07.12.1992

„Hitlerjugend ohne Partei“

Gottfried Küssel, 33, Neonaziführer aus Wien, liebt derbe Parolen. "Die jungen Barbaren aus Deutschland", schreibt Küssel aus einem österreichischen Gefängnis, wo er wegen Aktivitäten zur "Wiederbetätigung" der NSDAP einsitzt, seien mit ihren Gewaltaktionen und Brandanschlägen gegen Ausländer "aufgestanden" zum "Kampf ums Vierte Reich".
Küssels Zeilen aus der Zelle erreichen regelmäßig die "Kameraden" zwischen Köln und Cottbus. Im illegal von den USA aus vertriebenen NS Kampfruf, der zweimonatlich erscheinenden "Kampfschrift" der NSDAP-Auslands- und Aufbauorganisation (NSDAP-AO), wendet sich Küssel regelmäßig an seine Anhänger und preist seine Vorbilder - "die freiwilligen HJ-Verbände", die Hitler bei Kriegsende als Kanonenfutter in den Kampf schickte.
Durch konspirative Strukturen haben Neonazis sich bereits jetzt ein Netzwerk geschaffen, das allen Verboten zum Trotz eine Weiterarbeit ermöglicht. Die Hauptzielgruppe sind Jugendliche. Der Kern der verdeckt arbeitenden Kader ist die laut Verfassungsschutz 400 Mann starke Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front, die der 1991 an Aids gestorbene Michael Kühnen nach dem Verbot der Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) 1983 aufbaute.
Deren aus den Niederlanden vertriebenes Organ Die Neue Front verherrlicht Hitler als "Heilsgestalt der arischen Rasse" und berichtet von Flugblattaktionen, "NS-Schulungen" und Veranstaltungen der braunen Szene. Die umfaßt nach Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz in ganz Deutschland gegenwärtig rund 6000 Neonazis. Viele von ihnen sind Jugendliche unter 20 Jahren.
Die seit dem Tod Kühnens von Küssel geführte und im Untergrund arbeitende Gesinnungsgemeinschaft und die mit ihr verflochtene NSDAP-AO vermeiden derzeit die Bildung fester Organisationsstrukturen, die von den Sicherheitsbehörden leicht auszuheben wären. Die NSDAP-AO fungiert vor allem als Materiallieferant für die Szene und versendet unter falschem Absender aus Amerika NS-Accessoires von der SA-Anstecknadel bis zur Hakenkreuzfahne und der SS-Broschüre Der Untermensch von 1942.
Die meisten neuen Nazis jedoch arbeiten wie ihre historischen Vorbilder legal. Sie haben eine Reihe von Parteien und Vereinen gegründet, um eine mögliche Verfolgung und staatliche Repressalien zu erschweren.
Als Koordinator des legalen Flügels der Bewegung agiert Christian Worch, 36, Chef der Nationalen Liste (NL) in Hamburg. Der langjährige Vertraute Michael Kühnens weiß, was Jugendliche anspricht: "Die Nullbockmentalität der Linken kommt nicht mehr an, der Leistungsgedanke ist wieder positiv besetzt."
Den leistungswilligen Jungs will Worch "Ordnung, Disziplin und Effizienz" beibringen, etwa beim "Ausländerthema", das viele Jugendliche "bekanntlich sehr stark beschäftigt, oft schon beim Discobesuch".
Doch Worch weiß auch, daß viele nach rechts driftende Jugendliche mit Nazi-Nostalgie und Kameradschaftsabenden allein nicht mehr zu locken sind. "Der Organisationsdogmatismus", doziert er, sei "nicht mehr zeitgemäß".
Der hanseatische Obernazi setzt auf eine von den Sicherheitsbehörden schwer zu überwachende "szenische Struktur" der Nationalen nach dem Vorbild der linken Autonomen und organisiert von seinem Hamburger Büro aus immer wieder Demonstrationen. Dabei kommen, wie im August zum Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß, schon mal bis zu 2000 Sympathisanten aus örtlichen und regionalen Splittergruppen zusammen.
Die Neuzugänge sind jung, oft sehr jung. Friedhelm Busse, 63, Bundesvorsitzender der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), die laut Verfassungsschutz rund 200 aktive Mitglieder hat, ist überrascht, "daß sich jetzt schon 14- bis 15jährige bei uns melden". Frank Hübner, 27, Chef der Deutschen Alternative (DA) mit rund 1000 Anhängern, mußte in seiner Hochburg Cottbus in den letzten Monaten 11- bis 12jährige Interessenten bei DA-"Kameradschaftsabenden" wieder nach Hause schicken: "Die können wir ja noch gar nicht aufnehmen."
Um die Teens zwischen 14 und 18 kümmert sich bei der DA in Brandenburg eine Deutsch-Alternative Jugend, die mit Fahrten und Zeltlagern nach bewährtem Vorbild Lagerfeuerromantik entfacht. Im Wander-Milieu ist auch die bundesweit in "Gauen" mit rund 400 Mitgliedern organisierte Wiking-Jugend (WJ) aktiv. Der Verband, dessen Mitglieder HJ-ähnliche Uniformen tragen, wärmt in seinem Organ Wikinger die SS-Ideologie Himmlerscher Prägung wieder auf und verklärt den "germanisch-deutschen Sittenwert der Geblütsreinheit".
Die Wiking-Jugend, der am stärksten kultisch geronnene Teil der Neonazi-Szene, wird bei moderneren Jungnazis als "Hitlerjugend ohne Partei" verspottet, obwohl der WJ-Fanfarenzug gelegentlich bei Aufmärschen der NPD und militanter Neonazis die Trommel schwingt.
Clevere Jung-Rechte vermeiden solchen Kostümnazismus und wenden sich lieber aktuellen Problemen zu. Constantin Mayer, 22, sächsischer Landesvorsitzender und Bundesvize der einige hundert Mitglieder umfassenden Nationalen Offensive (NO), setzt auf soziale Themen: "Die wirtschaftliche Entwicklung ist der Schlüsselpunkt."
Die NO hat mit einer Verbindung aus Basis- und Kaderorganisation vor allem in Sachsen seit einigen Monaten wachsenden Zulauf unter Jugendlichen. Am 3. Oktober konnte die Neonazi-Truppe in Dresden mehr als 500 junge Leute zu einer Demo mobilisieren. Parole: "Mehr Arbeitsplätze für Deutsche".
In einer Werbebroschüre ("Wer wir sind und was wir wollen") wettern die braunen Berufsrevolutionäre der NO gegen "Gewinnsucht, Wohlstandsdenken und Ellenbogenmentalität", verdammen den "Konsumrausch" und loben das "Gemeinschaftsgefühl". Mit solcher Agitation hat der aus Augsburg stammende sächsische NO-Chef Mayer, einer der intelligentesten unter den führenden Neonazis, viel Erfolg bei ostdeutschen Jugendlichen, von denen die meisten noch von den Jungen Pionieren und der FDJ geprägt worden sind (siehe Interview Seite 26).
Nicht nur bei der Wahl sozialer Themen, sondern auch in der Parteistruktur hat die Nationale Offensive kräftig bei den Kommunisten abgekupfert. Von ihren Mitgliedern fordert die Rechts-Truppe wie einst die SED "Parteidisziplin" und "Wachsamkeit gegenüber den Aktivitäten des Gegners". Als Belohnung winkt den Novizen der NO wie einst den Jüngern Stalins das Gefühl, zu einer Avantgarde zu gehören: "Es ist eine Ehre, Mitglied unserer Partei zu sein."

DER SPIEGEL 50/1992
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