.11.1992

SchulenDoofe aus dem Westen

Politikerpläne, ost- und westdeutsche Lehrer auszutauschen, sind weitgehend gescheitert.
Ein Jahr lang wollte der West-Berliner Lehrer Peter Klepper, 41, im Ostteil der Stadt unterrichten. Kein Problem, dachte Klepper, denn eifrig hatte Berlins Schulsenator Jürgen Klemann (CDU) den Austausch von Paukern propagiert.
Weit gefehlt. Nichtsahnend ließ sich der Pädagoge, seit 15 Jahren Fachleiter für Geschichte an einem Tempelhofer Gymnasium, auf zähe, langwierige Verhandlungen mit der Berliner Schulverwaltung ein.
Gut 14 Monate vergingen zwischen Kleppers Bewerbung und seinem ersten Schultag an einem Ost-Gymnasium in Lichtenberg, wo er nun ein Jahr lang seinen Schülern die Fächer Geschichte und Politische Weltkunde näherbringen will. Als Lehrer im Ausland eingesetzt zu werden, das hat der Pädagoge nach seinem Kampf mit der Bürokratie gelernt, ist leichter, als von einer Stadthälfte in die andere zu wechseln.
Kleppers Hindernisrennen durch Berliner Verwaltungsinstanzen ist kein Einzelfall. Die "Pauker-Mauer" (Tagesspiegel) hat alte Zeiten überdauert und prägt weiterhin den Schulalltag in der Hauptstadt.
Dabei hatte Berlins Schulsenator in sein Austauschprogramm, das er im Sommer 1991 gestartet hatte, kühne Erwartungen gesetzt. Der Lehrerwechsel, erhoffte sich der Politiker, werde den "Abbau geistiger Mauern" beschleunigen und ein "schnelleres Zusammenwachsen im Schulwesen Berlins" fördern. Ein oder zwei Lehrer pro Schule, 900 bis 1800 in der Metropole insgesamt, sollten sich für eine befristete Zeit an dem Vorhaben beteiligen.
Doch nur ein kleiner Trupp von 322 Paukern fand sich im vergangenen Schuljahr bereit, die andere Seite kennenzulernen. Für dieses Schuljahr rechnet der Senat mit einer vergleichbaren Zahl - bei rund 32 000 Berliner Lehrern eine dürftige Bilanz.
Immerhin wird wechselwilligen Lehrern, die mindestens ein halbes Jahr lang im anderen Stadtteil arbeiten sollen, die Rückkehr an die Stammschule garantiert. Außerdem werden ihnen vier Lehrstunden als Ausgleich für längere Anfahrtswege erlassen.
Mangels Masse ist nicht nur der Berliner Austauschplan, der schon voreilig als Modellprojekt gerühmt wurde, so gut wie gescheitert. Auch andere Bundesländer können kaum Erfolge vorweisen.
Lediglich zwischen Brandenburg und Nordrhein-Westfalen reisen die Pädagogen recht eifrig hin und her: So arbeiteten bislang 200 Gesamtschullehrer im jeweils anderen Bundesland. Zudem haben rund tausend Lehrer aus Nordrhein-Westfalen wenigstens auf Kurztrips den _(* In einem Gymnasium in ) _(Berlin-Lichtenberg. ) Schulbetrieb in Brandenburg kennengelernt.
Gerade mal 20 Lehrer hat Baden-Württemberg nach Sachsen geschickt. Sie sollen dort zwei bis drei Jahre lang Schüler in Englisch und Französisch fit machen. Ganze 11 Gymnasiallehrer aus Niedersachsen unterrichten seit September im Partnerland Sachsen-Anhalt.
Für die Immobilität der Erzieher hat der Berliner Schulsenat eine ganze "Palette" von Gründen ausfindig gemacht. Lähmend wirkten bürokratische Hemmnisse, längere Fahrtwege und die Weigerung von Schulen, bestimmte Lehrer freizustellen.
Auch die Angst, als "Besserwessi" abgestempelt zu werden, führt bei West-Lehrern zu einer nur schwer bekämpfbaren Scheu, in den Osten zu eilen - zumal sie dort oftmals mit schlechteren Arbeitsbedingungen, etwa in den naturwissenschaftlichen Fächern, klarkommen müssen.
Mit offenen Armen werden sie nur selten empfangen. Die Ost-Kollegen, sagt Heinz-Gunter Morell vom niedersächsischen Kultusministerium, sähen in ihnen oft nur Konkurrenz, die ihnen "die Arbeit wegnehmen will".
Auch die Schüler, ohnehin traditionell zur Paukerschelte geneigt, begegnen West-Lehrern im Osten oft mit ausgeprägter Skepsis. So mußte Lehrer Volkmar Kleemann bei Auseinandersetzungen mit seinen Ost-Berliner Schülern erfahren, daß er nicht nur der "doofe Lehrer", sondern darüber hinaus noch der "Doofe aus dem Westen" war.
Eine "besondere Empfindlichkeit" macht auch Lehrer Klepper bei seinen Pennälern aus: "Lobe ich sie, bekomme ich manchmal zu hören: ,Haben Sie etwa gedacht, das begreifen wir nicht?'' Lobe ich sie nicht, werde ich gefragt, warum ich denn bloß ihre Leistungen nicht anerkenne."
Doch nicht nur der Lehrerwechsel verläuft stockend: Auch Treffen zwischen Schülern aus Ost und West sind, von gelegentlichen Besuchen der Partnerschulen abgesehen, selten. Wie hilfreich solche Kontakte sein können, erfuhren Schüler der Fritz-Steinhoff-Gesamtschule aus dem westfälischen Hagen-Helfe.
