07.12.1992

„Wenn du zuhaust, fliegen die Fetzen“

Alphonse ("Al") Capone, Boß der Bosse im Chicago der zwanziger Jahre, griff nur gelegentlich zu der etwa 100 Zentimeter langen Keule aus Hickory-Holz. Der Sport-Heros Babe Ruth dagegen, auch er ein US-Mythos jener Jahre, legte den 1175 Gramm schweren Prügel kaum je aus der Hand.
Capone, dessen Gangsterkarriere Hollywood in Dutzenden von Leinwand-Epen nachzeichnete, zertrümmerte mit dem Baseballschläger manchem Rivalen das Haupt. Babe Ruth aber schwang den Schläger einzig zum Entzücken der baseballbegeisterten amerikanischen Massen: Mehr als 700mal trieb er mit dem Holz den Baseball zum sogenannten Homerun, einem erfolgreichen Torschuß vergleichbar, aus dem Spielfeld heraus - eine Leistung, an die nach ihm keiner je heranreichte.
Seither haben sich mehr als nur die Maße und das Material der Baseballschläger verändert. Nun schwingen auch deutsche Neonazis und Skinheads die "Bats", wie Amerikaner die Keulen nennen. Und Mitglieder der sogenannten Antifa-Szene greifen in Deutschland ebenfalls zum handlichen Prügel aus Eschenholz, wenn sie auf "Fascho-Klatschen" aus sind.
Obschon Baseball hier noch ein Exotensport ist (12 000 Aktive), rüsten sich seit Monaten immer mehr Käufer in Sportgeschäften mit dem US-Artikel aus. In den neuen Ländern, in denen nach Schätzungen des Deutschen Baseball-Verbands gerade mal 300 Aktive spielen, werden außerhalb der Klubanlagen mehr Schläger geschwungen als auf dem Rasen, wo sich etwa die "Gera Lions" und die Leipziger "Wallbreakers" an Keule und Ball versuchen.
Seit Monaten dreschen Skinheads in Ost und West mit dem Sportgerät (heutige Länge: etwa 90 Zentimeter, Gewicht: 775 bis 900 Gramm) auf Asylbewerber und Gastarbeiter ein. Manchmal prügeln Rechtsradikale, wie im Mai dieses Jahres im Magdeburger Ausflugslokal "Elbterrassen", auch Punks zusammen; oder die Glatzen schlagen, wie in Connewitz bei Leipzig, einfach aus Daffke auf Hausbesetzer ein.
"Der Baseballschläger", entsetzte sich letzte Woche die Münchner Abendzeitung (AZ), scheine zum "Symbol für das vereinigte Deutschland" geworden zu sein - man sollte den Schläger, empfahl die AZ, "dem Bundesadler zwischen die Klauen stecken".
Der Knüppel aus Edelholz, sagt der Polizei-Psychologe Harald Fiedler aus dem schwäbischen Göppingen, sei mittlerweile "zum Sinnbild der Gewaltbereitschaft" geworden, vielen Skinheads und Autonomen scheint der Prügel so unentbehrlich wie dem Neandertaler die Keule. Psychologe Fiedler glaubt, der Knüppel "signalisiert womöglich die Zusammengehörigkeit der Gruppe".
Das potentielle Mordgerät aus dem Sportgeschäft (Ladenpreis: 30 bis 50 Mark) hat für Gewalttäter einen wichtigen Vorzug: Wer den Knüppel geschultert zur Randale trägt, muß die Polizei nicht fürchten - eine Waffe im Sinne der derzeitig geltenden Gesetze ist der Baseballschläger nicht.
Das Polizeirecht der meisten Länder, erläutert Paul Grimm von der Deutschen Polizeigewerkschaft im Beamtenbund, führe den Baseballschläger nur als "Waffe im nichttechnischen Sinne" auf. Zu dieser Kategorie zählten auch "das Stuhlbein, Steine, die Fahnenstange oder der Feuerlöscher".
Bislang können Polizisten nur nach dem Versammlungsgesetz gegen Knüppelträger vorgehen: Wer das Schlagholz zu einer Versammlung schleppt, muß es abgeben, sofern die Polizei kontrolliert. Am Ende kann der potentielle Totschläger seine Waffe wieder bei den Beamten in Empfang nehmen.
Benutzt allerdings jemand den Sportknüppel bei solcher Gelegenheit, kann er nach dem Versammlungs- wie auch nach dem Strafgesetz belangt werden - auch dann, wenn das Opfer den Hieb unverletzt übersteht.
Doch wo immer mit dem Schlagholz geprügelt wird, sind, wie in den Magdeburger "Elbterrassen", Verletzte oder Tote zu beklagen: Den 23jährigen Gärtner Thorsten Lamprecht traf ein Hieb mit dem Baseballschläger tödlich auf den Kopf.
Wie viele Opfer von Gewalttätern mit dem zur Mordwaffe pervertierten Sportgerät bislang niedergeprügelt wurden, spiegelt keine Statistik wider. Weder Polizei noch Verfassungsschutz messen die Blutspur, die der Schläger hinterläßt.
Allein in den letzten Wochen hat der Killer-Knüppel für eine Vielzahl von Verletzten gesorgt - etwa am 22. November, als in Lomnitz bei Dresden rivalisierende Jugendliche aufeinander eindroschen und drei der Beteiligten krankenhausreif schlugen. Zwei Wochen zuvor hatte ein Angriff von Punkern auf ein Skinhead-Lokal im mecklenburgischen Lübz vier Skins verletzt.
