16.11.1992

ChinaWacher Tiger

Peking rüstet zur See und fordert Inseln im Pazifik, die 800 Seemeilen vor seiner Küste liegen. Die Nachbarn fühlen sich bedroht.
Kaum hatte der 1400-Tonnen-Frachter "Cuu Long Giang 2" die Hoheitsgewässer Hongkongs in Richtung Vietnam verlassen, funkte die Besatzung SOS. Chinesische Sicherheitsbeamte kaperten das Schiff mit vorgehaltenen Maschinenpistolen und übernahmen das Ruder.
Vorige Woche kehrte der Frachter wohlbehalten, aber leer wie eine ausgeputzte Reisschüssel in seinen Heimathafen Hongkong zurück. Die kostbare Ladung, deutsche Luxusautos und japanische Videorecorder, hatten die uniformierten Piraten in einer nahen volkschinesischen Sonderwirtschaftszone gelöscht und auf eigene Rechnung verkauft. Den Frachter samt vietnamesischer Besatzung gaben sie gegen ein hohes Lösegeld frei.
Die Aktion, die Pekings Außenministerium als "Kampf gegen Schmuggler" rechtfertigte, ist für Hanoi eine "ernste Verletzung von internationalem Seerecht", mit akuter Wiederholungsgefahr.
Über 30 Frachter haben die Seeräuber im Auftrag der Kommunistischen Partei Chinas in den vergangenen Wochen im Südchinesischen Meer beschossen oder geentert. Den Wert der beschlagnahmten Güter - von Aluminiumbarren bis zu Reiskochern - beziffern Hongkonger Schiffsmakler auf über zehn Millionen Mark.
Die schmerzlichen Nadelstiche gegen Vietnams Handelsflotte gelten allen Nachbarn in Südostasien als böses Omen. "Nach dem Abzug der USA aus dem Gebiet und dem Zusammenbruch der sowjetischen Seepräsenz", argwöhnt der philippinische Ex-Außenminister Raul Manglapus, "ist ein Tiger aufgewacht, der anfängt, mit den Muskeln zu spielen."
Peking, wirtschaftlich gestärkt, rüstet zur maritimen Großmacht auf, gestützt auf ein U-Boot mit 12 Atomraketen, 44 konventionelle U-Boote und 17 Zerstörer. Vom Nationalen Volkskongreß ließ die KP schon vor Monaten ein Gesetz beschließen, das Chinas Anspruch auf das gesamte Südchinesische Meer als "Inlandsgewässer" verankert - eine Zone, die von der südchinesischen Insel Hainan an der Küste von Vietnam entlang bis vor Sarawak reicht, wenige Meilen vor den Sandstränden der Philippinen und südlich des japanischen Okinawa.
Eingeschlossen in den Radius von gut 800 Seemeilen sind die Sandbänke und mehrere hundert unbewohnte Inseln des Spratly- und des Paracel-Archipels. Die Expansion hatte sich einst der große Steuermann Mao Tse-tung von seinem vietnamesischen Genossen Ho Tschi-minh "aus historischen Gründen" gutheißen lassen.
Doch dann wurden bei den Spratly-Atollen gewaltige Öl- und Gasvorkommen geortet; Ho Tschi-minhs Nachfolger besetzten 24 Inseln - oft nur so groß wie ein Fußballfeld - mit Soldaten und Panzern. Neben Vietnam und China haben noch die Philippinen, Malaysia und Taiwan auf den Inselchen Stützpunkte ausgebaut. Das Ölscheichtum Brunei meldete auf Teile der Spratlys in seinen Küstengewässern Ansprüche an.
China gebärdet sich gegenüber dem kleinen Vietnam wie der Kaiser gegenüber einem tributpflichtigen Vasallen. Mit seinem maritimen Ermächtigungsgesetz verlangt Peking, daß ausländische Schiffe um Genehmigung für die Durchfahrt durch das internationale Gewässer ersuchen; die rote Marine soll Verstöße gegen das "chinesische Gesetz" verhindern.
