07.12.1992

„Tragt Röcke!“

Weibliche Rechtsextreme schüren Ausländerhaß mit furchterregenden Parolen, Skinhead-Mädchen ("Reenies") sind dabei, wenn Asylanten überfallen werden, junge Nazi-Bräute pflegen „germanisches Brauchtum": Neofaschistische Verbände und Parteien werben immer erfolgreicher auch um Frauen.
Kurz nach Mitternacht reißt ein schriller Pfiff sechs junge Frauen aus dem Schlaf. Eine, die sie "Führerin" nennen, bläst zum "Orientierungsmarsch". Waltraut, 19, schnürt mit halbgeschlossenen Augen ihre Stiefel, klinkt das Koppelschloß am Gürtel ein. Ihre Haare hat sie sich schon vor dem Zubettgehen geflochten.
Zwei Stunden lang stapfen uniformierte Mädchen durch Kälte und Dunkelheit; verschwitzt, zerkratzt und kreuzlahm fallen sie vor Tagesanbruch auf ihre Pritschen. Trotzdem schwärmen die "Jungmädel" von der "Wiking-Jugend": "Das war ein tolles kameradschaftliches Erlebnis für uns alle."
Brigitte, 23, hat Sekretärin gelernt, doch seit die Dresdnerin keine Arbeit mehr findet, nennt sie sich nur noch "Faschobraut". Die Haare trägt sie hellgelb gebleicht und kurz geschoren wie Sinead O''Connor. Die Füße stecken in Springerstiefeln. "Mit Weiberkram" hat Brigitte "nichts am Hut". Wenn sie und ihre Glatzenfreunde "Ausländer klatschen gehen", will sie sich von den Kerlen nicht unterscheiden: "Ich saufe wie ein Mann, also prügele ich mich auch wie ein Mann."
Die Hamburgerin Ursula Worch, 28, wirbt seit Jahren für eine national-sozialistische Frauenbewegung. Die Mitbegründerin der "Deutschen Frauenfront" (DFF), die inzwischen in rechten Parteien aufgegangen ist, vertritt die Ansicht, daß man behinderte Kinder töten sollte. "Für mich", sagt Worch, "ist es erschreckend, daß ich dafür bestraft würde, weil ich es als eine soziale Tat sehe."
Frauen zum Fürchten. Die einen üben sich in paramilitärischem Drill und "häkeln für das Vierte Reich" (Brigitte); andere sind dabei, wenn ausländische Frauen und Kinder in Brand gesetzt werden; und im Hintergrund arbeiten faschistoide Ideologinnen an einem neuen, rechten Frauenbild.
Wie unterschiedlich die Aktionsformen auch ausfallen - ob Wiking-Jugend, "Reenies" (wie sich weibliche Skinheads nennen) oder Altnazis: Mädchen und Frauen aller Altersklassen widerlegen die Annahme, daß Rechtsradikalismus und Gewaltbereitschaft reine Männersache seien.
Etwa ein Viertel bis ein Drittel der rund 40 000 Deutschen, die nach Schätzungen des Verfassungsschutzes mit der rechtsextremen Szene sympathisieren, sind Frauen. Auf Parteiversammlungen und bei Straßenschlachten treten bisher zwar nur wenige aggressiv auf. Doch Einschätzungen wie die der SPD-Vizechefin Herta Däubler-Gmelin, "mit Säbelrasseln, Bierkrugstemmen und wilden nationalen Parolen" sei kaum "eine moderne Frau zu locken", erweisen sich nach Untersuchungen des Esslinger Sozialwissenschaftlers Kurt Möller "als höchst trügerische Halbwahrheiten".
Jugendstudien und qualitative Wahlanalysen belegen laut Möller vielmehr "eine gleich hohe Anfälligkeit weiblicher und männlicher Probanden für ethnozentrische und nationalistische Parolen". Bei Themen wie Ausländerabschiebung, Kriminalität und Strafverfolgung, stellt Sozialforscher Möller fest, "tendieren die Angehörigen des weiblichen Geschlechts gar stärker nach rechts als Männer". Die Reenies sorgen Bomberjacke an Bomberjacke mit ihren gewaltgeilen Jungs für Schlagzeilen; im ostdeutschen Thale waren 13- und 14jährige Mädchen dabei, als Glatzköpfe versuchten, Vietnamesinnen zu vergewaltigen; zu der verhafteten Clique des Möllner Mordverdächtigen Michael Peters gehört auch eine Realschulabsolventin.