In Hamburg erlitt am Freitag vorletzter Woche ein Skin einen Schädelbruch, als Türken das Lokal "Weindorf" mit Baseballschlägern stürmten. Und am Mittwoch voriger Woche überfiel ein etwa 40köpfiges deutsch-türkisches Rollkommando mit Baseballschlägern und Messern in Halstenbek bei Hamburg fünf Anhänger der rechtsradikalen "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei", einer wurde lebensgefährlich verletzt.
Immer schneller, immer aberwitziger dreht sich die Gewaltspirale. Auf Überfälle der sogenannten Antifas (Slogan: "Haut die Glatzen, bis sie platzen") reagieren Rechtsextremisten mit einer "Anti-Antifa" - und umgekehrt. Ein "Kamerad", so ein Anti-Antifa-Flugblatt, sei mit dem Baseballschläger so zugerichtet worden, "daß seine Schädeldecke offenlag" und "Unmengen von Blut und Hirnmasse" heraussickerten.
Erstes Todesopfer einer Baseballschläger-Attacke in der Bundesrepublik war vermutlich der Türke Ramazan Avci, 26. Er war im Dezember 1985 von Hamburger Skinheads zu Tode geprügelt worden. Ein "politischer Hintergrund für die Tat", erklärte der Verfassungsschutz, habe damals nicht ermittelt werden können.
Wer die Sportkeule schwingt, muß wissen (und weiß es in der Regel), daß er damit töten kann. "Batter" der US-Baseball-Profiliga erzielen mit dem Schläger eine solche Wucht, daß fünf Pferdestärken von dem Holz auf den faustdicken Baseball übertragen werden. Für Bruchteile von Sekunden quetscht die Schlagwucht die beinharte Kugel aus gepreßtem Kork zu einem eiförmigen Gebilde von nur mehr halbem Durchmesser zusammen.
Prallt eine nur annähernd so große Schlaggewalt auf Knochen und Gewebe, sind verheerende Verletzungen die Folge. Beim Schlag auf den Kopf etwa, erläutert der Unfallmediziner und Anästhesist Cord Busse vom Hamburger Hafenkrankenhaus, komme es zu "Berstungsbrüchen der Schädeldecke", tödliche "Einblutungen im Gehirn" seien zumeist die Folge.
Auch der Brustraum samt Rippenkorb verkraftet die Wucht der Waffe nicht: "Erhebliche Brüche an den Rippen" seien zu gewärtigen, sagt Busse, Lunge und Herz können lebensgefährlich verletzt werden. Trifft ein Baseballschläger in den Bauchbereich, können Leber, Milz und Darm reißen. Und wenn das Holz von hinten auf die Flanken prallt, sind "erhebliche Einblutungen" in den Nieren unausweichlich.
Die Röhrenknochen von Armen und Beinen haut die Wucht des Baseballschlägers sogar glatt entzwei. Manchmal springen zentimeterlange Teilstücke aus dem Knochen - einen "Stückbruch" nennen Mediziner das.
Die Schlägertypen mit den Bats, ob Antifa oder Anti-Antifa, schreckt das alles nicht. Ein Rechter aus der Hamburger Innenstadt kündigte schon an, er werde bald die glatzenglatte Keule aufrüsten. Wenn das Dealer-Unwesen in der von Türken und Farbigen beherrschten örtlichen Drogenszene so weitergehe, droht der Radikalinski, werde er demnächst einen Baseballschläger mit kopflosen stählernen Gewindestiften, sogenannten Madenschrauben, bestücken: "Wenn du dann zuhaust, fliegen bei jedem Schlag die Fetzen."

DER SPIEGEL 50/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wenn du zuhaust, fliegen die Fetzen“

Video 03:25

UFO-Berichterstattung "Natürlich sind das UFOs!"

  • Video "Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer" Video 01:02
    Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer
  • Video "Golanhöhen: Siedlung Beruchim heißt jetzt Trump Heights" Video 00:53
    Golanhöhen: Siedlung "Beruchim" heißt jetzt "Trump Heights"
  • Video "Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe" Video 01:02
    Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe
  • Video "Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom" Video 00:57
    Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom
  • Video "Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping" Video 00:59
    Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Videoanalyse zum Iran-Konflikt: Die Gefahr wächst" Video 01:19
    Videoanalyse zum Iran-Konflikt: "Die Gefahr wächst"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "UFO-Berichterstattung: Natürlich sind das UFOs!" Video 03:25
    UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"