07.12.1992

„Bestie aus deutschem Blut“

Eine Jugendrevolte von rechts erschüttert Deutschland. Halbstarke ermorden Obdachlose, Kinder zünden Asylantenheime an. Frust und Lebensleere treiben schon Schüler den Rechtsextremisten zu, die mit einer kompletten Antikultur locken. Politiker, Pädagogen und Eltern haben weithin versagt.
Die Polizei packte zu, bevor die Gewalttäter zur Schule mußten. Noch vor dem Morgengrauen postierten sich 100 Beamte, bewaffnet und mit Handschellen ausgerüstet, in 46 Autos an zentralen Stellen von Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. _(* Rechts: Ende August nach einem ) _(Brandanschlag auf eine Asylunterkunft ) _(bei Leipzig; unten: im November 1991. )
Punkt sechs Uhr ging es los. Nach dreieinhalb Stunden war die Großrazzia beendet. Die Polizisten beschlagnahmten in 26 Wohnungen Baseballschläger, Messer, Schreckschußpistolen, ein Gewehr, jede Menge Cassetten mit rechtsextremistischer Musik, dazu nazistische Flugblätter und Bücher.
Vor allem aber jagten sie Randalierer, die mehrfach das Asylbewerberheim der Stadt mit Steinen und Molotowcocktails beworfen und eine Mahnwache davor brutal angegriffen hatten.
Die rechten Terroristen, die den Polizisten verschlafen ins Netz gingen, waren "bei den Vernehmungen sehr kleinlaut", sagt der Einsatzleiter, Kriminalrat Frank Döbelhauer. Kein Wunder: Nur einer von ihnen war älter als 21 Jahre. 11 der Festgenommenen waren jünger als 21, weitere 16 waren zwischen 14 und 18 Jahren alt.
Wo auch immer zur Zeit in Deutschland Richter, Staatsanwälte oder Polizisten gegen rechtsextremistische Gewaltverbrecher vorgehen, sehen sie sich Jugendlichen gegenüber. So schnappten Beamte zwei 17jährige Jungs aus Lingen, die am Sonntag vor einer Woche mit Molotowcocktails ein Asylbewerberheim angegriffen hatten. "In Lingen ist doch nichts los", sagte einer der beiden, "da wollten wir Randale machen."
Am Dienstag begann vor dem Landgericht im westfälischen Hagen ein Prozeß gegen fünf Jugendliche, die im Verdacht stehen, Brandsätze gegen eine Baracke geschleudert zu haben, in der über 50 Asylbewerber wohnten. Verletzt wurde zwar niemand, doch den beiden Hauptangeklagten, einem 19jährigen und einem 20jährigen, wirft der Staatsanwalt versuchten Mord vor. "Wir wollten die Leute irgendwie erschrecken", versuchte sich der Ältere der beiden zu entschuldigen.
Das Kreisgericht Luckenwalde in Brandenburg hat neun Skinheads zu Bewährungsstrafen verurteilt. Sie hatten das Asylbewerberheim Treuenbrietzen mit Knüppeln und Steinen verwüstet. Die Verurteilten sind zwischen 15 und 21 Jahren alt.
Auch der bislang brutalste Anschlag geht wohl auf das Konto von jungen Leuten. Der 19jährige Lars Christiansen und der 25jährige Michael Peters haben in der vergangenen Woche den Brandanschlag von Mölln gestanden, bei dem drei Türkinnen starben (siehe Seite 35).
Kein Zweifel: Die neue Gewalt von rechts ist vor allem Gewalt von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden. Rund 2000 rechtsextremistische Gewalttaten haben Verfassungsschützer in diesem Jahr schon gezählt. Rund 70 Prozent der gefaßten Täter sind zwischen 16 und 21 Jahren alt.
Nur fünf bis zehn Prozent der Anschläge gehen hingegen nach einer Statistik des hessischen Innenministeriums auf das Konto von organisierten Rechtsextremisten.
Es sind nicht mehr nur einige wenige Kriminelle, vor denen Ausländer in Deutschland bangen, nicht nur verbohrte Neonazis oder ihre mumifizierten Galionsfiguren von vorgestern, die den Staat herausfordern. In Deutschland lodert ein "Flächenbrand", so Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, eine Jugendrevolte - wie in den fünfziger Jahren, als Rock''n''Roll-Fans Stadien zerlegten, und wie in den späten Sechzigern, als linke Jugendliche an Barrikaden gegen die Polizei antraten.
Aber zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik kommt die Revolte von rechts. Und sie ist mörderisch: Allein in diesem Jahr fielen ihr 17 Menschen zum Opfer. Die Zielfiguren des Aufruhrs sind diesmal nicht die Stärkeren, die Polizisten, Politiker, das Establishment. Leidtragende sind die Schwächsten der Gesellschaft, Ausländer, Obdachlose, Behinderte.
