07.12.1992

JapanNotbremse in Tokio

Auch Japan schottet sich gegen illegale Einwanderer ab. Betroffen sind vor allem iranische Händler und Bauarbeiter.
Ohne Drängeln und Schubsen ist in den engen Ladenstraßen rund um den Bahnhof Ueno, einem der belebtesten Verkehrsknotenpunkte Tokios, kein Durchkommen. Straßenverkäufer haben es schwer, auf sich aufmerksam zu machen; manches Geschäft wird eingeleitet mit einem kräftigen Knuff in die Seite von Passanten.
"Telefonkarten - zum halben Preis", sagt ein hochgewachsener Mann und hält dem Kunden einen Stapel mit über hundert Plastikkarten hin. Auf dem kurzen Straßenstück bemühen sich an die 20 Männer, Discount-Telefonkarten zu verscherbeln. Es sind - und das überrascht nicht nur Ausländer aus Europa, sondern noch mehr die Tokioter selbst - Pakistaner und Iraner, die sich im Großraum Tokio als fliegende Händler betätigen.
Der Ueno-Park ist ein Familienausflugsziel. Es gibt einen Zoo, mehrere Museen, eine Promenade mit Straßenkünstlern und fliegende Händler, die billigen Krimskrams anbieten. Sonntags wird der Zugang immer beschwerlicher: Auf den Stufen der weitgeschwungenen Treppe, die zum Park führt, stehen schon wieder die Männer aus dem Iran und aus Pakistan, und das zu Hunderten.
Das allwöchentliche Treffen dient vor allem der Arbeitsvermittlung; eine weitere Job-Börse liegt im Westen Tokios, im Yoyogi-Park - auch der ein Aufmarschraum für ambulante Händler aus dem Land der Pistazien und Perserteppiche. Mehr als 2000 Iraner bevölkern sonntags den Yoyogi-Park, scheuen aber, trotz dieser unübersehbaren Präsenz, die Öffentlichkeit. Auf keinen Fall mögen sie fotografiert werden, und sei es auch nur von kichernden Schulkindern. "Das macht uns nervös", meint ein Straßenhändler aus Teheran, der im Ueno-Park Selbstgestricktes seiner Freundin feilbietet.
Die Nervosität ist verständlich. Denn die meisten Iraner halten sich illegal in Japan auf; nicht einmal die Einwanderungsbehörde hat eine Vorstellung, wie viele es sind. Schätzungen reichen bis zu 50 000.
Im günstigsten Fall droht Nippons blinden Passagieren sofortige Abschiebung in die Heimat, unter Umständen sogar Gefängnishaft. Doch die Polizei hält sich zurück und beschränkt sich auf gelegentliche Kleinrazzien.
Ein Grund dafür, den Fremden nicht so streng nachzustellen, liegt in einer Notlage, in der sich die Behörden befinden: Die Sammelunterkünfte für Abschiebekandidaten sind überfüllt. Außerdem will Tokio es nicht mit Teheran verderben: Iran ist einer der größten Rohöllieferanten und als Abnehmer japanischer Produkte interessant.
Grundsätzlich sind sich Japans Politiker und Bürokraten einig: je weniger Ausländer, desto besser. Nur Spezialisten bestimmter Berufe dürfen auf ein Arbeitsvisum hoffen, ungelernte Arbeiter haben keine Chance.
Japans Reichtum ist ein unwiderstehlicher Magnet für die Armen Asiens. Zu Zehntausenden kommen sie von den Philippinen, aus Malaysia, Thailand und Pakistan als Touristen ins gelobte Land des aufgehenden Yen. Sie verdingen sich als Handlanger und verrichten die schmutzigsten und gefährlichsten Jobs.
Gerade bei den Ungelernten - Hilfsarbeitern auf dem Bau, Dockarbeitern und Straßenkehrern - herrscht akuter Arbeitskräftemangel. Ende August meldete das Justizministerium in Tokio, daß sich in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 278 892 Ausländer illegal in Japan aufhielten, gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme um 74,5 Prozent.
Iraner stellen nach den Thailändern die zweitgrößte Gruppe der ungebetenen Gäste - genau, meint das Ministerium zu wissen, sind es 40 001.
Noch 1988 gab es, so das Justizministerium, keinen einzigen Gastarbeiter aus dem Iran in Japan. Dann, nach dem Golfkrieg, begann die Zuwanderung. Zehntausende Iraner strömten ins vermeintliche Dorado des japanischen Inselreichs. Zweimal wöchentlich fliegt ein Iran-Air-Jumbo von Teheran nach Tokio, bis zu vier Monate im voraus waren die Maschinen ausgebucht.
Vergangenen April zog die Regierung in Tokio schließlich die Notbremse: Sie setzte das Abkommen über den visafreien Verkehr mit Teheran auf "unbestimmte Zeit" außer Kraft.
Wer nunmehr als iranischer Tourist einreisen möchte, muß einen Rückflugschein vorweisen und dazu genügend Barmittel samt einer nachprüfbaren Bleibe. Geändert aber hat das dennoch wenig. Denn längst haben straff organisierte pakistanische Schlepperbanden sich des Markts bemächtigt. Gefälschte Visa kosten derzeit rund 600 Dollar; Arbeitsvermittlung ist für 1000 Dollar pro Iraner zu haben.
Das hat die Illegalen aus Teheran und anderen iranischen Städten in Japan an den untersten Rand der Gesellschaft gedrückt - selbst unter den Ausgebeuteten sind sie Menschen zweiter Klasse. Wo Pakistaner auf dem Bau 1000 Yen pro Stunde plus Bonus und Überstunden einstreichen, kommen Iraner bestenfalls auf 800 Yen - Extras ausgeschlossen.

DER SPIEGEL 50/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Japan:
Notbremse in Tokio

  • Der brustschwimmende Weißkopfseeadler: Warum fliegt er nicht?
  • Urteil in London: Lebenslang für U-Bahn-Schubser
  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?