16.11.1992

EnglandSchlimmste Ketzerei

Die Zulassung der Priesterweihe für Frauen spaltet die anglikanische Kirche. Traditionalisten fliehen in den Schoß des Vatikans.
Eine rote Freudenrakete fauchte in Londons Himmel und zerplatzte, Sterne sprühend, über Westminster Abbey, der Krönungs- und Grabesbasilika der englischen Könige. Vor dem benachbarten "Church House", Sitz der anglikanischen Staatskirche, jubelten Hunderte: "Die Kirche lebt." Männer und Frauen, Priester und Laien fielen sich schluchzend in die Arme.
Ausgelöst wurde der Jubel durch die wohl bedeutsamste Entscheidung seit der Abspaltung von Rom: Mit zwei Stimmen mehr als der nötigen Zweidrittelmehrheit beschlossen die 553 Bischöfe, Priester und Laien der anglikanischen Generalsynode vorigen Mittwoch, Frauen zum Priesteramt zuzulassen.
Zur Zeit sind Frauen nur als rangniedere Diakone geduldet; sie dürfen weder Abendmahl noch Segen erteilen. Nun warten etwa 1300 hochmotivierte Ladys darauf, das von den Katholiken geerbte Männermonopol zu knacken.
Die Kirche wird die von George Carey, dem Erzbischof von Canterbury, herbeigeflehte "göttliche Führung" bitter nötig haben. Denn für fromme Fundis ist der Durchbruch der Frauen "Verrat an der Bibel und der Kirchentradition". Nun muß die Church of England mit Abspaltungen und Massenaustritten rechnen.
Kaum hatte der Familienvater und Frauenförderer Carey das historische Verdikt verkündet, erklärte die Tory-Abgeordnete und Sozialstaatssekretärin Ann Widdecombe ihren Kirchenaustritt: "Lieber die Konfession wechseln als Dissidentin sein", begründete sie ihre Fahnenflucht zu den Katholiken.
Jeder fünfte Gläubige, so ermittelte die BBC, ist gegen Pastorinnen. Agrarminister John Gummer will aus Protest seinen Sitz in der Synode aufgeben; drei Bischöfe haben angedroht, ihre Ämter niederzulegen. Bis zu 2000 Priester - von insgesamt 11 500 - dürften in andere Berufe wechseln, eine orthodoxe Rumpfkirche gründen oder aber, attraktivste Lösung, zu den Katholiken überlaufen.
In Rom rügte ein Sprecher von Papst Johannes Paul II., der Frauenentscheid sei ein "neues und ernstes Hindernis für die Versöhnung" von Katholiken und Anglikanern. Damit scheint ein seit 25 Jahren fortschreitender Annäherungsprozeß zwischen Rom und London vorerst gestoppt.
Seit Heinrich VIII. 1534 mit Rom brach, weil der Papst ihm die Scheidung von seiner Frau Katharina verweigerte, ist das gekrönte Staatsoberhaupt auch Kirchenoberhaupt - mit Königin Elizabeth II. hat die Kirche ohnehin schon einen weiblichen Chef. Der Erzbischof von Canterbury wiederum darf die Monarchen in Westminster Abbey krönen.
Die Verquickung von Politik und Kirche ist total. Der Premierminister - nur der Form nach tut es die Queen - ernennt die Bischöfe und übt damit (zu seinem Leidwesen nur momentan) eine "göttliche Autorität" aus. Änderungen am Kult, also auch jetzt die Priesterweihe für Frauen, müssen wie ein ordinäres Rentengesetz von Ober- und Unterhaus bestätigt werden.
Obwohl die anglikanische Kirche an Priesterschwund und Auszehrung leidet - nur etwa drei Prozent der 30 Millionen Mitglieder sind noch regelmäßige Kirchgänger -, ist ihr Rang als Staatsinstitution unumstritten. Logisch, daß die BBC die Priesterinnendebatte wie ein Fußball-Länderspiel live übertrug, fast acht Stunden lang.
Der heilige Krieg der Geschlechter tobt schon seit 1975. Damals hatte die Generalsynode ihre Einwände gegen Priesterinnen erstmals für gegenstandslos erklärt. Was für den liberalen Flügel der Kirche Aufbruch und ein neues Priesterreservoir bedeutete, war für die Traditionalisten der Beginn der liberalen Fäulnis. Ein Spötter im Church House: "Frauenpriester, Schwulenehen vor dem Altar, Pferdewetten am Tag des Herrn. Good-bye Rome."
Als 1987 erstmals Frauen als Diakone zugelassen wurden, eskalierte der Kirchenzank; "sonst milde gestimmte Kirchenleute" wandelten sich in "Glaubenskämpfer auf Kriegspfad", wie der Economist konstatierte.
Der Bischof von Sheffield, David Lunn, verglich die Reformer mit Klerikern des Dritten Reichs, die "Hitlers Rassismus" unterstützt hätten. Im anderen Lager polemisierte der Synodale Philip Crowe gegen die "unerträgliche Beleidigung der Frauen" durch eine "von männlichen Machtvorstellungen deformierte Theologie". Die gegen den innerkirchlichen "Frauenhaß" kämpfende Londoner Diakonin Nerissa Jones erhielt per Post Morddrohungen.
Der Glaubenskrieg wurde auf die Straße getragen. Eine "Bewegung Frauen gegen die Ordinierung von Frauen" hielt mit lodernden Fackeln Wache vor Erzbischof Careys Amtssitz; die "Bewegung lesbischer und schwuler Christen" marschierte für Priesterinnen.
Auch nach dem Sieg der Frauen wollen die Orthodoxen nicht die Waffen strecken. Bischöfe dürfen Priesterinnen für ihre Diözesen ablehnen. Auch Kirchengemeinderäte können per Beschluß auf Männern im Priesterrock bestehen. Ein Wortführer der Reformfeinde, Reverend Peter Geldard: Damit stehe jetzt "Gemeinde gegen Gemeinde". Die Tory-Abgeordnete Lady Olga Maitland will im Unterhaus "mit Klauen und Zähnen" die Ratifizierung des Priesterinnengesetzes bekämpfen.
Die Traditionalisten erbittert vor allem, wie unbekümmert Carey es auf einen Konflikt mit dem Papst ankommen ließ. Als Carey im Mai den Heiligen Vater in Rom besuchte, warnte Johannes Paul II. den Briten, er müsse wählen zwischen Frauenordination und engerer Bindung an die katholische Kirche. Der Erzbischof, der erst als 17jähriger zum erstenmal eine Kirche von innen sah, blieb unbeeindruckt. Der Spätberufene erklärte die Vorstellung, daß "nur ein Mann Christus vor dem Altar" repräsentieren könne, für "schlimmste Ketzerei".
Fortschrittliche Katholiken erhoffen sich von der Frauenoffensive der britischen Verwandten einen Anstoß auch für Rom. Der Statthalter des Vatikans in London, Kardinal Basil Hume, reagierte auffallend versöhnlich: Auch in der römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft müsse "gemeinsam mit anderen Kirchen nach Wegen zur Priesterschaft für Frauen gesucht" werden.

DER SPIEGEL 47/1992
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