"Rechtsradikalismus ist das neue, große Jugend-Ding", bemerkt das Zeitgeist-Blatt Tempo entsetzt, "Rechtsradikalismus ist der geile Tabu-Bruch, die ungehinderte, ungefilterte Emotion." Die neue Rechts-Revolte wirkt gefährlicher _(* Von der Polizei eingesammelt bei ) _(Rechts- und Linksradikalen nach ) _(Krawallen vor einem Asylbewerberheim in ) _(Quedlinburg Mitte September. ) als jede andere zuvor, gerade weil sie sich nicht an den Grundprinzipien und -werten der Gesellschaft reibt. Sie verzehrt sich nicht im Kampf gegen die Mehrheit. Im Gegenteil: Sie nimmt auf, was latent schwelt, und verstärkt es.
Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Autoritätsglaube - die jungen Rechten brüllen heraus, was viele Politiker, Eltern, Lehrer sich nur zu flüstern trauen. Rechte Ressentiments waren jahrzehntelang tabuisiert; während Erwachsene das Tabu aufweichen, wollen die Jungen es sprengen.
"Wenn wir die als Fascho, Nazi und so was abtun, glaube ich, daß das viel mehr über unsere Vergangenheit aussagt als über ihre", meint Andreas Goerlich, Pfarrer der Ulmer Münstergemeinde. "Weil wir unsere Vergangenheit nicht aufgearbeitet haben, benutzen sie die Hakenkreuze, um zu provozieren", glaubt der Geistliche, der eine Jugendgruppe mit Rechtsradikalen betreut.
"Die Saat ist aufgegangen", verteidigten Rechtsanwälte ihre drei 18jährigen Mandanten, die in Bremen-Schwachhausen ein Asylbewerberheim mit Brandsätzen angegriffen und zwei Ausländer verletzt hatten. Zuvor hatten brave Bürger eine regelrechte Kampagne gegen das Heim vom Zaun gebrochen.
"Diese Gesellschaft ist im Fieber", diagnostiziert Marianne Birthler vom Bündnis 90, ehemals Bildungministerin in Brandenburg: "Jugendliche sind Geigerzähler der Gesellschaft, die entweder depressiv oder aggressiv reagieren." Vielen fehlt jegliche Perspektive, gleichzeitig fordert und fördert die Gesellschaft den Gebrauch der Ellbogen gegen Schwächere.
Die rechte Revolte kämpft nicht gegen das inhumane Prinzip des Sozialdarwinismus, sie nimmt es auf und überdreht es. Der Appell, sich gefälligst durchzusetzen, fällt auf furchtbaren Boden: Selbst an Schulen regiert vielerorts schon die Gewalt. Brutal bekämpfen sich verfeindete Cliquen, Ausländer gelten als jagdbares Wild.
Eine rechte Antikultur mit eigener Musik, eigenen Zeitschriften und eigener Mode etabliert sich und gibt den vorher Vereinzelten eine neue Identität. Die Gruppe lockt mit Zusammenhalt.
Sachte rutschten Kinder, beobachtete der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor, hinein in einen "schleichenden, im Vorfeld schwer erkennbaren Rechtsextremismus". Zudem versuchen organisierte Neonazis, die anfangs nur vordergründig politische Revolte der Kinder zu bündeln - und auf diese Weise den Eltern das bislang so behagliche Heim anzuzünden.
Noch freilich sei rechtes Engagement "bei den meisten nur eine Modesache", jammert das Skinhead-Blatt Oisterreich. Der typische Randalierer habe noch "keine rechtsextremistische Biographie", bestätigt Klaus Jürgen Timm, Chef des Landeskriminalamts in Wiesbaden. Das Profil der Gewalttäter sei nur grob zu zeichnen: "überwiegend männlich, zwischen 17 und 24 Jahren alt, meist Schüler oder Lehrling und bisher noch nicht straffällig geworden".
In einer Liste der nordrhein-westfälischen Landesregierung tauchen zwar gehäuft Haupt- und Sonderschüler mit abgebrochener Lehre als fremdenfeindliche Straftäter auf, doch immer wieder fliegen auch Banden auf wie die "Sinstorfer Skinheads". Sie hatten im Hamburger Stadtteil Harburg mit Attacken auf Ausländer und Brandanschlägen für Schlagzeilen gesorgt.
Bei den 15- bis 20jährigen Jungs der Clique mischten zwei aus wohlsituiertem Elternhaus mit, einer war Lehrling bei einer Sparkasse, ein anderer Regierungsassistent in der Baubehörde.
"Allesamt aus geordneten Verhältnissen", so der Dresdner Staatsanwalt Heiko Schoene, stammten auch die 17 Nazi-Kids, die Ende September wegen diverser Attacken auf Ausländer im sächsischen Zittau vor Gericht standen.
Verschwommene Feindbilder sind meist alles, was die Ermittler aus den jungen Delinquenten herausbekommen. So blieben auch die Ziele jener fünf Lichtenberger Skins unklar, die nach Überfällen auf Ausländer in der S-Bahn wegen Mordversuchs vor Gericht landeten. Dabei waren sie straff uniformiert, Glatzen, Bomberjacken, und einer trug am Hals die Tätowierung "Deutschland erwache" nebst Hakenkreuz.
Der Junge habe sich "das Gedankengut angeeignet, ohne darüber nachzudenken", versuchte die Jugendgerichtshilfe die Motive eines 19jährigen zu erhellen. Dem Richter sagte der Angeklagte über seine Gründe nur: "Darüber habe ich mir keinen Kopp gemacht."