Doch die meisten rechtsextremen Mädchen und Frauen arbeiten im Hintergrund - wo sie nach Meinung ihrer Männer auch hingehören. Nur "die granitene Wucht der Männlichkeit", tönte der verstorbene Neonazi-Führer Michael Kühnen, ermögliche eine "aufstrebende Kultur, weibliche Einflüsse stören".
Während die Männer mit Brandsätzen oder Baseballschlägern Terror machen, beweisen Frauen, wie furchterregend auch verbale Gewalt wirken kann. In selbstverlegten Flugschriften, die "Kampfgefährtin" oder "Mädelbrief" heißen, hetzen Extremistinnen gegen den "zum holokotzen ekelhaften Polizeistaat" BRD und fragen "alle pharisäisch schwarz-rot-grünen Nazijäger: Warum die Zeit totschlagen? Es gibt doch genug Juden!"
Die Deutsche Frauenfront, "durchdrungen von der Erkenntnis, daß die Reinheit des deutschen Geistes und Blutes die Voraussetzung für den Fortbestand des deutschen Volkes ist", forderte ein Ehegesetz, wonach "nur Menschen verwandter Völker untereinander heiraten dürfen". Dazu werden ein schwarzer Mann und eine weiße Frau abgebildet, die sich umarmen, Unterschrift: "So nicht!" Wer bei der Partnerwahl nicht nur rassisch, sondern völkisch sichergehen will, wendet sich an die Ehevermittlung "Nornenglück" in Merazhofen, die günstig "nationalgesinnte Ehegatten" anbietet.
Mit Flugblättern werben NS-Veteraninnen Nachwuchs für die rechtsradikale Wiking-Jugend, Hauptsitz Stolberg bei Aachen. In "Ausbildungslagern" werden zur Zeit 400 Jugendliche zwischen 6 ("Klein-Wikinger") und 22 Jahren auf den Kampf für ein nationalsozialistisches Deutschland vorbereitet. In der Atmosphäre scheinbar harmloser Pfadfindertreffen mit Frühsport, Geländelauf und Mutproben lernt die braune Jugend im Rassenkunde-Unterricht, was "artgerechte Erziehung" heißt.
Nach dem Vorbild vom "Bund Deutscher Mädel" im Dritten Reich treten ungeschminkte Zopfträgerinnen im dunkelblauen Rock mit weißer Bluse und Halstuch zum Fahnenappell an; am Oberarm, wo einst das Hakenkreuz prangte, tragen rechtsradikale Azubis heute die Odalsrune. Brav getrennt vom Kampf-Training der Männer, veranstalten die Mädchen Heldengedenkfeiern, singen Hitler-Lieder und tragen am Lagerfeuer NS-Prosa vor: "Eines Staates bester Grundstein bleibt am Ende doch die Frau." Wer seine Lektion beherrscht, wird mit Beförderung belohnt: zur "Gaumädelführerin".
In Handarbeitskreisen und auf Fortbildungsfahrten wird eine NS-interessierte weibliche Jugend von ewig Gestrigen indoktriniert. Ursula Müller, 58, Vorsitzende der ultrarechten "Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene", lehrt die Mädels "wieder Zucht und Ordnung". Sie sollen "stricken, Strümpfe stopfen und kochen". Schlachtruf der braunen Frauenbewegung: "Tragt Röcke!"
Die Wortführerinnen rechtsextremer Frauenzirkel beschwören wie ihre Männer die Ideologie von der biologischen Ungleichheit der Völker, Rassen und Geschlechter. Für die Frauen heißt das: zurück an Herd und Wiege - "Verhütung macht unfrei".
Solveig Hingst*, 18, die ihr zweites Kind erwartet, sehnt sich nach jener Welt, "in der die Mütter noch geachtet waren". Mit 16 wurde die Gymnasiastin schwanger von einem Freund aus ihrer linken Clique, der sie dann sitzenließ. Sie brach die Schule ab und verliebte sich in einen Neonazi. Der schwängerte die entnervte Teenie-Mutter zwar ebenfalls, aber er impfte ihr zugleich das Mutterkreuz-Ideal der Nationalsozialisten und ein Stück Selbstwertgefühl ein.
Seither hängt über dem Blümchensofa in Solveigs Wohnzimmer ein Farbfoto von Adolf Hitler, der für die Neu-Rechte "der menschlichste und ehrlichste Politiker" ist. Mit gleichgesinnten Freundinnen pflegt Solveig nun "germanisches Brauchtum"; aus gelben Blütenzweigen flechten sie Fruchtbarkeitskränze.
