16.11.1992

TiereSchwarze Wolken

Missetaten am Weidevieh werden dem Kolkraben angelastet. Muß die vom Aussterben bedrohte Vogelart bejagt werden?
Landwirt Werner Zülke, der gerade einen Tank voll Gülle in die Feldmark fuhr, sah schon von weitem einen Schwarm großer, schwarzer Vögel "wie eine Wolke" über seiner Kuhweide. Dunkelgefiederte Unholde, nach Zülkes Schätzung "40 bis 50 Stück", flatterten verärgert von ihrem Beutetier weg, als der Bauer hinzutrat.
Auf der Koppel lag ein gerade geborenes, übel zugerichtetes Kalb; die Räuber hatten ihm die Augen zerhackt und die Körperöffnungen zerbissen, um an die Innereien zu gelangen. Der Bauer beendete die Qualen des Tieres, indem er es mit einem Hammer erschlug; Stunden später glich das Kalbfell einem leeren Sack, von den Vögeln laut Zühlke inzwischen "sauber ausgehackt".
Die Untat, vergangenen Monat nahe dem Dorf Rondeshagen im Kreis Herzogtum Lauenburg verübt, war das einstweilen letzte einer ganzen Reihe ähnlicher Massaker, bei denen laut Zeitungsberichten jedesmal der gleiche Tätertyp ausgemacht wurde: ein Vogel mit einer Flügelspanne bis zu 1,20 Meter, der gut zwei Pfund wiegt, bis zu 70 Jahre alt wird und angeblich den höchsten IQ aller Gefiederten besitzt.
Kolkrabe heißt der schwarze Mordbube, von Wilhelm Busch als "Hans Huckebein, der Unglücksrabe" in die Kinderseelen gedichtet, von den Ornithologen als "größter Singvogel der Erde" eingestuft, obwohl er meist nur ein rauhes, weithin vernehmbares "Krok, krok" ertönen läßt.
"Mütter haben Angst um ihre Kinder", heizte nach dem "Tierdrama von Rondeshagen" sogar das betuliche Hamburger Abendblatt die Rabenfurcht der Menschen an und schilderte unter Hinweis auf Alfred Hitchcocks Horrorszenario "Die Vögel", wie Zülkes Kalb "gleich nach der Geburt auf der Weide von 40 Kolkraben getötet" wurde.
Auch sonst wurde dem Huckebein mit dem scharfen schwarzen Schnabel in den letzten Jahren wahrhaftig allerlei Böses angelastet, wobei es nach Ansicht der Fachleute auch noch eine "Dunkelziffer" zu bedenken gilt: *___"Bis zu 30 Kolkraben", berichtete das Fachjournal ____Jäger, haben im Frühjahr dieses Jahres im Landkreis ____Gardelegen (Sachsen-Anhalt) "innerhalb weniger Stunden ____ein Dutzend gerade geborener Schaflämmer" getötet. *___Aus Frestedt (Dithmarschen) wurde letztes Jahr ____gemeldet, Kolkraben hätten "auf einer Weide ein ____neugeborenes Bullkalb getötet und teilweise gefressen" ____(Die Welt). *___"Große Schwärme von Kolkraben" überfielen, gleichfalls ____letztes Jahr, im Griemoor (Landkreis Ludwigslust) zwei ____Schafherden und haben "dabei etwa 130 neugeborene ____Lämmer getötet" (Neue Zeit, Ludwigslust).
"Kolkraben machen sich unbeliebt", resümierte der Jäger. Und die um ihre Kinder besorgte Dithmarscher Bäuerin Anke Rohde sprach aus, was gewiß nicht wenigen aus dem Landvolk als radikale Lösung des Problems vorschwebt: "Man sollte die Vögel abschießen." Das aber darf nicht sein: Der Kolkrabe gehört zwar - jagdrechtlich - zu den "jagdbaren" Tieren, darf aber schon seit Kaiser Wilhelms Zeiten nicht mehr jagdlich verfolgt werden.
Zorn und Furcht auf den Höfen gelten einem gelehrigen Flugkünstler, der wie kein anderer Vogel Phantasie und Gemüt der Menschen anregte. Der jagende Dichter Hermann Löns besang den "Adel seines Fluges" und nannte ihn "Wodes heiliges Tier", weil nach der germanischen Mythologie Göttervater Wotan zwei Raben, Munin und Hugin, als Späher und Ratgeber beschäftigte.
Der in Aberglauben und Sagen als Künder von Schrecknis und Schicksal gefürchtete Vogel wurde als Jagdschädling verfemt und in weiten Teilen der Welt nahezu ausgerottet. In Deutschland hielt sich eine nennenswerte Population nur in Schleswig-Holstein, wo sich der Bestand von 250 Brutpaaren seit 1951 auf nunmehr rund 500 Brutpaare verdoppelt hat. Jäger sprechen von einer "Bestandsexplosion", die sich nach Osten auswirke: "Man muß den Kolkraben und seine Entwicklung im Auge behalten", mahnte Holger Behrens, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein.
Jagdpächter und Jagdaufseher wurden aufgefordert, die Niststandorte der Kolkraben genauer zu erkunden. Dabei wollen die Jäger klären, ob im Verhältnis zum Nahrungsangebot zu viele Kolkraben existieren und sich daher mit knurrenden Mägen an lebendem Nutzgetier vergreifen. Mit dieser Inventurmethode bleibt allerdings jene große Zahl von jugendlichen Kolkraben (Geschlechtsreife erst mit drei bis vier Jahren) unerfaßt, die auf Futtersuche in regelrechten Banden umherstreifen.
Hat einer dieser Allesfresser mit dem arttypischen zottigen Kehlgefieder einen Schmaus entdeckt - Abfall auf der Müllkippe ebenso wie Kadaver am Waldrand -, lotst er mit besonderem Lockruf den Rest der Gang zum gemeinsamen Mahl herbei. Aus gutem Grund: Das ortsansässige Altvogelpaar würde einzelne Eindringlinge gnadenlos in die Flucht hacken, erst vor der Gewalt der großen Zahl zuckt es zurück.
Naturschützer suchen indes nachzuweisen, daß Kolkraben keineswegs lebendes Vieh attackieren; vielmehr habe es sich, so sagen sie, jeweils um Totgeburten gehandelt. Der Mecklenburger Schäfer Heinz Krohn hält dagegen für erwiesen, daß Kolkraben seine Lämmer mordeten: "Wenn die Naturschützer uns für Spinner halten, dann sollen sie herkommen und sich das ansehen."
Aus Gründen der Fairneß sollte wohl der Täterkreis weiter gefaßt werden. Bei einem Schafsherdenmassaker in Lanstrop nahe Dortmund beispielsweise, wo elf Lämmer durch Schnabelhiebe zu Tode kamen, hat nachweislich kein Kolkrabe mitgewirkt. Hier waren vielmehr Rabenkrähen am Werk, die wie verkleinerte Kolkraben aussehen. Die unter Naturschutz gestellten Vögel, schon von Hermann Löns als "schwarzes Gesindel" verdammt, treten in Scharen auf und verfahren dabei wie ihre größeren Verwandten: Vor dem Verzehr wird das Beutetier durch Aushacken der Augen geblendet, um ihm die Gegenwehr zu erschweren.
So sah es auch Landwirt Zülke in Rondeshagen, als er die schwarzen Freibeuter von seinem Kalb scheuchte: "Ich meine, das waren Rabenkrähen - so viele Kolkraben gibt's ja gar nicht."

DER SPIEGEL 47/1992
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