Nach einer Studie der Forschungsstelle Sozialanalysen in Leipzig lehnen 54 Prozent der Jugendlichen in Ostdeutschland Ausländer ab. Nach der IBM-Jugendstudie sind 28 Prozent der Jugendlichen in ganz Deutschland mehr oder minder ausländerfeindlich.
Mit wenig Erfolg haben Politiker und Wissenschaftler bislang versucht, die Wurzeln des Hasses zu entdecken. Das Ausmaß der Gewalt veranlaßt nun auch etliche liberale Wissenschaftler, zunächst einmal massive staatliche Gegenwehr zu empfehlen.
Der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer etwa fordert, der Staat dürfe "die Straße nicht dem Mob überlassen", sondern müsse "Flagge zeigen" und beispielsweise "entschlossenen Polizeischutz für bedrohte Häuser" bereitstellen. Pfeiffer: "Gerade Rechtsorientierte verstehen diese Sprache."
Manche brauchen sie sogar: Bei den ausländerfeindlichen Krawallen in Rostock beispielsweise jammerten Randalierer darüber, "daß da niemand kommt, daß da nichts passiert". Die Jugendlichen erwarteten offenbar prompte Strafe, eine deutliche Grenze - statt dessen wichen die Polizisten zurück.
Derweil fliegt den Randalierern durch primitive Untaten, durch Rückgriff auf Nazisymbole und rechtsextremes Geschrei eine Bedeutung zu, die sie nie zuvor hatten. Endlich sind sie wer, wenn auch Schreckensgestalten.
Hunderttausende von Demonstranten gehen gegen sie auf die Straße, der Bundespräsident schimpft und die ganze Presse dazu. "Ich schmeiße mit Steinen, also bin ich", diktierte ein Randalierer der sächsischen Polizei ins Protokoll. "Gewalt macht aufmerksam", haben Dresdner Nazi-Kids längst erkannt (siehe Interview Seite 26).
Anders als den organisierten Neonazis mit ihrem versteinerten Weltbild gestehen Soziologen den ideologisch meist wackligen Randalierern politische Unsicherheit zu. Sie speise sich, so der Bielefelder Rechtsextremismus-Experte Wilhelm Heitmeyer, aus gesellschaftlicher "Desintegration" - aus einem tristen Alltag voller Lebensleere und Ohnmachtsgefühle. Der Hallenser Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz hat gar schon einen "Aufschrei gekränkter Seelen" vernommen.
Hinzu komme, so der Frankfurter Soziologe und Psychologe Heinz Steinert, bei vielen Jugendlichen in der westlichen Welt militant übersteigerte Ellbogenmentalität - gefördert vom Thatcherismus in England, von den Reaganomics in den USA und der Wende in Deutschland. Mit dem Gegenangriff der Konservativen und Kapitalisten habe sich, so Steinert, ein Klima "bürgerlicher Kälte" ausgebreitet.
Gerade die Unterschicht verachtet, was sie noch unter sich ansiedelt. Nazi-Kids, selber oft erfolglos, pflegen brutale "Verachtung der Erfolglosen" (Steinert) besonders intensiv. Ihre Cliquen seien "Brüderhorden" von Versagern, meint Steinert. Von "mütterlichen Instanzen" wie dem Staat forderten sie mehr "an Versorgung", als diese hergeben. Auf Türken und andere Ausländer ziele deshalb der "Drang, Konkurrenz um diese Versorgung zu vertreiben".
"Die Jungen haben triftige Gründe, sich von den Erwachsenen betrogen zu fühlen", schreibt die Berliner Psychoanalytikerin Ute Benz in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung: "Hier liegt ein Kern ihrer Wut."
Vor allem im Osten marschiert der Frust: 80 Prozent der Jugendlichen in Mecklenburg-Vorpommern etwa sehen sich nach Einschätzung des Landesjugendamtes als Menschen zweiter Klasse. "Mein Leben ist jetzt schon versaut", meint der 18jährige Junge Lilly aus Wismar. Seit er mit der Schule fertig ist, hängt er rum, sucht vergebens einen interessanten Job, trinkt. Sein zweites Zuhause ist der Jugendklub "Kiste", Treffpunkt der rechten Szene von Wismar, inmitten der Plattenbausiedlung "Friedenshof".
Zusammen mit seinen Freunden Gruhner, Mutz und Nico schlägt Lilly hier die Zeit tot bei Videospielen, Skin-Musik und Bier. Die Aufsicht führt eine Sozialarbeiterin, die sich jedoch nach eigenem Bekunden "nicht in die Freizeitlinie der Jugendlichen reinhängen" mag. Zu dieser Linie gehören auch Angriffe auf Ausländer.
Das Asylbewerberheim liegt gleich neben der Kaufhalle im Neubau-Ghetto. Im September hat die rechte Jugend das Heim fünf Nächte lang belagert. Auch die vier Freunde waren dabei, weil es "mit den Asylanten so nicht mehr weitergehen kann".