Damit hat Peking gleich zwei künftige Rivalen verwarnt - das darniederliegende Entwicklungsland Vietnam und das militärisch wiedererstarkende Japan, dessen Ölnachschub vom Golf meist durch die Südchinesische See führt.
Im Mai schlossen die Pekinger Genossen mit der amerikanischen Ölgesellschaft Crestone Energy Corporation einen Vertrag zur Erschließung von Ölvorkommen westlich der Spratlys. Die ersten Probebohrungen wurden jetzt 93 Kilometer vor der vietnamesischen Küste gemacht. Der Präsident des Unternehmens, Randall Thompson, rühmt sich bester Protektion: "China hat garantiert, die Verträge mit Waffengewalt zu schützen."
Die Logistik dafür steht schon. Auf Woody Island ist die längste Landebahn des Paracel-Archipels fertig; mehrere Bataillone Bodenpersonal sind dort ständig stationiert. Pekinger Militärs nennen das Atoll "unseren unsinkbaren Flugzeugträger".
Aus Rußland bezieht China 60 Angriffsjäger vom Typ Su-27; die meisten sollen in Südchina stationiert werden. Mögliches Angriffsziel bei einer Kampfreichweite von 1500 Kilometern: Hanoi und Taiwan, das genauso wie Peking das Gebot zur Wiedervereinigung Chinas (samt Spratly-Inseln) in seine Verfassung geschrieben hat.
Bis zum Jahr 2000, so meldete der in den Westen geflüchtete Raketenspezialist Hua Di, sollen Pekings Wissenschaftler einen zwei Tonnen schweren Sprengkopf für Raketen mit 1600 Kilometer Reichweite entwickeln. Über 60 Mittelstreckenraketen verfügt China schon, dazu kommen 8 Interkontinentalraketen mit Nuklear-Sprengköpfen und 120 Mittelstreckenbomber, die Atombomben transportieren können. Chinas Volksbefreiungsarmee ist mit über drei Millionen Soldaten die größte Streitmacht der Welt; mit knapp 4970 Kampfflugzeugen ist die Luftwaffe die mächtigste in Ostasien.
"China soll ein reiches, mächtiges Land werden", befahl KP-Patriarch Deng Xiaoping, 88, auf seiner Südreise im Januar. Je mehr Chinas Außenhandelsüberschuß anschwillt, desto länger werden die Einkaufszettel der Generale. Ihr Augenmerk gilt 400 russischen T-72 Panzern und modernen Kampfjets vom Typ MiG-29 und MiG-31.
Nun fehlt noch ein richtiger Flugzeugträger. 1985 hatten Pekings Militärs die schrottreife australische "Melbourne" gekauft, um sie zu Lehrzwecken zu zerlegen. Jetzt zeigen sie Interesse an einem Flugzeugträger aus dem Nachlaß der sowjetischen Schwarzmeerflotte, der den Ukrainern zufiel. Das Schiff ist für mehrere hundert Millionen Dollar zu haben.
Ein wirtschaftlich und militärisch aufsteigendes China könnte als Gewinner des Kalten Kriegs in Asien das Vakuum füllen, das durch den Abzug der USA von den Philippinen und der Russen aus dem vietnamesischen Stützpunkt Cam Ranh entstanden ist.
Aus Angst vor dem chinesischen Vormachtstreben treten die Kleinstaaten der Region mit in den Rüstungswettlauf ein. Malaysia bekommt britische Hawk-Flugzeuge; Singapur hat das amerikanische Gegenstück, die F-16, bestellt. Taiwan erhielt aus Washington eine Zusage für 150 F-16-Kampfmaschinen; 60 französische Mirage-2000 sollen folgen.
Eine andere potentielle Vormacht in Asien beobachtet den Konflikt um die Spratlys mit Argwohn. Tomohide Murai, Professor an der Militärhochschule in Tokio, warnt: "Wenn unsere wichtigste Schiffahrtsroute in Gefahr ist, müßten wir militärisch eingreifen."
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_216_ China: Von den Chinesen beanspruchte Hoheitsgrenzen
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DER SPIEGEL 47/1992
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