07.12.1992

„Der gute Ruf ist schwer erschüttert“

Als das Nachrichtenmagazin Newsweek anläßlich der Mordnacht von Mölln seinen US-Lesern vorige Woche über "Deutschlands Furien" berichtete, illustrierten die Blattmacher ihren Artikel nach den Regeln der Zunft: Sie zeigten die Rassisten.
Zu sehen waren die häßlichen Deutschen - glatzköpfig, mit wutverzerrten Gesichtern und emporgerissenen Armen. Durchaus realistisch auch die Unterzeile des Artikels: "Neonazis fordern die Demokratie heraus."
Solch ungeschönte Wahrheit mochte Newsweeks Europa-Ausgabe ihren Lesern, darunter 58 000 deutsche Käufer, nicht antun. Deren Redakteure präsentierten denselben Artikel deutlich verhaltener: Statt gewalttätiger Skins blickte der um seine Angehörigen trauernde Faruk Arslan den Leser an. Aus der Unterzeile waren die Nazis verbannt, jetzt hieß sie: "Bösartiger Rechts-Terrorismus . . . schwächt Vitalität und Selbstvertrauen der Nation."
Schonbehandlung also für die Deutschen, die auch dann noch von aller Welt geliebt werden wollen, wenn sie nichts Liebenswertes zeigen? Newsweeks doppelte Aufbereitung des Reizthemas war durchaus symptomatisch für die Reaktion in anderen Ländern auf die unablässige Serie deutscher Angriffe gegen Ausländer.
Angesichts der Bilder ausgebrannter Ausländerheime und gewalttätiger, unter Reichskriegsflaggen marschierender Horden wuchs weltweit der Abscheu vor den sichtbar Unverbesserlichen. Ebenso unverkennbar war aber auch der Wille zu differenzierter Betrachtung und die Beruhigung, daß das wiedervereinigte Deutschland nicht vor einer Machtübernahme durch die Nazis steht. Noch einmal Newsweek (und zwar in beiden Ausgaben): "Es gibt faktisch keine Möglichkeit dafür, daß sie Erfolg haben könnten."
Ein Grund zur Gelassenheit sind solche Töne nicht. Deutschland mußte einen "entsetzlichen Ansehensverlust" hinnehmen, klagt Außenminister Klaus Kinkel.
Vor den Botschaften Bonns in Athen und Jerusalem protestierten Tausende gegen den Rassismus in der Bundesrepublik. Bei der Beerdigung der Mordopfer im nordtürkischen Städtchen Carsamba drohten Spruchbänder: "Ihr Schweine, weckt die Osmanen nicht auf."
Für Heinz Becker vom New Yorker Goethe-Institut ist die Furcht vor den Deutschen inzwischen eine Alltagserfahrung: "Ich bekomme Anrufe von Eltern, die Angst um ihre Kinder haben, die wir für Deutschkurse nach Deutschland vermitteln."
Polnische Autofahrer wagen sich fast nur noch im Konvoi über die Autobahnen in der ehemaligen DDR. Japanische Firmen empfehlen ihren Angestellten, bei Deutschland-Besuchen grundsätzlich nur Geschäftsanzüge zu tragen, um von deutschen Rassisten nicht mit Vietnamesen verwechselt zu werden. Der Sony-Konzern hat Regierungsvertretern in Bonn gegenüber bereits Zweifel geäußert, ob es für ihn noch sinnvoll sei, die Europazentrale der Weltfirma in Berlin hochzuziehen.
Deutschlands Botschafter bei den Vereinten Nationen, Detlev Graf zu Rantzau, hatte vor der Debatte über Rassismus, Flüchtlings- und Menschenrechtsfragen harte Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Delegationen anderer Länder daran zu hindern, die Skin-Angriffe gegen Ausländer in Deutschland mit den ethnischen Säuberungen der Serben in Bosnien gleichzusetzen. Der Graf resigniert: "Der gute Ruf ist schwer erschüttert."
Der Abscheu vor den Morden von Mölln war einhellig. "Deutsche Nazis ermorden wieder ,Untermenschen'", alarmierte der Boston Globe seine Leser und fragte, ob die USA nach dem Krieg nicht besser den Morgenthau-Plan verwirklicht hätten, der Deutschland zum Agrarstaat reduzieren sollte.
Das niederländische Algemeen Dagblad entdeckte im Nachbarland ein "Paradies für Neonazis". Der belgische Morgen fragt sich, warum "dieselben Menschen, die mit nackten Händen die Berliner Mauer abbrachen", nun zur Ausländerabwehr "ganz Deutschland mit Stacheldraht umgeben wollen".