Ebensowenig wie die Sozialarbeiterin mischen die Eltern sich ein. "In puncto Ausländer verstehe ich mich hundertprozentig mit meinen Eltern", sagt der 18jährige Mutz. Auch Lillys Mutter meinte, es sei richtig, daß sie etwas gegen die Asylbewerber unternommen hätten. "Ich soll mich nur vorsehen", so Lilly, "daß ich keine Schwierigkeiten mit der Polizei kriege."
Die 14jährige Wiebke hingegen hat prompt zu Hause Ärger gekriegt, als sie die Parole "Ausländer raus" auf ihre Federtasche gekritzelt hat. Das Mädchen geht auf das traditionsreiche Geschwister-Scholl-Gymnasium in Wismar und will Anwältin werden. Die Mutter ist Laborantin im Krankenhaus und arbeitet auch abends, der Vater ist leitender Angestellter und viel unterwegs.
Wiebke will, "daß hier nicht jeder Türke seinen Gemüsestand aufmachen kann und daß die Sprache nicht versaut wird durch die Ausländer". Als ihre Eltern die Parole auf der Federtasche entdeckten, "gab es natürlich Terror, und sie wollten sich mit mir unterhalten", sagt die Schülerin: "Doch am Abend war wieder keiner zu Hause, und dann haben sie es gelassen."
Aus ihren rechten Ansichten macht sie auch in der Schule kein Hehl. "Für Ausländer ist bei uns keiner", sagt sie. Ihre Klassenkameraden seien entweder "politisch stark rechts angeschnitten oder neutral". Auch die Lehrer halten still. Sie überhören ausländerfeindliche Sprüche und sehen weg, wenn Wiebkes Kameraden Nazisymbole vorzeigen.
Im Westen wie im Osten kapitulieren Lehrer ebenso wie viele Eltern vor den Nazi-Kids und ihrer Gewalttätigkeit. "Es ist hier am Kippen", meint Richard Sigel, Lehrer an einer Münchner Hauptschule: "Die Hemmschwelle ist gesunken, es ist leichter als noch vor Monaten, sich ausländerfeindlich zu äußern."
Das teuerste Erziehungssystem, das je einer Generation spendiert wurde, bekommt die ausgerasteten Kids offenbar nicht in den Griff. Die West-Schüler sind aufgewachsen in einer Gesellschaft, die Ansprüche wie die Radieschen züchtete - ohne sie befriedigen zu können. An der Schwelle zur Erwachsenenwelt müssen die Jungen nun wahrnehmen, daß für sie ein Platz oft nur in untergeordneter Position bereitsteht.
Viele erwartet eine frustrierende Lehre - was etwa dem mutmaßlichen Möllner Attentäter Lars Christiansen beim Stapeln von Konservendosen im Supermarkt klar wurde. Sein Vorbild Michael Peters hatte schon die Endstation Arbeitslosigkeit erreicht.
Im Osten hat das entgegengesetzte Extrem zum gleichen Ergebnis geführt. Zunächst erlaubte ein autoritäres Regime keinen Ausbruch. Dann wurde jedwede Autorität plötzlich erledigt. Der Staat entpuppte sich als Diktatur, die Eltern waren auf einmal nicht mehr aufrechte Sozialisten, sondern schäbige Kollaborateure, Lehrer wurden als Spitzel von der Schule gejagt.
Nun scheint plötzlich alles erlaubt - aber die Zukunft liegt für viele im dunkeln. Um so stärker wirken auf sie die Vorzeichen einer Verschlechterung der sozialen und wirtschaftlichen Lage. Bei jungen Leuten kommen sie an als bedrohliche Signale, daß die eigene Situation sich nur noch verschlechtern wird.
Der diffuse Frust entlädt sich in der Gewalt an den Schulen, auf der Straße, _(* Bei einem NPD-Parteitag 1983 in ) _(Wattenscheid. ) in der Clique. Und ist die Gewaltbereitschaft erst da, sucht sie sich ihre Opfer - oft Ausländer. Der Weg der Kids "ins rechtsextremistische Terrain verläuft deshalb nicht in erster Linie über die Attraktivität von politischen Parolen", sagt Extremismus-Spezialist Heitmeyer, "sondern über Gewaltakzeptanz, die im Alltag entsteht - und dann politisch legitimiert wird".
Der Haß entlädt sich zunächst vergleichsweise harmlos, etwa in gängigen Schülerwitzen (Frage: "Was sagt der Chinese, wenn er einen Türken überfährt?" Antwort: "Was kümmelt''s mich") oder in Schulaufsätzen: Das staatliche Institut für Lehrerfortbildung in Speyer untersuchte 1000 Arbeiten von Schülern aus Rheinland-Pfalz und Thüringen zum Thema deutsche Einheit. Objekte der unbegründeten Wut sind in beiden Ländern die jeweils noch Ohnmächtigeren.
In Thüringen überwiegt der Ausländerhaß, er taucht in über 21 Prozent der Aufsätze auf. So schrieb ein Neuntkläßler: "Ausländer kamen und nahmen den Deutschen Arbeit weg. Die sollen in ihr eigenes Land zurückfahren und dort ihre schmutzigen Geschäfte abhalten."