Sie besuchten im Sommer für ein paar Tage eine Gesamtschule im brandenburgischen Finsterwalde. Für viele von ihnen war es eine Reise in ein fremdes Land. Der schlechte Bauzustand der Finsterwalder Schule etwa frappierte die West-Schüler Christopher Spenner und Wibke Althoff. In der Schülerzeitung Fritz schilderten sie ihre Eindrücke: "Als wir in die Klasse kamen, dachten wir: Hier ist wohl die Bombe reingestürzt. Der Putz splitterte von den Wänden, die Heizungen waren bestimmt schon fünfzig Jahre alt. Die ganze Klasse war eine einzige ,Ruine''."
Unterschiede machten die Schüler auch im Lehrstil aus. Auf Gegenbesuch in Hagen empfanden die Finsterwalder den Unterricht im Westen als "viel lockerer". Davon ist auch die Hagener Schülerin Katrin Müller überzeugt: "Die Kinder aus Finsterwalde sind noch lange nicht so ,frech'' wie wir aus Hagen."
Der West-Lehrer Bernd Müller berichtet über seine Lehr-Erfahrungen im Osten: "Im Osten sagen die Schüler: ,Wir wissen zu wenig, um etwas sagen zu können'', im Westen wissen sie nichts, aber reden gleich los."
Ein freierer, weniger lehrerzentrierter Unterricht bereitet Ost-Schülern Probleme. Bislang hatten sie einen Unterricht genossen, den West-Pauker nach dem Besuch von Brandenburger Schulen gegenüber dem Kultusministerium Nordrhein-Westfalen so beschrieben: "Autorität wie bei uns in den fünfziger Jahren. Die Schüler stehen auf, wenn der Lehrer die Klasse betritt."
"Die Schüler sind gewohnt, daß ein Lehrer Vorträge hält", hat Klepper beobachtet. Schulstunden, die mehr auf Diskussionen als auf Monologe des Lehrers setzen, würden von manchen als "verlorene Zeit" begriffen. "Ich finde es negativ, daß wenig in den Stoff, die Fakten reingegangen wird", kritisiert etwa Kleppers Schülerin Bettina. Sie diskutiert zwar gern, will aber keine vom Lehrer verordneten Diskussionen: "Ich finde es besser, so was entwickelt sich."
Kleppers Schüler bezweifeln auch, daß ein Westler ihnen beibringen kann, die "Vergangenheit in der DDR" aufzuarbeiten. Der SED-Ära stehen sie heute kritisch und fragend gegenüber. Das "System" objektiv einzuschätzen, habe sie nicht gelernt, sagt beispielsweise die Lichtenberger Schülerin Anja Meyer. Schließlich habe sie eine politische Erziehung genossen, die sich "im wesentlichen an der ,Aktuellen Kamera''" orientiert habe.
Während West-Lehrer an Ost-Schulen nur langsam Distanz abbauen können, gelang das in einem einmaligen Versuch am Lessing-Gymnasium in West-Berlin. Die im ehemaligen Grenzbezirk Wedding gelegene Schule hat zwei Jahre lang eine Klasse für Ost-Schüler eingerichtet, zu der nun die ersten West-Schüler gestoßen sind.
Nur per Zufall kam die Klasse zustande. "Zunächst meldeten sich lediglich ein paar Ost-Berliner, die gehört hatten, daß hier noch Plätze frei sind", sagt ihr Klassenlehrer Sven Arff, "durch Mundzu-Mund-Propaganda wurden es dann immer mehr."
Die neue Klientel wurde zu einer Klasse zusammengefaßt, weil sie großen Nachholbedarf im Englischen hatte. Die Schüler, die als leistungsstark gelten, gaben Arff als einen der Gründe für ihren West-Wechsel an, daß sie auch nach der Wende an ihren alten Schulen keine Veränderungen bemerkt hätten.
Ihre Anfangsprobleme im schulischen Neuland haben sie inzwischen überwunden, glaubt Schulleiterin Anita Mächler: "Zunächst kamen sie nur etwas schwer damit zurecht, daß hier zwar ein liberales Klima herrscht, daß aber dennoch von ihnen Leistung erwartet wird."
Als beispielhaft will Mächler den Versuch nicht verstanden wissen: "Ich nehme Schüler aus Charlottenburg genauso wie aus dem Prenzlauer Berg. So normal will ich das haben. Das verstehe ich auch unter Zusammenwachsen."
Dazu tragen auch Arffs Schüler bei. Um ihrem Klassenlehrer einen Einblick in ihr früheres Leben zu verschaffen, spielten sie ihm einmal eine Schulstunde zu Honecker-Zeiten vor.
Zu Beginn der Stunde machte einer von Arffs Schülern den Melder. "Das waren DDR-Schüler", weiß Arff inzwischen, "die dem Lehrer sagten, wer fehlt und wer keine Hausaufgaben gemacht hat." Danach gab es den FDJ-Gruß, anschließend intonierte ein sogenannter Anstimmer ein Pionierlied.
Seinen Ost-Schülern, erinnert sich Arff, machte das Vorspielen von DDR-Klassenritualen Spaß: "Das war für sie fast schon ein bißchen wie längst vergangene Geschichte, wie eine Episode in ihrem Leben."
* In einem Gymnasium in Berlin-Lichtenberg.

DER SPIEGEL 47/1992
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