Die gefürchteten deutschen "Dämonen", die den Niedergang der Weimarer Republik, das Dritte Reich und Auschwitz herbeiführten, lieferten die Bezugspunkte, an denen sich die neue Angst vor Deutschland festmachte. Über die Hälfte aller Polen bewerteten in einer Umfrage die Ausschreitungen gegen Ausländer als Zeichen für das Wiederaufleben einer faschistischen Bewegung.
"Der Geist Adolf Hitlers machte einen Mitternachtsspaziergang in einer deutschen Stadt an der Ostsee", kommentierte das türkische Massenblatt Sabah. Im Land der Opfer des Mordanschlags verfiel allerdings nur eine Zeitung der Hysterie. Unter der zehn Zentimeter großen Überschrift "Deutsches Schwein" formulierte das Boulevardblatt Bugün: "Gestern haben sie Millionen Juden und Demokraten verbrannt, heute gehen sie auf Türken los."
Daß es das "andere Deutschland", das anständige, überhaupt gebe, bezweifelte nicht nur der ehemalige israelische Parlamentspräsident und Holocaust-Überlebende Dow Schilanski: "Es ist noch dasselbe an Rassismus, Erniedrigung und Mord." Auch der ehemalige Chefredakteur der New York Times, Abraham Rosenthal, forderte vehement, damit aufzuhören, die deutschen Rassisten "Neonazis" zu nennen. "Sie und wir wissen, wer sie sind." Nazis nämlich, und das "wissen auch die Deutschen, die ihnen zujubeln".
In Italien, dem Land, in dem die Brandanschläge von Mölln ein besonders verheerendes Echo hervorriefen, versuchte ein Kommentator der Gazzetta del Sud aus Messina sogar, den Rassismus der deutschen Gewalttäter mit eigenem Rassismus zu bekämpfen: _____" Diese teutonische Rasse hat Hitlers Tiraden von der " _____" deutschen Hegemonie nicht vergessen - was die Übergriffe " _____" gegen alle " _____" beweisen, die nicht nach arischer Rasse riechen. Die " _____" Chromosomen dieses Volkes blieben unverändert: getränkt, " _____" wie es scheint, von Überheblichkeit und Haß gegen andere. "
Verständlicherweise riefen wachsender Ausländerhaß und antisemitische Attacken in Israel das größte Entsetzen hervor. Der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes, Isser Harel, schlug vor, Mossad-Agenten in die Bundesrepublik zu schicken, um die rechtsextreme Terrorszene auszuheben. Erziehungsministerin Schulamit Aloni forderte spontan einen Boykott Deutschlands (siehe Seite 174).
Als der israelische Streitkräftesender seine Hörer aufforderte, per Telefon über die vorgeschlagene Warensperre abzustimmen, sprachen sich 60 Prozent aller Anrufer für Sanktionen aus. Das lag sicher auch am Programm: Zur Hörer-Aktion spielte der Militärfunk Rock-Rap mit dem Refrain "Ich hasse die Deutschen".
Ministerpräsident Jizchak Rabin ("Man muß die Schlange zertreten, solange sie klein ist") setzte eine Regierungserklärung von undiplomatischer Deutlichkeit durch: "Das Kabinett verurteilt schärfstens die neonazistischen, rassistischen und antisemitischen Erscheinungen in Deutschland und betrachtet sie mit Sorge und Ernst."
Der Fraktionschef des oppositionellen Likud-Blocks, Mosche Kazav, drohte: "Wenn Deutschland das Wiederaufleben des Nazismus nicht verhindern kann, sollten wir die Beziehungen abbrechen."
Israels Oberrabbiner Abraham Schapira und Mordechai Eliahu sahen sich zu einer offiziellen Warnung veranlaßt: "Die Juden in Deutschland sollten schnell nach Israel kommen. Sie dürfen nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und Illusionen anhängen."
Doch das Bild des häßlichen Deutschen, allzeit empfänglich für nationalistische Verführung, gewaltbereit und von rassistischer Überheblichkeit, ist trotz aller Angriffe nicht das einhellige Verdikt über die Deutschen.
Auch die Befürchtung, die exportabhängige Bundesrepublik werde unter dem verheerenden Echo, das die Neonazis in aller Welt hervorriefen, leiden müssen, hat sich - vorerst - nicht bewahrheitet.