In Rheinland-Pfalz ist Ausländerhaß seltener, dafür wollen aber 14 Prozent der Hauptschüler die Mauer wieder aufrichten, die Ostdeutschen wieder wegsperren. Ein Neuntkläßler über seine Ossiphobie: "Wachtürme aufstellen und mit Maschinengewehren bewaffnet, und dann, wenn einer rüber will, sofort abknallen oder vergasen. Am liebsten schlage ich Russen oder DDRler, das macht soviel Spaß wie Achterbahn fahren."
Immer häufiger auch explodiert die latente Gewalt in den Schulgebäuden. Schüler verwüsten ihre Klassen, prügeln und rauben. In Ranzen finden sich Totschläger, Würgeketten und Wurfsterne (SPIEGEL-Titel 42/1992).
Nachmittags geht es weiter. Mancherorts laufen schon Zwölfjährige bewaffnet umher. In Magdeburger Jugendklubs etwa mußten bereits die kleinen Gäste von Kinderveranstaltungen Waffenkontrollen über sich ergehen lassen.
Angefacht wird die Gewalt gegen Ausländer und andere Minderheiten oft noch durch gedankenlose oder böswillige Sprüche von Politikern. So zog Jürgen Hinnendahl, Oberstadtdirektor von Emden, Anfang Oktober vor das Oberlandesgericht in Oldenburg. Er wollte drei Bürgern seiner Stadt verbieten lassen, ihm weiterhin öffentlich eine antisemitische Entgleisung vorzuwerfen.
Bei einem Streit um die Benutzung eines Sportlerheims durch andere Gruppen soll Hinnendahl, so das Trio, gesagt haben, dann könnten ja auch gleich die Juden ankommen, um dort ihre Beschneidungsfeiern abzuhalten.
Hinnendahl verteidigte sich vor Gericht, er habe nicht von jüdischen Beschneidungsfeiern gesprochen. Er habe, so Hinnendahl, statt dessen gesagt, dann könnten ja auch die Türken dort ihre Beschneidungsfeiern abhalten.
Solche Entgleisungen wie auch die unendliche Diskussion Bonner Parteien ums Asylrecht verleihen ausländerfeindlichen Krawalltätern offenbar immer wieder neuen Schwung. Zudem treiben sie organisierten Neonazis den Nachwuchs zu.
Die braunen Parteien würden sich "um diese dumpf-rechten, nur anpolitisierten Jugendlichen" reißen, sagt Hessens Verfassungsschutzchef Heinz Fromm: "Die bemühen sich sehr, diese jungen Leute einzubinden und ihnen eine politische Heimat zu geben" (siehe Seite 28).
Selbst die rassistischen Kapuzenmänner vom amerikanischen Ku-Klux-Klan (KKK) versuchen mit brennenden Kreuzen und ähnlichem Mummenschanz, in Deutschland junge Rechte zu keilen (SPIEGEL 42/1991). Im Mai dieses Jahres durchsuchten Verfassungsschützer bundesweit 21 Wohnungen nach Schriften eines KKK-Ablegers im westfälischen Herford.
"Bei allen Beschuldigten", so der Bericht der Ermittler nach der Razzia, sei "eine Zugehörigkeit zum KKK" belegt worden. Auch einer der beiden Skinheads, die, so die Ermittlungen, Ende August in Berlin den Obdachlosen Günter Schwannicke töteten, hängt den kruden KKK-Ideen an.
Seit knapp drei Jahren versucht der Sozialarbeiter Wolfgang Bartsch, 39, im Hamburger Stadtteil Lohbrügge, Kinder zwischen 10 und 14 Jahren vom "Abdriften in die rechte Szene" abzuhalten. Als er anfing, war "die Gegend fast im Eimer": Eine stramm organisierte Skinhead- und Neonazi-Szene hatte sich über Jahre gefestigt. Ohne nennenswerte demokratische Konkurrenz konnten die Jungrechten agitieren und missionieren.
Nun können die Kinder von Lohbrügge immerhin wählen, ob sie zu Wehrsportübungen und sogenannten Kameradschaftsabenden der Rechten gehen oder zur Disco im Jugendzentrum. Bartsch: "Man muß die Leute erreichen, ehe die anderen sie abgreifen."
Dazu bietet der Sozialarbeiter Lagerfeuer, Schwimmbadbesuche oder Kanufahrten an: "Die Kinder brauchen Gruppen", so Bartsch, "in denen was passiert, in denen sie sich wohl fühlen."
Manchmal gelingt es Bartsch sogar, Rabauken umzudrehen, "vom Skin- auf den Antifa-Trip zu bringen". Für Jugendliche auf der Suche nach Gemeinschaft seien Extreme oft austauschbar.
Gefährlich wird meist der Übergang in andere Altersschichten. "Irgendwann tun die unsere Gruppe als Kinderkram ab", weiß Bartsch, "und suchen sich was Neues - und das sind oft die Skins."
"Das Bedürfnis nach scharfen Grenzziehungen und festen Mustern ist ungeheuer groß", sagt Thomas Sprung, Sozialarbeiter im Jugendhaus "Pep" in Dresden-Reick. Denn viele Jugendliche kämen, so Sprung, "mit dem gewachsenen Entscheidungsdruck nicht zurecht - das fängt bei der Auswahl an, was man abends unternimmt".
