16.11.1992

ComputerFax vom Flachmann

Hersteller in den USA und Japan entwickeln die nächste PC-Generation: Kleincomputer, die auch zum Fernkopieren und zum Telefonieren taugen.
Captain James T. Kirk, Kommandant des Sternenschiffs "U.S.S. Enterprise", ging nie ohne das handliche Gerät vor die Tür. Auch sein spitzohriger Wissenschaftsoffizier Mr. Spock hatte seins immer dabei.
Galt es etwa, lichtgeschwind den ungastlichen Gefilden eines entlegenen Planeten zu entfliehen, griffen die intergalaktischen Pfadfinder mit geübter Hand an den Gürtel, ließen im Handumdrehen ihren "Communicator" aufschnappen und erteilten fernmündlich Befehl, sie mittels Partikel-Paternoster wieder an Bord der "Enterprise" zu holen: "Beam me up!"
Jetzt folgt dem Science-fiction-Vorbild eine Serie von Kleinkommunikatoren in der Wirklichkeit: eine neue Generation kommunikationsbegabter Minirechner, die derzeit von führenden Elektronikfirmen in Japan und den USA entwickelt werden. Auf der Computermesse Comdex in Las Vegas (US-Bundesstaat Nevada) werden in dieser Woche Prototypen derartiger Kleincomputer präsentiert, die PC-, Fax- und Mobilfunktechnologie kombinieren.
So zeigt die kalifornische Firma EO in Las Vegas einen multifunktionalen Flachmann für unterwegs, bei dem sogar die Modellbezeichnung dem "Enterprise"-Arsenal entliehen wurde. Der leichtgewichtige "Personal Communicator", entwickelt gemeinsam mit dem US-Telekomkonzern AT&T und dem japanischen Unternehmen Matsushita, birgt in seinem Gehäuse ein komplettes Mobilbüro mit Faxmodul und Funkrufempfänger ("Pager").
Die potenten Kleinen mit Adreßbuch und Terminkalender, bei anderen Firmen heißen sie "Personal Digital Assistant", "Personal Organizer", oder "Palmtop"-PC (Handflächen-Computer), sollen die Lücke zwischen erfolgreichen Jackentaschenrechnern wie dem "Wizard" des japanischen Herstellers Sharp und herkömmlichen Notebook-PC schließen.
So haben sich zahlreiche amerikanische Computerfirmen mit japanischen Consumerelectronic-Herstellern zusammengetan, um PC- und Mobilfunktechnologie auf Taschenformat zu verkleinern. Als künftige Kunden für die neue Hard- und Software, die derzeit bei Hewlett-Packard, Apple, Motorola, Sony, Tandy, Casio, Microsoft oder kleineren Spezialfirmen wie dem kalifornischen Softwarehaus Palm Computing ausgetüftelt wird, gelten vielreisende Geschäftsleute, die auf funktionierende Datenverbindungen zu ihrer "Bürobasis" angewiesen sind.
Der EO-"Communicator", der mit der Vielfalt seiner Funktionen selbst Captain Kirks smartes Klapptelefon als lahme Krücke erscheinen läßt, arbeitet mit einem leistungsstarken AT&T-Chipsatz namens "Hobbit", der speziell für batteriebetriebene Kleincomputer entworfen wurde. Bedient wird der "Communicator" mittels elektronischem Schreibstift ("Pen"). Auf dem berührungsempfindlichen Display lassen sich damit Befehlssymbole antippen oder auch handschriftliche Notizen und Skizzen eingeben, die anschließend über das eingebaute Mobilfunkmodul als Fax versandt werden können.
Will etwa ein reisender Wartungstechniker eine fernkopierte Fehlerskizze mit den daheimgebliebenen Kollegen diskutieren, greift er zum Hörer des integrierten Mobiltelefons. Angekündigter Verkaufspreis für den funkenden Flach-PC, der im Frühjahr 1993 in den Handel kommen soll: je nach Ausstattung bis zu 5000 US-Dollar. Im Gegensatz zum weltraumerprobten Science-fiction-Vorbild ähnelt der antennenbewehrte EO-"Communicator" mit angeklemmtem Kunststoffhörer allerdings mehr einem Feldtelefon.
Handlicher ist eine derartige Funktionsfülle gegenwärtig nicht zu haben. Allein der hohe Stromverbrauch beim Mobilfunken erfordert reichlich Platz für Batterien. Sollen empfangene Fernkopien lesbar bleiben, darf auch der Bildschirm nicht zu klein geraten.
Doch schon bald, prophezeite kürzlich in der US-Zeitschrift PC Computing der Technologie-Beobachter Paul Somerson, werde es "superminiaturisierte" Taschencomputer geben, die sich mittels scheckkartenähnlicher Einschubmodule als "Fernsehempfänger, Game Boy, CD-Lesegerät, digitale Kamera oder sogar als Radarfallen-Warngerät" nutzen lassen.
Beflügelt wurden solche Visionen bereits im Mai durch die Ankündigung des US-Herstellers Apple, demnächst einen multitalentierten Handrechner namens "Newton" anbieten zu wollen. Für das Gerät wurde eine eigene Gattungsbezeichnung kreiert: "Personal Digital Assistant" (PDA). Das klinge, mokierte sich die britische Wissenschaftszeitschrift New Scientist, "wie etwas, das man sonst im Sex-Shop kaufen würde".
Äußerlich kommt der kleine Klappcomputer, der ebenfalls mittels elektronischem Ministift bedient werden soll, dem "Communicator" des Fernseh-Raumschiffs "Enterprise" bisher am nächsten; Zusatzgeräte machen ihn dann wieder sperriger.
Daß sich für diese Geräte "kurzfristig ein Massenmarkt" entwickeln werde, davon ist Apple allerdings "immer weniger überzeugt", wie Firmen-Chef John Sculley vorletzten Monat einräumte. Unter 1000 Dollar, erklärte das Unternehmen, werde der futuristische Taschen-Apple nicht zu haben sein.
Miniaturisierung und Preisverfall bei den kommunikativen Taschencomputern dürften allerdings durch einen speziellen Steckkartenstandard beschleunigt werden, auf den sich weltweit mehr als 320 Elektronikfirmen verständigt haben. Am "PCMCIA"-Sonderstand auf der Comdex offerieren bereits rund 60 Hersteller superflache Minikärtchen, die bald schon sperrige Festplatten-Speicher oder sogar Datenübertragungsmodule ("Modems") ersetzen sollen. "Noch in diesem Jahrzehnt", prophezeit der Zukunftsforscher Paul Saffo vom Institute for the Future in Menlo Park (US-Bundesstaat Kalifornien), "wird es derart kleine Personal Communicators geben, daß sie in der Brieftasche verlorengehen."
Die weitsichtigen Fahrensleute vom "Raumschiff Enterprise" haben dem bereits vorgebeugt, wie technikbegeisterte Fans der US-Fernsehserie (Originaltitel: "Star Trek") wissen.
In den neuen Folgen des Raumfahrer-Epos sind die "Communicator" nicht viel größer als eine Kreditkarte. Allerdings werden sie nicht im Portemonnaie aufbewahrt, sondern als Techno-Button an der Brust getragen.

DER SPIEGEL 47/1992
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