16.11.1992

SpanienBestrafung der Armen

Andalusien erlebt einen Ansturm illegaler Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika.
Die schaurigste Nacht seines Lebens durchlitt Samba Kamar, als er versuchte, in einem flachen Fischerkahn den gelobten Kontinent zu erreichen. "Wir waren 50 Mann. Es war so eng, daß ich mich kaum rühren konnte", erzählt der Fischer aus dem westafrikanischen Wüstenstaat Mauretanien in gebrochenem Spanisch.
Die Überfahrt von Afrika nach Europa durch die Straße von Gibraltar dauerte drei Stunden. Der hochaufgeschossene Schwarze stand Todesangst aus. Wellen schlugen ins Boot, spülten seine Plastiktüte davon - dahin waren saubere Kleider und das Geld, das ihm nach monatelanger Knochenarbeit beim Straßenbau in Marokko geblieben war. Einem Mittelsmann des Schiffseigners hatte er zuvor 80 000 Peseten (umgerechnet 1100 Mark) für die Passage ausgehändigt.
Mit leeren Coladosen und Plastikflaschen lenzten die Flüchtlinge um ihr Leben. Samba, 21, konnte sich in einer Bucht nahe der südspanischen Hafenstadt Algeciras unbemerkt an Land retten.
Viele seiner Schicksalsgenossen aus zentralafrikanischen Ländern, die an der Nordküste Marokkos zwischen Tanger und der spanischen Enklave Melilla auf eine Gelegenheit zur Flucht ins Paradies Europa warten, bezahlen ihren Traum von einer besseren Zukunft mit dem Leben.
Dieses Jahr wurden in der Provinz Cadiz die Leichen von 23 Marokkanern und Schwarzafrikanern angeschwemmt. Hilfsorganisationen schätzen, daß mindestens 400 Menschen ertrunken sind.
In den vergangenen Monaten erlebte Südspanien einen Massenandrang illegaler Einwanderer. Überall entlang der rund 500 Kilometer langen Küste zwischen Barbate und AlmerIa landeten die Boote aus Afrika. Häufig wurden die Boat-people schon am Strand abgefangen. Allein in der Provinz Cadiz nahm die Guardia Civil seit Januar 1555 Bootsflüchtlinge fest - fast doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Dabei rechnen die Polizisten, daß ihnen mindestens ein Viertel, wahrscheinlich mehr als die Hälfte entwischt.
Das Städtchen Tarifa ist der nächstgelegene Fluchtpunkt am südlichsten Zipfel des spanischen Festlands. Im Jahre 1292 wurde der Ort den Mauren entrissen, so verkündet eine Inschrift am Stadttor. Für deren zurückstrebende Nachfahren ist Tarifa 700 Jahre später häufig wieder Endstation einer abenteuerlichen Odyssee.
Auf dem Friedhof liegen 21 Afrikaner begraben. Einheimische, die zu Allerheiligen die Gräber schmückten, besteckten auch die kahle Ruhestätte der Unbekannten mit rosa und weißen Papierblumen. Viele Andalusier empfinden Mitleid mit den armen Eindringlingen aus dem Süden. Noch bis vor 15 Jahren waren sie selbst gezwungen, zu Hunderttausenden aus dieser armen Region fortzuziehen, zur Arbeitssuche in den Norden Europas.
Die Meeresstraße, die den Bootsflüchtlingen zur tödlichen Gefahr wird, lockt die Surfjünger an. Sie kommen aus Deutschland, Frankreich, gar Australien, um sich mit dem Wind zu messen. "Die Strömung in der Meeresenge ist unglaublich stark, sie kann einen weit abtreiben", erklärt der Surflehrer Javier die Tücken der so schmal und harmlos aussehenden Wasserstraße zwischen den beiden Kontinenten. Mit einem guten Brett überwindet Javier die 15 Kilometer in 20 Minuten.
Zuweilen ist den Gästen des Hotels Hurricane diesen Sommer der Spaß vergangen: Manche Surfer sahen plötzlich Wasserleichen neben ihren Brettern auftauchen. Andere fanden Kadaver am Strand oder im Sand verstreute Kleider, Schuhe und zerborstene Gepäckstücke. "Das Wasser ist eiskalt. Ohne Neoprenanzug kann man das gar nicht aushalten", meint Javier.