Orientierung und Identität bietet die Skinhead-Kultur mit allen Schikanen: Ein "breites Spektrum" einer "sich formierenden alternativen Jugendkultur, besser Unkultur" der Nazi-Kids hat Wolfgang Pfaff, Leiter des Verfassungsschutzes in Brandenburg, geortet.
Sein schleswig-holsteinischer Kollege Michael Wolf meint gar, die losen Fascho-Cliquen würden vor allem von ihrer "rechtsorientierten Jugend-Subkultur" zusammengehalten. Musik und Zeitschriften, so die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, "bieten für viele Jugendliche erst den Einstieg in die rechtsextremistische Szene".
In einer stetig wachsenden Zahl sogenannter Fanzines (Kürzel für Fan-Magazine) predigen Skinheads den Rassenhaß. Neonazistische Computerspiele kursieren an Schulen, Kinder daddeln Holocaust mit dem Joystick.
Die meisten Fanzines mit programmatischen Namen wie White Power, Glorreiche Taten, Möh - der Glatzenreport oder Proißens Gloria erscheinen als "Rundbriefe an Freunde", um dem Pressegesetz zu entgehen. Ungezügelt kann so draufgedroschen werden. Leseprobe aus der Skinhead-Zeitung: "Eine von Juden besudelte Vagina bleibt eine Kloake. Da hilft auch kein arischer Besen mehr."
Nach Erkenntnissen des nordrheinwestfälischen Verfassungsschutzes geht die Rolle der rund 50 bekannten Fanzines, deren Auflagen zwischen mehreren tausend und einigen hundert Exemplaren schwanken, längst über die Verbreitung von Hetzparolen hinaus. Sie seien, so Verfassungsschützer, "wichtige Kommunikationsmittel in der Szene", um "das subkulturelle Leben zu organisieren".
Organisiert wird inzwischen auch schon die Abwehr des Verfassungsschutzes. So druckte das Skin-Blatt Frontal jüngst ein knapp dreiseitiges Dossier über die Methoden der beamteten Gegner und ihrer verdeckten Ermittler. "Achtung: VS-Leute sind zumindest in Bayern und Bremen, vermutlich noch in anderen Bundesländern bewaffnet", warnt der Text.
Auch interne Schwachstellen der Ermittler haben die organisierten Skinheads schon aufgespürt. So empfiehlt der Frontal-Schreiber, Drohungen von Verfassungsschützern mit einer Strafanzeige "nicht so ernst" zu nehmen: "In vielen Landesteilen arbeiten VS und Polizei keineswegs zusammen, sondern haben ganz im Gegenteil ein ausgesprochen schlechtes Verhältnis zueinander."
Eine weitere Waffe der Antikultur, die mehr und mehr Jugendliche nach rechts treibt, ist die Musik der Skin- und Fascho-Szene - dumpfer Rechtsrock mit Knüppelversen, gegrölt von Bands wie "Störkraft", "Stuka", "Endsieg" oder den "Böhsen Onkelz". Während normale Plattenfirmen über Umsatzeinbußen klagen, finden die Scheiben der braunen Rocker reißenden Absatz.
Die Glatzen-Kapellen propagieren Gewalt und Ausländerhaß. "Kampfhund, Bestie aus deutschem Blut, schlechte Zeiten für den Abschaum im Land", singt die Gruppe "Störkraft".
Als Kitt für die Clique bietet die Skin-Kultur haltsuchenden Jugendlichen obendrein den einheitlichen Look: hochgekrempelte Jeans mit Hosenträgern, britische Werftarbeiterschuhe Marke "Doc Martens" und Stoppelschnitt. Seit sich allerdings Angriffe von Linksradikalen auf Rechtsradikale häufen (SPIEGEL 49/1992), lassen sich viele Skins zur Tarnung die Haare wachsen.
Die Fanzines zeigen, daß derweil die Skinhead-Szene, ursprünglich unpolitisch, rasch in Richtung Rechtsdraußen driftet. Eine Ausnahmeerscheinung sind inzwischen die sogenannten Redskins geworden, die linken Glatzköpfe.
Einen größeren Anteil halten die nach ihrem Kampfruf so genannten "Oi-Skins". Sie pflegen zwar, so der badenwürttembergische Verfassungsschutz, "eine zumindest stark reservierte Haltung gegenüber Ausländern, lehnen aber rechtsextremistische Denkweisen kategorisch ab".
Doch "immer stärker die Oberhand" erringen nach Beobachtungen der Verfassungsschützer die "Fascho- oder Nazi-Skins einschließlich der Partei-Skins". Sie seien inzwischen die "bedrohlichste Erscheinung innerhalb der Skinhead-Reihen". Viele Mitglieder dieser neonazistischen Skinhead-Gruppen seien "anpolitisierte Oi-Skins mit einer dumpfen rassistischen Weltanschauung".
Zäh kämpfen einige Skinhead-Projekte darum, die Außenseiter aus ihrem sozialen Abseits zurückzuholen. In Berlin _(* Mit Projektleiter Wieczorek (5. v. ) _(l.), im Februar. ) stoßen Skin-Projekte neuerdings auf erbitterten Widerstand der linken Autonomen, die sich als Antifaschisten ausgeben, sich aber wie Linksfaschisten aufführen.