In Bonn, München und Hamburg gründen Rechtsextremistinnen Mütterkreise - Horte reindeutscher Kinder, die das Schlimmste verhüten sollen, was Solveigh Hingst sich vorstellen kann: "Daß mein Kind einmal aus dem Kindergarten kommt und Türkisch spricht."
Bedrängt von Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst und dem vor allem im Osten weitverbreiteten Gefühl, nichts mehr wert zu sein, suchen Jugendliche Zuflucht bei hierarchischen Strukturen, die scheinbar naturgegeben und unveränderbar sind. Die wachsende Anfälligkeit von Mädchen und Frauen hat zusätzlich geschlechtsspezifische Ursachen.
Aufgewachsen mit einem Rollenbild, das gesellschaftliche Anerkennung sowohl an beruflichem Erfolg als auch am Familienglück mißt, machen junge Frauen die Erfahrung, daß beides in der Praxis kaum zu schaffen ist. Das Gefühl zu versagen, fand die Göttinger Soziologin Ursula Birsl in einer Untersuchung über Frauen und Rechtsextremismus heraus, erzeuge bei vielen ein "Identitätsvakuum", und rechtsextreme Ideologen bieten an, es auszufüllen. Einer Faschistin ist die Anerkennung ihrer Gruppe sicher, wenn sie sich als Mutter und Gefährtin bewährt.
Daß sich hinter derart schlichten Verlockungen ein faschistoides Weltbild verbirgt, ist auf Anhieb nicht zu erkennen. Denn die Forderung nach einer Aufwertung des Hausfrauen-Daseins ist keineswegs, so Birsl, "eine rechtsextreme Spezialität, sondern weit verbreitet" - von konservativen Parteiprogrammen bis zum grünen Müttermanifest. Auf diese Verwechselbarkeit neonazistischer Propaganda mit Programmpunkten etablierter Parteien zielen NS-Parolen zu kontroversen Fragen der Frauenpolitik.
Auf klassische Reizthemen wie etwa Gewalt gegen Frauen antworten Rechtsextreme mit Rezepten, die halb faschistisch, halb radikal-feministisch klingen: Ein Vergewaltiger muß laut DFF "mit Kastration oder im Falle des Todes seines Opfers mit der Todesstrafe rechnen". Derart drakonische Maßnahmen gaukeln Sicherheit vor in einer Welt, in der Frauen sich immer heftiger bedroht fühlen. "Auch wenn man sich nicht selbst prügelt", sagt Martina Emmerich*, 33, die jahrelang mit einem Nazi-Schläger verheiratet war, "allein der Gewalt zusehen und sie zu dulden kam mir irgendwie ganz gut vor."
Vor allem schlecht ausgebildete und sozial schwache Frauen treibt es in die vermeintliche Geborgenheit rechtsextremer Zirkel. Die Sehnsucht nach einem Beschützer nimmt dabei oft erotische Formen an. Die meisten der weiblichen Neonazis verfallen erst einem Mann, dann dem Programm.
"Der Ewald", sagt die Dresdnerin Maria Emberger, 16, bewundernd, "der sagt immer, er brauche keine Waffe, er sei selber die Waffe, das gefällt mir." Die sächsische Realschülerin knüpft für Bela Ewald Althans, einen der Führungsköpfe neofaschistischer Gruppierungen, Kontakte zum Osten und läßt sich als Freundin vorzeigen: Althans muß sich seit einiger Zeit gegen Gerüchte zur Wehr setzen, er habe sich in Münchner Homosexuellen-Kneipen herumgetrieben.
Die Faszination jenes unheilvollen Rollenspiels - die deutsche Frau unterwirft sich dem deutschen Mann, zur Belohnung rangiert sie über allen anderen Kreaturen - verbaut rechts-infizierten Frauen den Rückweg in eine bürgerliche Existenz. Sie riskieren, wegen volksverhetzender Handlangerdienste von nicht rechten Freunden isoliert und vom Staat verfolgt zu werden; doch die eben noch verherrlichte Gewalt wendet sich rasch gegen jene, die sich den Fascho-Sekten entziehen wollen.
Als Ehemann Emmerich die beiden kleinen Söhne immer häufiger zur Wiking-Jugend mitnahm und es der Mutter mißfiel, daß er "am liebsten schon dem Zweijährigen Springerstiefel angezogen hätte", begann ein bedrohlicher Trennungsprozeß. Zu Terminen mit Journalisten, denen Martina Emmerich von Aktivitäten der Neonazis berichten wollte, erschienen vier grimmige Männer in Leder. Bis heute fürchtet die Abtrünnige die Rache ihres Herrn.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
* Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 50/1992
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