07.12.1992

FrankreichOhne Saft

Die regierenden Sozialisten buhlen um die Gunst der Umweltbewegung - die Öko-Parteien aber möchten bei den Parlamentswahlen ohne Hilfe siegen.
Den Vorsitzenden der Grünen-Partei Les Verts, Antoine Waechter, erreichte ein Telefonat, das aus dem Amtssitz des Regierungschefs zu kommen schien.
Ob er bereit sei, ein Ministeramt zu übernehmen, begehrte der Anrufer zu wissen, vielleicht das Arbeitsministerium? Waechter wollte. Auf eine Bedingung aber müsse der künftige Minister eingehen, verlangte der Gesprächspartner: Der Grüne dürfe nicht länger verheimlichen, daß er ein Toupet trage. Dem Öko-Chef schien das Opfer billig: "Das ist zu machen."
Der Haarschmuck ziert den Grünen-Vorsitzenden noch immer. Waechter, 43, war auf einen Scherzbold hereingefallen: einen Rundfunk-Reporter, der testen wollte, wie weit der Ehrgeiz des Grünen reicht.
Womöglich kann Waechter schon bald mit einem ernster gemeinten Ruf rechnen - im kommenden März nach den französischen Parlamentswahlen. Denn die zwei grünen Parteien, die bisher als Les Verts und Generation ecologie gegeneinander um die Öko-Stimmen stritten, wollen mit gemeinsamen Kandidaten antreten und den historischen Durchbruch schaffen: den Einzug ins Parlament.
Diese Aussicht macht die Sozialisten ebenso nervös wie die beiden konservativen Oppositionsparteien. Denn erstmals könnten die Umweltschützer so gut abschneiden, daß sie als Koalitionspartner umworben werden müßten. 17 Prozent der Stimmen trauen Meinungsforscher den grünen Gemeinschaftskandidaten zu; das ergäbe bis zu 80 Abgeordnete im neuen Parlament.
Sozialistenchef Laurent Fabius bot den Öko-Konkurrenten deshalb jetzt eine "permanente Partnerschaft" und dazu ein Dutzend sichere Wahlkreise an. Noch sträuben sich die Grünen. Sie debattieren, wie sie sich gegenüber den Sozialisten verhalten sollen - Alleingang oder Kooperation.
"Dies ist vielleicht ein historischer Augenblick", hofft Waechter. Und Brice Lalonde, 46, Vorsitzender der Generation ecologie, sieht schon die Lebensstunde einer neuen linken Kraft: "Es ist an der Zeit, daß die Sozialistische Partei ihren Platz räumt."
Nie waren die Chancen der grünen Protestbewegung besser, sich von einem Sammelbecken für Idealisten und Einzelgänger zur Volkspartei zu entwickeln.
Meinungsforscher mögen in vertraulichen Erhebungen den Sozialisten derzeit eben noch 60 Abgeordnetenmandate zusichern - gerade 10 Prozent der Parlamentssitze. Sollten diese Prognosen eintreten, so wäre das ein historisches Debakel. Die Genossen resignieren schon und beginnen, sich auf eine Niederlage einzustellen. Viele Berater in den Ministerien suchen nach neuen Jobs in Industrie und Wirtschaft.
Ende März muß Francois Mitterrand wohl mit größter Wahrscheinlichkeit zum zweitenmal in seiner Präsidentschaft einen konservativen Premier ernennen. Die Sozialistische Partei sei "ohne Saft", sie habe sich an ihren eigenen Prinzipien versündigt, lästert Brice Lalonde, ehemals Umweltminister in der Links-Regierung und ein Vertrauter des Staatschefs.
Die Öko-Parteien, unverbraucht und nicht verantwortlich für Korruption und Rezession, hoffen zum "Katalysator einer neuen demokratischen Partei" zu werden. 1974 waren die Umweltschützer erst auf 336 000 Stimmen gekommen; 1981 erreichte Präsidentschaftskandidat Lalonde schon 1 126 254 Stimmen. Bei den Europawahlen 1989 wählten 10,6 Prozent die Öko-Vertreter, bei den Regionalwahlen im März dieses Jahres waren es bereits 13,9 Prozent (3,4 Millionen Wähler).
Jahrelang hatten viele Franzosen die deutschen Grünen als weltfremde Waldläufer belächelt. Noch immer zweifeln sie kaum am Sinn ihrer Kernenergie; selbst Lalonde verlangt nicht den Ausstieg, sondern die Erhaltung des atomaren Status quo. Aber unübersehbar schärft sich das grüne Bewußtsein in anderen Bereichen: Der Widerstand wächst gegen neue Trassen für den Hochgeschwindigkeitszug TGV, gegen die Lagerung von deutschem Müll oder den Transport von nuklearen Brennstoffen und Abfällen nach Japan.
Die Sozialisten reagierten zu spät auf den Trend. Der Premierminister ernannte zwar eine kluge Frau zur Umweltministerin, Segolene Royal, Mutter von vier Kindern. Aber auch diese Kabinettsumbildung nutzte nichts, die Ökologen sind zu einer ernsten Konkurrenz herangewachsen.
Vergebens hatten die Grünen über Jahre verlangt, das Mehrheits- durch das Verhältniswahlrecht zu ersetzen. Nur so schien ihnen der Einzug ins Parlament möglich. Doch Mitterrand entschied sich am Ende gegen eine Reform.
Nun bleibt den Regierenden nur noch eine Hoffnung, den Aufwärtstrend der Umweltparteien zu stoppen: der Streit der Öko-Aktivisten untereinander. Bei ihrer letzten Parteitagung konnten sich Les Verts nicht über die Wahl eines Nationalen Sekretärs einigen, eine der wichtigsten Führungspositionen der Partei. Uneinig ist die Öko-Bewegung auch nach wie vor, welchem ihrer beiden Führer sie letztlich folgen soll. Sowohl Lalonde wie Waechter möchten als Kandidat der Öko-Bewegung in die Präsidentschaftswahl um die Nachfolge Mitterrands gehen.
Die Debatte auch darüber wurde vertagt. Kaum hatten die Umweltschützer ihren Wahlpakt unterzeichnet, erklärte Waechter: "Dies ist kein Ehevertrag", sondern nur eine "Entente".

DER SPIEGEL 50/1992
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