07.12.1992

InvestitionenBestenfalls Schrottwert

Viele West-Konzerne haben sich mit ihren Investitionen im Osten verkalkuliert. Manche Fabriken werden schon wieder geschlossen.
In der schummrigen Lagerhalle liegen Tausende von Wälz- und Kugellagern eingestaubt in meterhohen, grünen Regalen. "Das sind 60 Millionen Mark", sagt Franz Margraf, "schön verpackt - und unverkäuflich."
Margraf, Vorstand der Deutschen Kugellagerfabriken (DKFL) mit Hauptsitz in Leipzig, hat einen schwierigen Job. Schon der Gang durch die Produktionshallen fällt nicht leicht. "Die Stimmung wird aggressiver", sagt Margraf, "die Leute haben Angst vor der Zukunft."
Vor zwei Jahren hatte die fränkische FAG Kugelfischer die DKFL gekauft. Mit seinen damals acht Standorten war das Kombinat DDR-Monopolist. Mittlerweile sind von den ehemals über 8000 Arbeitern mehr als 5000 entlassen, jede dritte Maschine steht still. Ende Dezember soll das Werk in Berlin-Lichtenberg geschlossen werden. 470 Arbeiter stehen dann auf der Straße. Margraf: "Wir haben uns alle mächtig verschätzt."
Investoren, die im Osten einen Industriebetrieb gekauft haben, müssen ihre Erwartungen immer weiter herunterschrauben. "Die Ost-Phantasien", so Helmold Biehl, Präsident des Landesverbandes der Sächsischen Industrie, "sind für viele zu Ost-Alpträumen geworden."
Ganze Branchen brechen weg. Die Märkte im Osten, auf die viele Investoren gesetzt hatten, nehmen nichts ab. Und Kunden im Westen sind schwer zu gewinnen.
"Die Talfahrt geht weiter", schreibt das Institut für Wirtschaftsforschung Halle in seinem Konjunkturgutachten, "die ostdeutsche Wirtschaft befindet sich auf Deindustrialisierungskurs."
Die privatisierten Betriebe können sich dem Sog nicht entziehen, weitere Massenentlassungen sind unvermeidlich. Von den 800 000 Industriearbeitern in den neuen Bundesländern könnten, fürchtet Hans-Jürgen Alt vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, im nächsten Jahr gerade noch 400 000 übrig sein: "Das geht ganz böse den Bach runter."
Selbst solide West-Konzerne können ihre Töchter in den neuen Ländern nur mit viel Geduld und noch mehr Geld am Leben erhalten. "Die Mutter muß weiter kräftig zubuttern", weiß der Kugelfischer-Abgesandte Margraf, "sonst können wir dichtmachen."
Als der lebenslustige Bayer Ende 1990 nach Leipzig geschickt wurde, glaubte sich Kugelfischer am Ziel: Mit der DKFL schien nicht nur ein potenter Konkurrent geschluckt, sondern auch die Tür zum vermeintlich gewaltigen osteuropäischen Markt weit offen. Zudem verhieß der versprochene Aufschwung in den neuen Bundesländern Gewinn, und selbst im Westen lief das Geschäft so prächtig, daß die Schweinfurter zusätzliche Kapazitäten gut gebrauchen konnten.
Ein Jahr später hatte sich alles geändert. "Da haben wir gesehen", sagt Margraf, "daß wir auf eine Katastrophe zusteuern." Drei der acht Standorte wurden sofort geschlossen, in den anderen wird kurzgearbeitet.
Die einstigen DKFL-Kunden in Osteuropa existieren oftmals gar nicht mehr, der erhoffte Aufschwung Ost findet nicht statt, und zu allem Überfluß ist der Wälzlagermarkt im Westen, so Margraf, "eingebrochen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr".
Statt der ursprünglich geplanten 450 Millionen machen die noch rund 2300 Lagerbauer in diesem Jahr bestenfalls 140 Millionen Mark Umsatz - die Hälfte davon durch "Stützungsbelegung" (Margraf); notgedrungen verschieben die Schweinfurter Aufträge gen Osten. Und das kostet Jobs im Westen.
Auch die Düsseldorfer Mannesmannröhren-Werke mußten in Mülheim an der Ruhr eine Produktionsstraße schließen: Mit dem Kauf des Rohrwerks Zeithain bei Riesa haben sie sich erhebliche Überkapazitäten eingehandelt.
Den Mannesmännern platzte nicht nur der Traum vom Absatz in Osteuropa; von dort kommt nun sogar harte Konkurrenz. Die Rohre aus Sachsen werden durch tschechische Ware zu Dumpingpreisen vom Markt gedrängt. "Die Lieferungen", so der Düsseldorfer Vorstandsvorsitzende Paul Helmut Hay, "haben sich um 180 Grad gedreht."
