16.11.1992

„Bis morgen, Karl“

Seit Karl Marx von der Geschichte widerlegt wurde, eifern konservative Kritiker: Utopien sind lächerlich, ja gefährlich. Viele Achtundsechziger registrieren derlei Abgesänge ratlos oder verbittert, doch zugleich ist ein anderes politisches Hoffnungsdenken erwacht. Ökologen und Feministen entwerfen unerschrocken bessere Welten.
Eine Weltkarte, auf der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick. Sie läßt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird.
Aus den Goldreserven werden Nachttöpfe geschmiedet, denn Reichtum gilt hier nichts. Dafür weiß jeder, wie ein Feld beackert wird. Todesurteile, Glaubenszwist oder Modenschauen kennen die Bürger des Landes nicht. Sie leben bescheiden und gesittet, die Planwirtschaft verschafft ihnen ein sicheres Auskommen, obgleich sie nur sechs Stunden täglich arbeiten.
Als der Humanist Thomas Morus sich im Jahre 1516 das Gemeinschaftsparadies auf einer fernen Insel namens Utopia ausdachte, wollte er Mißstände in seiner britischen Heimat kritisieren und gelehrten Freunden ein nettes Polit-Gedankenspiel vorführen. Er ahnte nicht, daß der Name des Eilandes zum Signalwort werden könnte. Seither streiten Politiker und Philosophen, was Utopien nützen - und nun glauben viele auch die Antwort zu wissen: Sie nützen nichts, ja sie schaden, und zwar gewaltig.
Einhellig wie kaum je zuvor stellen vor allem konservative Kulturkritiker fest, daß das sozialistische Wunschbild einer gerechten Gesellschaft passe, der Traum vom neuen Menschen verflogen sei. Mit dem Scheitern des Staatssozialismus, so ihre Diagnose, ist das letzte historische Großexperiment beendet - und damit auch die Ideologenhoffnung, eine stabile Menschengemeinschaft am Schreibtisch zu ersinnen.
Viele Intellektuelle freilich möchten auf die früheren Ideale nicht verzichten. Sie sehen heiligste Güter in Gefahr. "Utopien leben" hieß beschwörend ein Kongreß, auf dem in Berlin Mitarbeiter soziokultureller Zentren ihren verschlissenen 68er-Idealen huldigten. Und Zeit-Feuilletonchef Ulrich Greiner, der kürzlich die Linke mit einem "Nachruf" verabschiedete, bekam entsetzte Briefe: "Ohne Utopie geht es nicht." Die Tradition spricht dafür. Utopische Gegenmodelle zum schlechten politischen Alltag gibt es spätestens, seit der Philosoph Platon einen "Staat" beschrieb, der wie ein Mensch organisch leben und darum allen seinen Bürgern dauerhaftes Glück sichern sollte.
Ob im lockeren Phantasie-Entwurf oder haarklein ausgemalt, ob satirisch oder als Heilslehre: Jahrhundertelang ist über ein anderes, besseres Zusammenleben immer neu fabuliert worden. *___So schrieb etwa Johann Gottfried Schnabel von 1731 an ____vier Bestsellerbände über die "Insel Felsenburg", ein ____Robinson-Paradies, wohin sich ein paar Bewohner aus dem ____kriegsgeplagten Europa flüchten; *___Charles Fourier, von Marx als "Patriarch des ____Sozialismus" gerühmt, entwarf 1829 ein ____Genossenschaftssystem, das die Nationalstaaten ____überflüssig machen sollte, und *___1948 spielte der US-Verhaltensforscher Burrhus F. ____Skinner in "Walden Two" das Ideal einer ____"aggressionsfreien Gesellschaft" durch.
Solch literarische Utopien haben weiterhin Konjunktur. Der Kasseler Soziologe Rolf Schwendter hat sogar Hinweise, daß ihre Zahl wächst. Doch wie die übrigen Autoren eines soeben erschienenen Diskussionsbandes** muß auch Schwendter zugeben: Das Ziel, politische Utopien in die Tat umzusetzen, ist heute verdächtiger geworden denn je.