Er hat beobachtet, daß viele "pateras", wie die flachen, eigentlich nur fürs Fischen in Küstennähe geeigneten Kähne heißen, ihre illegale Menschenfracht schon mehrere hundert Meter vom Strand entfernt abladen. Die Schlepper wollen so das Risiko verringern, gefaßt zu werden und ihr Boot zu verlieren. Doch die meisten Afrikaner können nicht schwimmen.
Fast täglich sahen die Hotelangestellten Schwarze im Gänsemarsch durch die Dünen hochklettern, "superzufrieden, weil man ihnen gesagt hatte, in Spanien sei alles problemlos". Vertrauensselig kamen sie an die Rezeption und baten um ein Sandwich.
Aber die spanische Polizei paßt auf. Fünf blitzend neue Schnellboote der Guardia Civil del Mar, ausgerüstet mit Nachtsichtgerät und Maschinengewehr am Bug, fahren seit September von Algeciras und Tarifa aus Patrouille. Zwei Helikopter unterstützen die Überwachung.
Der Befehl aus Madrid laute, so der Hauptkommissar von Algeciras, Jose Cabrera, "absolut niemanden durchzulassen". Man sei sich der Verantwortung Spaniens für Europa bewußt, bestätigt sein Kollege von der Guardia Civil, Oberstleutnant Mariano Ortiz, aber "wir können die Berliner Mauer nicht hier am Strand neu aufbauen".
Die Spanier müssen sich besonders sorgfältig abschotten, seit sie dem Schengener Abkommen beigetreten sind. Das sieht die Aufhebung der Kontrollen an den europäischen Binnengrenzen ab 1993 vor. Dafür soll Europa nach außen zur Festung werden. Deshalb führte Spanien im Mai 1991 Visumzwang für Maghreb-Bürger ein. Den begehrten Stempel erhält nur, wer einen Arbeitsvertrag in Spanien nachweist oder genug Geld hat, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, er wolle die Heimat für immer verlassen.
"Wenn ich 20 wäre und Nordafrikaner, würde ich in so ein Boot steigen. Und wenn ich das Glück hätte, ans Ziel zu gelangen, und man schickte mich zurück, würde ich es einen Monat später noch mal probieren", bekannte der spanische Ministerpräsident, der Sozialist Felipe Gonzalez. Die marokkanische Jugend - 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 - findet kaum Arbeit in einem Land, wo fast die Hälfte der Bürger in absoluter Armut lebt.
An die 700 000 Marokkaner, die schon in Frankreich, Holland und Spanien Fuß gefaßt haben, reisen während der Sommerferien heim, meist in vollbeladenen Neuwagen, und erwecken so bei den Verwandten Fernweh. Die Werbesendungen des spanischen TV, das in Nordafrika gut zu empfangen ist, gaukeln ein Konsumparadies vor.
Die kleinen Drogenkuriere, die seit vielen Jahren im nordmarokkanischen Rifgebirge angebautes Haschisch nach Spanien schaffen, haben sich auf das lukrativere und risikoärmere Schmuggelgut Mensch umgestellt. Bis zu 1700 Mark pro Person verlangen sie als Fahrpreis. Werden sie erwischt, geben sie sich als Bootsflüchtlinge aus; dann droht ihnen nur Abschiebung, während auf Rauschgifteinfuhr Gefängnis steht.
Nicht nur aus Marokko, auch aus Algerien befürchten die spanischen Behörden einen Ansturm, "wenn dort die islamischen Fundamentalisten die Macht ergreifen", so Santiago Varela vom Innenministerium. Zudem ist Marokko zum "Sprungbrett für Schwarzafrikaner" (Varela) geworden. Von den in der Provinz Cadiz Verhafteten gaben 258 Äthiopien, 193 Liberia, 72 Südafrika und 64 Somalia als Herkunftsland an.
Samba Kamar, der Fischer aus Mauretanien, sitzt auf einem zerschlissenen Ledersofa in einer Wohnung im Zentrum von Algeciras, die er auf Staatskosten mit sechs anderen Asylbewerbern teilt. Ein halbes Jahr haben sie Zeit, um glaubhaft zu machen, daß sie daheim politisch verfolgt wurden. Doch nur sechs Prozent aller Asylsuchenden können in Spanien bleiben. "Für Afrika gibt es keine Hoffnung", sagt Samba nüchtern.