Bis Ende dieses Jahres wird Mannesmann insgesamt rund 100 Millionen Mark an die Ost-Tochter überwiesen haben, die Hälfte zum Ausgleich der bislang aufgelaufenen Verluste, den Rest für Investitionen. Doch das reicht längst nicht aus.
"Wir brauchen noch mal 100 Millionen", rechnet der Zeithainer Mannesmann-Geschäftsführer Karl Tenbrack, "sonst kriegen wir die Probleme nicht in den Griff." Auf dem beinahe unübersehbaren Gelände rotten Hallen nutzlos vor sich hin, Teile der technischen Anlagen haben bestenfalls Schrottwert. "Bei uns sah das genauso aus", sagt Tenbrack, "kurz nach dem Krieg."
Dennoch glaubt der Manager, in Zeithain einmal "das modernste Röhrenwerk Europas" stehen zu haben. Tenbrack versucht, "Zuversicht nach Düsseldorf zu tragen, damit die die Brocken nicht hinschmeißen".
Noch steht der Vorstand hinter der Ost-Tochter. Doch die versprochenen 1100 Arbeitsplätze sind illusorisch. "Angesichts der dramatischen Entwicklung", so Vorstandschef Hay unzweideutig, "muß das noch einmal überdacht werden." Tatsächlich ist klar: Mehr als 500 der jetzt noch gut 1200 Stahlwerker werden ihren Job verlieren.
Nichts als Ärger haben die meisten Investoren mit ihren Erwerbungen im Osten. Zu den hohen Verlusten kommt der Rufschaden: West-Konzerne gelten vielen inzwischen als brutale Arbeitsplatzvernichter.
Ganz groß ist der deutsche Musterkonzern Siemens im Osten eingestiegen. 18 000 Menschen beschäftigen die Münchner in den neuen Bundesländern, die Hälfte davon in der Produktion. Doch die Truppe hat im ersten Geschäftsjahr, so Siemens-Chef Heinrich von Pierer, einen Verlust "in dreistelliger Millionenhöhe" eingefahren, weit mehr als eingeplant.
Dabei hatte sich der Elektro-Multi nicht nur nach eigener Einschätzung schon die Perlen aus dem ehemaligen DDR-Bestand gesichert. Doch jetzt wird auch hier über Entlassungen nachgedacht.
Solche Beispiele ermuntern nicht zur Nachahmung. Wer noch die Möglichkeit hat, aus geplanten Ost-Projekten auszusteigen, nutzt die Gelegenheit. Mercedes-Benz und der Papierhersteller Holtzmann stornierten ihre Neubauprojekte, Audi will sein Motorenwerk nun in Ungarn und nicht in Magdeburg errichten.
Käufer für die noch nicht privatisierten Betriebe sind unter diesen Umständen kaum noch zu finden. Statt mit neuen Kunden haben die Treuhänder immer häufiger mit Käufern zu tun, die ihre maroden Betriebe wieder loswerden wollen.
So muß die Berliner Behörde etwa die Sächsischen Schraubenwerke in Finsterwalde und Chemnitz zurücknehmen. Nach gerade einem Jahr haben Investoren aus Amerika, die Brüder Robin und Michael Diamond, die Lust an ihrem Einkauf verloren.
Als sie sich im Sommer nach Südafrika absetzten, drehten und verpackten im Unternehmen statt der garantierten 830 gerade noch 240 Arbeiter. Die "Männer mit dem levantinischen Geschäftsgebaren", so ein Treuhand-Unterhändler, haben möglicherweise auch einen Teil der 17,4 Millionen Mark Anschubfinanzierung der Treuhand mitgehen lassen. Doch die tüchtigen Brüder wollen die Firma nur zurückgeben, wenn die Treuhand dafür bezahlt.
Es sind nicht immer unbekannte Geschäftemacher, die mit den ostdeutschen Betrieben inzwischen etwas anderes im Sinn haben, als mit der Treuhand vereinbart wurde. So kaufte der Hannoversche Reifenhersteller Continental im letzten Jahr für gut fünf Millionen Mark die Vogtländischen Reifenwerke in Plauen, spezialisiert auf die Runderneuerung alter Pneus. Conti versprach der Treuhand, 150 Arbeitsplätze zu erhalten, später sogar 80 weitere zu schaffen.
Doch die West-Manager kümmerten sich nicht lange um ihr Versprechen. Schon wenige Monate nach dem Kauf wurden die Mitarbeiter gefeuert. Zuvor waren die guten Maschinen abmontiert und nach Norwegen verfrachtet worden. "Damit", glaubt Betriebsrat Michael Straube, "hatten die den Kaufpreis schon wieder drin."
Bleibt noch das große Firmengelände und die 15, meist gutgelegenen, Servicestationen der Vogtländischen Reifenwerke. Die bekommt nun der Konkurrent Vergölst - eine Tochter der Conti.

DER SPIEGEL 50/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Investitionen:
Bestenfalls Schrottwert