Mit Rechten gebe "es nichts zu reden", lautet der Schlachtruf solcher Gruppen, die schon mehrfach rechte Treffs attackiert haben.
Die Berliner Jugendverwaltung gerät unter Rechtfertigungsdruck. "Wird Sozialarbeit mit rechtsradikalen Jugendlichen zu rechtsradikaler Jugendarbeit?" war bereits Thema einer Arbeitsgruppe bei einer Fachtagung von 250 Sozialarbeitern in der Hauptstadt.
Im Berlin-Marzahner Skinhead-Projekt "Die Wurzel" versucht Sozialarbeiter Michael Wieczorek, die ganz harte Szene des Hochhausviertels wenigstens auf Gesprächsebene zu halten. Bei Getränken und "Störkraft"-Radau geben sich "Blacky", "Bierchen" und andere Hardcore-Skins keineswegs zahm; sie schwadronieren gern über "Kanaken" und "Untermenschen". Jugendsenator Thomas Krüger (SPD) bekannte nach einem Treffen, ihm sei "ein wenig unwohl" gewesen.
Wieczorek möchte seine Skins, vielfach Straftäter, "raus aus der Ecke holen", will in kleinen Schritten "Stück für Stück die Gruppenstruktur knacken". Der Streetworker, anfangs knapp geduldet, sieht dann und wann Erfolge - ein Straßenfest mit Skins aus anderen Bezirken verlief im Sommer "friedlich" - und hält es ansonsten mit altchinesischer Weisheit: "Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg."
In der Lichtenberger Pfarrstraße betreut ein Mitstreiter Wieczoreks, der Sozialdiakon Michael Heinisch, ebenfalls rechtsorientiertes Jungvolk. Mal werden ihm von links Verbalinjurien wie "Nazi-Heinisch" nachgerufen, mal die Autoreifen zerstochen.
Als der Diakon am vorletzten Wochenende in Kreuzberg war, prügelten Gewalttäter ihn krankenhausreif. Einen der Schläger glaubt der Kirchenmann als Kämpfer der Ost-Berliner Autonomen-Szene identifiziert zu haben.
Eskaliert ist der Krieg um die Skin-Projekte, nachdem am 21. November rechte Jugendliche den 27jährigen Silvio Meier erstachen, einen Sprecher der linken Hausbesetzer-Szene. Meier hatte zuvor einen der Rechten attackiert, weil der einen Aufnäher mit den Worten "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" trug. Der Angegriffene stach mit einem Schmetterlingsmesser zu.
Der 17jährige Täter und seine Freunde zählten zur Klientel des "Judith-Auer-Klubs", eines Treffpunktes von Nazi-Kids. Der "rechte Stall" (Autonomen-Slogan) war schon mehrfach angegriffen worden. Nach der Bluttat verwüsteten Unbekannte das Projekt vollständig, der Klub mußte geschlossen werden. Vom Balkon hing noch ein Plakat: "Schluß mit der Gewalt!"
Um den Marsch junger Antidemokraten in die Gewalt zu stoppen, rufen Politiker aller Parteien nun nach Gesetzesverschärfungen und harten Strafen - als sei etwa Ausländerhaß mit Paragraphen zu bekämpfen.
Der sozialdemokratische Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau erhielt kürzlich Beifall von der oppositionellen CDU, als er den "Mut zum starken Staat, den Mut zur drakonischen Härte" forderte. SPD-Chef Björn Engholm donnerte angesichts der Morde von Mölln: "Brutale innere und äußere Glatzköpfigkeit führt in den Knast - nirgendwohin sonst!"
Insbesondere konservative Rechtspolitiker kennen kaum noch rechtsstaatliche Grenzen, denken sie an marodierende Skinheads und Faschos: Zwecks "dringend notwendiger Abschreckung" sollen, so der Bonner CDU-Fraktionsvize Johannes Gerster, Gewalttäter bereits am Tatort von Schnellrichtern abgeurteilt werden.
Selbst als liberal geltende Strafrechtler, die gegenüber Linksterroristen im Zweifel stets Gnade vor Recht ergehen lassen wollten, rufen nach Abschreckung und Vergeltung. Auf dem "Alternativen Juristentag", der kürzlich in Hannover laut Plan ausgerechnet zum Thema "Entkriminalisierung" stattfinden sollte, war unter dem Eindruck der Möllner Morde fast nur von schärferen Strafen die Rede.
Wolfgang Wieland, Berliner Anwalt und Abgeordneter der Alternativen Liste, warnte vor einem "schlappen Staat". Sogar der Bremer Anwalt Heinrich Hannover, der einst als Verteidiger von RAF-Terroristen für milde Strafen plädierte, stachelt die Justiz nun zu entschlossenen "Maßnahmen" auf.
Wie weggefegt sind plötzlich alle Erkenntnisse, die Wissenschaftler in den letzten 20 Jahren zum Thema Jugendstrafe gesammelt haben. In etlichen Studien _(* Im August 1990 bei einer Neonazi-Feier ) _(zum Todestag von Rudolf Hess. ) hatte etwa der hannoversche Kriminologe Pfeiffer nachgewiesen, daß Dauerarrest und Jugendstrafe meist nicht nur pädagogisch sinnlos sind, sondern, im Gegenteil, die Rückfallgefahr erhöhen.