Linke Weltbilder trifft das Mißtrauen am heftigsten. Karl Marx selbst hat zwar die Erwartung, daß der Kapitalismus ** Richard Saage (Hrsg.): "Hat die politische _(Utopie eine Zukunft?" Wissenschaftliche ) _(Buchgesellschaft, Darmstadt; 268 Seiten; ) _(35 Mark. * Mit der Parole: "Der Sieg des ) _(Sozialismus in unserem Land ist ) _(garantiert". ) aus geschichtlicher Notwendigkeit absterben werde, niemals als Utopie bezeichnet; er hielt das ja für wissenschaftlich erwiesen. Aber die meisten Sozialisten haben sich längst daran gewöhnt, daß ihr Gesellschaftsideal "utopisch" genannt wird.
Vor allem der Philosoph Ernst Bloch, eine Leitfigur der 68er Studentenbewegung, interpretierte den Marxismus aus dem "Geist der Utopie" um und ließ das "Prinzip Hoffnung" zur neuen Orientierungsmarke linken Denkens werden. Desto herber war die Enttäuschung seiner Adepten, als bekannt wurde, daß derselbe Bloch lange Zeit Josef Stalin als besten Verwirklicher seiner Utopie-Appelle angesehen hat.
Entzaubert sind auch die Glaubenssätze vieler anderer Dichter und Denker, die dem Ostsozialismus trotz all seiner Menschenverachtung huldigten. Ihre "großen Gesänge" auf die Führer der Revolution wirken, wie Gerd Koenen gezeigt hat, nur noch als peinliche Lobhudeleien**.
In seinem Essay "Der zerstörte Traum", der bislang deftigsten Abrechnung mit allem, was einmal links war, hat FAZ-Herausgeber Joachim Fest triumphierend Bloch und dem Sozialismus ihre Irrtümer vorgehalten***. Drei Generationen lang, so Fest, seien im Ostblock "die Völker durch die Wüste getrieben" worden, "dem Gesetz der Utopie folgend, die, ihrem Wesen nach, stets eine totale Gesellschaft verlangt". Kurzgefaßt lautet die These: Polit-Utopien mit ihren "ermüdenden Glücksdiktaten" gehen stets über Leichen; verschwinden sie, kann das nur ein Segen für die Menschheit sein.
Eine saubere Gleichung: Der Sozialismus ist eine Utopie - deshalb ist er totalitär. Deshalb? Wurde er nicht totalitär, weil er das utopische Denken mit dem wissenschaftlichen verwechselte?
Dennoch: Fests Formel hat inzwischen auch gestandene Utopie-Anhänger verunsichert. Selbst Joschka Fischer, Hessens grüner Umweltminister, stimmt in seinem neuesten Buch**** weitgehend zu: "Spätestens mit dem Ende jener realen Utopie namens Sowjetunion" könne "auch der demokratischen Linken ihr Unschuldslämmerutopismus nicht mehr geglaubt werden". Frei nach Fest: "Die Marxsche Gottwerdung des Menschen endete im Gulag."
Aber muß, weil der Sozialismus totalitär wurde, gleich das ganze utopische Denken eine Sackgasse sein? Ist ein Leben ohne Utopie, wie Fest mit sattem **** Joschka Fischer: "Die Linke nach dem So- _(zialismus". Hoffmann und Campe Verlag, ) _(Hamburg; 256 Seiten; 35 Mark. ) *** Joachim Fest: "Der zerstörte Traum. Vom _(Ende des utopischen Zeitalters". Siedler ) _(Verlag, Berlin; 104 Seiten; 20 Mark. ) ** Gerd Koenen: "Die großen Gesänge. Lenin, _(Stalin, Mao Tse-tung - Führerkulte und ) _(Heldenmythen des 20. Jahrhunderts". ) _(Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 568 ) _(Seiten; 58 Mark. * Historische ) _(Illustration von 1516. ) Heroismus verkündet, tatsächlich "der Preis der Modernität"? Fischer dagegen hält den Optimismus von einst heute für "fragwürdig bis nichtssagend", aber das "Bedürfnis nach einer utopischen Sinnstiftung" sei nicht dahin. Besonders die Linke komme "von ihrer Jenseitsorientierung einfach nicht los".
Beispiele dafür gibt es genug. "Marx, wir brauchen Dich" (französisch: "A demain Karl" - "Bis morgen, Karl") haben die Sozialisten Jean Ziegler und Uriel da Costa einen wehmütigen Rettungsversuch in Buchform genannt. Für Johano Strasser, Mitglied der SPD-Grundwertekommission, hat die Linke nur dann eine Chance, wenn es ihr weiterhin gelingt, "die Phantasie der Menschen mit attraktiven Gegenbildern zu besetzen". Adam Schaff, wendiger Altmarxist aus Polen, plädiert für eine Namensänderung: Statt von Utopien solle lieber nur noch von "Zukunftsvisionen" die Rede sein.