Daß diese Furcht im Tourismusgewerbe am größten ist, beweisen allerdings Zeitungsanzeigen, in denen sich deutsche Reiseveranstalter als erste Branche für die Mordanschläge ihrer Landsleute entschuldigten. In einer Meinungsumfrage unter amerikanischen Kongreßveranstaltern sprach sich über die Hälfte der Befragten für einen Boykott der Bundesrepublik aus.
Der Repräsentant der deutschen Industrie in Washington, Lothar Grießbach, will bei US-Unternehmen noch keine Deutschland-Feindlichkeit festgestellt haben. Er sorgt sich jedoch, daß "da eine Flanke geöffnet wird, wenn die Regierung die Ausschreitungen nicht schnell in den Griff bekommt". Für denkbar hält er, daß amerikanische Konkurrenten deutscher Exporteure US-Kunden mit dem moralischen Vorwurf bedrängen könnten, "Sie wollen doch nicht bei den Nazis kaufen."
Inge Orth von der deutsch-amerikanischen Handelskammer in New York räumt ein, daß einige ihrer Klienten "schlichtweg um ihre Sicherheit fürchten". Allerdings: "Für amerikanische Anleger ist Deutschland, verglichen mit Portugal, ohnehin sehr teuer."
Insgesamt jedoch war die Angst des Auslands vor einem "Vierten Reich" im Umfeld der Wiedervereinigung größer als heute nach den Anschlägen von Mölln. Henry Kissinger, aus Deutschland geflüchteter Jude und US-Außenpolitiker, kann sich trotz der zögerlichen Bonner Reaktion auf den Nazi-Terror "keine demokratischere Regierung in Deutschland vorstellen".
Der französische Staatspräsident und Kohl-Freund Francois Mitterrand zeigte sich über das Mißtrauen vieler Franzosen gegenüber ihren Nachbarn "persönlich betroffen" und mahnte: "Jedes Volk muß darauf achten, die eigenen Dämonen unter Kontrolle zu halten."
Die linke, von Jean-Paul Sartre mitbegründete Pariser Tageszeitung Liberation beobachtet die Welle der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland auch deswegen so besorgt, weil sie in der Behandlung der Asylsuchenden "so etwas wie eine Generalprobe" für Europa sieht: "Wie würden andere Gesellschaften darauf reagieren, wenn 500 000 Flüchtlinge in ihr Land strömen?" Das Blatt mahnt: Europa täte recht daran, "Deutschland mit diesem Problem nicht allein zu lassen".
Das von Neonazi-Anschlägen erschütterte Deutschland, das zudem unter wirtschaftlicher Stagnation leidet und von Zukunftsängsten geplagt wird, erscheint vielen Franzosen nun plötzlich nicht mehr - wie noch vor wenigen Monaten während der Maastricht-Debatte - als übermächtiger Koloß. Deutschland, staunte etwa der Pariser Figaro, "ist zerbrechlicher, als wir annahmen".
Auch in London glaubt ein hochrangiger Deutschland-Kenner im Foreign Office, daß die Briten jetzt weniger einen "neuen häßlichen Deutschen" als vielmehr einen "neuen verkleinerten Deutschen" ausmachen. Auf einmal entdeckt das an Rassenkrawalle, Rezession und irische Terrorakte gewöhnte Inselvolk, so der Diplomat, wie Wirtschaftsprobleme und politischer Extremismus "Deutschland von seinem Sockel als Europas Muskelprotz herunterreißen".
Zwar berichten Fernsehen und Presse regelmäßig in großer Aufmachung über die Exzesse der deutschen Rechtsradikalen, die Kommentatoren stellen die Ereignisse jedoch fast immer in einen größeren, europäischen Zusammenhang und weisen auch auf die eigenen Neonazis hin. Die Londoner Financial Times zählte 7780 rassistische Übergriffe im vorigen Jahr allein in England und Wales - mehr als 20 Zwischenfälle jeden Tag.
Den Szenen von niedergebrannten Asylantenheimen und grölenden Skinheads werden Bilder und Texte von Massenkundgebungen gegen die Neonazis gegenübergestellt; "the good Germans" existieren also doch noch. Fast erleichtert konstatiert der angesehene Economist: "Deutschland blickt auf sich selbst - und zuckt zusammen."

DER SPIEGEL 50/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Der gute Ruf ist schwer erschüttert“

  • Videoanalyse zum Wahlkampfauftakt: "Trump muss sich anstrengen"
  • Schwächesymptome: Merkel zittert bei Selenskyj-Empfang
  • Kalifornien: "HP Robocop" auf Verbrecherjagd
  • Heftige Turbulenzen: Stewardess fliegt an die Decke