Harte Polizeieinsätze seien zwar nötig, um Randalierern und Gewalttätern Grenzen zu demonstrieren. Doch damit, so Jurist Pfeiffer, lasse sich die Ausländerfeindlichkeit bestenfalls "in die Schranken weisen, aber nicht kurieren".
Auch die Frankfurter Allgemeine kommentiert, bei der Masse der Nazi-Kids sei es "fraglich, ob gnadenlose strafrechtliche Verfolgung irgend etwas bewirken könnte". Die rechte Szene gewinne ja gerade "ihre Dynamik aus dem Gefühl der Ausgrenzung".
"Wir können doch nicht alle einsperren", sagt der Magdeburger Jugendstaatsanwalt Klaus Breymann im SPIEGEL-Gespräch (Seite 40), "soziale Probleme kann man nicht durch Änderungen von Strafgesetzen regulieren."
Beamte des Bonner Justizministeriums suchen nun eilig Kompromisse. Sinnvoll scheint den Experten vor allem, die Verfahren gegen Gewalttäter bei Demonstrationen zu beschleunigen, die Beweismöglichkeiten zu verbessern und Ausländerheime besser zu schützen. Bisher herrsche der "Eindruck, als seien die Täter, die in aller Öffentlichkeit Brandsätze werfen, sich keinerlei strafrechtlichen Risikos bewußt".
Einem besonderen Ärgernis soll abgeholfen werden: Neben Nazi-Symbolen, Fahnen, Abzeichen, Uniformstücken, Parolen und Grußformen werden künftig auch deren "Verfremdungen und Verzerrungen" unter Strafe gestellt. Bislang hatten sich die Rechtsradikalen solcher Tricks bedient, um der Strafbarkeit zu entgehen.
"Es ist unerträglich", findet Bundespräsident Richard von Weizsäcker, "wie die Kerle vor mehr oder weniger veränderten Hakenkreuzen Drohungen ausstoßen."
Die Justizminister der Länder haben ihre Staatsanwälte wissen lassen, daß es nicht nur als Landfriedensbruch oder Sachbeschädigung zu ahnden sei, wenn Molotow-Cocktails in Asylantenheime geworfen werden. Auf einer Arbe itstagung meldeten die Generalstaatsanwälte Vollzug: "Bei Brandanschlägen auf Wohnheime von Asylanten", so das Protokoll, "wird den Tätern versuchter Mord und schwere Brandstiftung zur Last gelegt."
Innenminister Rudolf Seiters erließ ein Verbot gegen die "Nationalistische Front" und kündigte weitere Verdikte an. Doch Vereinsverbote haben einen zweifelhaften Wert. Sie drängen die Mitglieder in die Illegalität und spornen sie womöglich zu noch größeren Gewalttaten an.
Die neueste Idee aus dem Hause Seiters - Tätern sollen die Grundrechte nach Artikel 18 des Grundgesetzes aberkannt werden - hat kaum eine Chance: Allein das Bundesverfassungsgericht entscheidet über einen solchen Eingriff. Zweimal wurde bislang der Antrag gestellt; zweimal, nach jahrelanger Prüfung, wurde er abgelehnt.
Die hektischen Vorstöße zeigen, daß die Regierung unter internationalem Druck steht. Aufgeregt telegrafierte der deutsche Uno-Botschafter in New York, Detlev Graf zu Rantzau, nach Bonn, die Vorgänge in Deutschland würden schon mit den ethnischen Säuberungen in Jugoslawien verglichen. In einer Resolution wollten Vertreter anderer Länder "die südafrikanische und die deutsche Regierung indirekt auf eine Stufe" stellen. Und die heftigste Kritik, klagte Rantzau, werde "gerade von unseren europäischen Nachbarn vorgetragen" (siehe Seite 172).
Die Revolte der Nazi-Kids läßt einige Politiker schon um die Zukunft der Republik bangen.
"Mit Erschrecken" stellt der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Klose fest, "daß Anfälligkeiten weit verbreitet sind". Weil sich "die unglaubliche Erfolgsgeschichte Wohlstand" langsam dem Ende zuneige, würden Ängste wach - "und da zeigt sich, daß wir nicht so weit sind, wie linke Intellektuelle gedacht haben".
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__24_ Aufmarsch der Rechten: Der Weg in den Terror
__25_ Aufmarsch der Rechten: Der Weg in den Terror
_____ Gewalttaten von Extremisten in Deutschland; 1986 bis 1992
[GrafiktextEnde]
* Rechts: Ende August nach einem Brandanschlag auf eine Asylunterkunft bei Leipzig; unten: im November 1991. * Von der Polizei eingesammelt bei Rechts- und Linksradikalen nach Krawallen vor einem Asylbewerberheim in Quedlinburg Mitte September. * Bei einem NPD-Parteitag 1983 in Wattenscheid. * Mit Projektleiter Wieczorek (5. v. l.), im Februar. * Im August 1990 bei einer Neonazi-Feier zum Todestag von Rudolf Hess.

DER SPIEGEL 50/1992
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