16.11.1992

MedizinTödliche Hatz

Unter Schwedens Eliteläufern geistert eine rätselhafte Epidemie: Die Mikroben attackieren Atemwege und Herz.
Mit Kompaß und Karte starten Tausende von Schweden ins Volksvergnügen: Väter, Mütter, Kinder, auch flotte Großeltern traben stunden- und tagelang durch den Wald, auf der Suche nach versteckten Wegmarken. "Orientierungslauf" heißt die nordische Version der Schnitzeljagd, die, so Freizeitläufer Björn Guterstam aus Trosa, "eine phantastische Kombination von Bewegung und Denken" ist.
Die familiäre Pfadfinderei, als naturnaher Breitensport auch schon in Osteuropa, USA und Australien populär geworden, ist im Verbandssport dann allerdings nicht mehr so gemütlich.
Die schwedischen Eliteläufer, aus denen die Nationalmannschaften rekrutiert werden, haben auf ihren Strecken keine Sekunde mehr zu verschenken, schon gar nicht fürs Blaubeersammeln oder fürs Beobachten von Elchen. Für die Spitzensportler sind die Orientierungswettkämpfe eine Langzeit-Hatz über Stock und Stein: "Hinterher sind sie so kaputt, daß manche nur noch kotzen können", sagt Christer Johansson, 39, ärztlicher Betreuer der Nationalmannschaft.
Der Arzt aus Tumba bei Stockholm, selbst begeisterter Läufer, ist zur Zeit "ziemlich deprimiert". Niedergeschlagen und geschockt sind auch viele andere schwedische "Orientierer": Ganz ohne Vorwarnung, nach leichtem Training und einem anschließenden Saunagang, brach vor zehn Tagen Starläufer Melker Karlsson tot zusammen; der 24jährige war schon das achte Opfer, das der schwedische Orientierungssport binnen dreier Jahre zu beklagen hat.
Die Todesliste der Topläufer verzeichnet sieben junge Männer und eine Frau, alle zwischen 20 und 30 Jahren. Alle acht starben an einem Herzkollaps, der so gar nicht zu ihrem Alter und ihrem sportlichen Image paßt. Die Mutmaßungen über eine geheimnisvolle Epidemie, die unter den hochtrainierten Ausdauersportlern umgehe, kristallisierten sich bald in Gestalt von bösen Mikroben: Chlamydien, bakterienähnliche Krankheitserreger, seien die Ursache für den plötzlichen Tod der Orientierungsläufer, hieß es.
In Form einer erst 1989 identifizierten Ansteckungskrankheit, die den Namen "Twar" (als Abkürzung für "Taiwan Acute Respiratory Infection") erhielt, können diese Mikroben die Atemwege krankmachen, Husten und Luftnot auslösen. Im Falle der acht Läufer hätten sich die Chlamydien in den Herzmuskel eingeschlichen, so meinen Ärzte, und dort schließlich das infarktähnliche Ende verursacht.
Lungenentzündungen und Herzrhythmusstörungen bei weiteren zehn Orientierern, das wurde erst nach dem jüngsten Todesfall bekannt, hatten Betreuer Johansson schon vorher mißtrauisch gemacht.
Weil die Symptome anhielten und die übliche Penizillin-Kur nicht anschlug, schickte Johansson seine Läufer zur Universitätsklinik in Uppsala. Dort diagnostizierte Professor Göran Friman die Twar-Infektion, auch als "Chlamydien-Pneumonie" bezeichnet, die er bei einem der Todesopfer, dem 29jährigen Johan Björkman, gleichfalls ermittelt hatte.
Die neuartige Lungenentzündung ist aber keineswegs ein exklusives Sportler-Leiden: Jeder zweite Erwachsene, das haben Mediziner in verschiedenen Untersuchungen über die Infektionserreger bestätigt, trägt Antikörper gegen die Twar-Chlamydien im Blut, ist also schon einmal angesteckt worden. Meistens verläuft die Infektion harmlos, oft sogar gänzlich unbemerkt.
Gefährlich werden die Mikroben erst, wenn sie sich in einem geschwächten Organismus festsetzen: So führten amerikanische Ärzte eine erhöhte Sterblichkeit bei Asthma-Kranken auf Twar zurück, auch die allgemeine Zunahme der Asthma-Erkrankungen könnte darauf beruhen, vermutete die US-Ärztezeitschrift Jama im vergangenen Jahr.
Die zehn in Uppsala behandelten Läufer, die wieder auf die Beine kamen, gehörten "demselben Kreis an wie die acht Toten", berichtet Johansson.
Bei den Obduktionen der jungen Opfer fanden die Pathologen sämtlich "krankhafte Veränderungen am Herzen, die auf frühere Infektionen zurückgehen", im Falle Melker Karlsson werde es noch zwei Wochen dauern, bis die Ergebnisse feststehen, berichtete am vergangenen Dienstag das Svenska Dagbladet.
Ob Twar, in Zusammenhang mit extremer Belastung, tatsächlich der Buhmann sei, wisse man noch nicht, betonte Professor Björn Ekblom. Der schwedische Sportarzt ist aber überzeugt, daß irgendeine Form von Ansteckung unter den Eliteläufern schuld an der (bisher auf Schweden begrenzten) Epidemie sei.
Daß hier - wie in der Todesserie unter niederländischen und belgischen Radrennfahrern Ende der achtziger Jahre - etwa die auch im schwedischen Ausdauersport nicht unbekannte neue Dopingdroge Epo mitgemischt haben könnte, glauben die Sportmediziner nicht.
Ein Doping mit Epo (abgekürzt für "Erythropoietin"), einem gentechnisch nachgebauten körpereigenen Hormon, das die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Sauerstoff-Aufnahmefähigkeit und Leistung in die Höhe treibt, sei in diesem Falle nicht zu vermuten, meint Arne Ljungkvist, Doping-Kontrolleur und Medizinprofessor am Stockholmer Karolinska Institut: "Alle sind nach mehr oder minder leichtem Training umgefallen, nicht beim Wettkampf, da ist Epo-Doping unwahrscheinlich."
Die Angst vor neuen Opfern der "Orientiererkrankheit", wie das rätselhafte Übel in Schweden schon genannt wird, ist mittlerweile auch auf die nordischen Nachbarn übergesprungen: Wie die Schweden haben auch die Dänen, Finnen und Norweger das Training und jeglichen Wettkampf für ihre Orientierungsläufer fürs erste eingestellt.

DER SPIEGEL 47/1992
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