Noch kläglicher als solche Weltbildkosmetik wirken die Vorwürfe des Berliner Soziologen Helmut Thielen: Ihn empört, daß die Totengräber der Utopie "für die stärkeren Bataillone" der Marktwirtschaft einträten, wo sie doch selbst "dem Aberglauben an die liberalen Utopien des Kapitalismus" verfallen seien - im Klartext hieße das: Nur wir Altsozialisten sind die wahren Utopisten.
Derlei Trotzreaktionen hält die Mehrzahl der Links-Strategen für unsinnig. Sie trösten sich neuerdings damit, daß ihre Widersacher selbst erkennen, wie verfrüht alle Siegesfreude war.
Unlängst hat Anti-Utopiker Fest eingestanden, daß es kaum das Herz erwärme, für eine nüchterne "Bürgergesellschaft" zu werben. Der Mensch komme wohl doch nicht ohne "Sehnsucht nach etwas ganz Anderem, Großem, Fraglosem" aus. Gewußt hat das schon der Hausheilige aller Utopiekritiker, der Philosoph Karl Popper, als er eines seiner Bücher "Auf der Suche nach einer besseren Welt" nannte.
Sind also auch die Konservativen in Wahrheit verkappte Utopisten? Zumindest, so Utopienkenner Schwendter, entwickeln auch sie Programme, Fortschrittsideen und Tagträume; wie alle anderen nehmen sie teil am großen Stückwerkkosmos politischer Ideale und Hoffnungen, den er "Piecemeal-Utopie" nennt.
Allerdings: Selige Inseln a la Morus, geschlossene Staatsanstalten in geschichtsloser Ferne gibt es darunter nicht mehr. Heutige Utopien, weiß Schwendter, sind frauenfreundlich, basisdemokratisch, ökologiebewußt - und keine Endzeitvisionen mehr.
Auch der Unterschied von rechts und links ist in diesen Entwürfen - dem "Ökotopia" des Medienkundlers Ernest Callenbach etwa oder Ursula LeGuins "Planet der Habenichtse" - nebensächlich: Ein Beweis, daß Anhänger wie Gegner der Utopie mit überholten Argumenten kämpfen, sobald sie sich gegenseitig als fortschrittlich oder reaktionär einordnen. Beide setzen auf Vernunft, beide fordern Verantwortung und Mut zur Zukunft, und beide sind - bis auf versprengte Ausnahmen - längst zu politischen Realisten geworden.
Warnungen wären also angebracht vor der "Flucht nach vorn in neue Übersichtlichkeit", die, so der Berliner Politologe Arnhelm Neusüss, das Kennzeichen falscher Hoffnungen ist. "Mißtrauen wir den Missionaren", schreibt sein Frankfurter Kollege Iring Fetscher und fordert, weiterhin auf Utopisten als "kritische Helfer" zu hören.
Denn die erregte Utopienhatz, urteilt Marxismus-Fachmann Fetscher kühl, beruhe in Wahrheit auf einer Verwechslung: Abgewirtschaftet hätten philosophische Zuchtmeister, die glaubten, endgültige Praxislösungen verordnen zu dürfen, aber nicht die visionären Denker. Utopien zur Ursache totalitärer Schrecken zu erklären sei genauso voreilig, wie wenn man Christus für die Inquisition verantwortlich machte. Fetschers Fazit: "Wenn der Mensch nicht mehr strebt, ist er seelisch schon tot."
** Richard Saage (Hrsg.): "Hat die politische Utopie eine Zukunft?" Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; 268 Seiten; 35 Mark. * Mit der Parole: "Der Sieg des Sozialismus in unserem Land ist garantiert". **** Joschka Fischer: "Die Linke nach dem Sozialismus". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 256 Seiten; 35 Mark. *** Joachim Fest: "Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters". Siedler Verlag, Berlin; 104 Seiten; 20 Mark. ** Gerd Koenen: "Die großen Gesänge. Lenin, Stalin, Mao Tse-tung - Führerkulte und Heldenmythen des 20. Jahrhunderts". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 568 Seiten; 58 Mark. * Historische Illustration von 1516.

DER SPIEGEL 47/1992
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