Aus den Schlafräumen klingt Reggaemusik von Bob Marley, der Liberation-Song. "Freiheit und Demokratie, die beiden Worte habe ich unendliche Male gehört, wenn ich im Radio die europäischen Sender einstellte", erzählt ein Senegalese, der sich zur Tarnung Pepe nennt. Wie die meisten Boat-people hat er kein Asyl beantragt und hält sich illegal in Spanien auf. Verbittert fügt er hinzu, daß er die Abschottung Europas für eine "Bestrafung der Armen" hält.
"Die ganze afrikanische Jugend steht an der Grenze", droht Pepe. Die Jugendlichen hätten es satt, geduldig zu warten, bis der Fortschritt zu ihnen komme. Er fordert: "Entweder ihr laßt uns rein oder die alten Kolonialherren müssen zurückkommen und Afrika in Ordnung bringen."
Die meisten Bootsflüchtlinge wollen nach Frankreich oder weiter nach Norden, wo Verwandte und Bekannte sich schon niedergelassen haben. Doch der Weg dorthin ist teuer und gefährlich.
Seine Papiere hat Pepe bei einem Vertrauensmann in Marokko zurückgelassen, damit die spanische Polizei nicht weiß, wohin sie ihn zurückschicken kann, sollte sie ihn erwischen.
Schon in den nächsten Tagen will er sich auf den Weg nach Norden, nach Katalonien, machen. Dort, so hat man ihm erzählt, würden Schwarzarbeiter für die Ernte von Obst und Gemüse gesucht. Mit dem Verdienst will er einen Schlepper bezahlen, der ihn dann über die Pyrenäen nach Frankreich schleusen soll.
Im Fischereihafen von Tarifa, in einem Gebäude aus grauen Steinquadern, sitzen 79 illegale Einwanderer, die ähnliche Träume haben wie Pepe. Die meisten sind Schwarze. Marokkaner ohne Visum werden innerhalb von 24 Stunden zurückgeschickt.
Die Behörden haben 40 Tage Frist, um die Nationalität der Verhafteten herauszufinden. So lange werden sie in sogenannten centros de acogida (Aufnahmezentren) festgehalten. Um der Polizei das Abschieben in die Heimat zu erschweren, geben sich die Araber meist als Palästinenser aus, und die Schwarzafrikaner behaupten, aus Bürgerkriegsländern zu stammen.
"Noch sechs Tage, dann komme ich raus", sagt in fließendem Französisch ein Schwarzer, der sich als Südafrikaner bezeichnet, obwohl er Tätowierungen im Gesicht hat, wie sie bei Westafrikanern typisch sind. Wenn er entlassen wird, muß er laut Gesetz Spanien binnen 30 Tagen verlassen; aber er hofft, untertauchen zu können.
Im Internierungszentrum gibt es ständig Streit zwischen Arabern und Schwarzen, zuweilen brechen blutige Kämpfe aus. Die Konflikte entstehen, so Julio MartInez Firvida von der privaten Hilfsorganisation Algeciras Acoge, weil auf einem Raum für höchstens 45 Personen oft die doppelte Zahl zusammengesperrt ist. Die Immigranten haben nur vier Toiletten und sechs Duschen.
Nun wird ein 6 x 40 Meter großer Gitterkäfig auf der Mole errichtet, damit sie sich auch mal im Freien bewegen können. Im Winter soll in Algeciras ein Internierungszentrum entstehen, das 200 Einwanderer faßt.
Wegen der rauhen Witterung gab es seit einiger Zeit keine Neuzugänge. Und König Hassan II., der autoritäre Gebieter über Marokko, befahl in der Hoffnung auf EG-Wirtschaftshilfe vor einem Monat seinen Sicherheitskräften, energisch gegen Schlepper und Drogenhändler vorzugehen, die Schwarzafrikaner in ihre Heimatländer zurückzuschaffen.
Doch die Behörden in Andalusien trauen Hassan nicht. "Wenn der Hunger in Afrika anhält, werden die Massen schon aus Selbsterhaltungstrieb weiterhin nach Europa drängen", prophezeit der Zivilgouverneur der Provinz Cadiz, Placido Conde. Spätestens im Frühjahr rechnet er mit einem neuen Schub, der noch stärker sein könnte als dieses Jahr.
[Grafiktext]
_226_ Marokko: Spanische Enklaven
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 47/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Spanien:
Bestrafung der Armen

  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind